Randlos und wortlos

Ich mag ihn nicht. Kann ihn nicht ausstehen, diesen überdeutlichen und symbolischen schwarzen Rahmen am Rande der Karten. Wenn der Rand schon schwarz ist, dann kann man auch gleich den Text vordrucken: Herzliches Beileid. Zwei Worte. Das reicht. Er oder sie ist tot und wenn wir ehrlich sind, dann ist es völlig egal, was in den Karten geschrieben steht. Wichtig ist nur, dass sie geschrieben werden. Wenn einer geht, dann bleibt für den der übrig ist, die Welt stehen. Andere müssen sie weiter drehen. Die, die es noch können, für die, die erst mal gar nicht mehr können. Ob ein schwarzer Rand das aussagt wage ich zu bezweifeln. Ich schmeiße das Kuvert in den Müll und nehme eines von meinen. Wenn sie es öffnet, weiß sie was darin stehen wird. Nichts was hilft und nichts was den Verlust schmälert. Aber immerhin, die Post wurde ausgeliefert und irgendwo da draußen scheint sich die Welt noch weiter zu drehen. Nicht bei ihr, aber irgendwo und vielleicht hilft das für einen kurzen Augenblick. Weiterlesen

Bewundernswert einfach

Jetzt wo die Temperaturen morgens nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt liegen, sind die Bänke an der Bushaltestelle zu kalt für Herrn Mu geworden. Seine alten Cordhosen sind ein wenig arg abgewetzt und damit er sich auf dem eisigen Metallgitter der Sitze nicht verkühlt, hat er seit Anfang des Monats ein Sitzkissen dabei. Auf dem lässt es sich aushalten und ich bin wahrscheinlich nicht die Einzige, die sich fragt, warum er zwar ein Sitzkissen, aber noch immer keine geschlossenen Schuhe trägt. Noch immer sind es die bequemen Sandalen des Sommers, nur dass seine Füße jetzt in dicken Wollsocken stecken. Wahrscheinlich beantwortet das auch die Frage…bequem sind sie und die Wollsocken halten warm. Ich lächle, wenn ich Herrn Mu morgens an der Bushaltestelle sitzen sehe und mein Tag beginnt gut, weil er zurück lächelt.  Weiterlesen

Gurkenhobel, Kernseife und Bücher

Wikipedia behauptet, dass ein Jahrmarkt mit Volksfestcharakter im südostdeutschen Raum häufig als Dult bezeichnet wird. Anders als das Oktoberfest, das böse Zungen als Volksfest der charakterlichen, moralischen und geschmacklichen Entgleisungen bezeichnen, ist die Auer Dult wohl wirklich noch ein Jahrmarkt. Und doch so viel mehr. Die Auer Dult ist eine Institution und gehört für mich so fest zum Bestandteil Münchner Lebens, wie der Viktualienmarkt oder der Englische Garten. Etwas ganz besonderes und zugleich etwas sehr alltägliches, das weit über eine Touristenattraktion hinaus reicht. Wir Münchner aus den Vierteln Au, Giesing und Haidhausen laufen uns drei Mal jährlich auf der Dult über den Weg. Auf der Maidult, die am Samstag vor dem 1. Mai beginnt und die den Frühling in der Stadt auf das Schönste begrüßt; auf der Jakobidult, wenn die Stadt unter der schweren hochsommerlichen Hitze stöhnt und ächzt und auf der Kirchweihdult im Oktober am Wochenende vor Kirchweih wo man jeden warmen Sonnentag noch einmal mit besonders tiefen und wohligen Atemzügen willkommen heißt. Wir Münchner aus den angrenzenden Vierteln, treffen uns in diesen dreimal jährlich stattfindenden neun Tagen immer. Wir müssen nichts ausmachen, um am Dultwochenende nicht alleine durch die Gassen zu schlendern – man trifft sich. Immer. Weiterlesen

