Ferienpass für Paul

In unserem Haus ist es still geworden. Sommer still. Während der großen Ferien ist gut die Hälfte der Bewohner ausgeflogen. Die Studenten sind nach den Prüfungen in ihre Heimatstädte gefahren und die Familien haben Koffer und Kinder in das Auto gestopft und haben sich Richtung Süden aufgemacht. Auch ein Großteil derer, die nicht auf die Sommerferien angewiesen sind, nutzten die Hochsaison um zu verreisen. Sie machen es, weil sie schon als Kind mit ihren Eltern im August in den Urlaub gefahren sind und man sich nur schwer von langjährigen Traditionen trennen kann. Paul und ich nicht. Wir sind daheim geblieben und haben das Haus fast für uns. Ein Zustand der mehr als ungewöhnlich ist. Die Maschinen im Waschkeller sind nicht besetzt, die Altpapiertonne quillt nicht über und der Aufzug fährt in den vierten Stock, ohne auch nur einmal für andere Bewohner anzuhalten. Fast schon unheimlich, gestehe ich Paul, als wir uns im Waschkeller treffen und unsere Maschinen füllen. Er lacht mich aus, nickt aber. Viel zu still sei es, beschwert er sich. Für eine solche Ruhe sei er nicht in die Großstadt gezogen. Gegen plötzliche Ferienbedingte Einsamkeit in der Großstadt empfehle ich ihm einen Gang zur Post. Dort ist die Schlange nicht kürzer geworden. Um den Kunden ein Gefühl der Vertrautheit zu vermitteln, hat man drei der vier vorhandenen Schalter kurzerhand geschlossen und lässt den zuhause gebliebenen Rest in gewohnter Manier schön lange warten. Paul lacht nicht. Die ruhige Stadt nervt ihn.

Später hängt er die einzige in seinem Besitz befindliche Garnitur Bettwäsche in meinem Laubengang  auf. Auch das nervt ihn. Im August steht die Sonne nicht mehr im richtigen Winkel, um die Wäsche bis zum zu Bett gehen durchzutrocknen. Motzend und schlecht gelaunt rückt er meinen Wäscheständer in den Schatten und platziert den seinen vor meinem Küchenfenster. Maulend rückt er ihn einen Meter nach rechts und dann wieder nach links um den idealen Winkel zum Sonnenverlauf zu finden. Je mehr er schimpft umso mehr erinnert er mich an einen achtjährigen Jungen, dessen Eltern ihm zum Ferienbeginn eröffnet haben, dass man dieses Jahr nicht ans Meer fahren könne, sondern zu Hause bleiben müsse. Als wir Kinder waren, bekamen diese armen Exemplare den Ferienpass der Stadt München in die Hand gedrückt. In der ersten Ferienwoche, wenn alle ihre Koffer packten, war das Ding purer Hohn. Aber dann, wenn man sich zusammen rottete,  dann wurden es meist besonders schöne Ferien in denen man die Angebote der Stadt gerne nutzte. Paul weiß das nur noch nicht, denn er hockt nun, maulende Selbstgespräche führend, vor meiner Tür und beobachtet die Laken beim trocknen. Nach einer halben Stunde reicht es mir. Die schlechte Laune meines Nachbarn schwappt durch die offenen Fenster bis auf meinem Balkon und verdirbt mir den Sonntag. Los, fordere ich ihn auf, wir gehen raus. Ich will sehen ob die Isarauen wirklich durch die Öffnung des Sylvenstein Speichers überschwemmt sind. Er nennt mich Katastrophentouristin, steht aber auf.

Mit Paul, der stumm und verstockt hinter mir her radelt, weiß ich nun wie sich meine Eltern fühlten, wenn sie versuchten mich für einen Ausflug zu begeistern. Zum Glück bin ich nicht seine Mutter. Ohne pädagogische Verpflichtung, kann ich seine Laune ohne schlechtes Gewissen mit Alkohol aufbessern. Mit zwei Bier in der Hand setze ich mich neben ihm auf die Brücke am Flaucher. Angesichts der Wassermassen schnalzt Paul beeindruckt mit der Zunge ist aber noch immer verstimmt. Das äußert sich in der etwas zu laut gestellten Frage, warum sich an der Isar eigentlich überwiegend die Menschen komplett ausziehen, die man nun wirklich nicht nackt sehen möchte. Zwei etwa fünfzig Jahre alte Freunde der Freikörperkultur heben den Kopf und zeigen sich bereit die Frage mit Paul auszudiskutieren. Bevor sie die Treppen zur Brücke erreichen, hauen wir ab. Das erste Mal an diesem Tag lacht mein Nachbar und ich schlage ihm vor, doch auch noch die nackten Frauen am nächsten Steg zu beleidigen. Vehement schüttelt er den Kopf. Wenn er eines in den letzten fünfundzwanzig Jahren gelernt hätte, dann, dass es wenig gefährlicheres gäbe, als sich über den Körper einer Frau zu äußern. Diese Einsicht hält ihn jedoch nicht davon ab, den sonnenbadenden Frauen ein breites Grinsen zuzuwerfen. Es ist ein wenig zu breit, um als höflich gelten zu können. Langsam läuft Paul zu altbekannter Form auf. Im Biergarten beleidigt er eine junge Frau, indem er ihren Hund, zerzauste Ratte nennt und flirtet ungeniert so lange mit Kassiererin, bis die ihm eine Breze aus der Trinkgeldkasse spendiert, weil wir nicht genügend Geld dabei haben.

