40 Kilo Sanftmut

Manchmal bin ich etwas schräg. Zum Beispiel dann, wenn ich einen Text über einen kleine Hund geschrieben habe und mir am nächsten Tag vorstelle, dass ein weit größerer Hund deswegen eifersüchtig sein könnte. Es irritiert mich, da ich mir um Eifersuchtsgedanken menschlicher Protagonisten in meinen Texten nie Gedanken mache, während längst verstorbene Hunde in meinem Kopf  Zwiegespräche führen. Damit Sie mich nicht für völlig bekloppt halten – ich höre natürlich keine Stimmen. Aber ich bedaure es ein wenig, dass gestern für den zweiten Hundefreund in meinem Leben kein Platz gewesen ist. Wolf hätte ihm keinen Raum gelassen. Im Gegenteil. Wolf hätte Duke platt gemacht.

Duke war ein Golden Retriever Mischling. Wunderschönes seidiges Fell, aber etwas doof. Interessanterweise sagte mein Freund auch über diesen Hund, dass er ein bisschen wie ich sei. Er meinte damit nicht mein Fell und auch nicht dass ich doof sei, sondern eher meine Schlafgewohnheit innerhalb von Beziehungen. Ich rolle mich im Schlaf unabsichtlich auf Bauch oder Rücken der neben mir schlafenden Person und liege dann halb über ihr. Duke machte das auch. Nicht unbeabsichtigt wie ich, sondern dann, wenn er mit Anlauf ins Bett sprang und sich auf die schlafenden Menschen fallen lies. Er drehte sich vor dem Fallenlassen mehrmals um die eigene Achse und plumpste dann so auf den (nicht mehr) schlafenden Körper, dass seine Schnauze genau an der Halsbeuge zum liegen kam. Ich habe mir sagen lassen, dass ich das (ohne plumpsen) ebenfalls gerne mache und dass meine Nasenspitze ähnlich kalt sei, wie die eines Hundes. Auf Nachfrage bestätigte man mir, dass ich besser riechen würde, meine Haare aber Sonntagmorgens ähnlich unangenehm kitzeln würden, wie das Fell von Duke. Mein Freund verteilte Komplimente nie auf Nachfrage. Schon aus Prinzip nicht. Ich vermute daher, dass ihm das Kitzeln meiner Haare nicht ganz so unangenehm war. Denn während er meine Haare stundenlang  streichelte, verscheuchte er den Hund mit einer unwirschen Handbewegung. Das heißt er versuchte es, denn 40 Kilo lassen sich nicht so leicht zur Seite schieben.
Wir drei waren ein gutes Team. Wenn Duke bei uns war und wir abends fernsahen, lehnte ich an der linken Schulter meines Freundes und Duke an der rechten. Weder der Hund noch ich hielten etwas davon uns auf den Boden zu den Füßen meines Freundes zu legen. Zumindest bei einem von uns, wäre es aber angebracht gewesen – unser damaliges Sofa war nämlich recht klein. Am zweiten Tag saß meistens ich auf einem Kissen am Boden, damit mein Freund noch Luft bekam und nicht die Flucht ergriff.

Etwas mehr Fluchtinstinkt wünschten wir uns an manchen Tagen auch von Duke. Zumindest ich hätte vollstes Verständnis für ihn gehabt, wenn er im Falle einer Panikattacke einfach einen Ganz zugelegt hätte. Machte er aber nicht. Wenn Duke wegen eines anderen Hundes Panik bekam, dann warf er sich flach auf den Boden. Gerne mitten auf einer vielbefahrenen Straße oder auf einer Kreuzung. 40 Kilo lassen sich nicht einfach über die Straße ziehen. Wir warteten dann geduldig, bis der andere Hund verschwunden war. Das Hupkonzert und das wilde Gestikulieren der genervten Autofahrer vertrieb uns dabei die Zeit. Duke hatte vor vielem Angst. Neben anderen Hunden auch vor Gewittern. Sobald ein Donner grollte verzog er sich in den einzigen Raum ohne Fenster. Leider nicht alleine. Ich musste mit. Zärtlich umfasste er mein Handgelenk und zog mich in Richtung Badezimmer. „Aus!“ war ein Befehl auf den er bei Gewittern nicht hörte und obwohl seine Schnauze mein Gelenk nur sanft und vorsichtig umfasste, ließ er nicht los bis wir beide zwischen Waschmaschine und Klo auf den Fliesen saßen. Das heißt, ich saß. Er lag auf meinem Schoß mit meiner Hand in seiner Schnauze, damit ich nicht auf die Idee kam, aufzustehen. Wenn mein Freund uns in dieser Position vorfand, verdrehte er nur kurz die Augen und schloss kommentarlos die Badezimmertür. Duke winselte dann herzzerreißend. Ich glaube, er bedauerte es zutiefst nur eine Schnauze zu haben und sich für einen Menschen, den er vor dem Gewitter rettete, entscheiden zu müssen.

Überhaupt fielen ihm Entscheidungen schwer. Am schlimmsten war es im Bus. Da waren so viele Menschen, denen man den Kopf auf den Schoß legen konnte und die einem hinten den Ohren kraulte. Spätestens hier hören übrigens die Ähnlichkeiten zu mir auf. Sie können sich im Bus beruhigt neben mich setzten. Ich werde mich nicht an Sie lehnen und Sie versuchen besser nicht mich zu kraulen. Im Gegensatz zum Hund werde ich bei ungebetenen Berührungen nämlich schnell mal bissig. Ich bin auch mutiger als Duke. Der ging nachts nämlich nicht mehr alleine vor die Tür. Wenn wir mit ihm auf unserer Hütte in den Bergen waren, wäre das durchaus praktisch gewesen. Tür auf, Hund raus. Bei uns lief es anders ab. Tür und ich auf, Hund gut zureden, mit Hund vor die Tür. Wir beide mitten im stockdunklen Wald stehend, Hund nach dem Geschäft mit einem Affenzahn zurück zur Hütte, ich alleine im Wald. Wenigstens war das Sofa vorgewärmt, wenn ich einige Zeit nach ihm zurück kehrte.

Duke wurde 17 Jahre. Die letzten zwei Jahre war er blind und taub, aber ansonsten dem Alter entsprechend gesund. Seine graue Schnauze lächelte auch dann noch, wenn man ihn hinter dem Ohr kraulte. Nur auf das Sofa, schaffte er es in den letzten Monaten nicht mehr.

 

19 Gedanken zu “40 Kilo Sanftmut

  1. Sowohl diesen als auch deinen letzten Bericht habe ich nur lächelnd und voller Verständnis gelesen. Meine Hündin erkenne ich in beiden deiner Begleiter wieder und man kann gar nichts mehr hinzufügen. Schön.
    Meine Madame liebt dich quasi jetzt schon und würde sich gerne von dir den Bauch kraulen lassen. Um irgendwann grunzend aufzustehen, man hat ja noch andere Verpflichtungen 😉

    Gefällt 3 Personen

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