Eine Wolke

Müsste ich ein einziges Ereignis meiner Kindheit benennen, das mir in  Erinnerung geblieben ist und sich nicht  im Mikrokosmos von Familie und Freunden abspielte, dann ist es die Katastrophe von Tschernobyl. Die pure Erwähnung dieses Wortes ruft noch heute, dreißig Jahre später, das gleiche, nicht greifbare Grauen hervor, wie damals als ich neun Jahre alt war. Ein Großteil dessen, was ich heute als eigene Erinnerungen im Gedächtnis habe, ist mir wohl von meinen Eltern oder in der Schule erzählt worden. Anderes habe ich an den wiederkehrenden Jahrestagen selbst gelesen oder in Reportagen später im Fernsehen verfolgt. Manches aber entstammt dem Sommer als ich noch ein Kind war und mich noch recht wenig für das Weltgeschehen interessiert habe.

Ich erinnere mich an meine Mutter, die vor dem Fenster stand und mir zu erklären versuchte, dass ich nicht raus in den Regen durfte. Wahrscheinlich hatte ich den Wunsch gar nicht geäußert, sie erklärte es mir trotzdem. Der Regen sei verseucht, weil andernorts ein Atomkraftwerk brannte. Der Wind trieb eine giftige Wolke über ganz Europa und wenn es regnete, dann verseuchte der Regen den Boden. Im Regen wurde man krank und was auf dem verseuchten Boden wuchs durfte man nicht essen. Erklärungsversuche für eine Neunjährige. Vielleicht hat sie es mir auch viel besser und genauer erklärt. Ich kann mich nur noch an weniges erinnern. Daran, dass ich in diesem Jahr nicht im Sand spielen durfte und Pilze aus dem Wald noch lange Zeit später nicht auf unserem Tisch landeten. Auch, dass die Kühe besser im Stall blieben, damit sie das vergiftete Gras nicht fraßen und ich noch Jahre später überlegte ob ich mein Meerschweinchen mit gepflücktem Löwenzahn schaden würde. Meine Freundinnen und ich bekamen wenig mit, aber das Wenige faszinierte uns auf unangenehme und fruchteinflößende Art. Wann immer wir in diesen oder im nächsten Jahr in die Nähe eines Spielplatzes kamen, vergruben wir die Hände im Sand und warteten hockend darauf, ob etwas passierte. Wir steckten uns die Finger in den Mund um zu erkunden ob man das Gift schmecken konnte. Es schmeckte nach nichts. Auch die Salatblätter, die wir im Supermarkt heimlich abrupften, weil unsere Mütter ihn lange nicht auf den Tisch brachten, schmeckten fad und langweilig wie immer. Der Regen war neutral und nichts was in diesem Jahr blühte wirkte krank obwohl wir glaubten verstanden zu haben, dass alles verseucht und nicht mehr so wie früher war. Hätten der Regen oder die Salatblätter bitter geschmeckt, hätten wir eher begriffen was unsere Eltern sorgte. So blieb die Furcht etwas, das kaum greifbar war und nicht wirklich verstanden wurde.

Später bekamen wir das Buch „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang zu lesen. Unvorbereitet wird darin das Mädchen Janna-Berta  in der Schule von einem Katastrophenalarm überrascht, der wegen eines schweren Reaktorunfalls eines Kernkraftwerkes ausgelöst wird. Mit ihrem Bruder Uli macht sich Janna-Berta mit dem Rad auf den Weg zur Tante. Uli stirbt auf diesem Weg durch einen Unfall und seine Leiche bleibt in einer Wiese liegen. Ich verstand sehr gut, worum es in dem Buch geht. Trotzdem konzentrierten sich meine Gedanken immer auf den Bruder, der tot zurück gelassen werde musste. Mein Vater heißt Uli. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch Jahre später bei Wiesen im Sonnenlicht kurz an den Uli aus dem Buch denken musste. Vielleicht aber auch, weil es für mich als Kind ein so schlimmes Bild war, dass es die Katastrophe von der die Erwachsenen sprachen, sichtbar machte. Radioaktivität war nicht nur geschmacksneutral, sondern auch unsichtbar. Das machte sie so unheimlich. Das und das Geräusch von Geigerzählern, deren Ticken ich noch heute als äußerst unangenehm und beängstigend empfinde.

