Gefundene Sätze #48

„Wem kann ich erzählen, dass die Iljas mich langweilt?“

Christa Wolf

Ach, Christa Wolf, mir hätten Sie das erzählen können. Dann hätte ich an diesem Wochenende vielleicht nicht den achten Anlauf genommen.
Die Iljas wird nun eines der wenigen Bücher, das ungelesen in meinem Regal steht. Frühestens in 20 Jahren werde ich es noch einmal in die Hand nehmen. Die Zeit war und ist einfach noch nicht reif.

Lachen – nur mit ihr

Wir kennen uns nicht gut. Wir kennen uns eigentlich überhaupt nicht und weder sie noch ich würden unsere Beziehung als Freundschaft bezeichnen. Freunde kennen sich, gehen gemeinsam einen Weg und vertrauen sich. Wir gingen nur zufällig zeitgleich die Stufen einer Bar hinunter und standen gemeinsam in der Schlange vor der Toilette. Unsere Namen kannten wir nur, weil wir einander ein paar Stunden zuvor vorgestellt wurden. Einer der mit mir in der gleichen Straßen aufwuchs hatte mit dem Bruder ihres Mannes Abitur gemacht, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht war sie aber auch die, mit deren Schwester er einen Sommer lang zusammen war. Es interessierte mich nicht und ihr war mein Interesse nicht wichtig. Wir standen nur nebeneinander in der Kloschlange, hatten beide zu wenig getrunken, um das Alkohlgeschwängerte Geplapper einer Dritten zu ignorieren. Und doch umarme ich sie, wenn ich sie zufällig am Rande meines Freundeskreises sehe. Mitten im Satz unterbreche ich mich dann, stehe auf und umarme eine mir fremde Frau, die ihrerseits ihre Arme um mich legt. Es fühlt sich seltsam an, weil wir beide nicht zu den Menschen gehören, die flüchtigen Bekannten um den Hals fallen und peinlich berührt, lösen wir uns schnell wieder voneinander. Und doch, wenn wir uns zufällig ein oder zwei Mal im Jahr sehen, sind wir uns für einen kurzen, einen sehr kurzen Moment vertraut. Weiterlesen

2X=0 (aus dem Archiv 03.08.2015)

Zwei Tage vor Weihnachten stand ich mit einer monströsen Fichte an der Trambahnhaltestelle und ignorierte die etwas irritierten Blicke der restlichen Fahrgäste. Das ich in Weihnachtsstimmung war, wusste ich, dass ich noch immer in X verliebt war, erst als seine SMS kam. „Wir sollten mal wieder knutschen.“ Das was er da geschrieben hatte war einfallslos und dumm. Das was er wenig später am Telefon sagte nicht. Ich mag Worte im Allgemeinen und ich mochte ganz besonders das was er sagte. Über eine Stunde stand ich an der Haltestellte, den Baum umklammert und hörte ihm zu. Nichts besonderes. Was so in den letzten Monaten passiert war. Kann jemand gut erzählen, sind die Inhalte zweitrangig. Ich lachte mit ihm, schickte ihm ein Foto der Fichte und ließ eine Bahn nach der anderen an mir vorbei fahren. Er hörte nicht auf zu reden, bis ich am Abend mit dem Handy in der Hand vor seiner Wohnung stand. Den Baum hatte ich zuvor noch nach Hause gebracht. Weiterlesen

Paul parkt draußen

Googel sagt, dass die Liebe zum Auto bei Männern wie eine Kombination aus Sex und Drogen wirken kann. Wenn das stimmt, dann möchte ich nicht wissen, auf welchem Trip sich der Besitzer dieses Autos vor einigen Jahren befunden hat. Obwohl es mich nicht interessiert, muss ich darüber nachdenken. Warum um alles in der Welt, fährt man eine Mausefalle im Kofferraum durch die Gegend. Ich frage nicht nach, weil ich weiß, dass die Liebesbeziehung eines Mannes zu seinem Auto, den zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen häufig sehr ähnlich ist. Meine Freundin erkundigt sich ebenfalls nicht weiter, sondern lächelt nur. Es wäre sicher eine schöne Geschichte, überlegt sie und ich nicke. Ja, eine jener Geschichten, die man besser nicht weiter erzählt. Obwohl….ein Mann der gleich acht statt der vier vorgeschriebenen Rettungswesten im Kofferraum transportiert, für den Notfall zwei Abschleppseile und zwei Startkabel im Fußraum liegen hat, der muss ein sehr fürsorglicher Mann sein. Einer der mitdenkt und praktisch veranlagt ist. Doch, ich muss mich korrigieren, die Geschichte der Mausefalle im Kofferraum würde mich sehr interessieren. Ganz ohne Zweifel kann so eine Geschichte nur zu einem Mann gehören, den ich mögen würde. So wie ich sein Auto schon jetzt mag. Es ist solide und ohne Schnickschnack. Ein bisschen wie ich. Tief im Inneren versteckt sich etwas großartiges. Etwas, das man erst erkennt, wenn man ganz genau hinsieht. Auf den ersten Blick sind das Auto und ich unscheinbar. Mehr noch, wir sind schrecklich schlicht und einfach. Den Zugang zu uns, den muss man erst einmal finden.   Weiterlesen

