Ganz anders gleich

An manchen Tagen und in manchen Momenten ist man an einem Ort und spürt zur gleichen Zeit unzählige andere Orte. Weiß genau, wie sie sich jetzt, um diese Stunde anfühlen, kennt ihren Geruch, ihre Geräusche und ahnt, dass der Moment nur wenige Schlucke Kaffee lang dauern wird. Es ist früh und hier auf meinem Balkon ist es, obwohl kühl, auch ungewöhnlich mild für einen Morgen so früh im Jahr. Kein Frösteln, aber die Kühle der Nacht ist noch deutlich spürbar. Genau so fühlten sich die ganzen frühen Morgenstunden in Verona an. Gegen sechs Uhr morgens war die Stadt dank der Nacht endlich ein wenig abgefrischt und im Frühjahr und Herbst spürte man die Kühle angenehm an den nackten Beinen. Ich mochte diesen Moment  von allen Tageszeiten am liebsten und saß oft auf einer Bank nahe der Arena, diesem Jahrtausende alten Steinbau, während die Stadt langsam erwachte. Zu dieser Tageszeit sah man nur wenige Menschen über die Piazza laufen und hörte meist nur den Besen der Straßenkehrer. Seltsamerweise fühlte sich der Morgen damals genauso an, wie der heute auf meinem Balkon. Verschiedene Jahreszeiten, verschiedene Leben, in einem dicken Pullover eingekuschelt heute, in einem lockeren Kleid mit flachen Sandalen damals, aber ein gleiches Gefühl. Wolken, wie sie nur frühmorgens zu sehen sind und Wolken, die nach einem schönen Tag schmecken und riechen.

Ganz genauso sieht der Morgenhimmel über der Lichtung im Wald aus, auf der unsere kleine Hütte steht. Anders natürlich, aber ebenso friedlich. Noch im Schlafanzug mit einer Tasse Kaffee in der Hand sitze ich ganz früh vor dem Häuschen und höre wie der Tag sich bereit macht. Kein Fegen eines Besens, aber das Rascheln im Wald und Krähen, die dort wie hier bei mir auf dem Balkon klingen. Der kühle Morgen hier oben ist kühler als in der Stadt. Selbst im Hochsommer, wenn es wochenlang nicht regnet und der Wald austrocknet, ist die Holzbank in der Früh noch feucht. Der Himmel zwischen dem Oval der Bäume aber, der verspricht ähnliches, wie der heute morgen über meinem Balkon. Es wird ein guter Tag, wenn die Wolken so klein, so fein und so wattig sind. Der Morgen klingt anderes, aber er fühlt sich genauso an. Vielleicht auch nicht und nur ich fühle mich an allein drei Orten gleich. So wie man sich in der ersten halben Stunde nach der Nacht fühlt, wenn alles ruhig ist und der Himmel in seinen Farben zwischen Tag und Nacht noch ein wenig festhängt. Am Meer ist der Blick viel weiter. Der Salzgeruch so intensiv, wie der eines Waldbodens. Städte riechen anders. In ihnen spürt man die Hitze des kommenden Tages viel früher und erkennt die Besonderheit eines milden Februartages, dem man nicht trauen kann, weil der Schnee und die Kälte doch wieder kommen. Ein Wald klingt anders, als ein Strand und eine jede Stadt auch – aber das Gefühl der ersten wachen Stunde, das ist ähnlich. Heute reicht es, in den Himmel zu sehen und am Kaffee zu riechen um zu wissen, wie ich mich jetzt fühlen würde, wenn ich oben im Wald, im Süden am Meer oder in meiner alten italienischen Stadt sitzen würde. Ruhig und zufrieden und mich auf den Tag freuend. Mein kleines Hüttchen steht verschlafen im Wald und niemand sitzt auf der Bank unter seinen Fenstern. Noch sitzt wahrscheinlich keiner auf den großen Steinen am Strand und auf der Piazza dreht nur der Straßenkehrer seine Runden. Würde ich aber jetzt in diesem Moment nicht auf meinem Balkon sondern an einem dieser Orte sitzen, dann würde ich mich genauso fühlen wie ich es gerade tue. Wie seltsam das ist, merkt man nur, wenn man ein wenig darüber nachdenkt und etwas zu lange in den Februarhimmel über München geschaut hat.

14 Gedanken zu “Ganz anders gleich

  1. Ich kann mit dir mitfühlen, liebe Mitzi, obwohl ich deine Traumorte nicht kenne. Wohin träume ich mich eigentlich? Das weiß ich gar nicht so richtig, weil ich keine Außerstadtoase habe, zu der ich immer hinfahren kann oder könnte.
    Vielleicht nächstes Jahr – da entwickelt sich was.
    Lieben Gruß zu dir von mir

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  2. Das ist das lange Daheimsein, das uns mitspielt und uns in Gedanken wegträgt. In einem banalen Moment, dank eines Geruches, eines Windhauchs, eines Geräusches, einer Wolke am Himmel oder was auch immer der Auslöser ist. Ich fühlte, hörte und roch an einem der vergangenen Morgen an meinem Küchentisch ganz genau das Gefühl, meinen Caffè und das Stück Crostata nicht zuhause, sondern in einer Bar einzunehmen. Darüber wollte ich vielleicht auch noch mal schreiben, oder sollte ich doch erstmal einen Psychologen konsultieren? 🤔😎

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    1. Auf keinen Fall einen Psychologen konsultieren! Gerne darüber schreiben – und nicht darüber wundern. Es ist wohl wirklich das viele Daheimsein und gerade so etwas typisches wie Caffé und Crostata erinnern an die Orte an denen man sie sonst isst. Viele Grüße 🙂

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  3. Bei mir ist es, besonders im Winter, der Geruch. Manchmal, wenngleich leider immer seltener, liegt ein Duft in der Luft, der an verfeuerte Briketts oder Kohlen erinnert. Und dann fühle ich mich, egal wo ich mich befinde, in meiner Kindheit zurück… 🙂

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