Sr. Gundelindis wusste es schon immer

Über lange Jahre unterrichtete Schwester (Sr.) Gundelindis an meiner Schule Deutsch. Andere Klassen wechselten die Lehrkraft, nur wir behielten in Deutsch immer Sr. Gundelindis. Vermutlich, weil kein anderer die Nerven hatte, meine Aufsätze und Erörterungen zu lesen. Sie waren nicht schlecht aber sie waren, Zitat Sr. Gundelindis: So schlampig und ungepflegt wie meine tintenverschmierten Finger.

Gute Noten bekam ich trotzdem. Eine meiner liebsten Schwestern der Schule, drückte beide Augen zu, wenn es um meine Flüchtigkeitsfehler ging. So wie Sie. An dieser Stelle eine große Entschuldigung für all die Tippfehler, die fehlenden Buchstaben, Satzzeichen, grammatikalisch nicht existente Zeitformen und Buchstaben, die in Wörter nicht hineingehören, weil sie den Sinn verändern.

Meist habe ich hierfür eine Person die mich auf Twitter verfolgt und meine Tippfehler großzügig thematisiert. Nun scheint aber auch sie aufgegeben zu haben und ich muss eine andere Lösung suchen. Et voila!
Um Sie zu entlasten und damit Sr. Gundelindis nicht recht behält – sie bat mich nie einen Beruf zu wählen, in dem ich viel schreiben müsse – habe ich den Besten meiner Freunde als Lektor engagiert. Er weiß es noch nicht, aber er hat gestern Nacht die Arbeit aufgenommen und das werte ich als Vertragsunterzeichnung. Das Entgelt hat er schließlich auch schon festgelegt. 5 Minuten Lachen pro Korrekturschleife.  

Ab jetzt wird alles besser.

 

Paul und ich wären fast im Lift gestorben

Paul und ich stehen im Lift. Da Paul die Tür blockiert, um auf seine neue Freundin zu warten, wird sich die Weiterfahrt  verzögern. Drei bis vier Minuten schätze ich, da sie eine vollgestopfte IKEA Tüte hinter sich hergezogen hat und ich vermute, dass es etwas Zeit in Anspruch nehmen wird, bis sie die Flaschen, das Plastik, den Papier-, den Bio- und den Restmüll aussortiert und in die entsprechenden Tonnen geworfen hat. „Du merkst selbst wie unangebracht das ist, oder?“ frage ich Paul und lehne mich an die Wand des Aufzugs. Als das Licht im Treppenhaus ausgeht und zugleich weiter oben jemand zu schimpfen beginnt, tritt Paul aus der Tür und wir fahren eineinhalb Stockwerke nach oben. Dann bleibt der Lift stecken und ich beginne komische Geräusche zu machen, weil ich immer, wenn ein Aufzug stecken bleibt, für einen kurzen Moment davon überzeugt bin, in diesem kleinen Raum zu sterben. Ersticken, verhungern oder abstürzen. Ich quietsche und Paul lehnt sich an die Wand mir gegen über. „So schlimm?“, fragt er und ich nicke. Beides. Paul vorhin und der Lift der sich jetzt nicht mehr bewegt. Weiterlesen

Ein bisschen begraben

Zwölf Monate mit dir. Ich mache das letzte Foto und setze mich trotz des Nieselregens unter den Nussbaum. Es regnet, höre ich dich leise sagen und schüttele den Kopf, obwohl ich bereits nass und durchgefroren bin. In letzter Zeit höre ich dich seltener und dieses letzte Foto im Rosengarten fühlt sich wie ein Abschied an, für den ich noch nicht bereit bin. Ich sehe dich durch die Beete streifen. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und die Schultern im Wind und Regen leicht nach oben gezogen. So stehst du immer, wenn dir kalt ist oder du dich nicht wohl fühlst. Standest, korrigierst du mich. So stand ich, wenn mir kalt war. Benutze endlich die richtige Zeitform, bittest du mich und weiter, mich doch bitte korrekt zu erinnern, dass du meist so im Regen oder Schnee standest, weil ich deinen Pullover oder deine Jacke in Besitz genommen hatte. Mir ist zu kalt um zu streiten und ich wiederhole brav, dass er so stand und streite doch, indem ich dich nicht mehr anspreche, sondern in der dritten Person von dir erzähle. Es gefällt dir nicht und doch nickst du, um dir nicht selbst zu widersprechen. Weiterlesen

