Herr Mu ist Fritz

Herr Mu, der nicht Herr Mu ist, heißt jetzt Fritz. Obwohl ich mir sicher bin, dass er nicht wirklich Fritz heißt, passt der Name zu ihm. Zu Herrn Mu passen viele Namen und sie alle wurden ihm von Menschen gegeben, die ihn zufällig trafen, während sie auf den Bus warteten. Dort sitzt Herr Mu an vielen Tagen und wartet. Auf vieles, nur meistens nicht auf den Bus. Wenn ich ihn treffe, dann wartet er darauf, dass um sieben Uhr der Supermarkt öffnet. Geduldig raucht er eine Zigarette auf der Bank des Bushäuschens und lässt sich überraschen, mit wem er ins Gespräch kommen wird. Mit mir fast immer. Herr Mu und ich kennen uns nun schon einige Jahre und weil es sich noch nie ergeben hat, dass wir uns mit Namen vorstellten, gaben wir uns der Einfachheit selbst welche. Ich taufte ihn Herrn Mu, weil er so oft von der Muschi, seiner Katze erzählte. Er nennt mich, Mädchen, Madl oder manchmal auch sein junges, hübsches und hochgeschätztes Fräulein aus der Nachbarschaft. Dann grinst er charmant und verschmitzt und ich will ihm gar nicht sagen, dass ich die Mitzi bin. Wenn man über 40 ist, dann ist es schön, wenn einen noch einer ein Mädchen nennt. Die Frau die seit dem Spätherbst immer öfter neben ihm  auf der Bank sitzt, nennt Herrn Mu Fritz. Einige Wochen lang dachte ich, dass er wirklich so heißt. Bis er mir einmal, als ich gerade in den Bus stieg, zuzwinkerte und ich genauer hinzuhören begann. Weiterlesen

Bewundernswert einfach

Jetzt wo die Temperaturen morgens nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt liegen, sind die Bänke an der Bushaltestelle zu kalt für Herrn Mu geworden. Seine alten Cordhosen sind ein wenig arg abgewetzt und damit er sich auf dem eisigen Metallgitter der Sitze nicht verkühlt, hat er seit Anfang des Monats ein Sitzkissen dabei. Auf dem lässt es sich aushalten und ich bin wahrscheinlich nicht die Einzige, die sich fragt, warum er zwar ein Sitzkissen, aber noch immer keine geschlossenen Schuhe trägt. Noch immer sind es die bequemen Sandalen des Sommers, nur dass seine Füße jetzt in dicken Wollsocken stecken. Wahrscheinlich beantwortet das auch die Frage…bequem sind sie und die Wollsocken halten warm. Ich lächle, wenn ich Herrn Mu morgens an der Bushaltestelle sitzen sehe und mein Tag beginnt gut, weil er zurück lächelt.  Weiterlesen

Spätsommer

Ich mag den Spätsommer. Er erinnert einen so schön an die Wärme und die Sonne des Sommers. Vor einer Woche erst stand ich mit nackten Beinen im Meer, daran denke ich an der Bushaltestelle vor meinem Haus sitzend. Das Meer war so warm, dass es meine Mückenstiche kaum kühlte. Es war Spätsommer warm. Eine Wärme von der man ahnt, dass in ihr ein langer, heißer Sommer gespeichert ist. Das ist noch nicht lange her. Gerade einmal eine Woche und einer der Stiche juckt noch immer. Ich kann ihn sehen und erinnere mich an den Sommer, weil Mücken und Sommer zusammen gehören. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Die Haut an meinen Füßen ist noch braun. Auch das gehört zum Sommer. Selbst jetzt wo es um 04:50 Uhr an einer Bushaltestelle noch stockdunkel ist, sehe ich wie hübsch sommerliche meine Beine noch immer aussehen. Überhaupt meine Beine…in diesem Kleidchen sind sie ganz nett anzusehen. Ich hatte es in Italien dabei. Ein Sommerkleid, das ich gut gebrauchen konnte, doch nicht anhatte und jetzt trage bevor ich es in die Reinigung gebe. Ein hübsches Flatterkleid in dem man nie ins Schwitzen gerät, was einem ja auch im Spätsommer passieren kann. Noch schöner aber ist der Perlmuttfarbene Nagellack. Der hält seit zwei Wochen und sah besonders hübsch auf den Strandbildern aus, aber auch jetzt, hier im kalten Neonlicht der Straßenbeleuchtung schimmert er ganz reizend. Eine schöne Sommerfarbe denke ich mir und wackle mit den Zehen. Das muss ich auch. Mit den Zehen in der Luft wackeln. Auf den Boden kann ich meine Füße nicht stellen. Ich trage offene Sandalen mit einer hauchdünnen Ledersohle und das Thermometer hat eben laue drei Grad angezeigt. Wenn ich die Füße auf den Boden stelle, dann frieren sie fest. Ich lasse sie lieber baumeln solange es geht. Nicht mehr lange, denn mein Hintern friert gerade am Metallgitter des Bushaltestellensitztes fest, weil mein Sommerflatterkleid einem Münchner Spätsommermorgen nicht gewachsen ist und ich die Blasenentzündung bereits spüren kann. Weiterlesen

Zettelwirtschaft #2

Etwas platt und ausgelutscht ist es. „You can´t buy happiness!“ Wissen wir. Duzende Ratgeber leben von dieser banalen Weisheit.  Und trotzdem. Dieser Zettel, wie im vorbei gehen an die Plakatwand geheftet, gefällt mir.

