10.000 + 1 Dinge (Aus dem Archiv 19.03.2016)

Ab und zu stellen meine Freunde bei einem Besuch  ihre eigenen Bücher in meine Regale und erhöhen meinen Besitz von etwa 10.000 Dingen um einen weiteren Gegenstand. Meistens sind es alte Bände von jenen Autoren die als Klassiker gelten. Die würde ich doch mögen, sagen sie und zwängen eine weitere Effi Briest an Fontanes Seite. Oft leuchtet mir grell gelb eine Reclam Ausgabe des Schimmelreiters oder Goethes Faust dort entgegen, wo sie nun wirklich nichts zu suchen hat. Sie wurden schnell und heimlich Tolstoi an die Seite gestellt, weil bei den Deutschen längst kein Platz mehr ist. Man schenkt sie mir, weil man glaubt, sie würden zu den vielen anderen Büchern passen die dort bereits stehen. Die schöne neue Welt, könnte ich drei mal in Folge in der Badewanne versenken und hätte dank freigiebiger Spender noch immer eines ohne gewellte Seiten. Selten sind es schöne oder neue Ausgaben. Es sind die alten, vergilbten Pflichtlektüren aus der Schulzeit, die aus meinem Kämmerchen einen Friedhof für besonders ungeliebten Lesestoff machen. Ich bin mir nicht sicher woran es liegt, dass diese Bücher nicht im Altpapier landen. Vielleicht, weil ich zu oft erwähnt habe dass man geschriebene Seiten nicht einfach wegwirft, solange sie noch irgend jemand mit Freude lesen kann. Ich habe es so oft gesagt und ertappte mich nun selbst dabei, das eine oder andere zerfledderte Ding in den Müll zu werfen. Meistens reicht mir ein kurzer Blick im vorbeigehen um eines dieser Bücher zu entdecken. Kenne und besitze ich es bereits, sortiere ich es aus. Ist es mir unbekannt, bleibt es stehen, bis ich in der Stimmung bin, Zeit mit ihm zu verbringen. Weiterlesen

10.000 Dinge I (Aus dem Archiv 25.10.2015)

Sehen Sie mir nach, dass ich im Juli noch ein wenig weiter aus dem Archiv berichte. Der Sommer ist so herrlich und so vollgestopft mit abendlichen Aktivitäten, dass ich mir diesen Monat noch „frei“ nehmen werde. Ein Großteil kennt die Texte der Anfangstage hoffentlich nicht und ein weiterer Teil ist ebenso wie ich mit dem Sommer beschäftigt und kommt nicht zum Lesen. An meiner Seite das Notizbuch für neues…dann wenn die Temperaturen unter 30 Grad fallen und ich nicht mehr abendlich in die Isar springen muss/darf. 

Ich habe gelesen, dass der durchschnittliche Deutsche etwa 10.000 Dinge besitzt. Selbst wenn man jede Gabel und jeden Strumpf einzeln zählt, erscheint mir die Zahl sehr hoch. Angeblich ist es uns schier unmöglich, unseren Besitz zu reduzieren. Obwohl es mir eigentlich egal ist, möchte ich wissen wie viele Dinge ich tatsächlich besitze. Da ich weder Lust noch Muse habe mein Besteck oder meine Unterwäsche einer Inventur zu unterziehen, beginne ich mit dem größten Posten – Bücher. 1.018 Stück (eben gezählt) stehen in den Regalen meiner Wohnung, liegen auf den Tischen oder stapeln sich auf dem Boden. Vier davon sind ungelesen und zwei werde ich auf die Altpapiertonne im Keller legen.  Vielleicht mag sie ein anderer lesen.  Vom Rest will ich mich nicht trennen. Weiterlesen

Vier Minuten Gespräche (aus dem Archiv 01.10.2015)

Wikipedia definiert Routine, als eine Handlung, die durch mehrfaches Wiederholen zur Gewohnheit wird und beschreibt dadurch zutreffend eines meiner morgendlichen, werktäglichen Rituale. Pünktlich um 06:51 Uhr stehe ich am kleinen Kiosk im U-Bahn Untergeschoss und kaufe eine Tageszeitung und ein einzelnes Ferrero Roche. Der Duden definiert wie Routine dagegen als Ausführung einer Tätigkeit, die zur Gewohnheit geworden ist und jedes Engagement vermissen lässt. Wenn ich davon ausgehe, dass das aushändigen meiner Zeitung auch für die drei Kioskmitarbeiter längst zur Routine geworden ist, muss ich dieser Beschreibung widersprechen. Sie zeigen Engagement. Mehr noch – anstelle von Routine, wird mein täglicher Einkauf durch sie zur liebgewonnen Tradition. Weiterlesen

Rekonvaleszenz (Aus dem Archiv 07.08.2015)