Nix mit Italien

Geschenkte Tage, nennt meine Mutter sie. Tage, die so schön und kostbar sind, dass man sie auf keinen Fall verstreichen lassen darf. Tage, von denen man ahnt, dass es für lange Zeit die letzten ihrer Art sein werden und Tage, die durch ihre Vergänglichkeit zu einem kostbaren Schatz werden. Heute ist ein geschenkter Tag. Ein Sonntag im Oktober, der so herrlich warm ist, dass man doch noch einmal in offene Schuhe schlüpft und wohlig seufzend den ersten Kaffee des Tages auf dem Balkon genießt. Freilich, der Sommer ist vorbei. Wir hatten schon Tage, da waren es morgens nur vier Grad und Tage, in denen man fröstelnd auf den Bus wartete und dem Sommer hinter her trauert. Aber heute nicht. Gesten und heute wurden uns Münchnern zwei Tage geschenkt, die so herrlich sind, dass man dem Sommer gar nicht hinterher trauern kann.  Weiterlesen

Wiesn Katarrh

In unserem Treppenhaus stinkt es. Obwohl…eigentlich ist das nicht richtig. Eigentlich riecht es vor den Wohnungstüren verführerisch und feine Düfte ziehen durch das Treppenhaus. Das Erdgeschoss begrüßt den Bewohner mit kräftiger Kohlsuppe. Nach all der Völlerei während des Oktoberfestes ist ein kräftiges und zugleich entschlackendes Süppchen genau das richtige. Man kann die Kneipe, die sie auf die Karte gesetzt hat, durchaus verstehen. Mindestens genauso verständlich ist, dass der Wirt auch nach neun Monaten noch keinen neuen Filter in den Dunstabzug seiner Küche eingebaut hat. Warum auch? Das kostet sicher und viel einfach ist es, einfach die Küchenfenster zu öffnen und dem Innenhof plus unterer Stockwerke via Küchendämpfen mitzuteilen, was es heute zu essen gibt. Seit etwa einer Woche Kohlsuppe. Wahrscheinlich auch anderes, aber der penetrante Geruch von stundenlang gekochtem Kohl überlagert alles. Fast alles. Im ersten Stock riecht es weniger nach Kohl, dafür aber extrem intensiv nach Zwiebeln. Leider nicht nach dem feinen Duft, kleingeschnittener Charlotten, die in einer Pfanne mit Butter langsam angeschwitzt werden und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Nein, der Zwiebelduft, der aus Herrn Meiers Wohnung dringt ist hart an der Grenze des erträglichem. Ein jeder weiß, dass gegen hartnäckigen Husten am besten ein Zwiebelsud mit reichlich Honig hilft. Ein jeder riecht aber auch, dass Herr Meier da irgendwas falsch verstanden haben muss. Dem Geruch nach hat er drei bis vier Kilo scharfer, weißer Zwiebeln grob zerhackt und in großzügig in der Wohnung verteilt. Nach einem Aufguss mit Honig oder Kandiszucker, der den pentranten Zwiebelgeruch etwas abmildern könnte, riecht hier jedenfalls nichts. Und zu helfen scheint es auch nicht, weil Herr Meier hustet. Und das laut und ausdauernd. Kein Wunder, er hat wie fast jeder den München den Wiesn Katarrh – die typische Erkältung in der Woche nach dem Oktoberfest, die ganze Viertel ereilt und in ihrer Heftigkeit den gefürchteten Männerschnupfen noch bei weitem übersteigt und beide Geschlechter heimsuchen kann. Damit er den nicht alleine hat, hustet Herr Meier gerne im Treppenhaus und da vorzugsweise im Aufzug, damit er auch möglichst vielen Nachbarn zeigen kann, wie schlecht es ihm geht. Ich nehme seit ein paar Tagen die Treppe und versuche möglichst nichts anzufassen, an dem bereits die Hustenhand von Herrn Meier gewesen ist. Weiterlesen

