Geputz

Ich putze gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Tätigkeiten sind Putzen und Aufräumen sinnvolle Beschäftigungen. Im Gegensatz zu einem Date zum Beispiel, hat man immer und ausnahmslos ein sofortiges Erfolgserlebnis und kann dabei seine Gedanken ganz wunderbar sortieren.

Die besten Ideen  hingegen kommen mir grundsätzlich beim Abstauben meines Bücherregals. Dort sind so viele Leben, Geschichten, Wissen und Erzählungen auf engem Raum vereint, dass ich selbst bei einer banalen Tätigkeit wie Staubwischen inspiriert werde. Hinterfrage ich mein eigenes Veralten in einer Beziehung, dann reicht zum Beispiel ein Blick auf den Einband von Madame Bovary und ich weiß, dass noch viel Luft nach oben ist, bevor ich mich sorgen muss. Brauche ich einen Hinweis wie ich mit meinen Nachbarn Paul umgehen soll, dann sehe ich mir „Vom Winde verweht“ an und ermahne mich…nicht wie Scarlett, nicht wie Scarlett. Weiterlesen

Paul parkt draußen

Googel sagt, dass die Liebe zum Auto bei Männern wie eine Kombination aus Sex und Drogen wirken kann. Wenn das stimmt, dann möchte ich nicht wissen, auf welchem Trip sich der Besitzer dieses Autos vor einigen Jahren befunden hat. Obwohl es mich nicht interessiert, muss ich darüber nachdenken. Warum um alles in der Welt, fährt man eine Mausefalle im Kofferraum durch die Gegend. Ich frage nicht nach, weil ich weiß, dass die Liebesbeziehung eines Mannes zu seinem Auto, den zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen häufig sehr ähnlich ist. Meine Freundin erkundigt sich ebenfalls nicht weiter, sondern lächelt nur. Es wäre sicher eine schöne Geschichte, überlegt sie und ich nicke. Ja, eine jener Geschichten, die man besser nicht weiter erzählt. Obwohl….ein Mann der gleich acht statt der vier vorgeschriebenen Rettungswesten im Kofferraum transportiert, für den Notfall zwei Abschleppseile und zwei Startkabel im Fußraum liegen hat, der muss ein sehr fürsorglicher Mann sein. Einer der mitdenkt und praktisch veranlagt ist. Doch, ich muss mich korrigieren, die Geschichte der Mausefalle im Kofferraum würde mich sehr interessieren. Ganz ohne Zweifel kann so eine Geschichte nur zu einem Mann gehören, den ich mögen würde. So wie ich sein Auto schon jetzt mag. Es ist solide und ohne Schnickschnack. Ein bisschen wie ich. Tief im Inneren versteckt sich etwas großartiges. Etwas, das man erst erkennt, wenn man ganz genau hinsieht. Auf den ersten Blick sind das Auto und ich unscheinbar. Mehr noch, wir sind schrecklich schlicht und einfach. Den Zugang zu uns, den muss man erst einmal finden.   Weiterlesen

