Vor der Arbeit nach Brasilien – U-Bahn Gedanken

Im Zwischengeschoss des Münchner Hauptbahnhofes steht jeden Tag ein alter Mann vor den Rolltreppen nach unten und fragt die vorbei eilenden Menschen nach dem Weg. Wir sind Gewohnheitstiere – er und ich. Er steht und sucht nach jemandem, den er nach dem Weg fragen kann und ich gehe an ihm vorbei, weil er mich noch nie gefragt hat. Jeden Morgen gehe ich in den kleinen Supermarkt und kaufe mir dort einen Apfel. Viel lieber würde ich mir nebenan im Café do Brasil ein Schokoladen Croissant kaufen. Oder eine dick mit Butter bestrichene Brenze. An Montagen am liebsten beides. Ich lasse es, weil der Apfel vernünftiger und gesünder ist. Er ist auch das einzige, das im Rewe nicht noch extra verpackt, drei Monate haltbar oder noch ungesünder als das Croissant ist. An miesen Tagen lasse ich den Apfel weg und stelle mich in die Schlage des Café do Brasil. Auf der Homepage des Bahnhofes heißt es, dass das do Brasil eine Hommage an die Lebensfreude Brasiliens mitten in München ist. Optisch ist das eine glatte Lüge. Es ist auf den ersten Blick genauso trist, wie jede andere Bahnhofsbäckerei. Man muss genau hinsehen um den Mini-Zuckerhut oder das Cristo-Redentor-Gemälde zu bemerken und die grellbunten Accessoires sind nicht wirklich schön. Lebensfreude strahlt es dennoch aus. Genauer gesagt die quirligen Mitarbeiterinnen, die trotz der Hektik des Bahnhofes immer lachen und lächeln. Ob Brasilianerinnen das immer tun, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr glaube ich, dass die Besitzerin ein sehr gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Belegschaft hat. Die Fröhlichkeit der Mitarbeiter des Café do Brasil färbt auf die Schlange wartender Menschen ab. Spätestens wenn man an der Reihe ist und angestrahlt wird, muss man reflexartig selbst lächeln.

Meistens habe ich noch ein Lächeln auf den Lippen, wenn ich an dem Mann vorbei gehe, der die Passanten nach dem Weg fragt. Erst seit kurzem, nach fast fünf Jahren, lächelt er zurück. Ganz flüchtig nur, dann tut er wieder so, als hätte er mich nicht gesehen. Dabei würde ich ihn ganz sicher nicht verraten. Sein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Jeden Morgen sucht er sich Menschen, die er nach dem Weg fragen kann, obwohl er ihn ganz genau kennt. Er muss ins Sperrgeschoss zu den S-Bahnen und dann in die S6 Richtung Tutzing einsteigen. Ich weiß es, weil die S6 immer vor der meinen kommt und ich ihn einsteigen sehe.  Zuvor spricht er erneut Menschen an. Jeden Morgen bittet er sie um einen Kaugummi oder um ein Taschentuch. Irgendetwas fehlt ihm. Er hinkt, sein Gesicht zuckt und beim Sprechen muss er sich sehr konzentrieren. Die wenigen Sätze kommen stockend und einstudiert über seine Lippen, obwohl er sie jeden Tag aufs neue wiederholt. Ich müsste ihn gar nicht mehr ansehen um vor Augen zu haben, wie er Kaugummi und Taschentuch in die Jacke steckt. Der Kaugummi kommt immer in die linke Innentasche, das Tempo in den Umhängebeutel.
Er ist noch viel mehr Gewohnheitstier als ich. Am Bahnsteigt spricht er oft die Personen an, die ihn schon kennen. Vielleicht haben sie, wie ich, seit Jahren Kaugummi und Taschentuch griffbereit, um es ihm zu geben. Man muss es griffbereit haben, denn er wartet nicht gerne und nimmt es lieber im vorbei gehen. Kann man ihm nicht aushelfen, murmelt er so traurig „schade, aber gut“, dass man sich selbst schimpft, nicht daran gedacht zu haben. Ich mag ihn. Viele mögen ihn. Sein kurzes Lächeln und der stockende Dank ist auf andere Art ebenso schön, wie die überschwappende Fröhlichkeit des do Brasil.