Tomatensaft und Minzbonbons (aus dem Archiv 21.07.2015)

Google muss besoffen gewesen sein, als es folgendes zur Suchanfragen „Tipps fürs erste Date“ mit an den ersten Stellen lieferte…

„Männern gefällt es, wenn eine Frau ihre Wünsche vorausahnt, selbst wenn es nur unbedeutende Details sind. Reichen sie ihm das Salz, bevor er danach fragt.“ – Aber das Fleisch können sich die Herrn der Schöpfung noch selbst kleinschneiden?

„Ich finde es fantastisch, wenn mich eine Frau am Nachmittag zu einem Tee einlädt. Das ist mal was anderes als immer das klassische Glas Wein – oder Bier – am Abend. Zumal ich ohnehin keinen Alkohol trinke.“ – Ein Leben ohne Wein? Sorry, ich bin raus.

„Ich mag Herausforderungen! Also, meine Damen: Seid mysteriös, um mich zu verführen!“ – Ne, danke. Ich lass mich lieber verführen. Und glaubt mir, liebe Männer, das wird euch genug fordern…auch heraus. Weiterlesen

Perfekte erste Nachricht

Noch heute, fast fünf Jahre später, nickt mein Umfeld verständnisvoll, wenn ich den Namen von Dr. X erwähne. Ich rechne es ihm hoch an, dass es nicht die Augen verdreht oder an meinem Verstand zweifelt. Weder meine Freunde, noch meine Kollegen haben X je zu Gesicht bekommen und doch gibt es keinen, der nicht mindestens einmal die ganze Geschichte von mir erzählt bekommen hat. Die meisten mehrfach und immer mit der nötigen Portion Pathos um die innewohnende Dramatik gebührend zu unterstreichen. Eine Dramatik, die sich wohl nur mir selbst erschließt. Objektiv betrachtet waren es nur zweieinhalb Treffen. Aber wer ist schon objektiv, wenn es um den EINEN geht, den EINEN den man ohne nachzudenken heiraten würde und von dem man weiß, dass er das perfekte Gegenstück zu einem selbst ist. Wie man das nach nur zweieinhalb Treffen zu wissen glaubt? Ganz einfach. Man kneift die Augen zu und schaltet den Verstand aus. Der Mann hat später absolut alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Keine kleinen Patzer, er hat so richtig in die Vollen gegriffen und mir verbal eins über geknüppelt. Aber ich fand ihn immer noch toll. Schuld war die perfekte erste Nachricht und ein sehr klug ausgefülltes Profil auf dem Dating Portal. Weiterlesen

Meine Füße, mein Mann

Ein neues Profilbild muss her, sagt meine Freundin und beißt herzhaft in einen Schnitz Wassermelone. Hilfsbereit wie ich bin, schieße ich augenblicklich ein Foto und schicke es ihr. Das Bild ist perfekt. Profilbilder müssen natürlich und authentisch sein, so kann man es auf diversen Internetseiten nachlesen. Am besten nimmt man ein Bild, das spontan von einer nahestehenden Person geschossen wurde. Das bin ich und das Foto ist im Kasten. Meine Freundin ist verfressen. Wer sie kennt weiß das. Wer sie noch nicht kennt, ahnt es bei diesem Foto. Nur wenige Frauen stürzen sich so hingebungsvoll auf ein Stück Wassermelone wie sie. Authentizität erkläre ich und weiter, dass ein Profilbild das Naturell und den Charakter einfangen sollte. Auch das tut es. Beim Essen dreht sie sich deutlich sichtbar zur Seite, weicht der Kamera aus und vermittelt so – überaus zutreffend – den Eindruck, dass sie bereit wäre, um dieses Stück Wassermelone zu kämpfen. Stärke, erkläre ich ihr, dieses Bild strahlt Stärke und eisernen Willen aus. Es sei etwas zu authentisch murmelt sie mit vollem Mund und tippt mit klebrigen Fingern auf das Display des Handys. Hier im Mundwinkel ist Melonensaftsabber zu sehen. Das stimmt und das ist gut so. Der durchschnittliche Online-Dating-Mann stellt sich dann vor, dass ihr der am Hals nach unten und in den Ausschnitt rinnt. Wir haben das perfekte Bild. Mit dem spitzen Schulterblatt, das eine Größe 36 erahnen lässt und den Surfbrettern im Hintergrund erfüllt es alles, was sich ein paarungswilliger Mann erträumt. Dass die Bretter nicht uns, sondern zwei fünfzehnjährigen Jungs gehören, spielt keine Rolle. Beim Online-Dating hat man Authentizität vorzutäuschen und dabei zu lügen, dass sich die Balken biegen. Ich klatsche noch drei Filter über das Bild und versehe es mit dem Hashtag #nofilter.  Weiterlesen

