Geschichtsträchtig

Schön, oder? Frage ich Herrn Mu an der Bushaltestelle und deute auf die sanft fallenden Schneeflocken. Herr Mu schüttelt den Kopf und ich muss ihm genauer als sonst in die Augen zu sehen um dort das Grinsen zu entdecken, das ohne FFP2 Maske die Hälfte seines Gesichtes eingenommen hätte. Na, recht greißlig ist es, meint er und dann, dass Schnee in der Stadt eigentlich nie schön sei, weil man ihn der Gelegenheit beraube die Scheußlichkeit der betonierten Straße zu überdecken. Das stimmt und dennoch gefallen mir die dicken Flocken die es vom Himmel schneit. Wenn sie sich anstrengen, dann bleiben sie auch auf der Straße liegen. Unser Viertel gehört zu jenen in denen der Schneepflug immer zuletzt vorbei kommt. Das ist greißlig, wenn man alt und wacklig auf den Beinen ist, aber ziemlich schön, wenn man gerne durch verschneite Straßen läuft. Ich verbringe meine Mittagspause bei Herrn Mu an der Bushaltestelle. Seit so viele im Homeoffice sind, fehlt es ihm dort an Gesprächspartnern und mir an Geschichten aus Bus und Bahn. 

Ob es gar nichts neues geben würde, frage ich Herrn Mu und hoffe, dass er mir wenigstens ein klein wenig Tratsch über meine Bushaltestellen Bekanntschaften erzählen kann. Herr Mu schüttelt den Kopf. Naaa, sagt er, gar nix. Dann grinsen seine Augen. Oder doch, a bisserl was schon. Ob ich mich noch an die g´schaftlige (die wichtigtuerische) alte Frau erinnern kann, die ihn so oft wegen seiner Zigarillos an der Bushaltestelle geschimpft hat. Ich nickte und das Grinsen in Herrn Mus Augen erreicht seine Schläfen. Ja, also die, die hat Geschichte geschrieben. An hl. Drei König ist sie genau hier an der Bushaltestelle so schwungvoll und so ungebremst ausgerutscht, dass ihr das ganze Schimpfen aus dem Mund gefallen ist. HUIII sagt Herr Mu und macht eine ausladenden Bewegung mit den Armen. HUIII und hingeschmissen hat es sie. Der Länge nach. Die Füße weggerissen und HUIIII auf den Hintern. Ganz so lustig wie Herr Mu finde ich es nicht, muss bei jedem „HUIII“ aber ungewollt ebenfalls grinsen. Ich erkundige mich ob sie aufstehen konnte und Herr Mu erklärt trocken, dass es ein wenig brauchte, ihr dann aber möglich war. Einen geschichtsträchtigen Fall nennt er es und meine Hoffnung auf ein echte Bushaltestellen Geschichte schwindet. Ganz aufgeben möchte ich aber noch nicht und erkundige mich was aus den drei alten Frauen geworden ist, die mich an meine beiden besten Freundinnen im Kindergarten erinnerten. Nicht, weil sie eine so warme und liebevolle Verbundenheit ausstrahlten, sondern weil sie sich genauso kindisch und albern verhielten wir uns damals als Vierjährige. Herr Mu zuckt mit den Schultern. Weg. Die fahren wohl auch nicht mehr. Weg auch eine meiner liebsten Busgeschichten die ich noch gar nicht schreiben konnte, weil ich noch immer nicht ganz verstanden habe, in welchem Verhältnis die drei zueinander stehen und worum es in dem seit Jahren schwelenden Streit ihrer Freundschaft eigentlich geht. Herr Mu tätschelt meinen Arm und versichert mir, dass die Frauen zäh sind. Zäh genug um nach dem Lockdown wieder Bus zu fahren und alt genug um genau da weiter zu machen wo sie im Winter letztes Jahr aufgehört haben. Ich müsse mir keine Sorgen machen, erklärt er. Frauen allgemein und besonders die über fünfzig seien so nachtragende, dass die Streiterei bestimmt weiter gehen würde. Obwohl ich Herrn Mus Meinung bezüglich Frauen nicht unbedingt teile und keiner Freundschaft Zwistigkeiten wünsche, bin ich versucht zu hoffen, dass er in diesem Fall recht hat.