Ich weiß nichts über sein Leben, aber es macht mich traurig zu vermuten, dass die wenigen Sätze jeden Morgen den Großteil seiner täglichen Unterhaltungen ausmachen. Umso mehr freut es mich, wenn er es an der Rolltreppe schafft, einen Fremden in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Der Inhalt scheint nicht wichtig zu sein. Viel wichtiger ist ihm, überhaupt zu sprechen, wahrgenommen zu werden und sich für einen kurzen Moment der ganzen Aufmerksamkeit eines anderen sicher sein zu können. Letzte Woche ging bei der S-Bahn gar nichts mehr. Ich stand über eine Stunde am Bahnsteig und neben mir unterhielten sich zwei ältere Damen über den alten Herren, der eben noch um Kaugummi und Taschentuch gebeten hatte. Ich erfuhr, dass er Beppo heißt und seit Jahren bekannt ist. Mit der S6 fährt er nur eine Station bis zur Hackerbrücke. Dann fährt er zurück, dreht eine weitere Runde am Hauptbahnhof und fährt mit der nächsten 6er wieder eine Station. Den ganzen Vormittag, bis er mittags die Kaugummis im Café do Brasil gegen einen Kaffee und eine Breze eintauscht. Tauschen, das ist ihm wichtig, erzählen sie sich. Dann sitzt er einige Zeit auf der Bank, trinkt, isst und beobachtet ganz ruhig die hektischen Menschen. Das hat er sich verdient. Er hat seine Arbeit für heute ja getan.

Der Anblick Beppos macht mich jetzt nicht mehr ganz so traurig. Vielleicht hat er weit mehr Ansprache als einige andere alte Menschen, die ihre Vormittage vor dem Fernseher verbringen. Sicher ist jedenfalls, dass es wenige Rentner gibt, die von so vielen vermisst werden, wenn man sie morgens nicht sieht. Ich muss jetzt noch mal los. Mir sind die Kaugummis ausgegangen.

 

22 Gedanken zu “Vor der Arbeit nach Brasilien – U-Bahn Gedanken

  1. Nun habe ich überlegt. Ich war vor dem Jahreswechsel und am 6. Januar am Münchner Hauptbahnhof und hatte jedes Mal über eine Stunde Aufenthalt. Ich bin dort herumgegangen, aber ich kann ihn nicht gesehen haben, an den Rolltreppen. Ich war zu spät dort. Wie schön, wenn er es so schafft ins Gespräch zu kommen. Das stelle ich mir enorm hart vor – für mich zumindest. Ich weiß nicht was schwerer ist, das Aushalten mit niemandem zu sprechen oder hinauszugehen…
    Liebe Mitzi, nun habe ich wieder einen kräftigen Denkanschubser erhalten – danke!

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

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    1. Vielleicht begegnest du ihm einmal. Oder einem anderen, der ähnlich durch eine Stadt streift.
      Ich hoffe für uns beide, dass wir nicht erfahren werden, wie es ist, niemanden zum sprechen zu haben.
      Liebe Grüße zu den schönen Silben

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  2. Bei vielen deiner Texte kann ich förmlich das Geräusch des Zeichenstifts auf dem Papier hören. Porträts und Stimmungsbilder – scheinbar flüchtig skizziert – zeigen doch viel Liebe zu feinen Schattierungen und Details. Am Ende bin ich jeweils etwas überrascht, dass deine Beiträge ’nur‘ aus Text bestehen (’nur‘ ist aus dem Blickwinkel des zuvor Gesagten natürlich ganz und gar nicht so unverschämt wie es auf den ersten Blick wirken mag).
    Vielleicht ist die triste Optik des Café do Brasil eine Hommage an die Slums in brasilianischen Städten? Oder vielleicht ist es ein Trick – ein Kontrast, der die quirligen Mitarbeiterinnen desto fröhlicher wirken lässt? (Vor allem, wenn sie hin und wieder vielleicht gar keinen Grund zur Fröhlichkeit haben, müssen sie wenigstens nicht auch noch gegen eine erbarmungslos fröhlichkeitsausstrahlende Umgebung ankämpfen.)

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    1. Nur aus Text, ist in diesem Zusammenhang ein Kompliment, das mich sehr berührt. Heißt es doch, dass ich es wohl schaffe, die Bilder in meinem Kopf so in Worte zu fassen, dass sie in anderen Köpfen ebenfalls erscheinen.
      Ein Kontrast ist die schlichte Zweckmäßigkeit des Cafés mit seinen darin stehenden Personen sicher. Ich denke mittlerweile, dass es auch gar nicht mehr braucht. Gutes Backwerk, ein liebes Wort und ein strahlendes Lächeln – das reicht um vielen Menschen einen guten Start in den Tag zu ermöglichen. Die Damen dürfen auch ruhig mal grummlig oder genervt sein. Da menschelt es so sehr, dass sie das nur noch sympathischer macht.
      Liebe Grüße und danke!

