Gleisbett Versprechen

Aus Sturheit optimistisch, steht in meiner Selbstbeschreibung und ich schnaube verächtlich, weil Optimismus zu diesem Tag nicht passen will. Dabei wäre er gerade an diesem Freitag durchaus angebracht gewesen. Pessimistisch gestimmt hätte es keinen Sinn gemacht dreißig, selbst verfasste Bücher in einen Rucksack zu packen – wer soll sie kaufen? Und in pessimistischer Laune hätte ich den Schirm gleich zu Hause lassen können, weil der Wind ihn eh sinnlos macht und man sich mit dem Gedanken klatschnass zu werden, besser beizeiten anfreundet. Grantig, sei ich, schrieb ich dem mutigsten meiner Freunde und weil er mich kennt ignoriert er es und wünscht mir statt dessen einen schönen Tag und eine tolle Lesung. Es beschämt mich, weil grantig zu sein kindisch ist, wenn man doch eigentlich auf dem Weg zu etwas schönem ist. Ich bin nicht mehr grantig, schreib ich ihm und beschließe es auch nicht mehr zu sein. Das geht. Probieren Sie es. Beschließen Sie einfach Ihre Laune zu ändern und zwingen Sie sich zu behaupten gut gelaunt zu sein. Wenn man es drei bis fünf Mal gesagt oder geschrieben hat, dann ist man es – ein bisschen. Und das reicht meist. Ein bisschen gut gelaunt steige ich in den Zug und beschließe nur noch das Schöne zu sehen. 

Schön sind die Bahnhöfe auf meinem Weg zur Lesung in Wörth nicht. Das sind sie nur selten, die Plätze des Kommen und Gehens, und doch liebe ich sie. Die Orte an denen Gleise in alle Richtungen streben und leise Versprechen flüstern. Egal wie klein und abgelegen ein Dorf auch sein mag, man weiß, dass einen die Schienen früher oder später dort hin führen werden, wo das Herz schneller schlägt. An einem Bahnhof stehend und mit dem Blick dem Verlauf der Gleise zu folgen macht mich glücklich. Noch immer kribbelt es dann leicht in meinem Magen und ich genieße das Gefühl, einfach einsteigen zu können. Einsteigen zu können und irgendwann bei den Menschen oder Orten anzukommen die ich gerade vermisse. Heute machen sie mich traurig, weil ich es eben nicht kann. In drei Wochen werde ich sehr wahrscheinlich nicht in den Zug steigen und nicht zu meinem Herzensmenschen fahren können. Obwohl wir es beide schon wissen, schwingt in unseren Telefonaten immer noch das „Vielleicht“ und das „warten wir einfach ab“ mit. Dass wir es schon wissen, merken wir an der Frequenz unserer Telefonate die sich deutlich verkürzt hat. Keine Panik – weder hier noch bei ihm in Italien und doch, ja, es ist gruselig, weil wir beide noch nie in der Situation waren, dass die Entscheidung ob wir uns besuchen nicht ausschließlich bei uns lag. Es geht mir nicht um Urlaub, der kann warten, der ist Luxus. Es geht mir um das Gefühl einen meiner besten Freunde nicht sehen zu können um mich davon zu überzeugen, dass alles ok ist. Es ist alles ok, das hörte ich am Telefon und empfinde die Gleise gleich wieder ein bisschen schöner. Theoretisch wäre es ja möglich und praktisch, wird jedes dieser Gleise noch in seinem Bett aus schweren Steinen liegen, wenn der ganze Spuk vorüber ist. 

In Karlsruhe blühen bereits die Bäume und unzählige sonnengelbe Osterglocken verkünden den Frühling. Das ist wunderschön – trotz Wind und Regen. So wunderschön, wie im Hotel klatschnass erst einmal einen Kaffee und freundliche Worte zur Begrüßung zu bekommen. Auch der Rhein ist schön, obwohl ich den wohl blödesten Weg zu ihm genommen habe. Ich stehe nicht am Ufer, sondern auf eine Brücke an der hinter meinem Rücken die Autobahn vorbei rauscht und den Beton unter meinen Füßen zum vibrieren bringt. Ich mache ein Bild davon und schicke es nach Italien – schau, das sind glamouröse Lesereisen, schreibe ich, du stehst auf einer Autobahnbrücke um den Rhein zu sehen. Später schicke ich an meine Eltern ein schöneres. Die Veranstalterin hat mir den Weg zum Ufer beschrieben und dort ist es wirklich hübsch. Osterglocken, rosa Blüten und alles ist gut, außer dem unschönen Gefühl nicht zu dem Menschen zu können, den man gerade vermisst. Kindisch ist es. Kindisch und dumm, weil es auf reinem Trotz und „ich will aber“ beruht. 

Aus Sturheit optimistisch, schreibe ich einer anderen und freu mich auf den Abend und die Lesung. Im Gepäck, mein Italien und all die Menschen und Ort, die auch in ein paar Monaten noch da sein werden. Es wird einer der schönsten Abende, die ich bisher auf Lesungen hatte. So viele, tolle und interessante Gäste. So viel Lachen, so viel Plaudern und so viel Freude in einem Raum. Dazu Antipasti, Caponata und Panna Cotta – wie herrlich sie alles vorbereitet haben. Nein, ich bin nicht grantig. Ich bin dankbar und glücklich. Nicht weil ich es behaupten möchte, sondern weil ich es bin. Auf dem Heimweg wieder Gleise, Schienen und Bahnhöfe. Sie strahlen Beständigkeit aus und das Rattern des Zuges ist ein Versprechen. Pazienza – es wird sich wieder normalisieren. Geduld und ruhig Blut, es geht ihnen gut. Es ist nur ein wenig gruselig, wenn die, die man so lieb hat, mitten drin sitzen. 

