Herr Mu sagt danke

Wolln´s a Gutzerl, fragt Herr Mu an der Bushaltestelle und lächelt mich freundlich an. Sehr gerne, sage ich und setzte mich auf den freien Platz neben ihm. Es ist noch kalt, so früh morgens, aber neben Herrn Mu ist es immer ein paar Grad wärmer. Drei Bonbons fischt er aus seiner Hosentasche und drückt sie mir in die Hand. Auf einem Bein kann man nicht gut stehen, sagt er und verrät mir nicht, wofür das dritte steht. Im Winter wollte ich wieder mit er U-Bahn fahren. Dann, wenn Herr Mu nicht mehr an der Bushaltestelle sitzt. Weil er aber noch immer jeden Morgen dort sitzt und seine Guterzln verteilt, nehme ich weiter den Bus. Ich hab ihn lieb, den Herrn Mu. Und weil ich ihn lieb habe, lasse ich den Bus vorbei fahren und bleibe noch ein bisschen bei ihm sitzen.

Er hat eine Katze. Eine Glückskatze. Die dreifarbige Dame heißt Muschi und obwohl ich es weiß, frage ich ihn ob es stimmt, dass Glückskatzen immer Weibchen sind. Er nickt und schmunzelt. Das einzige Weib, das es bei ihm aushält. Aushalten muss. Aber sie hat es gut, die Muschi. Weihnachten hätten sie es sich gemütlich gemacht. Mit seiner Rente von 1.300 Euro monatlich kann man sich an den Feiertagen schon etwas gutes leisten, erzählt er und beschämt mich, weil die Mieten in unserem Viertel kenne. Er braucht nicht viel sagt er. Für ihn und die Katze reicht es für ein gutes Leben. Rehragout hat es am hl. Abend gegeben. Für ihn und auch für Muschi, weil sie gar so verschmust um seine Beine gestrichen ist.

Jetzt ist es gleich schon wieder rum, das Jahr, sagt er Mu und stellt erstaunt fest, dass das neue Jahrtausend bereits ins 17 Jahr geht. Schnell ist es gegangen, meint er und ich stimme ihm zu. Die Muschi ist nun auch schon fast ein Jahr bei ihm. Und er bei mir, denke ich mir leise und finde die Vorstellung, dass die beiden Rehragout gegessen haben sehr schön. img_3057Ein gutes Jahr war es, sagt Herr Mu und ergänzt, dass ein jedes Jahr gut ist, weil es immer noch schlechter sein könnte. Man muss es halt nehmen wie es kommt. Da hat er Recht, der Herr Mu. Man muss es nehmen wie es kommt. Was bringt es sich vor morgen zu fürchten und gestern hinterher zu jammern, sinniert er und fasst in drei Minuten das zusammen, was lange Jahrhunderte vor ihm auch Aurel und Seneca schon feststellten. Es wundert mich nicht, dass Herr Mu kluge Dinge sagt. Er hat viel Zeit zu denken und mit nur etwas Verstand kommen einem dabei nicht selten kluge Gedanken und oft unterscheiden sie sich nicht von denen, die vor zweitausend Jahren schon einmal gedacht wurden. Fruchtlos wollen wir bleiben, endet er und wieder stimme ich ihm zu.

Danke, sagt Herr Mu, als der Bus kommt und ich aufstehe. Wofür sagt er nicht. Wir geben uns die Hand und wünschen uns einen guten Rutsch. Ich danke ihm auch. Danke, Herr Mu. Danke für ein Jahr geteilter Lebensklugheit und Alltagsweisheit. Man kann sie lesen, die Philosophen. Die alten und die neuen. Man kann sich aber auch neben Herrn Mu setzen. Der Unterschied ist nicht sonderlich groß. Nur, dass es bei Herrn Mu wärmer ist und man eine Handvoll Bonbons aus seiner Hosentasche geschenkt bekommt. Am Fenster sitzend sehe ich, wie eine andere Frau neben Herrn Mu Platz nimmt. Den Bus wollte sie nicht mehr unbedingt erwischen, scheint es. Warum auch? Wenn es doch noch reichlich Gutzerln in den Taschen von Herrn Mu gibt.

13 Gedanken zu “Herr Mu sagt danke

  1. Es zeichnet dich aus, liebe MItzi, dass du das Gespräch mit Herrn Mu genießen kannst. Es ist schön zu lesen, wie du über und dass du über ihn schreibst. Umgekehrt wird ihm viel bedeuten, dass du neben ihm sitzen magst, sogar einen Bus wegfahren lässt, um die gemeinsame Zeit ein bisschen zu verlängern. Das gehört gewiss zu seiner positiven Bilanz des Jahres. Zu meiner positiven Bilanz gehören deine herzigen Texte und Kommentare und sowieso unsere Blogfreundschaft.

    Falls wir uns nicht mehr lesen, wünsche ich dir einen guten Rutsch!

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    1. Ich hoffe, dass Herrn Mu ähnlich geht. Falls nicht, sehe ich zumindest, dass er einer der wenigen ist, der wohl tatsächlich tief in sich ruht.
      Deiner Bilanz kann ich mir nur anschließen. Es ist eine große Freude und Vergnügen dich hier kennen gelernt zu haben, lieber Jules. Einen guten Rutsch!

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  2. Herr Mu so wie du ihn beschreibst ist ein ganz eigener Mensch, was nicht schlechtes ist… Was mich überrascht ist seine Redseligkeit. Ich muss zugeben hier oben im Norden wird man selten jemanden morgens zwischen sieben und acht Uhr reden hören… schongar nicht Unterhalten. Den düsteren Pendlerblick haben alle Nordlichter drauf. In dem Sinne würde ich Herrn Muh Seneca, Cicero und sogar Sokrates vorziehen.

    In dem Sinne auf ein Frohes Neujahr und dass es beim Status-Quo dennoch nicht bleibt, denn was schlechter geht geht auch besser 😉

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    1. Die stummen und mürrischen haben wir auch in Bayern. Sie überwiegen sogar. Auch die düstern Blicke. Manchmal amüsieren sie mich, meisten versuche ich sie aber zu ignorieren und konzentriere mich auf die schönen Ausnahmen wie Herrn Mu.
      Dem letzten Satz schließe ich mich an. :). Guten Rutsch!

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  3. Man muss eben achtsam mit den Menschen sein und zuhören können, dann kann man viele Schätze geschenkt bekommen. Ein Gutzerl mit einem Schuß Weisheit, was gibt es besseres?
    Möge das Neue Jahr dir viele liebevolle, fröhliche und staunenswerte Momente schenken, ich weiß, du kannst sie schätzen. Liebevolle Grüße und einen guten Rutsch, Sylvia

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  4. Es ist viel besser, Menschen zuzuhören, die aus ihrer Erfahrung und Einsicht berichten können, als irgendwelche Kalendersprüche zu lesen oder in Horoskopen zu blättern. Ja, 2016 war ein gutes Jahr, denn es hätte noch schlechter kommen können!

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