Sehnsuchts Orte

Es gibt Orte, nach denen man sich ein Leben lang sehnt. Dabei ist es völlig egal, wie oft man sie besucht. Wann immer man an sie denkt, spürt man ein zartes Ziehen im Magen. Schön ist es, wenn die Orte nicht aus der Welt sind und immer die Möglichkeit einer Rückkehr besteht. Dann ist das Ziehen ein wohliges und die Sehnsucht etwas Schönes. Manchmal bezieht sich die Sehnsucht auf ein ganzes Land und wurde durch viele große und kleine Begebenheiten geprägt. Mein Sehnsuchts Ort ist natürlich Italien. Das Land habe ich mir ausgesucht. Ein zweites Land wurde mir schon bei der Geburt mit auf den Weg gegeben. Schuld daran ist Fritz. Weiterlesen

Albtraum gefällig?

Es gibt wenige Menschen, die man mitten in der Nacht anruft. Und es gibt nur einen Menschen, den ich mitten in der Nacht anrufe, weil ich schlecht geträumt habe. Ich bin zu alt um mich von Träumen schrecken zu lassen und zu wenig ängstlich um nicht wieder einzuschlafen. Und doch rief ich vor einigen Wochen spät nachts  den klügsten meiner Freunde an. Seine Stimme klang verschlafen und er fragte nur leise, ob ich vom Wasser geträumt hätte? Seltsam, dass er nach über zwanzig Jahren noch ahnte, dass mich nur ein Traum von Wasser dazu bringen würde, ihn aus dem Schlaf zu reißen. In dieser Nacht verneinte ich und erzählte ihm, dass meine Wohnung im Traum zu einem Bordell umfunktioniert worden war. Anders waren die vielen nackten Asiatinnen, die im Schneidersitz auf meinem Bett, dem Sofa und dem Küchenboden saßen nicht zu erklären gewesen. Auch die ebenfalls asiatische Puffmutter, die unglaublich dick war und Termine vereinbarte passte zu meiner Vermutung, dass man meine Wohnung in ein Freudenhaus verwandelt hatte. Seltsam war, dass es mich nicht störte, da ich nur telefonieren wollte und mit der Puffmutter stritt, weil sie die Leitung blockierte. Ich hörte ihn leise lachen bevor er mich fragte, wo das Wasser gewesen sei. In diesem Traum gab es kein Wasser, aber auch in ihm kam ich an einem Punkt, in dem ich etwas vergleichsweise einfaches tun möchte und es nicht kann. Von der Puffmutter drohte mir keine Gefahr. Als ich im Traum das Telefon in der Hand hatte, scheiterte ich am wählen der Nummer. Immer wieder verwählte ich mich und nie gelang es mir die wenigen Zahlen in der richtigen Reihenfolge einzutippen. So lange bis ich wütend und verstört aufwachte. Normalerweise stehe ich im Traum im Hüfttiefen Wasser und komm nicht von der Stelle. Eigentlich müsse es leicht gehen, man kann sich im Wasser ja gut fortbewegen. In meinen Träumen nicht. Da ist es unendlich anstrengend und meine Beine gehorchen mir nicht. In diesem Traum versagten meine Finger und ich hatte ihn angerufen um mich zu versichern, dass ich noch wählen konnte. Jeder andere hätte mich für verrückt erklärt. Der klügste meiner Freunde, lachte nur leise und wünschte mir eine gute Nacht. Eine Traumlose fügte er an und legte auf.