Zu wem gehört eigentlich der, fragt Herr Mu und deutet auf einen kleinen Jungen der ein paar Meter weiter auf einem Schlitten sitzt. Zu mir, sage ich und starre weiter in den Schnee, der so gar keine Geschichte zu bieten hat. Nach ein paar Atemzügen beginnt Herr Mu zu lachen und erkundigt sich ob ich noch ganz rund laufe. Dann merke ich es auch und springe auf. Ludwig, den Nachbarsjungen hatte ich fast vergessen. Sonst sitzt er nie einfach nur da und wartet. Nur, wenn er unbedingt etwas von mir will. Eine kleine Runde auf dem Schlittenhügel in der Mittagspause zum Beispiel. Da ist er so geduldig, dass er mich sogar mit Herrn Mu an der Bushaltestelle ratschen lässt. Jetzt aber schnell, der kleine Wurm hat schon Schneeflocken auf den Wimpern. Ich verabschiede mich von Herrn Mu und ziehe Ludwig hinter mir her in den kleinen Park. Schön, aber eine Geschichte habe ich immer noch nicht. Ich gebe Ludwig oben auf dem Hügel einen Schubs. Er schreit HUIII und erinnert mich an Herrn Mu. Noch ein bisschen müssen er und ich durchhalten. Dann fahren wir alle wieder mit Bus und Bahn und die Geschichten kommen ganz von alleine zu mir. Bis dahin bleiben mir nur meine eigenen. Für eine von ihnen sorgte Ludwig. Der bot mir nämlich an, auch mal mit dem Schlitten den Hang runter zu fahren und verstand überhaupt nicht, warum Erwachsene das nicht mehr machen. Mega dämlich, fand er es sogar und hatte damit recht. Heute Nachmittag bin ich das erste Mal seit Jahren wieder Schlittengefahren. Ohne HUII wie Herr Mu zu sagen oder es wie Ludwig zu kreischen. Aber gedacht habe ich es mir. Eine Schlittenfahrt nach vielen Jahren ist nicht unbedingt erzählenswert – aber erlebenswert. Wenn Sie Gelegenheit haben…machen Sie´s!

 

19 Gedanken zu “Geschichtsträchtig

  1. Liebe Mitzi,
    seit Jahren haben wir hier in Hannover keinen Schnee mehr, der liegen bleibt.
    In den 50er Jahren mussten wir als Kinder viele Kilometer laufen, um die einzige „Erhebung“ in der Gegend zu erreichen. Die Alte Mühle stand auf einem seichten Hügel

    und bot die einzige Möglichkeit mal ein paar Meter ohne eigenen Antrieg zu „rodeln“.
    Aber Schnee hatten wir jeden Winter genug! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Auch in München ist er leider seltener geworden. Und dieses Jahr kann ich viel weniger aus der Stadt heraus fahren. Umso wichtiger war diese Mittagspause. An Hügeln mangelt es hier nicht. Aber ich glaube wenn man nur einen einzigen hat, dann ist der genauso gut und lohnt den Weg (als Kind).
      Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende.

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  2. … und ich habe gerade die zwei verbliebenen altmodischen Rodelschlitten, die noch immer von und für „die Kinder“ greifbar herumstanden, tief in einen frei gewordenen Schrank versenkt. Echten Rodelschnee hatten wir schon lange, lange Jahre nicht mehr und für das bisschen Glitschscnee im Stadtpark reichte auch eine Plastiktüte unterm Popo.
    😉

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    1. Nicht direkt. Man darf in manche Gebiete nicht fahren oder wenn die Inzidenz zu hoch ist, nicht mehr als 15 Kilometer vom Wohnort weg fahren. Wenn man aber in der Nachbarschaft einen Hügel hat und nicht mit fünf Freundinnen dort hinspatziert, dann ist es erlaubt. Mit etwas Rücksicht, kann man also eine richtig gute Zeit haben und trotzdem alle Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Zum Glück!!! 🙂
      Ich fürchte, dass Herr MU in diesem Fall tatsächlich Recht hat. Leider.

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      1. Gejammert wird viel, aber es ist gut auszuhalten. Der Heimunterricht für die Kinder, wenn zwei Leute in einer kleinen Wohnung plötzlich von zu Hause aus arbeiten müssen, oder die geschlossenen Läden für kleine Unternehmen, fehlende Besuche bei alten und Kranken… Das sind meiner Meinung nach eher die wirklichen Probleme. Trotzdem, es ist sehr viel wert, die Jahreszeiten trotz allem zu genießen und die die Natur erleben zu können. Sonst wird man ja bescheuert.

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  3. Liebe Mitzi, ich habe ja schon von unendlich vielen Nebenwirkungen der Pandemie gehört – aber von so einer lustigen, wie du sie hier beschreibst, das allererste Mal. Klatsch und Tratsch gehen verloren – klar, wenn sich niemand mehr in Bus oder Bahn begegnet, wie soll man da tratschen können.
    Halte durch, es wird wieder!
    Herzlichst von Clara

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    1. Ja Clara, es wird wieder und bis dahin eben eigene Geschichte. Die kann man auch im Lockdown erleben. Andere vermutlich, aber eigentlich ist die Jahreszeit ja genau die richtige dafür. Wenn ich mir vorstelle, dass Hochsommer wäre….viel schlimmer. Hier schneit es heute schon den ganzen Tag und ich genieße den Tag. Zwei Stunden durch den Schnee gestapft und den Rest mit Lesen, Badewanne und langen Telefonaten verbracht. Liebe Grüße nach Berlin

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  4. sowas von! wr meine erste aktion im jahr, als „mut“ mein wort war. da war mal richitg viel schnee in wien und ich hab mich mit den rodeln und einer freundin in den lainzer tiergarten geschlichen. die tollstmögliche rodelbahn. es gibt sogar ein video davon 😀

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