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      1. Das ist ja durchaus nicht der erste Beitrag, bei dem dieser Eindruck entsteht. Es ähnelt für mich wirklich am ehesten einer guten Zeichnung. Nicht zu viele Striche – aber doch so viele, dass fein schattiert und facettiert wird. Nicht Objektivität vorgaukelnd – aber auch nicht zudringlich subjektiv. Man wird zwar irgendwie in die ‚Sache‘ hineingezogen, aber nicht darin verstrickt. Es bleibt Raum für das eigene Vorstellungsvermögen und auch für eine (vielleicht für beide Seiten willkommene) gewisse Distanz. Speziell.

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      2. Sollte ich in diesem Leben ein Buch schreiben, dann packe ich mir das auf den Klappentext.
        Im Ernst…ich danke dir für diese Beschreibung, die mich unglaublich freut und glücklich macht. Es macht mir große Freude, dich „reinziehen“ zu können und dich ein Stück weit mitzunehmen.

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      3. Wäre das erste Satzzeichen in deinem Kommentar ein Fragezeichen, würde meine Antwort ‚ja‘ lauten. 🙂
        Und es freut mich sehr, wenn meine Beschreibung bei dir einen idealen Landeplatz gefunden hat. 😀
        [Ich lasse mich gerne weiterhin reinziehen]

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  3. Finde ich toll, dass man im Café do Brasil einen Imbiss auch in Kaugummiwährung bezahlen kann. Solche Geschäfte mit flexiblem Zahlungsmodell sind sehr selten geworden in unserer Zeit. (Und dann auch noch am Hauptbahnhof in München! Respekt, die Besitzerin hat wohl nicht nur ein sehr gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Belegschaft sondern auch beim Aufstellen der Hausordnung. Aber wahrscheinlich bedingt ja das Eine auch das Andere: Für die Mitarbeiter ist es bestimmt bereichernd, wenn sie Kunden wie den Beppo bedienen können statt ihn – auf das Hausrecht pochend – jedesmal vor die Tür setzen zu müssen, weil er nur Kaugummis statt Münzen in der Tasche hat.)

    Eine schöne Münch’ner G’schichte!

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    1. Ich hoffe es stimmt, dass er dort täglich etwas mit dieser ungewöhnlichen Währung bezahlen kann. Ich kann´s mir aber ganz gut vorstellen. Ein Kaffee und eine Breze wird ihnen nicht weh tun. Das Gefühl jemandem etwas Gutes zu tun ist ja auch einiges Wert.
      Dank´schön.

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  4. Als ich mit der S-Bahn täglich zur Arbeit fuhr, lernte ich Udo kennen. Udo war ein junger etwas zu dicker Mann. Den meisten war er unheimlich und vorallem laestig. Zu mal er jeden Tag die gleichen
    Fragen stellte. Mit einer Freundlichkeit stellte er die
    Frage “ Gehst du zur Arbeit?“ Ja, ich gehe zur Arbeit antwortete ich. Darauf Udo: Udo auch!
    Manche Menschen brauchen ihre taeglichen Rhytmus. Wir doch auch.Nur etwas anders als Udo. Ich fand, das er taeglich freundlich und gut gelaunt war. Auf jeden Fall ein Laecheln hat er mir immer aufs Gesicht gezaubert. Ich gab Udo immer die Hand.Du solltest Kaugummi immer in der Tasche haben. Aber das Wichtigste ist wohl nicht wegschauen.

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    1. Da hast du recht.
      Das wegschauen, nur damit einen niemand anspricht oder lästig werden könnte, ist traurig. Was verschenkt man sich schon, bei einem so kurzen Dialog. Manche Gespräche werden länger und sind anstrengend. Aber wer weiß, wie wir irgendwann in der S-Bahn sitzen und die Leute mit unseren Geschichten nerven.
      Dass du ihm die Hand gegeben hast, ist schön. Die kleine Geste hat ihm sicher gefallen.

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  5. Hmmmm… ich würde auch gerne tauschen. Ob die wiederrum eine Brezel gegen Kaugummis zurücktauschen?

    Beppo, ach man… Jetzt will ich wieder Momo lesen. Hat man ihm den Namen gegeben oder ist es sein Geburtsname?

    Hier in Hamburg wäre man glaube ich, allerdings nicht so geduldig….

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    1. Das wäre ein tolles Geschäft. Du müsstest die Kaugummis nur ein bisschen abwaschen und jeder hätte etwas davon ;).
      Mensch ja, Momo. Das muss ich auch mal wieder lesen. Ich glaube, sie sagten, dass er so heißt. Vielleicht sprach eine von ihnen mal länger mit ihm.

      München ist auch ungeduldig. Beppo hat einen guten Instinkt wen er anspricht. An manchen Tagen habe ich es fasziniert beobachtet.

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