Pudriges Altrosa und doch eine Enttäuschung U-Bahn Gedanken

Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so anstarre. Ich merke, dass es Ihnen unangenehm ist. Wir kennen uns ja nicht und in der U-Bahn lösen die aufdringlichen Blicke fremder Menschen schnell ein unangenehmes Gefühl aus. Auch ich mache Sie nervös. Schon vor einigen Minuten haben Sie Hemd und Krawatte auf mögliche Flecken überprüft. Ich kann Sie beruhigen, Ihr Hemd ist fleckenlos weiß und auf der Krawatte kann ich keine Spuren Ihres Frühstücks erkennen. Ich sollte Sie wirklich nicht so anstarren, aber Ihre Krawatte ist so ausgesprochen hübsch, dass ich es doch tun muss.

Sie können es ja nicht wissen, aber ich habe ein Kleid in genau der gleichen Farbe. So ein hübsches, pudriges altrosa findet man nicht oft und ich verliebte mich sofort. In die Farbe. Nicht in den Schnitt. Der war alltäglich, fast schon gewöhnlich. Aber Sie verstehen sicher, dass man einer solchen Farbe, einem solch herrlich ungewöhnlichem, pudrigem altrosa nicht widerstehen kann. Sie konnten es ja selbst nicht, wie Ihre Krawatte verrät. Ich will nicht behaupten, dass ich mich in Ihre Krawatte verlieben würde. Das wäre doch ein wenig albern. Aber erst durch deren Farbe sind Sie mir aufgefallen. Ich weiß natürlich, dass selbst ein noch so schönes, pudriges altrosa kein aufdringliches Starren rechtfertigt. Ein bisschen sind Sie aber selbst schuld. Sie tragen nicht nur einen Farbton, der mir schon letztes Jahr ans Herz gewachsen ist, Sie schmücken sich auch noch mit einem Kleidungsstück, das mit Tupfen verziert ist. Ich mag Tupfen und Punkte, müssen Sie wissen. Ä, Ö und Ü schreibe ich manchmal nur, um die zwei Punkte tupfen zu dürfen. Tupf, tupf. Ach, das ist manchmal das schönste an einer langweiligen Nachricht. Meine Kollegen ahnen nicht einmal, wie lange ich manchmal für eine Handgeschriebene Notiz brauche, nur weil ich nach Wörtern mit möglichst vielen Umlauten suche. Mittlerweile habe ich Übung darin. Aber das ist Ihnen sicher egal. Womöglich genauso egal wie die Tatsache, dass die Punkte auf Ihrer Krawatte einen Farbton haben, der meiner Haut auf der Innenseite der Unterarme im Winter ganz nahe kommt. Meinen Sie nicht auch, dass das Grund genug ist, sie ein wenig genauer anzusehen? Ich habe Sie ja eh schon nervös gemacht. Da kann ich mir auch den Rest von Ihnen ein wenig näher ansehen.

Ach Gott, nun sind Sie doch zur Endtäuschung geworden. Ein langweiliger Anzug. Ein nichtssagendes Gesicht und noch dazu so unangenehm nervös, nur weil ich Sie ein wenig zu lange anblickte. Entschuldigen Sie die Umstände, aber Ihr angespanntes Lächeln kann ich nun wirklich nicht erwidern. Es ist nicht halb so schön, wie die Tupfen auf Ihrer Krawatte und nicht annähernd so einzigartig wie der pudrige, altrosa Farbton. Das mit uns wird nichts. Sie sehen es ja selbst, ich weiche Ihrem Blick jetzt aus und halte die Luft an, bis ich aussteigen kann. Nur wegen Ihnen. Denn Sie haben sich bewegt und ich mag ihr Rasierwasser nicht. Luftanhalten über drei Stationen wird schwer. Sind Sie doch so lieb und steigen Sie hier aus. Ach danke, das ist wirklich rücksichtsvoll.

Lassen Sie sich nicht von hübschen Krawatten täuschen. Fast hätte ich die von heute morgen gebeten, mich und mein pudrig, altrosa Kleid auszuführen. Es hätte nicht funktioniert.

Laute(/r) Grattler – U-Bahn Gedanken

„Schnauze!“, darf man nicht laut sagen. Man darf es nur denken. Heute denke ich es seit morgens. Ich dachte es,  als der Nachbar anmerkte, dass mein Fahrrad im Laubengang im Weg steht und ich dachte es als die drei Kinder im Bus in mein Ohr plärrten. Ich dachte es ganz leise im Büro bei einem Telefonat, dass mich an die Grenzen meiner Geduld brachte und ich empfand es mittags in der Kantine als die Besteckbehälter laut scheppernd aufgefüllt wurden. An manchen Tagen ist es mir zu laut. Dann möchte ich mir ein schalldichtes Schneckenhaus über den Kopf stülpen und nichts weiter hören, als den Regen, den ich zwar sehe, aber nicht höre. Weiterlesen

Das fragile Gleichgewicht von Kirschen. U-Bahn Gedanken

Sie steigen jeden Morgen an der Haltestelle Donnersberger Brücke ein und fahren bis zu den Siemenswerken. Ich stelle mir vor, dass sie beide im gleichen Unternehmen arbeiten und sich dort, vor vielen Jahren auch kennen gelernt haben. Damals hat man ihnen vielleicht beiden angesehen, dass sie frisch verliebt waren. Heute sieht man die Zuneigung nur noch ihr an. Jeden Morgen legt sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel und jeden Morgen schiebt er sie weg, noch bevor sich die Türen der Bahn geschlossen haben. Weiterlesen

