Autunno VI

Herbstvorteil: Ein herrlich ruhiger Abend im Ort. Unter der Woche mit kaum Touristen. Wobei Deutsche hier eh nicht sind. Also außer mir.

Am Strand ist auch niemand. Außer mir. Wobei ich, kurz nach dem Bild auch nicht mehr am Strand, sondern im Wasser war. Bald wird es sogar für mich zu kalt. Aber diesmal geht es noch.

Es grüßt Sie Mitzi, die sich auf der Terrasse gerade den Hintern abfriert, das aber nie zugeben würde.

Autunno V

Kochen unter Beobachtung. Keine Ahnung wer die kleine Schönheit ist, aber seit einigen Tagen schleicht sie sich abends durch die Terrassentür und kontrolliert ob es nicht vielleicht etwas gibt, das ihren Geschmack treffen könnte. Ein gern gesehener Gast.

Autunno IV

Genua ist eine meiner liebsten Städte in Italien. Meiner Freundin erkläre ich, dass sie… und stocke, wie ich immer stocke wenn ich den Charme und die Schönheit dieser Stadt erklären möchte. Ein bisschen wirkt sie auf mich, als würde hier alles stranden, was sonst keinen Platz gefunden hat. Das ist sicher nicht richtig, aber die Stadt ist eben das was Hafenstädte meistens sind. Ein Schmelztiegel und eine wunderschöne, fremde und vertraute Mischung aus ganz vielem.

Vom Tankwart der keiner war, von der Garage die selbst für mich mehr einem Höllenschlund als eine Einfahrt glich und all dem Rest, erzähle ich Ihnen wenn ich zurück bin.

Autunno II

Überschwemmungen, aktuelle Covid-Bestimmungen, der katastrophale öffentliche Nahverkehr, Zugangsvoraussetzungen für das Staatsgesetz 104 in Italien (falls es Sie interessiert….es sieht die Möglichkeit vor, Begünstigungen am Arbeitsplatz in Anspruch zu nehmen. Geltend für Menschen mit einer schweren Behinderung und deren Familienangehörigen) und die Frage ob Kaiserschmarrn ein österreichisches oder bayerisches (bayerisch behauptet die Münchnerin obwohl sie weiß, dass es nicht stimmt) Gericht ist. Ganz normale Themen bei einem Abendessen mit Freunden. Gewöhnungsbedürftig vielleicht nur, dass fünf Erwachsene gleichzeitig reden und sofort das Thema wechseln, wenn ihnen etwas durch den Kopf schiesst, von dem sie glauben, es könnte den Rest interessieren. Obwohl…letzteres ist eher zweitrangig. Absolute Priorität haben dagegen die Smartphone auf dem Tisch. Schließlich muss alles unternommen werden, nicht anwesende Freunde in das Gespräch einzubinden. Zwei parallele Facetimeanrufe mit jeweils zwei bis drei weitern Familien – natürlich auf Lautsprecher – verbinden diverse Orte in Italien und lassen mich für einen kurzen Moment am Verstand meiner Freunde zweifeln. Allerdings nur solange, bis mir auffällt, dass ich mich längst wieder genauso verhalte und das ganze eigentlich doch ganz normal ist.

Erst als ich in das Gesicht meiner Freundin blicke, die gerade erst italienisch lernt, merke ich wieder, was für ein Stimmengewirr in der kleinen Wohnung herrscht. Ich fülle ihr Weinglas nach und übersetzte ein bisschen. Sie winkt ab und lächelt…Wein, gutes Essen und bei jedem Besuch ein bisschen mehr verstehen. Das passt schon. Die ersten fünf Jahre sind eben manchmal ein wenig anstrengend. Nach einer Stunde korrigiere ich ihren Gedanken. Die ersten zwanzig Jahre. Aber schön ist es trotzdem.

