Waldschön

Kurz noch sehe ich die Bremslichter des Autos aufleuchten, dann ist es weg. Der Wald hat es verschluckt. Hier oben, im Dickicht der Bäume, verschwinden die Dinge schneller als unten im Dorf oder auf dem flachen Land. Autos werden nur selten verschluckt. Hier oben vor der kleinen Hütte endet die holprige, befahrbare Straße und nur wer zu mir möchte, fährt sie. Heute sicher niemand, weil die einzigen, die wissen, dass ich hier bin, gerade gefahren sind. Ganz alleine werde ich wahrscheinlich dennoch nicht bleiben. Zu Fuß geht es weiter und Spaziergänger werden früher oder später die kleine Lichtung überqueren. Manche werden fragen ob es dort hinten im Wald weiter geht und ich werde ihnen die beiden Möglichkeiten sagen: Rechts nach oben zum Berggasthof, der Ausgangpunkt vieler Wanderungen ist oder links nach unten ins Dorf. Beides schöne Wege. Der nach unten etwas steil und vorsicht, trittsicher sollte man vor der zweiten Brücke bitte sein – da geht es ordentlich und ohne Geländer steil nach unten. Nach oben, kein Problem – auch da geht es an einem Stück nach unten, aber man rollt nur und fällt nicht. Die meisten aber fragen nicht. Sie kennen sich aus, gehen mit ihren Hunden spatzieren oder haben ihre Kinder an der Hand. An meiner Hütte kommen die meisten nur vorbei, wenn sie wissen wohin sie wollen. In den Wald, nach oben oder nach unten, fast immer aber durch die Ruhe, die einen auf diesen Wegen begleitet. Sie lächeln, grüßen und werden nach einem kurzen Augenblick vom Wald verschluckt. Oder umarmt, ja das passt besser. Der Wald verschlingt sie ja nicht, er nimmt sie herzlich auf.

Ein schöner und friedlicher Wald ist es, der rund um das kleine Hüttchen wächst. Eigensinnig und stur, das ja – seit Jahrzehnten liebäugelt er mit der kleinen Lichtung und wir streiten ein wenig. Er würde sich gerne noch ein Stückchen davon nehmen und wir wollen nichts abgeben. Ein Gleichgewicht hat sich bisher immer gefunden und so sitze ich heute, am Höhepunkt des Sommers auch in der Sonne unter dem Sonnenschirm und nicht im Schatten der Tannen, Buchen und Fichten. Still ist es. Für die, die den Wald kennen. Für alle anderen ist es, wenn sie die Augen schließen, laut. Am lautesten – neben den unermüdlichen Grillen – sind die Vögel. Immer wieder erstaunlich wie laut es klingt, wenn so ein Winzling durch das trockene Laub hüpft. Kennt man den Wald nicht, glaubt man ein Mensch stapfe durch die Büsche. Etwas großes, dabei ist es nur etwas sehr, sehr kleines, das an einem Ästchen zehrt. Auch die Siebenschläfer in der Hütte sind laut. Sie rennen und toben durch die Zwischenwände und das besonders gerne nachts. Wir haben uns an sie gewöhnt. Wir sind ja nur manchmal hier oben und sie immer. Gerade sind sie still und ich liege ebenso leise auf der Holzbank vor dem Hüttchen. Ich liege, döse, lausche und richte mich nur ab und zu auf, wenn ich einen Schluck trinken möchte. Über mir saußen die Sternschnuppen, die man tagsüber nicht sieht, die aber sicher da sind und um mich herum gähnt der Wald so müde und träge wie ich. Nieman da – das ist gut. Heute am Höhepunkt des Sommers.

In Itlaien ist Ferragosto. Sicher ist einiges los. An den Stränden, abends in den Orten und überhaupt. Mein Handy ist leise, ich wünsche ihnen später einen schönen Ferragosto. Bei mir ist heute nichts los. Ich bin alleine im Wald und habe ausgewälte Gesellschaft in Form einiger Grillen, Schmetterlinge, Vögel und einem Reh, dass fast immer vorbei kommt, sich aber nur selten sehen lässt. Außerdem von einem Apfelbaum, der nicht zum Wald gehört und sich stur und eisern seinen Platz auf der Lichtung erstritten hat. Nicht ganz alleine – wir haben ihn hochgebracht. Wachsen musste er aber alleine und es gelingt ihm ganz wunderbar. Unsichtbar sind die Erinnerungen, die im Holz der kleinen Hütte gespeichert sind. Wenn man ganz genau hinhört, dann hört man sie. Dann hört man ganz viel griechisch. Das verstehe ich nicht, aber ich weiß, wer da gelacht, gerufen und gesungen hat. All die Freunde meiner Eltern und das über Jahrzehnte. Dazwischen auch viel bayerisch – Familie und die anderen Freunde meiner Eltern. Und dann noch all meine Freunde, von denen hier oben auch ganz viel vergraben liegt. Einsam ist man hier nun wirklich nicht. Nur alleine und das in seiner schönsten Form. Ich könnte lesen. Könnte ein bisschen arbeiten oder könnte den Löwenzahn unter dem Tisch ausrupfen – sein Kitzeln an den nackten Zehen mag ich nicht.