Deutsch-italienischer Serotoninspiegel

Ich kann mich nicht bewegen – es ist zu heiß. Müde und schläfrig sitze ich auf einer Decke im Hinterhof und bemühe mich nicht einzuschlafen. Das darf ich nicht, weil ich auf zwei fünfjährige Zwillinge aufpasse. Denen macht die Hitze nichts aus. Sie rennen zwischen den Büchen hin und her und entern mit einer mir unbegreiflichen Energie immer wieder die Klettergerüste. Wahrscheinlich sind sie Hitze gewöhnt. Sie sind erst vor kurzem aus Süditalien nach München gezogen und ich bin der Babysitter weil ich italienisch spreche. Sagt zumindest ihre Mutter Alba, die mich vor einer Woche am Balkon auf italienische telefonieren gehört hat. Ich mach es ja gerne, nur heute ist es wirklich zu warm für zwei neapolitanische Energiebündel. Frau Hinteranger, meine Nachbarin lässt sich neben mir auf eine Bank fallen. Sehr monoton, raunt sie mir zu und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung der Balkone des Hinterhauses. Im grellen Sommerlicht welken auf den Balkonen ein paar müde Pflanzen vor sich hin und fünfunddreißig Grad warme Luft lässt vergessene Wäsche auf den Ständern erstarren. Ja, sehr monoton, stimme ich ihr zu und lehne mich mit geschlossenen Augen wieder zurück.  Nicht „sehr monoton“ sagt die Hinteranger und würgt den letzten Bissen ihrer Nussschnecke hinunter. Serotonin, wiederholt sie klarer und deutet jetzt präziser auf einen der Balkone, auf dem ein Wäscheständer rhythmisch wackelt und hinter dem leises Stöhnen bis in den Hof getragen wird. Das ist das Serotonin, erklärt sie, das macht die Mannsbilder geil. Stand heut erst in der Zeitung und da hat man es schon. Der eigebildete Gockel, grinst sie noch und macht sich dann daran, ihre Einkäufe zu erledigen. Ich bin mir nicht sicher um wen ich mich mehr sorgen soll. Um Frau Hinteranger, die mit ihren achtzig Jahren beschließt in der Mittagshitze Wasserflaschen durch die Gegend zu schleppen oder um mein Verhältnis zu Paul, das ich zu hinterfragen bereit wäre, wenn dieser tatsächlich seinen Serotoninspiegel am Balkon liegend, unter einem Wäscheständer regulieren würde. Leise stöhnt es im dritten Stock und ich beschließe mit den Kindern rein zu gehen, damit ich ihnen am Ende nicht noch erklären muss, was da los ist. Weiterlesen

Ganz einfach

Wir holen dich um sieben ab, schreiben sie und fragen mich nicht, ob ich abgeholt werden möchte. Sie hat Geburtstag, er einen neuen Job. Grund genug, die Nacht zum Tag zu machen und mal wieder alle zusammen zu feiern. Alle, erkundige ich mich und möchte gar nicht wissen, wer das sein soll, weil ich eh nur ihn kenne und weiß, dass er im Kreis seiner Freunde anders ist, als wenn wir uns alleine treffen. Oberflächlicher, uninteressanter und austauschbarer. Er ist ein Vier-Augen- Freund. Einer den ich seit dem Kindergarten kenne und den ich noch immer gern habe, auf den ich aber verzichten kann, wenn er mit anderen Freunden zu einem Karrieretypen mit Haus, Auto und Vorzeigefrau wird. Ich bin müde, schreibe ich zurück und lese die folgenden Nachrichten nicht. Am Wochenende hat man nicht müde zu sein, da lebt man, schreibt eine die ebenfalls eingeladen ist und ich frage mich, was das für ein begrenztes Leben ist, das keinen Raum für Müdigkeit lässt. Weiterlesen

Biologisches Unkraut

Was ist das wohl sein könne beginnt eine drei Minuten lange Sprachnachricht meiner Freundin Mimi. Detailliert beschreibt sie mir einen Pilz. Von den Lamellen bis zum Stiel schildert sie mir sein Aussehen und endet mit der erneuten Frage, was das wohl sein könne. Ein Pilz, tippe ich, an der Supermarktkasse stehend, in das Handy und beschließe den Redeschwall nicht weiter zu kommentieren. Ja, schon, ein Pilz, höre ich wenig später in einer weiteren Sprachnachrichtund schichte meine Einkäufe in die den Korb. Es stelle sich aber die Frage, welcher genau es sein könne. Mimi beschreibt die Kappe und ich rufe sie an um ihr zu sagen, dass ich erstens, das Brot für unseren Grillabend vergessen habe und sie doch bitte zweitens, einfach den Verkäufer am Marktstand oder im Supermarkt fragen soll. Ich schlage es vor, obwohl ich bereits ahne, dass meine Freundin sich weder am Vikualienmarkt noch an einem anderen Gemüsemarkt befindet. Meine Ahnung bestätigt sich, als sie mir ein Foto schickt. Mimi kniet auf dem feuchten Waldboden und beäugt einen einzelnen Pilz. Weiterlesen

