Bei Elvira sind die BH-Verschlüsse hinten!

Dass ich mir vor Jahren von einer Verkäuferin ein lindgrünes Schlauchkleid als passendes Outfit für eine Hochzeit aufschwatzen ließ, hat zwei Dinge in meinem Leben verändert. Zum einen bin ich misstrauisch geworden, wenn mir drei oder mehr Verkäuferinnen zu gleich versichern, dass ich in einem hoffnungslos überteuerten Kleid, umwerfend aussehe. Zum anderen besitze ich seit besagter Hochzeit einen großen Spiegel, der mehr als Gesicht und Schultern zeigt. Leider kaufte ich den Spiegel zwei Wochen zu spät und bin auf ewig mit Fotos konfrontiert, die mich in einem Kleid zeigen, unter dem sich Dinge abzeichnen, die meine Partner sonst nur bei schmeichelndem Kerzenlicht nach frühestens zweieinhalb Jahren zu sehen bekommen. Oder nie. Zu Verkäuferinnen habe ich seit diesem Tag ein etwas angespanntes Verhältnis und gehe ihnen meistens aus dem Weg.

Eine Ausnahme gibt es. Beim Kauf eines Dirndls und beim Erwerb von BH´s ist eine gute Verkäuferin Gold wert.  In beiden Fällen ersparen sie einer Frau Zeit und Nerven. In meinem Lieblings-Trachtengeschäft arbeitet eine Dame, die jeder Frau nur beherzt mit beiden Händen unter die Brust und an die Hüften fassen muss, um  den richtigen Schnitt zu erahnen. Nach der Größe wurde ich hier noch nie gefragt. Es wäre auch sinnlos. Bei Trachten ist die eingenähte Größe ebenso wenig aussagekräftig wie bei einem guten BH. Der Schnitt ist ohne Anprobe nicht zu erahnen und mit einem Goldstück von Verkäuferin an der Seite lässt man sich die in Frage kommenden Modelle einfach nacheinander in die Kabine reichen. Bis vor kurzem funktionierte das auch in meinem Wäschegeschäft ganz hervorragend. Als es vor einigen Wochen schloss musste ich schweren Herzens in ein Kaufhaus ausweichen.

Es ist an mir vorbeigegangen, aber während ich immer in einem winzigen Laden einkaufte, hat sich das Einkaufen weiblicher Unterwäsche zum besonderen Highlight von Paaren entwickelt. Hätte ich gewusst, dass man Wäsche nur noch im gemischten Doppel kauft, hätte ich mir Verstärkung mitgebracht. Ich war die einzige Allein-Käuferin, inmitten von Pärchen. Nicht lange. Man überfiel mich von hinten als ich mit einigen Exemplaren unter dem Arm in Richtung der Kabinen steuerte. In diesem Kaufhaus wird Unterwäsche nicht alleine gekauft. Wer alleine ist, bekommt umgehend jemanden an die  Seite gestellt. In meinem Fall, war es Renate. So stand es auf dem Schild an ihrer Brust. Renate nahm mir meine Beute ungefragt aus der Hand, legte sie zur Seite und bat mich meinen Mantel auszuziehen. Nach einem prüfenden Blick, umfasste sie meinen Oberkörper unter der Brust und herrschte mich dabei an, gerade zu stehen. Die Größe, die sie damit festzustellen glaubte, teilt sie mir nicht mit. Wohl aber, dass wir – Renate und ich sind jetzt ein Team – uns zunächst entscheiden müssten ob der Verschluss des zu erwerbenden Stückes vorne oder hinten zu sein hat. Hinten, entschied ich. Da gehört er hin. Alles andere ist mir fremd. Renate zog die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. Vorne sei praktischer. Ich versuchte ihr zu erklären, dass „praktisch“ bei diesem Kauf sicher nicht das entscheidende Kriterium sein würde. Sie überleget einen kurzen Moment, zuckte mit den Schultern und schickte mich in die Kabine – ohne die von mir bereits ausgesuchten Wäscheteile.