Männer und Frauen im Supermarkt

Obwohl ich heute bereits zweimal einkaufen war, gehe ich jetzt um kurz nach 4:00 Uhr schon wieder in der Supermarktkasse. Der Milchreis ist mir ausgegangen und heute Abend brauche ich ihn ganz dringend. Den ganzen Tag schon ist mir kalt und obwohl die Heizung aufgedreht ist, werde ich nicht richtig warm. Am Morgen ging es noch, ich drehte eine Runde mit dem Hund. Es war schön mit der Fellkugel durch den Wald zu laufen und an nichts denken zu müssen. Das kann ich gut. An nichts denken. Und doch habe ich heute die ganze Zeit gedacht. Gedacht, dass ich es nicht verstehe. Das Gericht von Eugen Gomringer. Oder, dass ich es womöglich durchaus verstehe, aber mir nicht verständlich ist wo in diesen wenigen und zugleich sehr schönen Worten Raum für Sexismus oder ein befremdliches Frauenverständnis sein soll.  Auch fällt es mir in diesen Tagen schwer manches zu verstehen, was Bekannte oder fremde in den sozialen Medien zu diesem Thema, abseits des Gedichtes, schreiben. Ein paarmal in den letzten Tagen, bin ich unabsichtlich aber schwungvoll, in ein Minenfeld gesprungen. Habe unter einen öffentlichen Post oder im Rahmen eines Abendessens mein Unverständnis geäußert. Dürfen Frauen nicht mehr schön sein? Eine Frau schön zu finden, bedeutet doch nicht sofort ihr Intelligenz abzusprechen. Mein nicht verstehen, wie es funktionieren soll klare Grenzen zu setzen und trotzdem gerne, häufig und ganz bewusst mit dem Klischee das zerbrechlichen und leicht naiven Frauchens zu spielen. Man verbrennt sich leicht, wollte ich anmerken – und es lag mir fern das übergriffige und nicht zu entschuldigen der Verhalten eines Vollidioten in irgendeiner Form zu rechtfertigen. Viel zu schnell wurde das zu oft zitierte Beispiel einer einen Minirock tragenden Frau auf den Tisch geworfen. Verdammt noch mal, habe ich mich an diesen Abenden aufgeregt, die Frage sollte sich überhaupt nicht mehr stellen, ob man irgend ein Kleidungsstück nicht tragen kann, soll oder darf. Frau darf, kann und soll alles tun, was sie möchte. Nur vielleicht das Denken nicht komplett abschalten, und sich bewusst sein, dass eine Hand an einer männlichen Schulter und ein allzu bewundern der Blick, nur um das Wischwasser beim Auto aufgefüllt zu bekommen, vielleicht doch die falschen Signale sendet und man mit diesen Signalen an einer Tankstelle gut umgehen kann, in einer Bar oder nachts auf dem Weg zu seinem Auto, womöglich aber doch ein Problem bekommt, das ist nicht Wert gewesen ist jemanden zu becircen, nur damit er einem an der überfüllten Bahn nach vorne lässt oder gar den Drink bezahlt. Emanzipiert genug sei ich vielleicht doch nicht, hörte ich und möchte gar nicht einmal widersprechen. Emanzipiert genug sind wir und ich noch lange nicht, da auch ich in manchen Momenten mit meiner Weiblichkeit spiele und gerne behaupte eine Frau zu sein. Nicht weil es nicht den Tatsachen entspräche, sondern weil ich es mir damit manchmal schlecht und einfach auch sehr leicht mache.