Autunno I

Manchmal bin ich abergläubisch. Zum Beispiel dann, wenn zwei Menschen, die aus zwei unterschiedlichen Ländern in ein drittes fahren, mit einem zeitlichen Unterschied von nur vier Minuten in ein und das selbe Parkhaus fahren. Dann müssen sie sich…das ist die Regel…mindestens fünfmal ganz fest umarmen und sich sechsmal versichern, dass es ganz wunderbar ist, sich endlich wieder zu sehen. Besonders dann, wenn es die Stadt ist, in der sie einige Jahre gemeinsam gelebt haben und in der sie sich seltsamerweise seit dem nie wieder getroffen haben. Dann könnte man sich auch ein siebtes Mal umarmen. Oder es lassen, denn der mutigste meiner Freunde, zieht grinsend eine Augenbraue nach oben und signalisiert, dass man – also ich – es mit dem Emotionen auch übertreiben kann.

Emotional sind wir trotzdem beide. In dieser Stadt ist es unmöglich auch nur einhundert Meter zu laufen, ohne von Erinnerungen angesprungen zu werden. Das ist ok, schließlich war es einmal unsere Heimat. Auch ok ist es, dass Verona, die wunderschöne Stadt, es heute nicht mehr ist. Heute liegt unser gemeinsamer Lieblingsort am Meer. Und weil diesmal ich einige Tage vor ihm dort ankommen werde, ist ein Zwischenstopp hier der bestmögliche Kompromiss. Und da wir nicht mehr hier wohnen, können wir uns auch gleich wie Touristen verhalten und ein Foto vor der Arena machen. Bitte sehr….die gealterten Protagonisten aus “Nix mit Amore” mit ganz viel Amore.

Eine freundschaftliche Liebe, die sich durch besondere Herzlichkeit auszeichnet. Ich brauche gerade einmal eine knappe Stunde um ihn als blöden “deutschitalienisches Schimpfwortmischmasch Ihrer Wahl einfügen” zu bezeichnen, als er mir das Telefon auf mich hält während ich die Blasen an meinen Fersen kontrolliere. Meine Beschimpfung geht nun als Video vermutlich an unser Familien und Freunde. Einen Teil davon sehe ich heute Abend am Meer. Im Gepäck acht Umarmungen zum Abschied. Einen Teil davon gebe ich weiter.

Glücksseiten

Der, auf dessen Wein ich heute besser verzichte, steht hinter mir und blickt auf das Chaos meines Schreibtisches. Lange sagt er nichts, dann schiebt er ein paar Blätter zur Seite, streift mit den Fingern durch die losen Seiten und schüttelt dann den Kopf. Wann die nächste Lesung sei, erkundigt er sich und verdreht die Augen bevor ich antworten kann. Ich weiß, dass er die Antwort lieber nicht hören möchte. Obwohl das Gelingen oder Misslingen einer meiner Lesungen nicht in seinen Verantwortungsbereich fällt, ist er es, der das Chaos meiner Vorbereitung regelmäßig ertragen muss. Ein Chaos, nennt freilich nur er es. Ich selbst habe mittlerweile eine eingespielte Routine und empfinde nichts von dem was ich auf dem Schreibtisch ausgebreitet habe als unübersichtlich oder gar unfertig. Ganz im Gegenteil. Für die Lesung aus dem Buch “Nix mit Amore” habe ich mich schon vor dem aller ersten Mal dazu entschlossen, nicht direkt aus dem Buch zu lesen, sondern die entsprechenden Kapitel auf DIN A4 Seiten auszudrucken. Anfangs noch unsicher hatte ich so die Möglichkeit, die Überleitungen und die Teile, die ich freisprechen möchte, zwischen die einzelnen Kapitel zu schreiben und mir so die Möglichkeit zu geben, bei einem Hänger auch diese Teile abzulesen. Das musste ich bisher nie, aber für mich ist es beruhigend und ich fühle mich damit wohler. Nach jeder Lesung aus dem Buch habe ich einzelne Sätze gestrichen, etwas Neues am Rand angemerkt und bestimmte Passagen mit dem Leuchtstift hervorgehoben. Manchmal habe ich mir sogar notiert, dass ich das Luftholen nicht vergessen soll. Sie ahnen gar nicht wie wichtig Pausen sind, bevor sie das erste Mal den Unterschied in der Reaktion der Zuhörer sehen. Während ich einmal tief durchatmen oder einen Schluck Wasser trinken kann, können die das gleiche nämlich auch tun und haben die Möglichkeit zu lachen ohne mir ins Wort zu fallen.