Deutsch-italienischer Serotoninspiegel

Ich kann mich nicht bewegen – es ist zu heiß. Müde und schläfrig sitze ich auf einer Decke im Hinterhof und bemühe mich nicht einzuschlafen. Das darf ich nicht, weil ich auf zwei fünfjährige Zwillinge aufpasse. Denen macht die Hitze nichts aus. Sie rennen zwischen den Büchen hin und her und entern mit einer mir unbegreiflichen Energie immer wieder die Klettergerüste. Wahrscheinlich sind sie Hitze gewöhnt. Sie sind erst vor kurzem aus Süditalien nach München gezogen und ich bin der Babysitter weil ich italienisch spreche. Sagt zumindest ihre Mutter Alba, die mich vor einer Woche am Balkon auf italienische telefonieren gehört hat. Ich mach es ja gerne, nur heute ist es wirklich zu warm für zwei neapolitanische Energiebündel. Frau Hinteranger, meine Nachbarin lässt sich neben mir auf eine Bank fallen. Sehr monoton, raunt sie mir zu und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung der Balkone des Hinterhauses. Im grellen Sommerlicht welken auf den Balkonen ein paar müde Pflanzen vor sich hin und fünfunddreißig Grad warme Luft lässt vergessene Wäsche auf den Ständern erstarren. Ja, sehr monoton, stimme ich ihr zu und lehne mich mit geschlossenen Augen wieder zurück.  Nicht „sehr monoton“ sagt die Hinteranger und würgt den letzten Bissen ihrer Nussschnecke hinunter. Serotonin, wiederholt sie klarer und deutet jetzt präziser auf einen der Balkone, auf dem ein Wäscheständer rhythmisch wackelt und hinter dem leises Stöhnen bis in den Hof getragen wird. Das ist das Serotonin, erklärt sie, das macht die Mannsbilder geil. Stand heut erst in der Zeitung und da hat man es schon. Der eigebildete Gockel, grinst sie noch und macht sich dann daran, ihre Einkäufe zu erledigen. Ich bin mir nicht sicher um wen ich mich mehr sorgen soll. Um Frau Hinteranger, die mit ihren achtzig Jahren beschließt in der Mittagshitze Wasserflaschen durch die Gegend zu schleppen oder um mein Verhältnis zu Paul, das ich zu hinterfragen bereit wäre, wenn dieser tatsächlich seinen Serotoninspiegel am Balkon liegend, unter einem Wäscheständer regulieren würde. Leise stöhnt es im dritten Stock und ich beschließe mit den Kindern rein zu gehen, damit ich ihnen am Ende nicht noch erklären muss, was da los ist. Weiterlesen

Sommerloch und Winterkrater

Wie schaffen Sie es nur bei diesen Temperaturen etwas auf’s Papier zu bringen?

Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen und danke herzlich für das Füllen des Sommerlochs. Gerne übernehme ich dann die Herbstkrater und Winterschluchten.

Bis dahin finden Sie mich im Plantschbecken der Nachbarskinder. Netterweise hat man mir noch diverse Boote und Plastikfische zur Verfügung gestellt.

Genießen Sie den Sommer. Er ist herrlich nicht wahr?

Ganz einfach

Wir holen dich um sieben ab, schreiben sie und fragen mich nicht, ob ich abgeholt werden möchte. Sie hat Geburtstag, er einen neuen Job. Grund genug, die Nacht zum Tag zu machen und mal wieder alle zusammen zu feiern. Alle, erkundige ich mich und möchte gar nicht wissen, wer das sein soll, weil ich eh nur ihn kenne und weiß, dass er im Kreis seiner Freunde anders ist, als wenn wir uns alleine treffen. Oberflächlicher, uninteressanter und austauschbarer. Er ist ein Vier-Augen- Freund. Einer den ich seit dem Kindergarten kenne und den ich noch immer gern habe, auf den ich aber verzichten kann, wenn er mit anderen Freunden zu einem Karrieretypen mit Haus, Auto und Vorzeigefrau wird. Ich bin müde, schreibe ich zurück und lese die folgenden Nachrichten nicht. Am Wochenende hat man nicht müde zu sein, da lebt man, schreibt eine die ebenfalls eingeladen ist und ich frage mich, was das für ein begrenztes Leben ist, das keinen Raum für Müdigkeit lässt. Weiterlesen