Karma im Nacken

Seit ich die Ventile der Heizkörper im Keller und im Erdgeschoss abmontiert und bei mir in der Wohnung installiert habe, ist es im Treppenhaus ein wenig kühl. Das ist für jeden spürbar und für mich noch etwas mehr, weil mir das Karma unangenehm eisig in den Nacken atmet. Den Hauch des Karmas muss man aushalten, sage ich mir und bleibe auf den Treppenstufen zwischen erstem und zweiten Stock sitzen. Es ist in Ordnung, dass ich friere. Es ist ja nur ein Frösteln und ich stelle mir vor, dass man im Gefängnis, auf diesen schmalen Pritschen, mit den kratzigen Decken bestimmt noch mehr unter herbstlicher Kälte leiden muss. Ich muss nicht ins Gefängnis. Hätte ich einen Mord begangen, dann würde ich sicher nicht auf meinem Blog darüber berichten, sondern hätte mich längst vertrauensvoll an den Strafverteidiger in meinem Bekanntenkreis gewendet. Vielleicht, so überlege ich auf den Stufen sitzend, sollte ich das präventiv dennoch tun. Der Strafverteidiger, der zugleich ein alter und guter Freund ist, befindet sich auf einem anderen Kontinent und wenn ich dem Tatort glauben darf, dann ist es besonders wichtig schon bei den ersten Verhören einen Anwalt an seiner Seite zu haben. Ich sollte ihm vielleicht die Möglichkeit geben, sich auf den Weg zu machen, damit er da ist, wenn es nötig ist. Mord wäre es nicht. Herr Krüger lebt ja noch. Aber versuchter Mord vielleicht schon. Es glaubt einem ja keiner, dass man einen massiven 30 Zentimeter großen Porzellan Gartenzwerg versehentlich vom zweiten Stock aus, auf die Straße schleudert.

Ich habe ihn nicht geschleudert. Ich bin ja nicht bescheuert. Mir ist durchaus klar, dass schwere Gegenstände die von großer Höhe auf vorüber eilende Passanten geworfen werden, eine Gefahr darstellen. Ich weiß das noch aus meiner Kindheit. Gegenstände werden nur aus dem Erdgeschoss auf die Straße geworfen. Das weiß man. Ich auch. Und trotzdem. Und, frage ich meinen Nachbarn Paul, als er aus der Wohnung von Herrn Krüger kommt. Passt, sagt der und sieht mich ernst an. Ich spinne sagt er und geht Kopfschüttelnd an mir vorbei. Das Karma atmet eisig in meinen Nacken und ich bleibe weiter auf den Stufen sitzen, als hätte mich Paul darum gebeten, damit ich noch ein bisschen über meine Schandtaten nachdenken könne. Selbst Hasso, der Schäferhund von Herrn Krüger, bleibt heute vor der Türe liegen und legt keinen Wert auf Streicheleinheiten von der Frau, die sein Herrchen fast um die Ecke gebracht hätte. Nicht Paul, eher mein Karma, sagt mir, dass ich sitzen bleiben soll. Bewegungslos im Treppenhaus, da könne ich – so hofft es – nichts anstellen.

Vom Frühjahrsputz halte ich persönlich wenig. Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, dann verbringe ich meine Zeit ganz sicher nicht mit Putzen. Ich verschiebe so etwas gerne in den späten Herbst. Macht auch viel mehr Spaß den Balkon zu schrubben, wenn die Spinnen unter den Holzfliesen bereits erfroren sind und man nicht Gefahr läuft von Ihnen angegriffen zu werden. Irgendeine spirituelle Macht sieht das auch so und brüllt mir seit einer Woche ins Ohr, dass ich meinen Hintern hochbekommen soll und doch bitte endlich die Dinge, die ich seit 4 bis 14 Monaten aufgeschoben habe, in Angriff nehmen muss. Weil ich grundsätzlich nicht reagiere wenn man mich anbrüllt, reagiere ich auch auf die Stimme es universellen Karmas nicht sofort und verweigere, mit Hinweis auf noch immer milde Tage, erst einmal sämtliche Aufräumarbeiten. Inklusive derer die mich betreffen. Ich müsste wirklich dringend zum Frisör aber man spart sich wirklich viel Geld, wenn man Besucher  im Halbdunkel empfängt und vor einer Lesung einen Artikel über einen Krankenhaus Besucht veröffentlicht. Einen rausgewachsenen Ansatz kann man dann mit einem geraunten „die Allergene….man weiß ja noch nichts genaues“ entschuldigen.  Meiner spirituellen Gouvernante sind meine Haare im Moment noch egal. Die konzentriert sich auf meine Wohnung und nervt mich seit ein paar Tagen mit dem Hinweis, dass man im Bad auch mal die Ecken putzen sollte, die man nicht sieht, die aber vorhanden sind. Seit sieben Jahren vorhanden sind und seit sieben Jahren nicht näher angesehen wurden. Warum auch? Ich bin da pragmatisch. Was ich nicht sehe, existiert nicht.

