Herr Mu ist Fritz

Herr Mu, der nicht Herr Mu ist, heißt jetzt Fritz. Obwohl ich mir sicher bin, dass er nicht wirklich Fritz heißt, passt der Name zu ihm. Zu Herrn Mu passen viele Namen und sie alle wurden ihm von Menschen gegeben, die ihn zufällig trafen, während sie auf den Bus warteten. Dort sitzt Herr Mu an vielen Tagen und wartet. Auf vieles, nur meistens nicht auf den Bus. Wenn ich ihn treffe, dann wartet er darauf, dass um sieben Uhr der Supermarkt öffnet. Geduldig raucht er eine Zigarette auf der Bank des Bushäuschens und lässt sich überraschen, mit wem er ins Gespräch kommen wird. Mit mir fast immer. Herr Mu und ich kennen uns nun schon einige Jahre und weil es sich noch nie ergeben hat, dass wir uns mit Namen vorstellten, gaben wir uns der Einfachheit selbst welche. Ich taufte ihn Herrn Mu, weil er so oft von der Muschi, seiner Katze erzählte. Er nennt mich, Mädchen, Madl oder manchmal auch sein junges, hübsches und hochgeschätztes Fräulein aus der Nachbarschaft. Dann grinst er charmant und verschmitzt und ich will ihm gar nicht sagen, dass ich die Mitzi bin. Wenn man über 40 ist, dann ist es schön, wenn einen noch einer ein Mädchen nennt. Die Frau die seit dem Spätherbst immer öfter neben ihm  auf der Bank sitzt, nennt Herrn Mu Fritz. Einige Wochen lang dachte ich, dass er wirklich so heißt. Bis er mir einmal, als ich gerade in den Bus stieg, zuzwinkerte und ich genauer hinzuhören begann.

Ach Fritz, so beginnen ihre Sätze und manchmal schiebt sie ihren Arm unter den seinen und hakt sich ein. Dann sehen sie lustig aus. Herr Mu, dessen Jacke sich über seinem wuchtigen Bauch nicht schließen lässt und der dicke Wollsocken in offenen Sandalen trägt, ist zwar gepflegt, aber modisch ein etwas etwas eigenwilliges Exemplar. Mit einem Lächeln tätschelt er dann ihre Hand, die sich so sehr von seiner unterscheidet. Beide haben sie alte Hände, aber ihre ist zart und schmal und seiner sieht man an, dass er an ein Leben lang mit ihr gearbeitet hat. Auch sonst, könnten die beiden Menschen nicht unterschiedlicher sein. Ihr feiner Mantel, das dezent farbige Tuch um den Hals und die Ringe an den Fingern. Lustig sehen sie aus, wenn sie so nebeneinander sitzen, aber auch schön, weil es eigentlich doch ganz egal ist, was einer trägt. Ihr Lächeln verbindet sie. Und auch die Geschichten die sie ihm erzählt und die klingen, als würde sie davon ausgehen, dass er wüsste, wovon sie da spricht. Er weiß es nicht, vielleicht weiß es nicht einmal sie selbst. Es ist schwer zu verstehen, was sie da vor sich hin murmelt und oft sind die einzelnen Sätze völlig zusammenhanglos. Nur das „Ach Fritz“ ist ein Konstante, welche die alte Frau zum Lächeln bringt. 

