Ran an den Speck U-Bahn Gedanken

Wir sind zu fett. Sie vielleicht nicht, aber die Deutschen in ihrer Gesamtheit. Wir sind zu mopsig und das ist ein Problem. Eines, das Politik und Krankenkassen seit Jahren in den Griff zu bekommen versuchen. Erfolglos, wenn ich mir die Hinterteile meiner Sitznachbarn im Bus so anschaue. Kein Wunder also, dass man sich prominente Unterstützung sucht. Nachdem Heidi Klum kläglich versagte und ihr Engagement nur zu Frustessen oder Suzidversuchen minderjähriger Mädchen führte, versucht man es nun mit einem etwas seriöseren Partner und hat die Deutschen Bahn auf den Speck der Bürger ansetzt. Die kennen sich mit schweren Fällen aus und haben versprochen künftig Gitter an den Gleisen anzubringen und so pünktlich zu sein, dass Fressattacken aus Langeweile der Vergangenheit angehören. Ein erster Feldversuch wird seit Freitag am Münchner S-Bahnhof Harras durchgeführt.

Sportlich wirken die knapp zweihundert Fahrgäste, die gegen acht Uhr morgens am Harras auf die S-Bahn warten, wirklich nicht. Keiner läuft fröhlich lachend und mit federnden Schritten über den Bahnsteig. Die Münchner schlurfen und mit schlurfen sind dem Winterspeck, wie man weiß, Tür und Tor geöffnet. Man muss Bewegung in den Haufen bringen und das kann die Bahn, die für die Münchner S-Bahnen zuständig ist, besser als jeder andere. Da reicht eine einzige Durchsage. „Die S 7 Richtung Hauptbahnhof verspätet sich um 20 Minuten.“ Ein absolut banaler Satz. Aber die Wirkung, die hat es in sich. Die Hälfte der Fahrgäste hat am morgen den Wecker fünf Mal um fünf Minuten nach vorne gestellt und ist so spät dran, dass 20 Minuten S-Bahn Verspätung bedeuten, dass sie 30 Minuten zu spät in die Arbeit kommen. Ein Drittel ist minderjährig und überlegt panisch wie sie den Lehrern und im nächsten Schritt den Eltern erklären sollen, dass sie die erste S-Bahn verpasst haben, weil sie noch heimlich zu fünft eine Zigarette geraucht haben. Ein gutes Duzend trägt noch offene Schuhe und weiß, dass weiter 20 Minuten bei 2 Grad ein Garant für eine gepflegte Erkältung sind, ein weiteres Duzend muss zum Flughafen und war blöd genug sich auf die Pünktlichkeit der Münchner S-Bahnen zu verlassen und der Rest, der beginnt zu rennen, weil es alle anderen tun.

Sie rennen nach unten. Die Treppe runter zur U-Bahn, die man ersatzweise, wenn man vier Mal umsteigt, auch nehmen kann um in Schule, Büro oder am Flughafen anzukommen. Drei Treppen runter, einen Bahnsteig entlang – im Slalom, weil da natürlich auch schon ca. einhundert Pendler rumstehen – hinten die Treppe wieder hoch und das an noch drei weiteren Bahnhöfen. Das ist Intervalltraining vom Feinsten. Mit einem solchen Druck, trainiert man doch nicht im Fitnessstudio. Da hat man nix zu verlieren. Aber hier, früh morgens, da geht es um versäumte Schulaufgaben, Flüge und Abmahnungen. Das ganze funktioniert natürlich nur, wenn man die Rolltreppen abstellt, was die Münchner MVG präventiv sehr gerne tun. Natürlich nur, weil sie es gut mit uns meinen. Cardio in Verbindung mit Geschicklichkeits- und Balanceübungen, für all diejenigen die einen Kaffeebecher in, oder ein Kind an der Hand halten. Manche springen sogar – über Hundeleinen und um Almosen bettelnde Menschen. Da geht der Puls hoch. Da friert keiner mehr und Zeit sich beim Bäcker eine Nussschnecke zu kaufen hat auch keiner. Die Bahn, die hat es drauf.