Mein Misstrauen legte sich, als sie mir wenig später eine Handvoll Bügel reichte, die in etwa meiner Auswahl entsprachen und ausnahmslos alle passten. Im nächsten Moment drohte unser Verhältnis wieder zu kippen, als sie mich erneut auf die Vorteile von vorne zu schließenden BHs hinwies. Das wäre doch auch für die Männer viel leichter. Und die würden schließlich den praktischen Aspekt durchaus zu schätzen wissen. Das sei auch der Grund, warum sie mir weniger Spitze und mehr Elastan empfehlen würde. Ich überlege, ob ich einen der Männer, die draußen vor den Kabinen warteten, fragen sollte, ob ihr Geschlecht tatsächlich so grobmotorisch sei oder ob Renate nicht nur irgendwelche Restposten verschachern wollte. Es blieb bei dem Gedanken. Mit fehlte die Lust halbnackt aus der Kabine zu laufen um mit einem wildfremden Mann über winzige Häkchen und reißenden Stoff zu sprechen. Und der Mut. Aus der Kabine musste ich aber doch. Renate bestand darauf. Allerdings durfte ich hinten raus, da standen keine Männer. Leider aber jede Menge Spiegel unter Neonlicht. Ganz ehrlich, ich hätte mich lieber nackt vor einen Mann gestellt, als vor diese Spiegel. Das Urteil des Ersten ist in der Regel deutlich milder. Ein Mann hätte mir auch nicht in den Bauch gekniffen und mir Spandex-Wäsche empfohlen. Renate schon. Nur weil sie gerade im Angebot war, wie sie milde lächelnd betonte.
Einen BH kaufte ich diesem Tag nicht. Renate und ich konnten uns nicht einigen. Ich ging mit einem Bauch-weg-Höschen nach Hause. Es passt gut unter das lindgrüne Kleid, das ich aber trotzdem nicht anziehen kann. Ich habe ja noch immer keinen passenden BH.

Dass Sie das alles nicht sonderlich interessierte, kann ich mir gut vorstellen. Sehen Sie es mir bitte nach, ich musste mich etwas in Rage schreiben, bevor ich nun eine Unterschriftenaktion in meinem Viertel starten werde. „Elviras Wäsche-Kästchen“ muss wieder eröffnen! Eine Giesinger Institution. Frei von Männern. Verschlüsse dort wo sie hingehören und Spiegel braucht es nicht. Elviras Blick ist ähnlich milde wie der eines verliebten Mannes. Und zugleich realistisch und scharf genug, dass sie eine Frau so hübsch verpackt, dass diese auch Sonntagsmorgens im grellen Sonnenlicht  ein annehmbarer Anblick ist. Sollten Sie in Giesing wohnen, melden Sie sich. Meine E-Mail Adresse steht im Impressum.

 

 

32 Gedanken zu “Bei Elvira sind die BH-Verschlüsse hinten!

  1. Wenn der potentielle wildfremde Mann im Kaufhaus ich gewesen wäre, hättest du auch nicht mit weniger Milde als bei den Spiegeln rechnen können … so ich nicht in Panik schreiend die Flucht ergriffen hätte. Was wohl ebenso wenig unter Milde fiele.
    Deshalb wünsche ich dir besonders viel Erfolg bei deinem Ansinnen. 🙂

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  2. Hahhaha sorry ….Elvira aber ich komme mir vor als wäre das mein Bericht denn so erging es mir auch schon !
    Ich fand dein Bericht echt zum lachen , aber in dieser Situation eher weniger zum lachen.
    Du hast diesen Bericht absolut klasse geschrieben ❤
    Als außen stehender kann man leicht lachen .
    Liebe Grüsse
    Sandra

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  3. Ist doch interessant: Wann hat man als Mann sonst schon die Gelegenheit, aus den Riten und Gebräuchen der geheimen Welt der Wäsche-Dealer und -Käuferinnen zu erfahren? Ich habe meine Schlüpfer jahrelang bei Tschibo gekauft – das ist mal uninteressant! („Wenn sie zu klein sind, können Sie sie gerne umtauschen“, sagte mal eine Verkäuferin zu mir – keine Ahnung, wohin sie vorher geguckt hat, deshalb frage ich mich heute noch, ob das ein anerkennendes Lob oder eine Kritik angesichts eines zunehmenden Bauchumfangs war; ich befürchte Letzteres).

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  4. Danke, für den amüsanten Bericht über das Dilemma das jede Frau kennt. Wir haben noch einen „Elvira Laden“ und nur da wird man so feinfühlig beraten. Eine Stadtbesichtigung, ein leckeres schwäbisches Essen und ein neuer BH lohnen allemal eine zwei stündige Autofahrt.

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  5. Immerhin werden Frauen von Frauen bedient, während Männer systematisch von Frauen in Textilgeschäfte geschleppt und dort von anderen Frauen in Kleidung gesteckt werden, die sie in freier Wildbahn nicht freiwillig anziehen würden. Ohne Partnerin gehen Männer sogar aus freien Stücken in solche Läden, weil mütterlich-kompetente Verkäuferinnen ihnen die Last der Auswahl und die Kenntnis der Größen abnehmen. Körperkontakt hingegen ist eher nicht im Angebot.

