Seepferdchen – immerhin!

Knietief steh ich in Bücherstapeln. Niesend stehe ich da, weil Bücher dazu neigen, Staub anzuziehen und wenn man so viele Bücher besitzt wie ich, dann hat man besser keine Hausstauballergie. Alternativ könnte man sie natürlich auch regelmäßiger abstauben. Offensichtlich mache ich das nicht, denn bei jedem Buch, das ich in die Hand nehme und durch dessen Seiten ich blättere, erhebt sich sanft eine kleine Staubwolke. Ich bin auf der Suche nach wichtigen Dingen, die sich in meinen Büchern verstecken. In einem jeden ist als Lesezeichen eine Karte, ein Schnipsel, eine Erinnerung oder irgendetwas, das auf meinem Schreibtisch lag, als ich das Buch zu lesen begann. Meine Bücher sind das wohl beste (und einzige) Archiv meines Alltags, das ich je angelegt habe. Allerdings auch das chaotischste. Da meine Bücher im Regal nach Themen und Autoren sortiert sind, vielleicht auch nach Epochen, aber ganz sicher nicht nach dem Zeitpunkt, zu dem ich sie gelesen habe, ist es schlicht unmöglich, irgendetwas, was womöglich darin steckt, gezielt zu suchen.

Bisher habe ich noch nie etwas gesucht, sondern immer wieder zufällig gefunden und mich gefreut, weil ich zu den Menschen gehöre, die ihre Lieblingsbücher immer wieder zur Hand nehmen und ein paar Kapitel oder Seiten lesen, bevor sie es zurückstellen. Seit letzter Woche, suche ich aber etwas und bei der Gelegenheit beschlossen einiges aus dem Bucharchiv gesammelt abzulegen. Besonders schöne Erinnerungen und Dinge von denen ich weiß, dass ich sie öfter ansehen möchte, kommen jetzt in große Ringbücher aus schwerem, schwarzen Karton. Deshalb also stehe ich jetzt knietief in Bücher stapeln und hole mir die Dinge zwischen den Seiten zurück, die ich griffbereit haben möchte.

Nießend und suchend habe ich den gestrigen Tag verbracht und viele, viele feine Dinge gefunden. Sie alle kommen in die Ringbücher. Karten von einigen Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, Briefe mit ganz besonderem Inhalt und der Zeitungsbericht über meinen Onkel der über seine ausbrechenden Kälber mit ebensoviel Emotion berichtete wie seine Kandidatur für ein politisches Amt. Ich glaube ja, er wurde genau deswegen gewählt. Mittlerweile habe ich bei der Gelegenheit auch gleich die Erinnerungskartons ausgemistet. Gefunden habe ich aber längst noch nicht alles.

Wo zum Henker sind zum Beispiel die restlichen handgeschriebenen Seiten der Lebenserinnerungen meiner Großmutter? Der Ausdruck ist vollständig, das Handgeschriebe nicht. Ich traue es mir und meinen Gewistern durchaus zu, dass wir es vor Jahrzehnten für absolut sinnvoll hielten, die 12 Seiten einfach durch vier zu teilen – zumal ich genau drei bei mir habe. Wie blöd kann man sein?!? Hauptsache die schwülstigen Abschiedsbriefe meiner Tante Erna sind noch vollständig erhalten. Ein Brief für jede mit ihr verwandte Kernfamilie, die nach ihrem Umfalltod (den sie hellseherisch vorausgesagt hat) durch meine Mutter verteilt werden sollten. Die Briefe sind alle noch hier. Tante Erna ist verschieden, aber erst 15 Jahre nach dem erträumten Tod und – Gott sei dank – auch nicht durch einen Unfall, sondern friedlich eingeschlafen. Ehrlich gesagt, bin ich ganz froh, dass sie nicht noch einmal Abschiedsbriefe geschrieben hat. In der ersten Runde hatte ich Glück noch ein Kind zu sein und wurde nur ermahnt, ein braves und gottesfürchtiges Mädchen zu sein. Anderen Familienmitgliedern wurde die Teilanahme zur Beerdigung nur erlaubt, wenn sie sich vom aktuellen Partner trennen und „einträchtig“ nebem dem Ex stehen. Außerdem erhielt jeder eine handgeschriebene Karte mit der korrigierten – der „echten“ – Version des Vater unsers. Ob sie von der auch geträumt hatte? Ich hab sie lieb meine Tante Erna, aber manches aus ihrem Nachlass darf jetzt gehen.