Auch an der Supermarktkasse denke ich an diese Gespräche und drehe mich in Gedanken im Kreis. Die vielen Menschen in der Schlange vor der Kasse gehen mir auf die Nerven. Ich bin in Gedanken und empfinde es als unangenehm, wie man mir so dicht auf die Pelle rückt. Der Mittelweg zwischen dem Spiel mit den eigenen Reizen, Verführung, dem Wissen, dass Männer keine Hellseher sein können und dem viel zu oft auftretenden Fehlverhalten mancher Männer wenn sie Grenzen überschreiten, die selbst bei Verführung und dem Spiel mit den Reizen ein absolutes no go sind, erscheint mir kompliziert. Ich gehe einen Schritt nach vorne weil ich es nicht mag wenn jemand so dicht hinter mir steht und empfinde es als unverschämt, dass der blöde Kerl sofort ebenfalls einen Schritt nach vorne macht. Nächste Woche werde ich den aktuellen Diskussionen auf dem aus dem Weg gehen. Viel zu oft werde ich falsch verstanden, wenn ich versuche zu erklären, dass ich das Verhalten von manchen Männern nicht rechtfertigen möchte und entsetzt über die Vielzahl sexueller Übergriffe bin und gleichzeitig, vielleicht naiv, auch glaube dass eine Frau sich in vielen Fällen durchaus schützen kann. Dann, wenn die Übergriffe noch ein Niveau haben, an dem man sich wehren kann. In Situationen, in denen es noch nicht zu spät ist. Momente, in denen wir Frauen noch immer viel zu oft einfach nur den Mund halten. Wieder rücke ich nach vorne, während ich mir selbst widerspreche und gedanklich anmerke, dass man manchmal eben doch keine Chance hat. Und wieder steht der Vollidiot sofort wieder so dicht hinter mir, dass ich ihn fast mit meinem Hintern streife. Streifen muss.  Frau Peter, meine Nachbarin, ruft meinen Name. Ich drehe mich um. Möchte ihr sagen, dass ich warte und ihr mit den Einkäufen helfe und stoße mit dem Gesicht gegen eine fremde Brust. Ärgerlich schiebe ich mich seitlich an ihm vorbei, nicke ihr zu und empfinde es als äußerst unangenehm zwischen der vor mir stehenden Frau und dem blöden Typen eingeklemmt zu sein. Zumal hinter ihm fast ein Meter Platz ist.

Frau Peter drängelt sich nach vorne. Sie fragt nicht, schiebt ihren Gehwagen zwischen mich und den dicht hinter mir Stehenden und scheert ohne ein Wort zu sagen ein. Draußen sagt sie mir, dass sie solche Männer schon früher dick hatte. Sie lacht und drückt mir dann ohne zu lächeln ihre Tüten in die Hand. Eine Schande sei es, dass wir noch immer den Mund halten würden. Wir, das bin ich. Sie nicht. Frau Peter hat längst gelernt den Mund aufzumachen. Während ich ihr die Tüten zur Wohnung trage, denke ich noch immer oder wieder nach und merke, dass ich es nicht schaffen werde einen auch nur im Ansatz nachvollziehbaren und sinnvollen Beitrag zu diesen Themen zu schreiben.

Warum er dennoch hier steht? Weil ich denke, dass Lyrik, die einem nicht passt, das kleiner Problem ist, solange sich Frauen an einer Supermarktkasse das Geschlechtsteil eines fremden Mannes ins Kreuz drücken lassen und Männer die Frechheit besitzen, einer fremden Frau in den Nacken zu Atmen.