Kaum zu glauben, dass Paul, der seit Jahren in Giesing wohnt, noch nie bei Sonnenuntergang am Grünspitz saß. Verächtlich nennt er das Areal auf dem früher ein Autohändler beheimatet war, ein wenig „assi und schäbig“ und ich frage mich was er erwartet – auf den ersten Blick ist das ganz Giesing. Zum Glück, denn es hält uns die Schwabinger und Haidhausener vom Hals. Am Nachmittag nachdem wir Geld geholt haben, sitzen wir dort und teilen uns eine, mit dem letzten Euro gekaufte, Kugel Eis. Am Grünspitz weiß man nie, was einen erwartet. Auch das typisch Giesing. Heute eine Band aus Schweden, eine Handvoll verkaterter Sechziger Fans und Eltern mit Kindern, die keine Lust haben die Angebote des Ferienpasses zu nutzen.

Zu Hause angekommen schicke ich mein vormals schmollendes Ferienkind in seine Wohnung um zu duschen. Später darf er mit einer Flasche kaltem Rose noch einmal kommen. Bis dahin sollte auch seine Wäsche trocken sein. Auf dem Ständer liegt ein Zettel, der mich darauf aufmerksam macht, dass der Laubengang doch bitte frei zu halten sei. Frau Obst hatte ich ganz vergessen. Die ist natürlich auch nicht in Urlaub gefahren und hat ein Auge auf den kläglichen Rest der Hausbewohner. Ein Glas Rose werden wir ihr anbieten und froh sein, wenn sie ablehnt. Frau Obst ist auch im hohen Alter noch das Kind mit dem niemand spielen möchte.

 

 

21 Gedanken zu “Ferienpass für Paul

  1. Liebe Mitzi!

    Etwas mehr Gesellschaft im Haus? Wenn Paul noch unter der Dusche steht, könnten Sie doch rasch einige Leute auf der Straße zu einer Begutachtung seines Körpers einladen. Mit einem Glas Rose dürfte die Stimmung dann noch steigen. 🙂

    Herzliche Grüße von der ruhigen Alm
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau,
      Sie meinen, ich könnte damit womöglich mein Urlaubsgeld aufbessern? 😉
      Da er (Gottlob) unter seiner eigenen Dusche steht, werden die Nachbarn und ich auf dieses Vergnügen verzichten müssen.
      Stille Grüße und ein Schluck Rose auf Sie.

      Gefällt 2 Personen

      1. An einen Nebenverdienst hatte ich hierbei gar nicht gedacht. Ist aber keine schlechte Idee. Allerdings ist es ja doch immer besser, wenn man mit so schönen Hausgeschichten wie den Ihren auf sich aufmerksam macht, als durch Getratsche über eine Dame, bei der sich unbekleidete Herren begaffen lassen 🙂

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  2. Meines Wissens ist das der erste Mal, dass du von gemeinsamen Aktivitäten mit Paul erzählst, liebe Mitzi. Mir gefällt, dass er einmal Ausgang hatte und etwas Schöneres mit dir erleben konnte, als im Waschkeller herumzustehen. Vielleicht biegst du ihm noch bei, sich besser zu benehmen.

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  3. Liebe Mitzi,
    Stell Dir Paul mal 30 Jahre älter vor – ein grantelnder alter …😂 wenigstens hat er dann schöne Erinnerungen an einen Sommertag mit Mitzi😃. Weißt Du, dass ich mir den Paul immer blond und braungebrannt (so Surfertyp) vorgestellt hab? Aber wenn der fast nie rausgeht, muss ich wohl korrigieren😱
    Hab einen schönen Tag❤️

    Gefällt 1 Person

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