Ich – unausstehlich

Wenn mir kalt ist, bin ich unausstehlich. Oft auch wenn ich Hunger habe und meistens, wenn ich zu wenig Schlaf bekomme. Ausnahmslos immer aber, wenn ich morgens feststelle, dass das Zuckerdöschen leer ist und irgendein Depp vergessen hat, das große Zuckerglas aus dem das Döschen gespeist wird, aufzufüllen. Blöd, dass er Depp meistens ich bin und ich niemanden verantwortlich machen kann. Dann bin ich unausstehlich und strecke meinem Spiegelbild beim Zähneputzen die Zunge raus. Das hat es verdient. So blöd, sich mindestens einmal monatlich den morgendlichen Kaffee zu versauen, kann auch nur die verschlafene und zerzauste Blondine im Spiegel sein. Momentan sei ich wie die Axt im Walde, sagt mir einer, der heute morgen ebenfalls gerne etwas Zucker in seinem Kaffee gehabt hätte und ich drossle meine Unausstehlichkeit ein wenig, weil ich ahne, dass die Kombination aus unausgeschlafen, verfroren und zuckerlos, vor sieben Uhr morgens, selbst für den geduldigsten Mann eine zu große Herausforderung darstellt. Bei meinem Nachbarn Paul, den ich kurze Zeit später im Müllkeller treffe, drossle ich gar nichts. Paul hat – als durchlaufenden Posten – Freundinnen, die halb so alt wie er sind und die haben mit Anfang zwanzig noch nicht gelernt, sich zusammen zu reißen. Ein weiteres motzendes Weib dürfte also nicht ins Gewicht fallen und ich pampe ihn zur Begrüßung erst einmal an, weil er mir den versifften und widerlich klebrigen Deckel der Mülltonne nicht auf hält.  Weiterlesen

Randnotiz – Männerdenken

Wie ich nächste Woche fahre, wollte er wissen. Welche Autobahn ich nehmen würde, um ihn endlich, endlich wieder am Meer zu besuchen.  Nicht über Mailand sagte ich und damit wäre die Frage für mich hinlänglich beantwortet gewesen. Jetzt ist sie das nicht mehr. Der mutigste meiner Freunde begann nämlich laut zu denken. 

Also ja, Mailand nicht. Ne, Mailand nicht. 
Blödsinn, natürlich nicht über die Schweiz. 
Na, ne, da an Verona vorbei, musst dann Richtung Brescia, mit den ganzen LKW…geht auch nicht. 

Er beendete das Gespräch mit einem „Passt schon“.

Und ich sitz jetzt hier. Nicht Mailand, nicht Schweiz, nicht an Brescia vorbei. Seit gestern denke ich darüber nach, was er meinen könnte. Und schlagen Sie mir bitte nicht vor, nachzufragen. Wenn Sie eine Frau sind, dann kennen Sie die Antwort: „Passt schon.“

Rettung naht

Obwohl heute Samstag ist, fühlt es sich nach Sonntag an. Hier bei uns haben die Sommerferien ihren Höhepunkt erreicht und gefühlt mindestens ein Drittel der Nachbarschaft ist ausgeflogen. Hätte ich ein Auto, dann würde mit das Parken in diesen Tagen gefallen. Schwungvoll, ohne groß abzubremsen, könnte ich einschlagen und hätte ohne rangieren die perfekte Parkposition. Perfekt für mich. Das heißt, ich würde 2,5 Parkplätze in Beschlag nehmen, was aber angesichts der wenigen Autos die derzeit hier parken völlig ok ist. Selbst mein Nachbar Paul, der gerade an mir vorbei geht, parkt schlampig und zuckt nur grinsend mit den Schultern. Egal, in den Sommerferien haben wir Platz. Ich überlege, mir das Auto meiner Eltern auszuleihen. Nicht weil ich es brauche, sondern nur weil ich auch einmal das Gefühl eines tiefenentspannten Parkvorgangs genießen möchte. Vielleicht morgen, heute ist ein so fauler Tag, dass ich lieber auf dem Boden sitzen bleibe und weiter die Speichen meines Fahrrades mit einem Taschentuch abwische. Nicht weil sie wirklich dreckig sind, sondern weil ich einen Vorwand brauche, um zu sehen, was genau Herr Krüger vor dem Haus treibt. Seit geraumer Zeit steht er gebückt in der Buchsbaumhecke und bewegt sich nicht. Es ist mir peinlich so neugierig zu sein, aber Herrn Krüger bekommt man so selten zu Gesicht, dass ein genauerer Blick zu verlockend ist.  Weiterlesen