Vieles darf gehen. Unzählige Geburtstagskarten meiner unglaublich großen Verwandschaft, die über die letzten 50 Jahre in einem Karton landeten. Von jeder Person kommt eine ins Buch, um Handschrift und Erinnerung zu bewaren. Die besonderen hebe ich natürlich auf. Im Falle meiner Familie sind das zum Beispiel jene, in denen zwischen Blümchenaufklebern, über den Rest der Sippschaft hergezogen wurde. Da kommt bestimmt früher oder später der Moment, in dem ich eine der Karten meiner Oma meiner Schwester zeige und trimphieren den schriftlichen Beweis in die Höhe halte, dass Oma mich für schlauer als sie gehalten hat. Traumatisieren werde ich meine Schwester damit nicht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat sie von Oma eine eigene Karte, in der ich als kleines Depperl mit wenig Aussicht auf Erfolg im Leben bezeichnet werde. Damit kann ich leben und so unterschiedlich wie in meiner Familie Erfolg gemessen wird, ist es wahrscheinlich nicht einmal falsch. Die Karte meiner Tante Mitzi bleibt auch. Auf der stand vorne gedruckt „Jeden Tag recht froh gestimmt, ist ein Rezept das Sorgen nimmt. Ein Gläschen Wein so dann und wann, regt die Lebensgeister an.“ Sie schrieb sie zu meinem 13 Geburtstag. Prost Tante Mitzi – ich fing später an, aber heute stimme ich dir zu.

Die Karten bleiben noch etwas und nur wenige werfe ich weg. Vielleicht bin ich zu sentimental, aber nach zwei Stunden über einem nicht allzu großen Karton habe ich ein sehr warmes Gefühl im Bauch. So viele Menschen haben mir in meinem Leben wunderbares gewünscht und ich möchte glauben, dass einem mit so vielen guten Wünschen etwas weniger passiert als ohne. Manche davon versteht mal als Kind noch gar nicht. Den zum Beispiel: „Ich wünsche dir nicht ein Leben ohne Entbehrung, ein Leben ohne Schmerz, ein Leben ohne Störung. Was solltest du tun mit einem solchen Leben?“ Das versteht eine Zehnjährige nicht. Ich dagegen durchaus. Der Karton bleibt. Dafür verschwinden alle Liebesbriefe von jenen, deren Abwesenheit ich längst nicht mehr bedaure und bei denen ich nicht einmal an solch einem Regentag wie heute die Muse verspürte sie noch einmal zu lesen. Ehrlich gesagt auch, weil die in meinem Nachlass besser niemand entdecken sollte. Sonst hält man mich für ähnlich wunderlich, wie ich Tante Erna.

Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss die Bücher noch einmal durchgehen. In irgendeinem steckt mein „Libretto di lavoro“ Das ist ein längst abgeschaftes offizielles italienisches Dokument in dem Beschäftigungsverhältnisse und Sozialversicherungdaten eingetragen wurden. Sentimental stimmt mich das Libretto nicht, aber ich brauche es zum Nachweis bei der Rentenkasse und im Gegensatz zu alten Konzertkarten, ist dieses Ding auch objektiv wichtig.

Kleiner Nachtrag – drei Stunden später suche ich das Mistding immer noch. Habe in der zweiten Runde aber mein Frühschwimmerabzeichne „Seepferdchen“ von 1982 gefunden und alles an Karten, Schnippsel und Erinnerungen, die nicht in das Ringbuch kommen wieder zwischen die Seiten der Bücher gesteckt. Nach jetzigem Stand, werde ich vermutlich keine Rente aus Italien erhalten, kann aber nachweisen, dass ich einen Plastikring aus 2 Meter Tiefe hochtauchen kann. Ist ja auch was.

5 Gedanken zu “Seepferdchen – immerhin!”

  1. Genau! Die Rentenlücke kannst du so jederzeit als professionelle Taucherin bis max. 2m Wassertiefe zu stopfen versuchen. Ich hoffe trotzdem, dass du das libretto noch findest.

    Was meinte die Tante Erna wohl mit dem „richtigen Vaterunser“? Das ältere und kürzere aus Lk 11,2ff.? Oder hat sie sich ähnlich Fragwürdiges zusammengereimt wie die Sache mit der Aufstellung am Grab? Vielleicht ist dir da ein revolutionäres Dokument in die Hände gefallen und nun müssen Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte ganz neu betrachtet werden. Wobei, eine besonders zuverlässige Prophetin scheint die Tante ja nicht gewesen zu sein. Also halten wir uns an das Bewährte: Suchet, so werdet ihr finden. Viel Glück!