Ganz umsonst. U-Bahn Gedanken

Für meine Monatskarte des Münchner Nahverkehrs bezahle ich über 70 €. Bis vor kurzem habe ich mich über diesen hohen Preis geärgert. Es ist ein bisschen viel für regelmäßige Verspätungen, unangenehme Geruchsbelästigungen und missmutige Gesichter, die einen den Tag schon vor 7:00 Uhr morgens verderben. Erst vor kurzem habe ich entdeckt, dass mir für 70 € monatlich weit mehr geboten wird. Damit meine ich nicht die lächerlichen Nachrichtenfragmente, welche auf den kürzlich installierten Monitoren in den U-Bahnen zu lesen sind. Ich bekomme auch keinen Rabatt und keine Mitgliederzeitung. Ich bekomme etwas viel besseres. Weiterlesen

Ach, Anna…. U-Bahn Gedanken

Wir sind Gewohnheitstiere, die ihre Rituale selbst dann pflegen, wenn sie diese nicht einmal als solche erkennen. Anders ist es nicht zu erklären, dass die tägliche Fahrt zur Arbeit und zurück, einem wiederkehrenden Eintauchen in einen in sich geschlossenen Mikrokosmos gleicht. Tag für Tag sitzen mir die gleichen Menschen gegenüber und obwohl ich mit keinem von ihnen spreche, sind sie mir alle vertraut. Nur ein kleiner Teil von ihnen sitzt wirklich jeden Tag am selben Platz, aber der Verstand neigt dazu, die fremden Gesichter auszublenden. Ich bin die, die morgens immer in der siebten Tür von vorne einsteigt, mit etwas zu lauten Absätzen ein bis zwei Türen nach vorne läuft, bevor sie sich ans Fenster setzt. Weiterlesen

Reden lassen… U-Bahn Gedanken

Die etwa 30 jährige Mutter beklagt sich in der vollbesetzten U-Bahn bei ihrem Mann, dass er ihr schon wieder nicht zuhört. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass er ihr bereits seit zwei Stationen still zuhört, ihre Sätze aber kaum Informationen enthalten. Sie beklagt sich nur mit wehleidiger Stimme darüber, dass man ihren Worten kein Gehört schenkt. Eine glatte Lüge. Notgedrungen lauscht nicht nur ihr Gatte dem Lamento, sondern mit mir noch ein Duzend weiterer Personen, die das Pech haben in Hörweiter ihrer nicht nur anklagenden, sondern auch lauten Stimme zu sitzen. Weiterlesen

Dem Weiß Ferdl sein Lied über den Wagen von der Linie 8

Im gestrigen Text über den Münchner Nahverkehr (Zam Rucka! U-Bahn Gedanken. )schrieb ich noch, dass es schade ist, Ihnen kein Tondokument der bayerischen Trambahnschaffner mit an die Hand zu geben.  Sylvia hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es sehr wohl eines gibt. Und was für eines!

Der Weiß Ferdl (wir Bayern nennen den Familiennamen zuerst), ein deutscher Humorist (geboren 1883) hat mit seinem „Ein Wagen von der Linie 8“ eine herrliche Satrie auf die Münchner Trambahn geschaffen. Geändert hat sich dem Weiß Ferdl seiner Chaos-Fahrt quer durch München nicht viel. Der Schaffner grantelt und schimpft wie seine Nachfahren noch heute. Die Linie 8 gibt es nicht mehr. Aber das monatliche Infoheft der Münchner Verkehrsbetriebe nennt sich heute „Linie 8“. Vielleicht wegen dem Weiß Ferdl. Verdient hätte er es. Hören Sie selbst:

 

 

 

 

 

 

 

 

Zam Rucka! U-Bahn Gedanken. 

Ich mache mir keine Sorgen, dass mir für meinen Blog die Themen ausgehen. Nicht solange es den Münchner Nahverkehr und seine Fahrgäste gibt. Die Benutzung von U-Bahn, Bus und Tram ist ein Garant für täglich neuen Stoff. An manchen Tagen muss ich mich nicht einmal anstrengen, um die aufgeschnappten Gesprächsfetzen zu einer schönen Geschichte zu spinnen. Manchmal reicht es, sich in der Abendsonne an der Bushaltestelle zurück zu lehnen und den Dingen seinen Lauf lassen. Weiterlesen

Oh wie schön ist Panama. U-Bahn Gedanken

Was hat Panama auf der Titelseite der Bild zu suchen? Mein Panama! Ich bin entrüstet. Mein Panama hat nichts auf diesem elenden Schundblatt zu suchen. Unser Panama, höre ich dich flüstern. Ich nicke und rutsche tiefer in die Polster der U-Bahn Sitze. Panama und die Bild. Ein grausames Bild. Panama Papers – auf englisch wird die blöde Picture auch nicht besser. Ich mache mich breit, raube dem Bildleser Platz, indem ich meine Tasche zwischen ihn und mich wuchte. Weiterlesen

Nur ein Hefezopf – U-Bahn Gedanken

Heute steht es sich nicht gut an der U-Bahnstation. Die Schulter an Schulter wartenden Menschen wollen genauso schnell nach Hause wie ich. Es fehlt das beständige Lachen und Schreien der Schulkinder, das nervt und zugleich unbekümmert klingt. Ich will nach Hause. Möchte nichts mehr lesen, nichts mehr hören und  auch gerne etwas weniger denken. Nach Hause und wenigstens bis zu den Nachrichten nichts mehr hören. Weiterlesen