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    1. Danke für den Einblick in das Einkaufsverhalten der Männer, bzw ihrer Frauen. :))
      Ich finde mich da zum Glück nicht wieder…im Verschleppen und verkleiden von Männern.
      Bin aber beruhigt, dass das Einkaufen von Männern ohne Körperkontakt erfolgt.

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  6. Ich hab mich aus genanntem Beispiel von Renate noch nicht mal zu einer Elvira getraut. Weiß man ja vorher nie, wen man da bekommt und ob es in kleinen Läden nicht auch Renates gibt? Mir wurde aber auch schon von Freundinnen von den Elviras dieser Welt vorgeschwärmt. Vielleicht wage ich es mal. Danke für diesen amüsanten Einblick. Wenn für dich vielleicht auch erst im Nachhinein amüsant 😉

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  7. Gnädige Frau, ich fühle mich in und mit und durch Ihren Beitrag restlos gespiegelt und verstanden.

    Da gab es dieses exklusive kleine Wäschegeschäft und meine liebste Lieblingsverkäuferin. Ein Blick, 10 BHs, jeder saß wie angegossen. Wunder- und takt-volle Person. Insbesondere, als ich spätpubertierend mich an Brustumfang verdreifachte. Kein wertender Kommentar oder Blick, nur Hände voller Wäsche, die mich als exclusives Rassehuhn samt wogendem sonstwas empfinden ließen. Und dann schließt dieses verdammte Lädchen doch? In herkömmlichen Kaufhäusern brauche ich garnicht schauen. Da gibt es nur BHs mit Mausekörbchen, wattierte, ausgestopfte. Als gehöre so ein Mausekörbchen zwingend versteckt. Jedenfalls nichts für mich. Dort fühle ich mich nur wie ein mutiertes Walross.

    Richtiger: wie ein altes, faltiges, strapaziertes, reifes, mutiertes Walross. Seit ich unlängst in meiner ehemaligen Lieblingsapotheke war. Lieblingsapotheke, weil ich die ständigen Blessuren der kompletten Sippschaft – Mann, Pubertier, unzählige Hunde – mit homöopathischem Gedöns verarzte, bestimmte Kräuter und Elixiere von dort beziehe… Bislang fühlte ich mich dort gut aufgehoben. Das war einmal. Die letzte, mir bis dahin unbekannte Verkäuferin, sortierte umständlich unter der Ladentheke, um mein Tütchen mit Proben voll zu stopfen. Für die strapazierte, trockene, reife Haut. Unverschämtheit. 😉

    Ob die Verkäuferinnen um ihre therapeutische ausWirkung wissen?

    Lieben Gruß,

    Nana vom See

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    1. Man sollte es ihnen sagen. Den therapeutischen Verkäuferinnen, die uns das Leben leichter machen und die in Gold nicht aufzuwiegen sind.
      Strapazierte, trockene und reife Haut….das ist es, was man lesen möchte, wenn man sich etwas Creme ins Gesicht schmiert ;).

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  8. Hinter deiner amüsanten Schilderung, liebe Mitzi, zeigt sich das Problem des sterbenden Einzelhandels. Erst traf es deinen Lieblingskiosk und jetzt “Elviras Wäsche-Kästchen”. Nachdem ich jetzt Genaueres über die Nöte des BH-Kaufs weiß, bin ich doch froh, dass ein gnädiges Schicksal mich davor bewahrt hat, einen tragen zu müssen. Ich gebe zu, schon mehrmals beim Kauf von Dessous zugegen gewesen zu sein, habe mir damals aber keine Gedanken gemacht, dass unbeteiligte Frauen sich etwa belästigt fühlen könnten. Ich machs nicht mehr und unterstütze dein Ansinnen voll: Eviras Wäsche-Kästchen” muss leben!

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    1. Vielen Dank für die Unterstützung, lieber Jules.
      Derzeit tut sich viel in meinem Viertel. Das einzige Trostpflaster beim Sterben der alten Läden ist, dass neue ebenfalls kleine entstehen. Es ändert sich, aber mit etwas Glück nicht unbedingt zum schlechten – außer Elvira und mein Kiosk, die beiden vermisse ich schmerzlich und dafür gibt es so leicht keinen Ersatz.

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  9. Oh Mitzi, ich wünschte, ich würde in Giesing wohnen (auch aus dem Grund, dass meine beste Freundin gerade nach Bad Wörrishofen zieht) ich würde mir Plakate malen und ein Transpi basteln und für Elviras Wäsche Kästchen demonstrieren.

    Kann ich das nicht auch aus Hamburg? Meine Unterschrift hast Du in jedem Fall.

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