Natürliche Konfrontation (Aus dem Archiv 04.09.2015)

Ich töte Tiere. Einfach so. Damit ich meine Ruhe habe. Schlimm? Es wird noch schlimmer. Ich töte sie nicht, um sie zu essen. Ich töte grundlos. Nicht alle Tiere. Bei Schweinen, Rindern und Hühnern kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich nur das esse, was das Schwänzchen oder die Schnauze ausgiebig in die Sonne gestreckt hat. Oder – wenn es weder Schwänzchen, noch Schnauze besitzt – in den Wochen vor seinem Schlachttermin, im Gras scharren konnte. Dank der Landwirtschaft meines Onkels, ist mein Karma-Punktekonto diesbezüglich im grasgrünen Bereich. Dunkel- um nicht zu sagen blutrot wird es bei Tieren, die nicht unter die Gattung der Säugetiere fallen. Obwohl…mit Nacktschnecken und Würmern habe ich auch kein Problem. Eigentlich muss sich nur eine einzige Spezies vor mir fürchten. SPINNEN. Weiterlesen

Sommer-Erdbeer-Moos

Rutsch, sage ich noch, bevor ich mich neben meinen Nachbarn Paul auf den Boden fallen lasse. Weil er nicht schnell genug rutscht, falle ich in das weiche, moosige Gras unseres Innenhofes und lande erst nach einer 180 Grad Drehung auf seiner Decke. Rutsch, wiederholt er fragend und ob wir nun endlich soweit seien uns eine Decke zu teilen. Ich nicke. Ja, heute ist es soweit. Heute hat es 35 Grad und heute ist es ungefährlich sich eine Decke zu teilen. Mehr als atmen und liegen, passiert an solchen hochsommerlichen Tagen nicht. Nicht solang es hell ist. Nicht solang es hell ist, wiederholt er auch diesen Satz und ergänzt ihn mit einem grinsenden Fragezeichen. Matt nur boxe ich ihm in die Rippen und schließe die Augen. Heute ist es selbst mir zu warm. Seit Wochen steigen die Temperaturen und am heutigen Sonntag haben sie ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als 35 Grad wird es nicht geben und mehr ist nicht zu ertragen. Ich will Meer, murmle ich und lache leise, als ich kein Meer, aber etwas Mineralwasser im Nacken spüre. Wo sind eigentlich die Nachbarskinder mit ihren Wasserpistolen, wenn man sie braucht? Mit deren Pistolen könnte man auch Frau Kubsch, den Neuzugang im Hinterhaus abschießen. Deren Blick spüre ich im Nacken ohne mich umzudrehen. Auf ihrem Balkon hält sie Wache. Dass sich auch wirklich jeder im Innenhof an die Kleiderordnung hält. Bis vor vier Wochen hatten wir keine. Dank Frau Kubsch jetzt schon. Jetzt ist es verboten sich im Hof auszuziehen. Das machten schon vorher nicht viele, aber ab und an lag eine der Studentinnen im Bikini unter den Kirschbäumen. Die sind jetzt in die Parkanlage umgezogen und das Verhältnis zwischen Paul und Frau Kubsch dauerhaft zerrüttet. Der hatte von seinem Balkon aus nämlich einen ziemlich guten Blick unter die Kirschbäume. Ich vermute, dass er nur deshalb jetzt selbst dort liegt. Zum Glück – für Frau Kubsch und mich – mehr oder wenig bekleidet. Weiterlesen