Heute vor dreißig Jahren wussten nur wenige was sich in diesen Stunden in Tschernobyl abspielte. Die Informationen sickerten nur langsam durch. Drei Jahrzehnte später, häufen sich die Berichte in den Medien schon seit einigen Tagen wieder. Meine Mutter erlaubt seit langem wieder Pilze und die Kinder spielen wieder im Sand und laufen durch den Regen. Hier bei uns. Andernorts sind ganze Landstriche noch immer unbewohnt. Sieht man Bilder dieser Orte wirken die Wälder und Wiesen friedlich und idyllisch. Nur dort wo leerstehende Häuser langsam verfallen und ein Riesenrad seit dreißig Jahren verrostet, wird die unsichtbare Katastrophe sichtbar. Dort und bei all den Menschen, die mit den Folgen noch lange zu kämpfen habe.

Meine Mutter hörte einige Jahre später auf zu rauchen. Es erschien ihr dumm, Pilze und Salat zu meiden, sich aber Tag für Tag mit Zigaretten zu vergiften. Das ist eine Konsequenz von viel zu wenigen, die in den letzten Jahren gezogen wurden.

36 Gedanken zu “Eine Wolke

  1. Tschernobyl war so erschreckend und verstörend wie der 11. September. Es hat meine Welt aus den Angeln gehoben. Ich erinnere mich daran viel Angst gehabt zu haben in diesem Sommer vor 30 Jahren. Diese unsichtbare Wolke, diese Gefahr, die man nicht schmecken oder riechen konnte, die einen aber immer umgab. Giftiger Regen, giftiges Gras, giftige Pilze- Du beschreibst es sehr schön.
    Und immer noch laufen die Atomkraftwerke, es igibt kene vernünftigen Endlager und wir wissen, dass Tschernobyl sich jederzeit wiederholen kann.

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  2. Tschernobyl: Ich erinnere mich noch gut, dass die erste Meldung erhöhter Strahlenwerte von einem schwedischen Atomkraftwerk kam. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde ja zuerst von den Sowjets vertuscht. Dann zog die radioaktive Wolke heran. Besonders betroffen war Bayern und Österreich. Ich kann mir vorstellen, dass die Unwägbarkeit der Bedrohung dich als Kind besonders beeindruckt hat, liebe Mitzi. Du beschreibst anschaulich, wie ihr als Kinder versucht habt, euch die Bedrohung anschaulich und erfahrbar zu machen.

    „Die Wolke“ von Gudrun Pauswang erschien 1987. Es war bald eines der populärsten Bücher in Schülerkreisen. Wie überhaupt dieses Buch jahrelang immer wieder im Deutschunterricht gelesen wurde, und immer geschah es auf Schülerwunsch.Dass es so beeindruckte, war sicher auch eine Spätfolge von Tschernobyl.

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    1. Nachdem ich gestern den Text fertig geschrieben hatte, sah ich mir alte Aufzeichnungen der Tagesschau an. Dass es so lange gedauert hat, bis das Ausmaß bekannt wurde, war mir nicht bewusst.
      Heute Abend kommt der Film „Die Wolke“. Ich habe ihn noch nicht gesehen, weil mir Bücher meist lieber sind. Vielleicht sehe ich ihn mir aber an und habe Glück. Dann wenn er gut ist.
      Dir einen schönen Abend, lieber Jules.

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  3. Ich erinnere mich sehr gut, weil eine Verwandte von mir genau zu dem Zeitpunkt schwanger wurde und einen schwerst entstellten Fötus hatte, den sie früh verlor. Danach bekam sie immer nur gesunde Kinder.

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  4. Das war zwei Jahre vor der Geburt meiner Tochter und ich erinnere mich an das Grauen das mich beschlich. Wir demonstrierten gegen Atomkraftwerke und es war erschreckend wie sehr die Gefahr verharmlost wurde. Es musste ein zweites großes Unglück geschehen bis die Politik, immer noch zu langsam, anfing zu reagieren. Die Franzosen fanden damals unsere Vorsicht einiges nicht zu essen übrigens lächerlich und überzogen, dort konnte man weiterhin alles kaufen, auch Pilze und Wild. Aber die meinten auch der saure Regen würde ihre Grenzen nicht überschreiten und nur bei uns den Wald zerstören. So unterschiedlich ist das Wahrnehmen von Umweltschäden. Die Russen waren aber die größten Vertuscher der Schäden und der menschlichen Tragödien die sich danach abspielten.

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    1. Mir kommt es so vor, als hätte man in den 80igern noch deutlich mehr Engagement gezeigt als heute. Nach Fukushima war das Geschrei groß. Es gab zum Glück auch einige Reaktionen und Entscheidungen. Aber ein Großteil hat das längst wieder vergessen, dabei ist es gerade einmal fünf Jahre her. .

