Obwohl ich heute bereits zweimal einkaufen war, gehe ich jetzt um kurz nach 4:00 Uhr schon wieder in der Supermarktkasse. Der Milchreis ist mir ausgegangen und heute Abend brauche ich ihn ganz dringend. Den ganzen Tag schon ist mir kalt und obwohl die Heizung aufgedreht ist, werde ich nicht richtig warm. Am Morgen ging es noch, ich drehte eine Runde mit dem Hund. Es war schön mit der Fellkugel durch den Wald zu laufen und an nichts denken zu müssen. Das kann ich gut. An nichts denken. Und doch habe ich heute die ganze Zeit gedacht. Gedacht, dass ich es nicht verstehe. Das Gericht von Eugen Gomringer. Oder, dass ich es womöglich durchaus verstehe, aber mir nicht verständlich ist wo in diesen wenigen und zugleich sehr schönen Worten Raum für Sexismus oder ein befremdliches Frauenverständnis sein soll. Auch fällt es mir in diesen Tagen schwer manches zu verstehen, was Bekannte oder fremde in den sozialen Medien zu diesem Thema, abseits des Gedichtes, schreiben. Ein paarmal in den letzten Tagen, bin ich unabsichtlich aber schwungvoll, in ein Minenfeld gesprungen. Habe unter einen öffentlichen Post oder im Rahmen eines Abendessens mein Unverständnis geäußert. Dürfen Frauen nicht mehr schön sein? Eine Frau schön zu finden, bedeutet doch nicht sofort ihr Intelligenz abzusprechen. Mein nicht verstehen, wie es funktionieren soll klare Grenzen zu setzen und trotzdem gerne, häufig und ganz bewusst mit dem Klischee das zerbrechlichen und leicht naiven Frauchens zu spielen. Man verbrennt sich leicht, wollte ich anmerken – und es lag mir fern das übergriffige und nicht zu entschuldigen der Verhalten eines Vollidioten in irgendeiner Form zu rechtfertigen. Viel zu schnell wurde das zu oft zitierte Beispiel einer einen Minirock tragenden Frau auf den Tisch geworfen. Verdammt noch mal, habe ich mich an diesen Abenden aufgeregt, die Frage sollte sich überhaupt nicht mehr stellen, ob man irgend ein Kleidungsstück nicht tragen kann, soll oder darf. Frau darf, kann und soll alles tun, was sie möchte. Nur vielleicht das Denken nicht komplett abschalten, und sich bewusst sein, dass eine Hand an einer männlichen Schulter und ein allzu bewundern der Blick, nur um das Wischwasser beim Auto aufgefüllt zu bekommen, vielleicht doch die falschen Signale sendet und man mit diesen Signalen an einer Tankstelle gut umgehen kann, in einer Bar oder nachts auf dem Weg zu seinem Auto, womöglich aber doch ein Problem bekommt, das ist nicht Wert gewesen ist jemanden zu becircen, nur damit er einem an der überfüllten Bahn nach vorne lässt oder gar den Drink bezahlt. Emanzipiert genug sei ich vielleicht doch nicht, hörte ich und möchte gar nicht einmal widersprechen. Emanzipiert genug sind wir und ich noch lange nicht, da auch ich in manchen Momenten mit meiner Weiblichkeit spiele und gerne behaupte eine Frau zu sein. Nicht weil es nicht den Tatsachen entspräche, sondern weil ich es mir damit manchmal schlecht und einfach auch sehr leicht mache.
Auch an der Supermarktkasse denke ich an diese Gespräche und drehe mich in Gedanken im Kreis. Die vielen Menschen in der Schlange vor der Kasse gehen mir auf die Nerven. Ich bin in Gedanken und empfinde es als unangenehm, wie man mir so dicht auf die Pelle rückt. Der Mittelweg zwischen dem Spiel mit den eigenen Reizen, Verführung, dem Wissen, dass Männer keine Hellseher sein können und dem viel zu oft auftretenden Fehlverhalten mancher Männer wenn sie Grenzen überschreiten, die selbst bei Verführung und dem Spiel mit den Reizen ein absolutes no go sind, erscheint mir kompliziert. Ich gehe einen Schritt nach vorne weil ich es nicht mag wenn jemand so dicht hinter mir steht und empfinde es als unverschämt, dass der blöde Kerl sofort ebenfalls einen Schritt nach vorne macht. Nächste Woche werde ich den aktuellen Diskussionen auf dem aus dem Weg gehen. Viel zu oft werde ich falsch verstanden, wenn ich versuche zu erklären, dass ich das Verhalten von manchen Männern nicht rechtfertigen möchte und entsetzt über die Vielzahl sexueller Übergriffe bin und gleichzeitig, vielleicht naiv, auch glaube dass eine Frau sich in vielen Fällen durchaus schützen kann. Dann, wenn die Übergriffe noch ein Niveau haben, an dem man sich wehren kann. In Situationen, in denen es noch nicht zu spät ist. Momente, in denen wir Frauen noch immer viel zu oft einfach nur den Mund halten. Wieder rücke ich nach vorne, während ich mir selbst widerspreche und gedanklich anmerke, dass man manchmal eben doch keine Chance hat. Und wieder steht der Vollidiot sofort wieder so dicht hinter mir, dass ich ihn fast mit meinem Hintern streife. Streifen muss. Frau Peter, meine Nachbarin, ruft meinen Name. Ich drehe mich um. Möchte ihr sagen, dass ich warte und ihr mit den Einkäufen helfe und stoße mit dem Gesicht gegen eine fremde Brust. Ärgerlich schiebe ich mich seitlich an ihm vorbei, nicke ihr zu und empfinde es als äußerst unangenehm zwischen der vor mir stehenden Frau und dem blöden Typen eingeklemmt zu sein. Zumal hinter ihm fast ein Meter Platz ist.
Frau Peter drängelt sich nach vorne. Sie fragt nicht, schiebt ihren Gehwagen zwischen mich und den dicht hinter mir Stehenden und scheert ohne ein Wort zu sagen ein. Draußen sagt sie mir, dass sie solche Männer schon früher dick hatte. Sie lacht und drückt mir dann ohne zu lächeln ihre Tüten in die Hand. Eine Schande sei es, dass wir noch immer den Mund halten würden. Wir, das bin ich. Sie nicht. Frau Peter hat längst gelernt den Mund aufzumachen. Während ich ihr die Tüten zur Wohnung trage, denke ich noch immer oder wieder nach und merke, dass ich es nicht schaffen werde einen auch nur im Ansatz nachvollziehbaren und sinnvollen Beitrag zu diesen Themen zu schreiben.
Warum er dennoch hier steht? Weil ich denke, dass Lyrik, die einem nicht passt, das kleiner Problem ist, solange sich Frauen an einer Supermarktkasse das Geschlechtsteil eines fremden Mannes ins Kreuz drücken lassen und Männer die Frechheit besitzen, einer fremden Frau in den Nacken zu Atmen.