Wahrscheinlich, weil ich den Lottoslogan dieser Werbung so unglaublich dumm finde. Ist der Jackpot zu groß, sind deine Träume zu klein. Ernsthaft? Für mich so blöd wie damals „Geiz ist geil“.

In diesem Sinne – kaufen Sie sich ein am Wochenende das erste Eis des Jahres. Das kostet zwar auch etwas, aber das kleine Geld führt zu großer Zufriedenheit. 

 

Hildes Blumenkohl

Eigentlich konnte er ihn nicht ausstehen, den immer etwas zu matschig gekochten Blumenkohl seiner Hilde. Weil er aber die Hilde so gern hatte, aß er eben auch ihren Blumenkohl. So sei das eben, sagt Herr Mu. Wenn man jemanden gern hat, dann sieht man über die kleinen Macken im Charakter des anderen hinweg. Ich schmunzle und frage Herrn Mu ob es denn wirklich ein charakterlicher Fehler ist, wenn man den Blumenkohl verkocht. Das erscheint mir etwas sehr streng. Auch Herr Mu schmunzelt. Nur, wenn man es aus purer Bosheit über mehrere Jahrzehnte hinweg, immer wieder machen würde. Dann könne man durchaus von einem unschönen Charakterzug sprechen. Herr Mu lächelt so versonnen, dass ich mir sicher bin, dass seine Hilde als Ausgleich sehr viele, sehr schöne Charakterzüge gehabt haben muss. Ich merke es an und Herrn Mu er schüttelt den Kopf. Nein, seine Hilde sei ein rechtes Miststück gewesen. Den Blumenkohl zum Beispiel hätte sie nur deshalb ein ums andere Mal absichtlich verkochen lassen, weil er kurz nach der Hochzeit einmal feixend einen Scherz über die Ähnlichkeit von knackigem Gemüse und hübschen Frauen gemacht hat. Ab jetzt sei es vorbei mit dem jungen Gemüse, meinte seine Hilde und von da an gab es den Blumenkohl und auch den Kohlrabi eben nur noch weich und lasch. Weiterlesen

Herr Mu sagt danke

Wolln´s a Gutzerl, fragt Herr Mu an der Bushaltestelle und lächelt mich freundlich an. Sehr gerne, sage ich und setzte mich auf den freien Platz neben ihm. Es ist noch kalt, so früh morgens, aber neben Herrn Mu ist es immer ein paar Grad wärmer. Drei Bonbons fischt er aus seiner Hosentasche und drückt sie mir in die Hand. Auf einem Bein kann man nicht gut stehen, sagt er und verrät mir nicht, wofür das dritte steht. Im Winter wollte ich wieder mit er U-Bahn fahren. Dann, wenn Herr Mu nicht mehr an der Bushaltestelle sitzt. Weil er aber noch immer jeden Morgen dort sitzt und seine Guterzln verteilt, nehme ich weiter den Bus. Ich hab ihn lieb, den Herrn Mu. Und weil ich ihn lieb habe, lasse ich den Bus vorbei fahren und bleibe noch ein bisschen bei ihm sitzen. Weiterlesen

Herr Mu sorgt vor, die Kollegin zerknüllt

Mit einem achtlosen Blick reißt meine Lieblingskollegin das gestrige Blatt von ihrem doofen Sprüchekalender und schimpft über den Schrott der da geschrieben steht. Oft schaue ich über ihre Schulter und empfinde die Sprüche auch als Zumutung. Möchtegern tiefgängiger Schrott. Weiß der Henker, warum sie das Ding trotzdem seit über zehn Monaten auf dem Schreibtisch stehen hat. Wahrscheinlich weil es uns amüsiert und wir beide wissen, dass die echten Weisheiten nicht im Kalender, sondern vor der Türe zu finden sind. „Und auf den Fluren laß die Winde los…“, zitiert sie und zerknüllt das Blatt. Sie hat Rilke zerknüllt. Die Wahnsinnige hat Rilke zerknüllt! Schande über sie! Fassungslos höre ich sie etwas über  Flatulenzen auf dem Büroflur murmeln und erwäge, sie mit dem Locher nieder zu schlagen. Rilkes Herbsttag ist es wert, dass man zu drastischen Mitteln greift. Weiterlesen

Herr Mu gibt einen Sprachkurs

Langsam wird es kalt. Morgens an der Bushaltestelle spürt man den Herbst schon deutlich und bald werde ich wieder auf die U-Bahn umsteigen. Dann, wenn Herr Mu morgens nicht mehr auf der Bank sitzt und sich einen anderen Ort sucht, um den Tag mit einem Gespräch zu beginnen. Noch sitzt er aber da und der Wind scheint ihm nichts anzuhaben. Die dünne Jacke ist offen und seine Hand ruhig still auf dem Griff des abgenutzten Einkaufswagens. Ob er ein Gutzel mag, fragte er heute morgen den  Jungen, der neu an der Bushaltestelle ist. Weiterlesen