Den Fritz, den echten, gibt es wohl schon lange nicht mehr. Nur noch im Kopf der alten Frau lebt er weiter und ist so real, dass sie stundenlange Gespräche mit ihm führt. An manchen Tagen, wird Herr Mu zu ihrem Fritz und weil sie sich dann bei ihm unterhaken kann, lächelt sie und erzählt ihm besonders viel. Was anderen seltsam erscheint, ist für Herrn Mu normal. Mei, sagt er dann und schmunzelt, bevor er erklärt, dass er in seinem Leben schon für vieles gehalten wurde. Warum nicht auch für einen Fritz, der anscheinend ein recht patenter Mann gewesen war. Er sagt nicht viel, wenn zu Fritz wird und beschränkt sich aufs Zuhören. Herr Mu ist ein gutes Beispiel für die ganz seltenen Menschen die sowohl Geschichten erzählen, als auch Geschichten anhören können. Um das zu können, braucht es Zeit und noch viel wichtiger, das aufrichtige Interesse an seinem Gegenüber. Eine zeitlang habe ich beide nicht mehr an der Bushaltestelle gesehen und mich oft gefragt ob es ihnen gut geht. Gestern saßen sie wieder nebeneinander. Kein Blatt hätte zwischen sie gepasst und Herr Mu zuckte entschuldigend mit den Schultern. Agnes, bat er sie, geh´lass ma a bisserl Platz. Sinnlos, die Frau die Agnes heißt, hört ihn nicht. Später sehe ich sie in Richtung des kleinen Parks laufen. Herr Mu sitzt weiter an der Bushaltestelle. Er sieht ein wenig müde aus und zündet sich eine der stinkenden Zigaretten an, die er nicht rauchen darf, wenn er Fritz ist. Frau Agnes kann den Geruch nicht leiden. Manchmal, gesteht Herr Mu, geht sie ihm auf die Nerven. Aber das sei normal. In einer so langen Ehe, geht man sich manchmal eben auf die Nerven. Er schmunzelt und beobachtet, wie die alte Frau um die Ecke biegt. Auch das ist in einer Ehe normal, man kümmert sich umeinander. Anscheinend auch in einer Ehe, die eigentlich gar keine ist. 

 

 

 

26 Gedanken zu “Herr Mu ist Fritz

  1. Fritz ist ein schöner Name.
    Was mich wundert, dass viele „alte“ Namen wie Paul, Gerd, Uwe wieder „modern“ werden und einige Jungs heute wieder so genannt werden. Nur Fritz wird scheinbar nicht neu vergeben.

    Eigentlich bin ich froh darüber 😉

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      1. Ich finde, sobald man ein Kind kennt, passt der Name früher oder später. Mein Neffe heißt Franz – das war anfangs völlig ungewohnt. Aber jetzt….das ist ganz eindeutig ein Franz 🙂

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    1. Lieber Heinrich,
      Fritz gefällt mir. Ich kenne nämlich nur ausgesprochen humorvolle und nette Fritze. Und schöner als Uwe und Gerd ist es auch. Aber auch mir ist aufgefallen, dass viele alte Namen wieder auftauchen. Warten Sie nur – die Paul-Zeit neigt sich dem Ende. Fritz kommt früher oder später bestimmt 😉

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    1. Freut mich zu hören. Ich kenne mich mit der Krankheit überhaupt nicht aus und vermute nur, dass die alte Dame an der Bushaltestelle sie hat. Herr Mu scheint sie schon länger zu kennen. Überhaupt habe ich mittlerweile das Gefühl, dass nur ich sie so lange übersehen habe.

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      1. Deine Darstellung erinnert mich an meine Oma, sie funktionierte in ihrer eigenen Welt.
        Vielleicht liegt es an Herr Mus Charme, da kann das Übersehen schon einmal passieren. 😉 LG Barbara

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  2. Jetzt muss ich umdenken. Das tu ich gar nicht gern. Ich weiß, es ist Quatsch, aber jedes Mal, wenn ich Herr Mu lese, stelle ich mir einen alten, gemütlichen Chinesen vor, der seit mindestens 60 Jahren in München wohnt, quasi ein fast Einheimischer. Aber Chinese und Fritz geht für mich nicht zusammen. Jetzt muss ich umdenken… 😉

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    1. Nicht unbedingt. Herr Mu ist ja nur für die alte Frau ein Fritz. Ich glaube sie würde auch einen Chinesen umbenennen. Bleiben Sie bitte unbedingt bei Ihrem Bild – das ist großartig und gefällt mir sehr gut!!!!

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  3. So eine wunderbare Beobachtung von Liebe, die nicht Liebe im eigentlichen Sinn ist, aber dennoch Liebe. Vielleicht Zuneigung, aber nein, ich denke Liebe, wenn auch eben in einem andern Sinn. Liebe hat viele Gesichter, nicht immer nur das erste oder zweite. Ich bin sehr berührt. Vielen Dank für diese wunderbare Beobachtung.

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