Erstaunlich wie schnell Dinge sichtbar werden, wenn sie einem entgegen schwimmen. Meine Badmöbel sind eigentlich Nichtschwimmer. Nur wenn man empfindliche Wäsche per Hand im Waschbecken einweicht und vergisst den Wasserhahn abzudrehen bevor man im Keller nach der Weihnachtsbeleuchtung sucht und Bad und Flur unter Wasser setzt, dann schwimmen sie. Und ich springe. Runter zu Herrn Krüger und läute Sturm um zu erfragen, ob er jetzt einen Wasserschaden hätte. Er sagt nichts, weil er zu Frauen nie etwas sagt, aber er schaut sehr verzweifelt. Ob das daran liegt, weil eine Frau vor ihm steht oder weil Wasser von seiner Decke tropft kann ich nicht sagen. Ich kann ihm aber sagen, dass er mich doch bitte nicht so verzweifelt ansehen soll, ich trachte ihm schließlich nicht nach dem Leben sondern…. er schlägt mir die Türe vor der Nase zu. Mein Karma schickt mich aufwischen und ich bin brav. So brav, dass ich am nächsten Tag auch endlich den Balkon winterfest mache. Meine Blumenstöcke sind so ausgedorrt, dass ich sie schwungvoll mitsamt des Erdballens aus den Kästen reißen kann. Dass sich zwischen den wuchernden Studentenblumen mein Gartenzwerg befand hatte ich übersehen. Den schleuderte ich – schwungvoll und ohne Erdballen – ebenfalls raus. Raus und auf die Straße unter mir. Auf den Lenker von Herrn Krügers Fahrrad. Der befand sich etwa 30 Zentimeter von seinem Kopf entfernt und hätte ich 0,001 Sekunden später geschleudert oder hätte der 1 Kilo schwere Gartenzwerg 1,002 Kilo gewogen und wäre schneller gefallen, dann…

Ich will nicht dran denken und gehe zu Hasso, der wie so oft vor statt in der Wohnung seines Herrchens liegt. Bei ihm entschuldige ich mich und kraule ihn so lange hinter dem Ohr, bis er mir doch halbwegs versöhnt, wieder die Hand abschleckt. Herrn Krüger wollte ich Pralinen schenken. Paul hat es mir verboten. Ich soll ihn einfach in Ruhe lassen. Nicht ansehen, nicht ansprechen und bitte, das wäre besonders wichtig, auch nicht erschlagen.

Vielleicht noch eines ganz im Ernst. Sichern Sie ihre Blumentöpfe und Sonnenschirme am Balkon. Mir ist latent schlecht, wenn ich an das große Glück denke, dass ich und vor allem mein Nachbar hatten.

26 Gedanken zu “Karma im Nacken

  1. Liebe Mitzi!

    Ich kann Herrn Krüger nicht so genau einschätzen, aber ich würde es dennoch mit Pralinen versuchen. Wer weiß, vielleicht taut dann der knapp dem Tode Entronnene erst richtig auf. Man kommt ja durch die unglaublichsten Zufälle zu den schönsten Gesprächen.
    Aber eines ist jedenfalls sicher: der liebe Pumuckl hätte sich ganz bestimmt über den zertrümmerten Gartenzwerg gefreut 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, wenigstens dem Kobold hätte ich eine Freude gemacht.
      Herrn Krüger würde ich gerne näher kennen lernen oder zumindest versichern, dass er nichts zu befürchten hat. Aber hier hat Paul wohl ausnahmsweise recht….der Mann braucht seine Ruhe.

      Herzliche Grüße

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  2. Was ist eigentlich los? Zwei Damen, die ich aus meinem WordPress-Reader als hochanständige Personen kenne, scheinen mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Was darf man Blognachbarinnen eigentlich ins Gefängnis mitbringen oder schicken? Ansonsten bin ich mir nicht sicher, ob ich lieber Pauls oder Mallybeaus Rat annehmen würde.

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    1. Verschrei es nicht. Bei aller Komik die sich blöd anstellen mitbringt, mein Herz ist stehen geblieben als es schepperte.
      Ich schreib vermutlich so flappsig, weil mir ganz schlecht wird, wenn ich dran denke, was hätte passieren können.
      Ich werde mich ohne Pralinen schriftlich entschuldigen. Das dürfte ok sein.