Verplappert

Mein Nachbar Paul ist gekränkt und ich bin schuld daran. Behauptet er. Eigentlich ist er nur beleidigt und hat überhaupt keinen Grund gekränkt zu sein. Behaupte ich. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, einem erwachsenen Mann objektiv und gelassen seine Meinung zu sagen. Ebenso muss es erlaubt sein, einem in sich ruhenden Mann zu sagen, dass man sein Angebot dankend ablehnt. Wir sind doch erwachsen. Da kann man doch auch mal nicht einer Meinung sein. In unserem Falle nicht. Ich vermute es liegt daran, dass Paul alles andere als ein in sich ruhender Mann ist und ich beileibe weder objektiv und in wachem Zustand nie gelassen bin. So war ich auch , als wir uns vorhin im Lift trafen trotz des bevorstehenden Wochenendes nicht gelassen, sondern leicht panisch. Das wären Sie auch, wenn Ihnen wie mir plötzlich klar geworden ist, dass der hübsche Sessel, den sie am Donnerstag unbedingt brauchen, völlig unbrauchbar ist. Nach 15 Jahren hat man manche Möbelstücke weit hübscher in Erinnerung als sie eigentlich sind. Noch vor ein paar Stunden war ich überzeugt davon, dass der Sessel, den ich mit Anfang zwanzig für meine erste Wohnung am Sperrmüll gefunden hatte, ein 1a Vintage Stück ist. In meinem dunklen Kellerabteil steht er seit einer Ewigkeit und obwohl ich ihn dank vieler Kartons seit Jahren mehr gesehen hatte, hatte ich ihn hübsch in Erinnerung. Das ist er nicht.  Er ist scheußlich. Ich war also gestresst und nicht gelassen, als ich Paul im Lift fragte ob er mir nicht zufällig am Donnerstag einen Sessel borgen könne. Paul nickte. Klar, kein Problem. Er hätte mehr als einen und es sei eh an der Zeit, dass ich ihn einmal besuchen würde.  Weiterlesen

Bleibst du, ja?!? oder Fußball? Genau meines.

Sie wussten es vielleicht nicht, aber ich bin Fußballfan. Hardcore. Während der Welt- und Europameisterschaften bin ich für Deutschland und komme was wolle, ich muss das Spiel sehen. Das jedenfalls vermuten man und wenn ich ehrlich bin, dann versteh ich nicht ganz, wie man auf diesen Gedanken überhaupt kommen kann. Weder besitze ich ein Trikot noch male ich mir die Landesflagge ins Gesicht. Als Kind bestückte ich keine Pannini-Sammelalben und als Erwachsene lasse ich mir von meinem Fünfjährigen Patenkind erklären, wer die Männer sind, die dort bei der Deutschen Nationalmannschaft abgebildet sind. Torwarte angeblich. Außer Neuer kenne ich keinen, aber ich ließ mir sagen, dass man wohl ein bis zwei weitere in Reserve mitnimmt, falls einer den Ball gegen das Hirn bekommt oder wegen Dreharbeiten zum neuen Cola-Werbespot spontan verhindert ist. Ich habe wirklich wenig Ahnung und lege ein ausgesprochenes Desinteresse an den Tag. Innerlich. Äußerlich muss ich mich zurück halten und vorgeben dass ich mich sehr wohl interessiere. Ich habe mir sagen lassen, dass sich das so gehört. Als Deutsche.
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Florale Peinlichkeit