Später, sagt der Apfelbaum und gähnt. Oder gar nicht, meint der Wald und raschelt einschläfernd. Ja, gar nicht, zirpen die Grillen und ich gebe ihnen recht. Heute ist der Höhepunkt des Sommers und man riecht bereits den Herbst. An einem so wunderschönen Tag sollte man sich nicht überanstrengen. Den aufgeschnittenen, unglaublich sauren, weil noch unreifen, Apfel erreiche ich ohne mich viel zu bewegen.

Schönen Ferragosto – auf bayerisch. Denn alleine würde ich den in Italien sicher nicht verbringen. Aber was heißt schon alleine, brummt die Hummel und setzt sich auf den Apfel. Ganz schön viel los hier heute.

21 Gedanken zu “Waldschön

  1. Jetzt bin ich fast ein bisschen neidisch. Würd auch gern auf der Bank vor dem Hüttchen liegen. … so idyllisch und entspannt.
    Dann hatte ich eine Schrecksekunde: MITZI, was schreibst du da?
    „Und dann noch all meine Freunde, von denen hier oben auch ganz viel vergraben liegen.“
    Sofort ist mein kriminalistischer Spürsinn angesprungen. Zum Glück, habe ich mich verguckt … wobei, das wär schon Stoff für einen Krimi 😙

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    1. Die Schrecksekunde habe ich jetzt auch und schau gleich nach, was ich da geschrieben habe :). Aber die weiteren Sätze von dir beruhigen mich….du scheinst mir keinen Mord zu unterstellen. Krimis kann ich leider nicht – aber die Kulisse könnte man nutzen. Hütte im Wald ;). Liebe Grüße

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  2. Ach was, der Wald ist viel zu friedlich für Untaten (sagte der Fuchs zum Hasen und sieht man an meinen Geschichten). Die Hütte! Sie existiert noch, das ist schön, und sie birgt. So viele Erinnerungen. Ganz, ganz hinten unten im Schrank (keine Angst, es kommt kein komischer narnischer Löwe heraus) sind noch ein paar vergessene…
    So ein Löwenzahn, das ist eine der dankbarsten Pflanzen. Selbst bei wenig Pflege gedeiht er in jedem Garten. Aber um die Hütte herum könnten ein paar Hirsche helfen, die dem großspurigen Wald seinen Platz zuweisen.

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  3. so einen ort suche ich noch… immer wieder beneide ich dich darum, ihn zu haben, vor allem: mit erinnerungen. ich glaube, meiner liegt irgendwo um die 100 km südostwärts. aber wo das bett dazu mal stehen wird, muss ich noch suchen. die letzten jahre war es zu hart dort zuviel zeit zu verbringen, aber ich spüre, dass das eines tages kommen wird.

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  4. Schmunzeln muss ich, weil du fast meine Formulierung verwendet hast. Wenn ich auf unserem Hausberg abseits der Menschenmengen bin und den Vögeln und Insekten lausche, ist es dort nie ganz still, nur ruhig. Denn es summt und zwitschert, die Bäume knarzen, der fast immer wehende Wind rauscht durch die Bäume und an der Ohrmuschel entlang. Heilsam und wirklich entspannend sind diese Zeiten. Oft denke ich zuvor „Der Berg ruft mich“, dann brauche ich unbedingt wieder eine Zeit dort oben.
    Zwar nur bei Tag und nicht über Nacht und ohne Hütte, aber wohltuend schöne Auszeiten bringend.
    (Hier kann man Bilder von dort sehen: https://bohlmeisenatuerlich.art/ )

    Liebe Grüße,
    Syntaxia

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    1. Danke für den Link – das sind wirklich sehr, sehr schöne Bilder. Schön beschrieben, die Geräusche der Stille. Schön auch, dass es nicht unbedingt eine Hütte braucht. Auch ein Tag am Berg vermittelt das Gefühl der Geborgenheit. Liebe Grüße

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