Ich hab mich am Gerenne nicht beteiligt. Zum einen weil ich gertenschlank und topfit bin und zum anderen, weil mir Bus und U-Bahn nichts bringen – ich brauche die S 7. So war ich am Freitag auch überrascht, dass die Bahn überpünktlich doch noch gekommen ist. Auch am Montag, obwohl da wieder die Durchsage mit der zwanzig minütigen Verspätung kam. Heute wollte ich es wissen. Ich habe mich warm eingepackt, meine einen Liter fassende Thermoskanne mit Kaffee gefüllt und gewartet. Die wundersam pünktliche S-Bahn habe ich durchfahren lassen und auf die nächste gewartet. Auch die, so sagte man, würde zwanzig Minuten später kommen und die darauffolgende auch. Merken Sie was? Die im Zwanzig-Minuten-Takt fahrenden S-Bahnen hatten alle genau zwanzig Minuten Verspätung. Chapeau, Deutsche Bahn, ihr habt es wirklich drauf.

20 Gedanken zu “Ran an den Speck U-Bahn Gedanken

  1. Versteh ich jetzt nicht. Wenn die im Zwanzig-Minuten-Takt fahrenden S-Bahnen genau zwanzig Minuten Verspätung haben, dann kommen sie doch auf die Minute pünktlich an … bloß die Zugnummern, falls es diese gibt, stimmt nicht mit der zu erwartenden überein … 😉

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  2. Als ich noch täglich von Moosburg nach Freising mit dem Zug zur Arbeit fahren musste, fielen die Züge oft ganz aus. Hatte man wenigstens nichts „versäumt“. 😉
    Und seit mehreren Jahren bereits wird darüber diskutiert, die S-Bahn von Freising nach Moosburg zu verlängern. Beides ist ja noch MVV-Bereich…

    Liebe Grüße, Werner 🙂

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  3. Mitzi, ich kenne da noch ein anderes „Spielchen“, das die Bundesbahn bei den wenigen Malen, an denen ich sie in Anspruch nehme,gern schon mal gespielt hat.
    Kurz vor Einfahrt des Zuges wird durchgesagt, dass sich die Wagenreihung geändert hat. Der Wagen 10 ist unmittelbar hinter der Lokomotive und der Wagen 1 am Ende des Zuges.
    Lautsprecherdurchsagen weigern sich meine Ohren zu verstehen – mit Recht 🙂
    Hätte man das nicht auf den Anzeigern darstellen können???
    Nein, wie wild und wahnsinnig hasten alle Leute ans andere Ende des Bahnsteigs und behindern sich so gut, wie es eben geht :-).
    Fazit: Immer einen Platz in der Mitte des Zuges buchen, da musste nicht wechseln oder nur geringfügig.
    Schönen Tag für dich!

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  4. Griaß di, Mitzi!

    Du, zuafällig hood ma d’Moosederin gestan auf da Treppn vazoid,
    dass‘ letzte Wocha beim Viktualienmarkt Katoffen und Würschtl
    einkafd hood und mied da Trambahn wieda hoamfahn woit.
    Danna kimmt de ned und kimmt ned. De andern Leid hom scho
    grantig gschaugt und gweddad, weil de sonst imma kimmt.
    A kloana frecha Bua hods dann a no an Orsch einezwickt.
    „De Kinda san a so vazoong. Friaha häda a gscheide Waatschn
    von da Muada griagt, aba de hod bloß ins Häändi gschaugt“,
    hoods gsagt. Auf jädn Foi is de Tram einfach ned kema und
    biesln häds a miassn. Danna hood a no a so debbada Dackl oiwei
    an ihra Taschn rummagschnuppad, weila d’Würschtl g’rocha hood.
    Schpäda is danna rauskemma, daass ajämand an herrnlosn
    Rucksoogg in da Tram mitm Häandi da Bolizei gmeid hood und
    desweng danna de Tram fast a hoibe Schtund gschtanna is.
    Im Rucksoogg homs koa Bombm gfunna, aba zwoa Lebakaassemmen
    und an Schpäze. „A so a Gschiess wega an Lebakaas! Greizgruzefünfal!“,
    hod ma d’Moosederin no naufplärrt, wias schon fast untn im Kella war.

    Wos ois so gibt in dera Woid, Mitzi..;-)

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  5. Da bin ich tatsächlich recht verwöhn,t unsere U-Bahnen haben sehr selten Verspätung. Nur baut der HVV momentan alle Haltestellen auf barrierefrei um. Eine tolle Sache keine Frage, aber deshalb gibt es ständig Bus-Ersatzverkehr und meine Güte… Nachts um 12 Uhr, will man echt nicht mit dem Bus durch die Vorstadtpampa, insofern überhaupt noch einer fährt.

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