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    1. Ich habs gefunden. Wider Erwarten war es im Ordner der Rentenunterlagen. So viel Weitsicht hätte ich selbst mir nicht zugetraut ;). Das Seepferdchen schadet trotzdem nicht. Nur den „Fahrrad-Pass“ aus der 2. Klasse…den habe ich entsorgt.

      Das Vater unser meiner Tante Erna enthält eine Streichung. Nicht „Unser tägliches Brot gib uns heute“ sondern „Unser tägliches Brot gib uns“. Und anstelle von „Und führe uns nicht in Versuchung“ in ihrer Fassung oder Interpretation „Und führe uns IN DER Versuchung“. Sie hat es also nicht völlig umgeschrieben, wobei der zweite Punkt durchaus ein Unterschied ist. ;).
      Eine der Karten habe ich mir als Erinnerung aufgehoben. Tante Erna war toll…auf ihre Art :).

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      1. Manchmal verblüfft man sich tatsächlich noch selber. Schön, dass du nun nicht mehr Berufstaucherin werden musst. 😁

        Das „führe uns IN DER Versuchung“ habe ich tatsächlich schon mal gehört; meine Mutter kam damit an und fand das viel logischer. Ich irgendwie auch, es widerspricht der Idee, dass Gott uns immer mal wieder prüfen möchte. Ganz schön rebellisch, die Erna! Aber eine unmissverständlich-eindeutige Übersetzung bibelgriechischer Textstellen ist überraschend häufig gar nicht möglich. Da müsste man jetzt in der Fachliteratur nachlesen, warum sich die Variante mit dem In-die-Versuchung-führen durchgesetzt hat. Doch es ist schon spät, ich hab Hunger, und überhaupt. 🤷🏻‍♀️

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  2. Interessant. Auch der bereits hier stehende Kommentar fragt nach der korrigierten (?) Fassung des Vaterunsers, ich hätte ebenfalls diese Frage gestellt. Immerhin geht es mir (selbstredend, das war bei uns in Bayern halt so, katholisch erzogen) mit dem Zusatz (denn dein ist das Reich…) auch nicht gut. Denn…? Deshalb? Sonst nicht? Also nur, weil da einer die Herrschaft, die Macht hat, wird er auch verehrt? Ach kommt, Leute! Was für ein Götterglaube ist das denn?
    Und so ein aus meiner Sicht praktisch nagelneues Seepferdchen. Süß. Ich hatte es letztes Jahr noch mal versucht (weil wir eine Brille, meine war es nicht, deshalb springe ich ja nicht ins Wasser, suchten) und mit erschrecken festgestellt, dass ich nicht mehr bis da runter komme. Also gut, das war eben an so einem Sprungturm und somit wohl tiefer als 2 Meter, aber wie gesagt, ich schaff es nicht mehr und war früher doch im Untergehen resp. Tauchen immer besser als im Schwimmen.
    Die alten Briefe solltest Du unbedingt aufheben. Und irgenwann wird die Sammlung auch noch eine Arie auf dem Waschzettel, äh, halt, das heißt ja was anderes, auf Italienisch aufweisen, irgenwo versteckt er sich. Aber die anderen, die Briefe, die eventuell in verwandter Hand befindlich sind, die würde ich erbeten. Auf dass die Sammlung vollständig wird.
    Was man damit alles anfangen kann! Aufheben. Dem Heimatmuseum überlassen. Oder irgenwelchen Sprößlingen aus der verstreuten Familie, die mal gefragt haben, wer das auf dem alten Bild eigentlich sein soll. Oder halten, immer festhalten. Lesen. Und vielleicht noch ein Buch drauß machen. Halt mit ein paar gezielten Verfremdungen. Der Briefroman einer Familie. Wie seinerzeit eine 13jährige zum Alkoholkonsum verleitet wurde. Könnte spannend werden.

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    1. Tante Erna ging es nicht um den Zusatz. Bzw. kenne ich ihre Meinung dazu nicht. Schau mal unter dem Kommentar von Eva, da hab ich ihre Anmerkungen dazu geschrieben.
      Ich teste selbst besser nicht, wie tief ich aktuell noch tauchen kann. Am Willen scheitert es nicht, aber ich dürfte deutlich mehr Auftrieb als früher haben.
      Für ein Buch reichen die Briefe und Karten nicht. Aber Omas Lebenserinnerungen waren schon mal der rote Faden bei einer Lesung. Eine Schauspielerin die ich kenne las Texte von bayerischen Schriftstellerinen wie z.B. Lena Christ und ich dazwischen Texte über meine Tanten und Großmütter. Es hätte ihnen gefallen. Und wahrscheinlich hätte ihnen auch gefallen, dass ich trotz der Karte mit 13 die Finger vom Alkohol gelassen habe.

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