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Wir sind vier II

Vor zwölf Jahren standen wir das letzte Mal alle gemeinsam vor einem Grab. Das ist ein großes Glück, das man nur versteht, wenn man weiß wie groß und zum Teil auch alt unsere Familie ist. Zwölf Jahre in denen die Kinder erwachsen und wir um ein ganzes Stück – gleich ein ganzes Duzend an Jahren – älter wurden. Leichter ist es nicht geworden und schöner auch nicht. Obwohl…schön ist es am Ende doch. Schön, weil es einen unvermeidlichen Abschied erträglicher macht, wenn man zu viert ist. Zu viert in einer Familie bei der man anhand ihrer Größe leicht den Überblick verliert und in manchen Momenten nur schwer für sich alleine stehen kann. Dann waren und sind es meine Geschwister in deren Arme ich mich flüchten kann und die ich meinerseits an mich drücke, wenn sie es brauchen. Ich bin die Jüngste und die einzige die andere Eltern hat. Das klingt kompliziert, ist es für uns aber nie gewesen. Meine Geschwister kennen meinen Eltern, die praktischer Weise ihre Tante und ihr Onkel sind. So wie ihre Eltern mein Onkel und meine Tante sind. Irgendwann ganz früher war ich ein Einzelkind mit zwei Cousinen und einem Cousin und wenig Aussicht auf Erfolg meinen Eltern weitern Nachwuchs schmackhaft zu machen. Nach mehreren Jahren mit mir waren sie stur – die Chance auf eine weiteres Kind meiner Art hat ihnen vermutlich Angst gemacht. Außerdem hätten sie es mir nur schwer recht machen können – ich wollte nämlich auf keinen Fall jüngere Geschwister. Nein, wenn schon, dann bitte älteren mit denen man weit mehr anfangen konnte. Weil sich die Beschaffung als doch recht schwierig gestaltete, übernahm ich irgendwann einfach die, die eh schon da waren. Sie beschwerten sich nicht, wurden aber auch nicht gefragt und wenn ich mich recht erinnere, dann war es kein großes Thema – ob drei oder vier, das spielte keine Rolle mehr. Ich war die jüngste und integrierte mich, indem ich meinen großen Bruder anhimmelte, meine große Schwester bewunderte und mit der gleichalten so heftig stritt, dass wir es schafften die ganzen Sommerferien kein Wort miteinander zu sprechen. Heute passiert uns das nicht mehr, heute ist sie der Fels in meiner Brandung und wenn es mir schlecht geht, dann sitze ich bei einem von den dreien in der Küche. Bei meinem Bruder und seiner Frau als ich mich aus einer langen Beziehung strampelte. Das ist jetzt schon lange her, aber ich vergesse es ihnen nicht, dass sie mich durch den ersten Abend gebracht haben. Wir sehen uns zu selten und ich weiß nicht ob wir es schaffen klüger zu werden und uns einfach öfter spontan zu besuchen. Weit weg sind sie trotzdem nie – im Gegenteil, jeder von ihnen ist mir näher als die meisten anderen Menschen mit denen ich durch das Leben gehe. Weiterlesen

Blogpostkarte

Bekanntlich braucht die Post aus Italien ja immer etwas länger. Es ist also durchaus nicht ungewöhnlich, dass Sie meine Postkarte aus Ligurien erst jetzt erhalten, wo ich bereits wieder zurück bin.

Es grüßt Sie Ihre Mitzi, die gerade im schönsten Spätsommer Wetter in München auf einer Wiese liegt und mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne blinzelt. Auch sehr schön.