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  5. Ich finde es spannend und irrittierend bei Dir von einem Ereignis zu lesen, das in meiner Erinnerung so fast keinen Platz einnimmt. Obwohl schon etwas älter ;-), aber ja, wohnhaft im Norden UND vor allem auf der anderen Seite der Mauer. Ich kann mich erinnern, dass wir es komisch fanden, dass „im Westen“ so eine Panik darum gemacht wurde – mehr nicht. Es war doch „nur“ ein Kraftwerk explodiert und das weit weg.Die Kühe blieben draußen auf den Weiden und aus dem Garten wurde auch alles gegessen. 2 Jahre später war ich sogar auf Klassenfahrt in Kiew (Ukraine). Sicher hat der große Bruder da die Infos „ein wenig“ zurückgehalten, oder die Regierung. Wer weiß.

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    1. Der Informationsfluss war (und ist) sicher mehr als dürftig gewesen.
      Die Erinnerungen sind alleine in meinem Umfeld schon ganz verschieden. Ich bin gespannt, was meine Mama zu meinen Erinnerungen sagt. Wahrscheinlich hat sie sich damals viel mehr mit mir auseinander gesetzt, als mir in Erinnerung geblieben ist.

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  6. Ja, der Russe, der nie von irgendwas weiß. Egal, ob es Tschernobyl war, oder das Atom-U-Boot 😦 Ich finde ein derartiges Verhalten schlimm. Richtig schlimm.
    Als ich ein Jahr später schwanger wurde, war Tschernobyl und die Spätfolgen noch Thema in Deutschland. Ich hatte schon meine Mühe, diese Sorge zu verdrängen.
    Gestern sah ich auch eine Dokumentation. Es hat nichts von seinem Schrecken verloren. Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Menschen rekrutriert wurden, um das Chaos aufzuräumen. Jeder durfte nur 90 Sekunden arbeiten. Einmalig! Und was da heute noch liegt …

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    1. Diese Bilder habe ich von vielen Reportagen auch im Kopf. Die Liquidatoren (auch das Wort ruft schlechte Assoziationen hervor), die für wenige Augenblicke dort sind und ihr Leben auf das Spiel setzen.

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  7. Kaum greifbar und nicht wirklich verstanden. Deine Kindheitserinnerung spiegelt etwas wider, was in diesem Zusammenhang auch für einen Großteil der Erwachsenen gilt. Der Ort der sichtbaren Zerstörung war weit weg (und natürlich könnte sowas bei UNS doch NIIIIE passieren). Und die geigerzählerisch zwar messbaren aber für die Menschen nicht real wahrnehmbaren Auswirkungen ließen sich leicht verdrängen und vergessen. Viele Folgen lassen sich auch kaum (oder gar nicht) direkt nachweisen (und gewisse Kreise helfen in solchen Fällen immer liebend gerne beim Unterdenteppichkehren).
    Das Problem kennen wir heute leider in verschiedenen Bereichen. Was sich nicht unmittelbar und dramatisch sichtbar auswirkt, wird gerne vergessen – und es gibt sogar Heerschaaren von Menschen, die willig beim Verleugnen mithelfen.

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  8. Das hat mich damals auch sehr beeindruckt, so sehr, dass ich noch ganz genau weiß, wo ich damals war, nämlich bei Freunden in Starnberg…
    Wir ließen uns unsere sehr gute Stimmung dort im Garten trotzdem nicht vermiesen…
    Doch ab und zu schauten wir doch ein wenig mißmutig auf die Wolken über uns…
    Toll geschrieben, liebe Mitzi

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  9. Die alten Tagesschauen hab‘ ich nachgesehen; sie helfen der Erinnerung teilweise auf die Sprünge. Am 1. Mai 1986 demonstrierten wir in Wackersdorf gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoffe. Dass die Wiesen schon von der Tschernobyl-Wolke beregnet waren, war nicht bewusst. Wiederum setzte sich die Einsicht durch, dass regenerative Energieversorgung die Zukunft ist. Es dauerte sehr, sehr lange, bis die rot-grüne Regierungsmehrheit den Atomausstieg beschließen konnte. Die folgende schwarz-gelbe Nachfolge-Regierung meinte, das Rad noch einmal zurückdrehen zu können – bis das Reaktorbeben in Fukushima kam. Die „Havarie“ von Tschernobyl motivierte Gruppen wie die „Mütter gegen Atomkraft“, die heute noch für die Energiewende eintreten.

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    1. Die Tagesschau von vor 30 Jahren habe ich mir auch angesehen. Einen Zusammenschnitt der einzelnen Sendungen über zwei Wochen etwa.
      Es ist richtig, dass sich einige Dinge bereits bewegt haben und es viele engagierte Gruppen gibt. Trotzdem war ich überrascht wie wenig Raum diese Themen einnehmen, bis sie immer wieder heftig aber kurz diskutiert werden.

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