Wenn du darüber etwas auf deinem Blog schreibst, wird sie dir die Freundschaft kündigen, sagte Alex, einer meiner ältesten Freunde und deutete mit ausladender Geste  in einen über und über mit Rosen dekorierten Schlossgarten, den Schauplatz einer Hochzeit zu der wir beide geladen waren. Eine Hochzeit zu der wir aus Kostengründen – wie das Brautpaar ungeschönt in die Einladung schrieb – ohne Partner eingeladen waren und ziemlich verloren und blöd herum standen, weil wir sonst niemanden kannten. Das wird sie sowieso, versicherte ich ihm, nachdem ich kurz überschlagen hatte, dass mein Geschenk für das Brautpaar angesichts dieser pompösen Feier eine lächerlich geringe Anzahl von Scheinen enthielt. Bei uns ist es üblich, das eigentliche Geschenk durch das „Mahlgeld“ zu ergänzen – einige Geldscheine im Kuvert, die in etwa dem entsprechen, was man an diesem Tag konsumiert. Ein für das Brautpaar praktischer Brauch, denn bayerische Hochzeiten zeichnen sich oft durch viele Gäste und bis zu drei Mahlzeiten aus. Da möchte man das Brautpaar ja nicht schon in den Anfangstagen der Ehe finanziell ruinieren. Wieviel, fragt mich Alex, über den Rand der Bierflasche,  ich zucke mit den Schultern und weil er nicht locker lässt, nenne ich ihm den Betrag in Höhe von 75 Euro. Er zuckt zusammen. Ohne Mahlgeld will er wissen und ich verneinen. Es könne doch keine ahnen, dass die hier schon nach der Kirche mit Lachs und Kaviar anfangen und den Champus raushauen als wäre es Wasser. Von letzterem sollte ich dann besser die Finger lassen, werde ich schmunzelnd angewiesen. Der sei bei meinen 75 Euro nun wirklich nicht mit drin. Ich nicke und nehme ihm die Bierflasche aus der Hand. Bevor er protestieren kann lege ich los. Weiterlesen

Uiuiui

Man sagt, dass es wichtig ist über sich selbst lachen zu können. Mag sein. Viel wichtiger aber ist es, sich seiner eigenen Blödheit bewusst zu sein, denn das ist lebensrettend. Im Ernst, Sie ahnen gar nicht, wie leicht es ist sich selbst umzubringen. Ohne jeden Vorsatz, einfach nur, weil man sich so saudumm angestellt hat, dass man sich fragt – sofern man überlebt – wie blöd man eigentlich sein kann. Ich selbst unterstreiche besonders dumme Aktionen gerne mit einem gemurmelten „uiuiui“. Bis vor einigen Jahren dachte ich, dass ich dieses Geräusch von mir gebe, wenn ich urplötzlich in eine brenzliche, mit etwas Glück aber zu überstehende Situation gerate. Zum Beispiel, wenn man bei leichtem Nebel etwas zu schnell – oder wie mein Vater sagen würde, völlig hirnlos – einen Skipiste nach unten brettert und aufgrund der schlechten Sicht versehentlich in die Buckelpiste abbiegt. Das ist ein „uiuiui-Moment“. Andere brüllen „Fuck“ ich murmle uiuiui und lache hysterisch wenn ich stehend unten ankomme. Uiuiui sage ich auch, wenn es mal eng wird. Beim Autofahren zum Beispiel. Da gibt’s schmalen Straßen, die richtig eng werden wenn noch ein LKW am Rand steht. Ich fahre dann langsam durch, hoffe das beste und murmle leise mein Mantra. Das zumindest dachte ich lange. Bis vor ein paar Jahren mein Freund neben mir saß, als es eng wurde. Ich murmelte und als ich ihn das nächste Mal ansah war er weiß im Gesicht und sagte betont ruhig, dass ich unverzüglich rechts ranfahren soll. Weiterlesen

Sommerräume

Mein Balkon und mein Laubengang sind mir heilig. Ich habe sie so gern wie meine Wohnung und betrachte sie von Frühling bis Herbst als zwei weitere, besonders schöne Räume. Öffentliche Räume, denn egal ob man will oder nicht, als Geheimnisträger eignen sich die Sommerräume nicht. Von allen Balkonen im Haus ist meiner der Wilde. Man sieht es von unten wenn man den Kopf in den Nacken legt und die Hausfront hinauf blickt. Bei mir ist nichts ordentlich, aber alles üppig. Schlampig nennt ihn Frau Obst, die den Kopf nicht in den Nacken legt, sondern sich täglich einmal gefährlich weit über die Brüstung lehnt um zu kontrollieren ob es vielleicht ordentlicher geworden ist.

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