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      1. Ich glaube, dass recht viel von den Balkonen fällt. Meistens ist es einfach Glück. Ich hab mich auch wegen der Dummheit geärgert. Meine Freundin schimpf ich wegen ihrer wackligen Töpfe am Balkon und ich schmeiß… nicht mehr dran denken.

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      2. … ich hoffe mal , das Herr Krüger nicht denkt du bist scharf auf seine Wohnung Mitzi… also ich würde Weinbrandpralinen mit in den Briefumschlag legen… mit Blumen im Haar lebt es sich leichter *Hibiskusblüte rüberreiche* Aloha

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      3. Hihi, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber nein, die ist ja mit der meinen identisch und liegt direkt über der Kneipe. Da ist mir der zweite Stock schon lieber.
        Alkohol, Herr Krüger und Hasso – das lasse ich lieber. Am Ende frisst der Hund die Pralinen noch – die dürfen doch keine Schokolade.

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  3. Heijei, liebe Mitze, das Leben ist aber auch ein Abenteuer! Und Gartenzwerge sollte man einfach nicht unterschätzen und Herr Krüger, tja, der Arme …
    lachende Grüße, Ulli, die glaubt, dass dein Karmakonto richtig gut ausschaut, bei der Freude, die du verbreitest!

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  4. meine eltern hatten mal einen nachbarn, der aufgrund psychischer probleme oft draußen geschlafen hat, weil er es drinnen nicht ausgehalten hat. er hatte eine wohnung mit kleinem garten und hat dann dort auf einer klappliege mit schlafsack übernachtet, direkt unter dem schlafzimmerbalkon meiner eltern. ich weiß nicht mehr genau, wie es sich zugetragen hat, ob es schnee war oder ein sturm, jedenfalls sind die blumenkistl meiner eltern aus der verankerung gerissen und auf die terrasse unter uns geknallt – in etwa 20cm neben den dann nicht mehr sehr friedlich schlafenden nachbarn. ich kriege heute noch herzrasen, wenn ich dran denke, wie knapp das war. die kistl waren voll und hatten mit der erste um die 7kg…
    ich fühle also mit dir und bin mit dir erleichtert, dass nichts passiert ist. was ein sehr sehr unterhaltsamer wunderbarer text ist, der mir meinen ersten schneemontag der saison noch etwas erhellt hat, hätte echt böse konsequenzen haben können. da war wohl der ein oder andere schutzengel (gartenzwerg?) unterwegs.

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    1. Ach du meine Güte! Das klingt wirklich ähnlich und ich kann mir gut vorstellen, dass man auch Jahre später gar nicht dran denken möchte. Wie du sagst, es braucht einen Schutzengel. Und wie wahrscheinlich deine Eltern auch, hab ich daraus gelernt. Gartenzwerge nur noch auf dem Rasen und Blumenkistln so, dass auch ein Orkan sie nicht runter hauen kann.

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  5. Liebe Mitzi,
    Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen machen!
    Selbst wenn Sie jemanden mit dem Gartenzwerg erschlagen hätten, würden Sie niemals wegen Mordes verurteilt!
    Man müsste dem Richter nur sagen, er solle mal ein wenig in ihrem Blog lesen, dann wüsste er Bescheid.
    Er würde SIE freisprechen, den Gartenzwerg in die Verbannung schicken (dort wo er hingehört!) und vermutlich jemanden abstellen, der darauf achtet, dass Sie weder Sanitärarbeiten ausführen (Waschbecken, Heizkörper usw) noch Balkonkastenpflege ohne einen professionellen Pflegedienst ausführen.
    Es ist für die Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung einfach sicherer, wenn Sie in der Zeit etwas schreiben. Auch wenn wir weiter Entfernten dann auf die ein oder andere Sensation verzichten müssen, die aus München berichtet wird. Das nehmen wir dann mal in Kauf! 😉

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      es freut mich sehr, dass Sie sich solche Mühe geben (oder nein, Mühe geben Sie sich vermutlich nicht, denn ich glaube, dass Sie das Herz auf der Zunge tragen….ich sage lieber, dass Sie so gut von mir denken). Es stimmt ja auch. Vorsätzlich möchte ich niemanden schaden und am wenigsten einem, der eh schon einen Schaden hat.
      Ich beherzige Ihren Rat und halte mich künftig von allen Gefahrenquellen fern. Die Kinder in meiner Familie erlernen alle feine Berufe und werden mich bei all den Tätigkeiten unterstützen. Ich besteche sie einfach ein wenig ;).
      Herzliche Grüße
      Mitzi – ganz brav am Schreiben.

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