Sommer-Erdbeer-Moos

Rutsch, sage ich noch, bevor ich mich neben meinen Nachbarn Paul auf den Boden fallen lasse. Weil er nicht schnell genug rutscht, falle ich in das weiche, moosige Gras unseres Innenhofes und lande erst nach einer 180 Grad Drehung auf seiner Decke. Rutsch, wiederholt er fragend und ob wir nun endlich soweit seien uns eine Decke zu teilen. Ich nicke. Ja, heute ist es soweit. Heute hat es 35 Grad und heute ist es ungefährlich sich eine Decke zu teilen. Mehr als atmen und liegen, passiert an solchen hochsommerlichen Tagen nicht. Nicht solang es hell ist. Nicht solang es hell ist, wiederholt er auch diesen Satz und ergänzt ihn mit einem grinsenden Fragezeichen. Matt nur boxe ich ihm in die Rippen und schließe die Augen. Heute ist es selbst mir zu warm. Seit Wochen steigen die Temperaturen und am heutigen Sonntag haben sie ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als 35 Grad wird es nicht geben und mehr ist nicht zu ertragen. Ich will Meer, murmle ich und lache leise, als ich kein Meer, aber etwas Mineralwasser im Nacken spüre. Wo sind eigentlich die Nachbarskinder mit ihren Wasserpistolen, wenn man sie braucht? Mit deren Pistolen könnte man auch Frau Kubsch, den Neuzugang im Hinterhaus abschießen. Deren Blick spüre ich im Nacken ohne mich umzudrehen. Auf ihrem Balkon hält sie Wache. Dass sich auch wirklich jeder im Innenhof an die Kleiderordnung hält. Bis vor vier Wochen hatten wir keine. Dank Frau Kubsch jetzt schon. Jetzt ist es verboten sich im Hof auszuziehen. Das machten schon vorher nicht viele, aber ab und an lag eine der Studentinnen im Bikini unter den Kirschbäumen. Die sind jetzt in die Parkanlage umgezogen und das Verhältnis zwischen Paul und Frau Kubsch dauerhaft zerrüttet. Der hatte von seinem Balkon aus nämlich einen ziemlich guten Blick unter die Kirschbäume. Ich vermute, dass er nur deshalb jetzt selbst dort liegt. Zum Glück – für Frau Kubsch und mich – mehr oder wenig bekleidet.

Ich rolle mich wieder um 180 Grad. Diesmal von der Decke runter – die ist zu warm, das Gras ist besser. Außerdem gibt es dort die winzigen wildwachsenden Erdbeeren. Bevor ich mir eine in den Mund stecken kann, nimmt Paul meine Hand. Nicht, sagt er und erinnert mich daran, dass Frau Kubsch ihren Köter auf die Wiese zum Pinkeln lässt. Der ist alt und wässert nur noch matt röchelnd das Gras, weil er zu fett ist um an einem der Bäume das Bein zu heben. Doofe Frau Kubsch.

Eigentlich mag ich fast alle Menschen. Nur manche nicht. Frau Kubsch ist einer von ihnen. Die mag keiner. Sie ist wie meine Nachbarin Frau Obst, unser Hausdrache. Nur dass wir uns an den mittlerweile gewöhnt haben. Außerdem ist kein Platz für zwei von der Sorte. Ich rolle mich noch mal, diesmal um 90 Grad und ernte trotzig ein paar winzige Erdbeeren. Natürlicher Dünger hat noch keinen umgebracht, sage ich als Paul angewidert den Mund verzieht. Naschend im kühlen Moosgras unter den Kirschbäumen lässt es sich aushalten. Ich rolle mich um 270 Grad zurück und bettle bei Paul um etwas Wasser. Aufstehen, in den zweiten Stock gehen und eigenes holen, ist bei diesen Temperaturen unmöglich. Am Ende tauschen wir winzige Erdbeeren gegen lauwarmes Wasser. Wasser bekommt auch Hasso, der Hund von Herrn Krüger. Dem ist es heute auch zu warm.

Am Abend ziehen wir um. Als Frau Kubsch ihren Hund direkt neben Pauls Decke urinieren lässt, gehen wir. Zum Diskutieren ist es zu warm und der Grund zu banal. Wir ziehen um. Paul unter seine Dusche und ich hoch zu mir. Im Laubengang vor meiner Wohnungstür sitzt meine Nachbarin und die Kinder spielen unter dem Sonnenschirm. Ich setzte mich zu ihr und beglückwünsche mich, zu meinem Haus, zu Paul und ihr und zu dem großen Glück mich so wohl fühlen zu dürfen. Einen kleinen Moment lang. Dann reicht mir Judith einen Zettel. Darauf eine Seitenlange Beschwerde, dass Kinder keinesfalls in den Laubengängen spielen dürfen und wir dringend einmal die Hausordnung nachlesen sollten. Synchron winken wir Frau Kubsch die böse von ihrem Balkon zu uns blickt. Dank Frau Obst kennen wir die Hausordnung auswendig. Die müssen wir nicht nachlesen. Wir müssten mal wieder die Böden feucht rauswischen. Mal wieder das Bad gründlicher putzen, mehr als das nötigste bügeln und unbedingt überfällige Erledigungen in Angriff nehmen. Ich müsste mich beim Lektorat melden und Lesungen vorbereiten. Paul sein Auto waschen und ein paar Dinge im Keller suchen und Judith den Gefrierschrank abtauen, die Vorhänge waschen und Kinderkleidung aussortieren. Wir müssen so vieles und werden es frühestens bei der nächsten Schlechtwetterfront in Angriff nehmen. Manches auch erst im Herbst. Und die Hausordnung, die werden wir ganz sicher nicht lesen. Wer etwas von uns will, der soll zu uns kommen. Man findet uns ganz leicht. Laubengang, Erdbeermooswiese oder im kühlen Treppenhaus. 

Wir winken noch einmal, bevor wir uns etwas zu trinken holen. Keine Chance, Frau Kubsch – wer Frau Obst überlebt hat, der lächelt über sie nur müde. 

12 Gedanken zu “Sommer-Erdbeer-Moos

  1. Liebe Mitzi,
    ich hätte da mal einen Vorschlag, damit es in Ihrer Idylle nicht zu kubschig wird.
    Wenn eine Wohnung im Vorder- und Hinterhaus frei wird, (im Ernstfall noch auf die Nachbarhäuser ausweiten) sollten neue Mieter sich bewerben und bei den „alten“ Mietern vorstellen.
    Sie leiten das Gremium, dass dann die Entscheidung des Zuschlages trifft.
    Man könnte sogar ein „Probewohnen“ vereinbaren und bei Nichtgefallen innerhalb von 4 Wochen den neuen Mieter an Amazon zurückschicken. Umtauschen quasi. Oder so.
    Irgendwann verdirbt jedes Obst. 😉
    Gruß Heinrich

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  2. Was für ein wunderschöner Sommertext der Spaß und Lust macht auf noch mehr Erzählungen von Deinem Haus, von Paul und von Erdbeeren. Wie schön Du mit den Herausforderungen von Hausdrachen und schlimmen Nachbarinnen umgehst. Das Glück welches Du erlebst kann man lesen. Danke!

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    1. Und ganz sicher wachsen wir an ihnen. Und lernen andere, weniger garstige, wieder mehr zu schätzen. Und…ach, ich könnte dennoch auf sie verzichten 😉 Danke fürs Beileid. Einzig gut…ich kann über sie schreiben.

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