Corona Homeoffice XXIX

Wussten Sie, dass man die Stimmung eines Menschen ganz wunderbar an der Art, wie er einen Karton zerkleinert, ablesen kann? Wenn Sie einmal darauf achten, dann werden Sie mir Recht geben. Mein Nachbar Paul, zerreißt die Pappe an diesem Morgen akribisch und sehr konzentriert. Entfernt das Klebeband und das Adressetikett, um beides im Restmüll zu entsorgen, faltet den sperrigen Karton sorgfältig und schiebt ihn platzsparend in die hintere, rechte Ecke der Papiertonne. Paul ist an diesem Sonntagmorgen zutiefst gelangweilt und zugleich fest entschlossen, sich der Langweile nicht hinzugeben. In Bewegung bleiben. Etwas das geistig, nach nun zwölf Corona-Monaten in einem Ein-Personen-Haushalt schwierig wird, körperlich aber nach wie vor möglich ist. Wir alle, hier in meinem Haus, treffen uns mit ausgewählten, meist immer gleichen, Freunden – viel weniger als noch vor einem Jahr, aber immerhin. Wir hatten die Corona-Pause im Sommer als angenehm und wichtig empfunden, helfen uns gegenseitig mit den Kindern und genießen unsere Treppenhaus-Unterhaltungen, den Ratsch von Balkon zu Balkon und wissen, dass es nicht wenigen während der Pandemie weit schlechter als uns geht. Und doch – es beginnt anstrengend zu werden. Weniger wegen fehlender Fernreisen oder ausufernden Festen. Auch nicht wegen Masken oder rausgewachsenen Haarschnitten. Es sind die Kleinigkeiten, die uns jetzt nach einem Jahr mürbe machen. Ohne nachzudenken mehr als einen Freund einladen, sich beim Griechen ums Eck überraschen zu lassen, welche Nachbarn bereits im Garten sitzen und nicht zuletzt jene Freunde zu sehen, die dummerweise in einem Land wohnen, an dessen Grenzen wir vor einem Jahr kaum noch dachten. Nach einem Corona Jahr, das gut überstanden wurde, sich aber doch in den Knochen festgesetzt hat, zerkleinert man einen Karton dann so wie Paul. Inmitten der zweiten (oder dritten…wer weiß das schon) Welle, hat man die Muse es ordentlich zu machen.  Weiterlesen