 

20 Gedanken zu “Gleisbett Versprechen

  1. Die Überschrift lässt mich erwägen, ob eine Zusammensetzung von Gleisbett und Versprechen gemeint ist, die getrennte Schreibweise also ein Anglizismus ist oder ob das Verprechen eigentlich ein Verb ist im Sinne von Besprechen, denn um Gleise und Zugreisen geht es ja, wenn du wieder mal zu einem Leseort unterwegs bist, liebe MItzi. Ich mag solche Reiseberichte mit all der Wehmut, die eine empfindsame Reisende, wie du eine bist,umfängt.

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  2. Ja, wir sind auch immer ein bisschen verantwortlich dafür, wie glücklich oder unglücklich wir sind. Wir können uns nicht immer aussuchen, was als nächstes passiert, aber wir können uns bemühen, eine Haltung dazu zu finden und es ist eine ziemlich gute Idee, sich nicht nur auf die schlechte Laune einzulassen.

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  3. Liebe Mitzi, ja, es ist gruselig, wenn Herzensmenschen mittendrin sitzen. Es wird vorbeigehen, hoffentlich, bald. Und hoffentlich auch für deinen Herzensmensch gut.
    Ich freue mich sehr über deinen Erfolg.
    Liebe Grüße
    Ulli

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    1. Liebe Ulli, es wird vorübergehen. Erst wird es alles noch etwas schlimmer werden und wir werden uns gruseln, vielleicht auch fürchten. Aber die Furcht ist dabei aktuell vielleicht das schlimmste. Ich selbst habe sie nicht, aber bei Bekannten höre ich sie doch immer deutlicher. Meinen Herzensmenschen geht es allen gut. Quarantäne zum Teil und alle mehr oder weniger ins Haus verbannt. Unschön, aber alles Dinge die auszuhalten sind. Schlimmer sind die Existenzängste, die dort bei Freunden sehr massiv sind und zum Teil vielleicht auch berechtigt. Aber alle sind optimistisch und das ist mit das wichtigste.
      Liebe Grüße

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  4. Kommt Zeit, kommt der ratternde Zug. Und fährt über den Brenner oder andere Alpentransversalen, meinetwegen auch unten durch. Italien war schon oft weit weg und kam immer wieder nahe heran, wird es auch diesmal. Schön und gut, es ist eine neue Krankheit – aber vor Jahrhunderten war es die Pest, das war eine ganz andere Nummer. Das Krönchen werden wir auch noch überstehen und die Italiener sind halt wieder mal etwas schneller gewesen – Deutschland wartet noch gemächlich ab.

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  5. Ruhig Blut, da hast Du ganz recht – bis jetzt war jede alljährliche Grippeepidemie schlimmer als das, was da gerade hysterisch durch die Medien geistert. Hätte ich einen Buchladen (ein Traum!), wärst Du jetzt schon eingeladen zu einer Lesung den Rhein ein wenig abwärts, von Karlsruhe nach Köln ist nicht soo weit. Vielleicht kommt mal jemand darauf.;-)

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  6. es ist schon komisch im moment, was da vor sich geht. irgendwie stimmt da viel nicht zusammen, mehr noch als sonst, wenn man informationen matcht, aber aktuell können wir nur warten. sie werden noch da sein, alles wird gut. und schön, wenn du das mit diesem experiment versucht hast. ob das mit dem grant bei uns wienern auch funktionieren würde 😉 ?

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    1. Mehr als komisch. Wir sind es nicht gewohnt nicht einfach von A nach B fahren zu können. Und dann die gruseligen Zahlen und selbst wenn man sich eigentlich um sich selbst keine Sorgen macht…die mediale Dauerbeschallung….ich ertappe mich dabei meine Eltern ans Händewaschen zu erinnern. Und die beiden haben das eigentlich nun wirklich nicht nötig 😉

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      1. ja es beginnen grade sehr seltsame programme in einem abzulaufen finde ich. aber so einen ausnahmezustand hat niemand von uns erlebt und nicht zu wissen, wie lange das dauert, finde ich persönlich schon sehr belastend. „ausgangssperre“ – keine bewegungsfreiheit mehr, kriegsmetaphern, das ist schon… puh.

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      2. Ausgangssperre ist extrem verstörend. Nötig, vielleicht, aber es fühlt sich nach etwas an, dass einen ganz unschönen Geschmack im Mund und Magen hinterlässt. Wie du schreibst…es erinnert an Dinge die in schreckliche Verbindung gebracht werden. Ich drück dich aus der Ferne!

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  7. Ich verstehe dich sehr gut. Hoffe, dass der Spuk bald wieder vorbei ist. Es sind wirklich heftige Einschränkungen! Ich bete, dass alle gesund bleiben und das Leben bald wieder durchstarten kann bei uns!

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    1. Liebe Michaela,
      es ist wirklich heftig was ich täglich von Freunden in Italien höre. Ich schließe mich dir an und hoffe dass alles bald deutlich besser ist und ihr alle gesund wieder ein normales Leben führen könnt.
      Viele Grüße

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