Seine ganz persönlichen wiederkehrenden Träume hat jeder und meine sind vergleichsweise harmlos. Zum Albtraum werden sie wenn ich im Wasser stehe, nicht von der Stelle komme und spüre, dass es mich langsam auf ein Wehr zutreibt. So wie als Kind, als wir im Mühlbach mit schwammen und ich die vorletzte Leiter verpasste. Die Strömung war viel zu stark um stehen zu bleiben und hinter der letzten Leiter kam die Krämer-Mühle. Deshalb nahmen wir sicherheitshalber immer schon die vorletzte Leiter. Nur an diesem Nachmittag nicht und meine Freunde begannen zu schreien und zu brüllen, dass ich unbedingt die letzte erwischen musste. Ich habe sie locker erreicht. Trotzdem habe ich minutenlang gezittert, als ich aus dem Wasser stieg. Vor der Mühle war ein Gitter, aber wir erzählten uns, dass der Sog des Wassers dort so stark war, dass es einen direkt nach unten zum Wehr zog. Ausprobiert hat es niemand, aber noch heute läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich so ein Wehr sehe. Ein paar Kilometer statt einwärts steht eine weitere, viel kleinere Mühle. Ein Überbleibsel alter Zeiten aber heute noch zur Stromgewinnung genutzt. Als Kind warf ich mit meiner Mutter immer Stöckchen hinein und wir sahen zu wie sie verschwanden. Schon damals empfand ich es als gruselig mir den Wassersog vorzustellen und nicht zu wissen was im Wehr geschah. Geschwommen bin ich dort natürlich nie. Wobei es auch dumm war bei der anderen Mühle zu schwimmen. So dumm, dass man es uns gar nicht erst verbot. Wir hätten es eh nicht geglaubt, schließlich gab es Leitern die zum ein- und aussteigen einluden. Überhaupt hat man uns als Kind das Schwimmen nie verboten. Unsere Eltern setzten gesunden Menschenverstand voraus. Den wir allerdings nicht hatten. Wir liebten die kleinen, harmlosen Wasserwalzen in der Isar. Und die großen unterschätzten wir aus Dummheit und Unwissenheit. Noch heute ertrinken immer wieder Menschen an der Stelle an der wir als Kinder am liebsten badeten. An der Floßrutsche bei der Marienklause oder an den  Wasserrutschen unter der Flaucherbrücke, war es am schönsten sich ins Wasser zu stürzen. Die kleinen Stufen im Flussbett sehen harmlos aus und in all den Jahren hat es von uns niemanden erwischt.  Manchmal sehen meine Freundin und ich uns heute an, wenn wir dort spazieren gehen. Glück, frage ich dann und sie zuckt mit den Schultern, weil sie lieber nicht darüber nachdenken möchte.

Ich kann nicht lange in der Nähe von Wasserkraftwerken stehen. Wenn ich zu lange dort hinsehe wo sich Turbinen, Wehre und Fanggitter befinden, dann spüre ich den Sog an meinen Beinen und habe das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Für meine Albträume brauche ich keinen Traumdeuter. Die Erinnerung an eine ganz normale Kindheit reicht. Eine Kindheit mit viel Glück und die Erinnerung an die starke Strömung an den Beinen – herrlich und gruselig zu gleich. Der klügste meiner Freunde weiß was ich meine. Auch er schwamm als Kind in der Isar an den Stellen, an denen heute Baden-Verboten-Schilder stehen. 

 Nur für diesen Blogartikel bin ich bei der Bäckermühle, bei mir ums Eck stehen geblieben. Und auch nur für das Foto.

Danzt hob i für mei Lebn gern

Meine Großmutter tanzte für ihr Leben gern. Das tat sie bis ins hohe Alter. Selten freilich, weil die Beine nicht mehr so wollten, aber manchmal hat es sie noch gepackt. Um genau zu sein packte sie ihr Enkel. Ein Brackel von einem Kerl. Kräftig genug um die winzige Frau in seinen Armen über das Parkett zu heben und ein so guter Tänzer, dass meine Großmutter nicht widerstehen konnte. Dann staunten die Urenkel und wenn sie erschöpft zurück auf den Stuhl sank. Verlegen hob sie dann die Hände und meinte, dass sie nun wirklich zu alt dafür sei. Aber sie strahlte und in ihren Augen spiegelte sich eine Jugend, die ich nur von Erzählungen kannte. Weiterlesen