 

 

 

Ziellos

Er sagt man müsse sich entscheiden. In unserem Alter ist es verlorene Zeit, sich immer und immer wieder auf ein Glas Wein zu treffen, Ausstellungen zu besuchen oder an der Isar spazieren zu gehen. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, haben wir die Mitte unseres Lebens erreicht, d.h. Halbzeit, d.h. sich nun zu beeilen. In unserem Alter, da verbringt man nicht mehr einen Abend in der Bar, nur weil es dort den besten Gin Tonic der Stadt gibt. Den kann man sich auch zu Hause machen, während man sich über seine Zukunft Gedanken macht und sich vielleicht, wie in meinem Fall auch einmal fragt, warum man denn alleine wohnen würde. Meinen Einwurf, dass alleine wohnen unter Umständen nicht eine Frage der Verzweiflung, sondern eine ganz bewusste Wahl und ein ganz besonderes Vergnügen ist, wischt er mit einer Handbewegung zur Seite. Während er ohne sichtlichen Genuss seinen Gin Tonic trinkt, unterstellt er mir eine große Traurigkeit, die man in meinen Augen sehen würde. Weiterlesen

Randnotiz – Netflix

Seit meinem letzten Aufenthalt in Verona muss ich mir eingestehen, dass mein Italienisch nicht mehr fließend, sondern nur noch ganz gut ist. Das gefällt mir nicht.

Bis zur Fertigstellung des zweiten Buches sind Männer und Netflix für mich tabu, sagt außerdem christophrox. Weil er womöglich recht hat, wo er nicht recht haben darf, schaue ich seit jetzt Serien und Filme auf Netflix auf italienisch an.

Seit gestern erinnere mich nun wieder an die Worte für „Axt“, „Massenselbstmord“ und „Scheintod“ und beherrsche sämtliche Konjunktionen der Verben „erwürgen“, „ersticken“, „zerteilen“ und „abschlachten“. Zudem sind mir wieder alle Praktiken des Beischlafs und die gängigen Flüche vertraut.

Und bevor Sie sich fragen, was ich mir da angesehen habe….FSK 12, Teenagerdrama. Zum Ausgleich nur noch Dokus über Tierbabys und die Geschichte der Emanzipation.

Buona domenica.

 

 

Friederike vs Bergwald

Man sagt, dass bei uns in Bayern die Uhren anders ticken. Das ist natürlich Blödsinn. Hier, kurz nach München, ist es jetzt genauso spät wie in Hannover oder Wien. Trotzdem legen wir Bayern sehr viel Wert auf Individualismus. Besonders wir Münchner, die wir den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Während gestern Deutschlandweit grosse Teile des Schienenverkehrs dank des Sturmweibs Friederike lahm gelegt waren, kamen wir – ordentlich durchgeschüttelt und mit verwehtem Haar, aber sonst unbeschadet – fast störungsfrei durch den Tag. Wenn aber die halbe Nation ächzt und schimpft, dann wollen wir das auch. Verspätet nehmen nun auch wir, die Münchner S-Bahn-Fahrgäste, am Chaos teil. Nicht alle. Eigentlich nur die Fahrgäste der S7. Das man gerade uns ausgewählt hat, verwundert nicht. Von allen Linien sind wir mit Abstand die erprobtesten, wenn es sich um Störungen und Verspätungen handelt. Wir, die S7 und ihre Fahrgäste bewegen uns auf unserer Strecke nämlich noch überwiegend eingleisig und sind damit extrem anfällig für Störungen jeder Art. Wir lächeln nur müde, wenn die Bahnen im Herbst regelmäßig im gesamten Streckennetz ausfallen, weil feuchtes Laub auf den Schienen liegt. Kein Nutzer der S7 fragt sich, ob man die Bremsleistung der neuen Bahnen nicht vielleicht doch so hätte konstruieren können, dass sie mit dem in Deutschland doch ab und zu fallenden Laub fertig werden. Auch wundern wir uns nicht über Schneefall bedingte Verspätungen im Winter. Mit reichlich Flocken kann man in Bayern schließlich nicht rechen und bei uns an der S7 kommt es darauf eh schon nicht mehr an. Wir sind nämlich die mit Abstand schwierigste Strecke. Die schönste und die schwierigste. Weiterlesen