Ostsonne

Hätte man mich gefragt ob ich den Sturz der Mauer oder einen Kuss von Hörbie wählen würde, dann hätte ich die Wiedervereinigung verhindert. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich die Teilung Deutschlands akzeptiert und wäre mit 14 Jahren zum am meist bewundertsten Mädchen der Klasse 8b aufgestiegen. Meine politisch engagierte Mutter hätte die Hände über den Kopf zusammen geschlagen und mein Vater hätte, wie damals häufig, an meinem Verstand gezweifelt. Heute bin ich froh, dass ich weder die Wiedervereinigung verhindert habe, noch sonst mit meinem Teenager-Ich den Lauf der Geschichte beeinflussen konnte. Es war ja nur eine hypothetische Frage.  Weiterlesen

Liebe ist ein Butterbrot

Fast hätte dieser Text den Titel „Liebe ist…“ bekommen. Der einzige Grund warum ich davon absehe, sind die kleinen Comiczeichnungen eines Pärchens, die mit eben diesen zwei Worten betitelt sind. Ich mag sie nicht besonders. Wenn man ein liebendes Paar darstellt, dann sollte man ihm entweder etwas anziehen oder ihm in seiner Nacktheit wenigstens die Geschlechtsteile lassen. Sie merken schon, ich mag die Figuren nicht besonders und empfinde die Sprüche als zu  banal und zu platt. Wären sie mir etwas sympathischer, hätte ich den Titel übernommen. Dann könnten Sie hier lesen: „Liebe ist ein Butterbrot.“ Weiterlesen

Eine Wolke

Müsste ich ein einziges Ereignis meiner Kindheit benennen, das mir in  Erinnerung geblieben ist und sich nicht  im Mikrokosmos von Familie und Freunden abspielte, dann ist es die Katastrophe von Tschernobyl. Die pure Erwähnung dieses Wortes ruft noch heute, dreißig Jahre später, das gleiche, nicht greifbare Grauen hervor, wie damals als ich neun Jahre alt war. Weiterlesen

Wir sind vier

Wir sind vier. Meine drei Geschwister und ich. Ich bin die Jüngste. Monika ist neun Monate älter, Florian drei Jahre und Regina ganze fünf Jahre. Falls Sie sich fragen wie meine Mutter es hinbekommen hat, zwei Kinder im Abstand von nur neun Monaten zu gebären müssen Sie sich nicht den Kopf zerbrechen, denn das hat sie nicht. Sie stellte das Gebären nach mir ein und ich musste sehen, wie ich zu Geschwistern komme. Weiterlesen

40 Kilo Sanftmut

Manchmal bin ich etwas schräg. Zum Beispiel dann, wenn ich einen Text über einen kleine Hund geschrieben habe und mir am nächsten Tag vorstelle, dass ein weit größerer Hund deswegen eifersüchtig sein könnte. Es irritiert mich, da ich mir um Eifersuchtsgedanken menschlicher Protagonisten in meinen Texten nie Gedanken mache, während längst verstorbene Hunde in meinem Kopf  Zwiegespräche führen. Damit Sie mich nicht für völlig bekloppt halten – ich höre natürlich keine Stimmen. Aber ich bedaure es ein wenig, dass gestern für den zweiten Hundefreund in meinem Leben kein Platz gewesen ist. Weiterlesen

Pizza Diavolo für das Kind

Sind Sie Eltern von Kleinkinder im Krabbelalter oder darunter? Spielen Sie mit dem Gedanken Ihr Goldstück am Wochenende erstmals einem kinderlosen Babysitter zu überlassen? Vielleicht sollten Sie diesen Text dann nicht lesen. Es ist besser, Sie heben sich den Beitrag auf, bis Ihr Kind ein robustes Alter von etwa 25 Jahren erreicht hat. Rückblickend können Sie sich dann für Ihren Mut auf die Schulter klopfen. So wie meine furchtlosen Schwestern, denen ich die Details dieses Erfahrungsberichtes erst heute zumute. Weiterlesen