Rekonvaleszenz ist ein hübsches Wort. Google und Wikipedia definieren es als eine Periode der Genesung nach Krankheiten, die besondere Schonung, gute Ernährung und Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen erfordert. Krankheit wiederum wird als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens beschrieben. Körperlich bin ich robust. Emotional eher anfällig, denn seelisches Gleichgewicht besitze ich leider nicht. Mir geht es entweder sehr gut oder richtig schlecht. Anstelle eines Gleichgewichts habe ich nur ein Gewicht, ähnlich einem Pendel, das mit schöner Regelmäßigkeit in die Randbereiche schwingt. In der Mitte verharrt es selten. Meistens hängt es im grünen Bereich fest, in dem ich schon fast penetrant glücklich und zufrieden bin, bis mich etwas – gerne Banales – aus der Bahn wirft. Dann knallt es mit voller Wucht in die rote Zone und ich in emotionales Grenzgebiet. Meine Mutter und ich zum Beispiel, landen gerne in diesem Bereich. Nie vorsätzlich, immer bedauernd und doch regelmäßig.
Mama bleibt da gerne etwas länger. Ich bemühe mich darum, schnellstens wieder rauszukommen. Mit besonderer Schonung (NICHT bügeln, NICHT putzen, KEINE körperliche Anstrengung in Form von z.B. Anti-Cellulite Training), guter Ernährung (Milka mit ganzen Nüssen) und extremer Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen (zum Glück hat meine Mama das mit der Rufnummerunter-drückung noch nicht raus). Man könnte sagen, wenn es mir schlecht geht, dann handle ich vernünftig um eine schnelle Besserung herbeizuführen. Meistens. Weiterlesen

Natürliche Konfrontation (Aus dem Archiv 04.09.2015)

Ich töte Tiere. Einfach so. Damit ich meine Ruhe habe. Schlimm? Es wird noch schlimmer. Ich töte sie nicht, um sie zu essen. Ich töte grundlos. Nicht alle Tiere. Bei Schweinen, Rindern und Hühnern kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich nur das esse, was das Schwänzchen oder die Schnauze ausgiebig in die Sonne gestreckt hat. Oder – wenn es weder Schwänzchen, noch Schnauze besitzt – in den Wochen vor seinem Schlachttermin, im Gras scharren konnte. Dank der Landwirtschaft meines Onkels, ist mein Karma-Punktekonto diesbezüglich im grasgrünen Bereich. Dunkel- um nicht zu sagen blutrot wird es bei Tieren, die nicht unter die Gattung der Säugetiere fallen. Obwohl…mit Nacktschnecken und Würmern habe ich auch kein Problem. Eigentlich muss sich nur eine einzige Spezies vor mir fürchten. SPINNEN. Weiterlesen

Sommer-Erdbeer-Moos

Rutsch, sage ich noch, bevor ich mich neben meinen Nachbarn Paul auf den Boden fallen lasse. Weil er nicht schnell genug rutscht, falle ich in das weiche, moosige Gras unseres Innenhofes und lande erst nach einer 180 Grad Drehung auf seiner Decke. Rutsch, wiederholt er fragend und ob wir nun endlich soweit seien uns eine Decke zu teilen. Ich nicke. Ja, heute ist es soweit. Heute hat es 35 Grad und heute ist es ungefährlich sich eine Decke zu teilen. Mehr als atmen und liegen, passiert an solchen hochsommerlichen Tagen nicht. Nicht solang es hell ist. Nicht solang es hell ist, wiederholt er auch diesen Satz und ergänzt ihn mit einem grinsenden Fragezeichen. Matt nur boxe ich ihm in die Rippen und schließe die Augen. Heute ist es selbst mir zu warm. Seit Wochen steigen die Temperaturen und am heutigen Sonntag haben sie ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als 35 Grad wird es nicht geben und mehr ist nicht zu ertragen. Ich will Meer, murmle ich und lache leise, als ich kein Meer, aber etwas Mineralwasser im Nacken spüre. Wo sind eigentlich die Nachbarskinder mit ihren Wasserpistolen, wenn man sie braucht? Mit deren Pistolen könnte man auch Frau Kubsch, den Neuzugang im Hinterhaus abschießen. Deren Blick spüre ich im Nacken ohne mich umzudrehen. Auf ihrem Balkon hält sie Wache. Dass sich auch wirklich jeder im Innenhof an die Kleiderordnung hält. Bis vor vier Wochen hatten wir keine. Dank Frau Kubsch jetzt schon. Jetzt ist es verboten sich im Hof auszuziehen. Das machten schon vorher nicht viele, aber ab und an lag eine der Studentinnen im Bikini unter den Kirschbäumen. Die sind jetzt in die Parkanlage umgezogen und das Verhältnis zwischen Paul und Frau Kubsch dauerhaft zerrüttet. Der hatte von seinem Balkon aus nämlich einen ziemlich guten Blick unter die Kirschbäume. Ich vermute, dass er nur deshalb jetzt selbst dort liegt. Zum Glück – für Frau Kubsch und mich – mehr oder wenig bekleidet. Weiterlesen

Vom Atmen und von Parkplätzen

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht, fühlt sich in der U-Bahn nicht wohl. Es ist nicht sein Terrain, aber heute hilft es nichts, weil sein Auto abgeschleppt wurde. Obwohl ich eine U-Bahn Fahrt längst nicht so schlimm finde wie er, sage ich es ihm nicht. Ich bin still, weil er schlechte Laune hat. Früher hätte ich einen mit schlechter Laune gebeten, sie nicht an mir auszulassen. Heute oft nicht mehr. Auch weil die Tatsache, dass wir in der U-Bahn und nicht in seinem Auto sitzen, in der etwas zu kreativen Wahl des Parkplatzes begründet liegt, mit der ich sein Auto am Vorabend in Schwabing abgestellt habe. Bei einem abgeschleppten Auto kann man durchaus ein wenig sauer sein, aber eine so schlechte Laune ist unangebracht. Denke ich. Sage ich aber nicht, weil ich mein Gegenüber mittlerweile kenne und am Klang seiner Atemzüge erahne, dass es klüger und für den Verlauf des restlichen Wochenendes elementar wichtig ist, dass ich den Mund halte. Selbstredend, dass mein Beitrag zu einem harmonischem Wochenende weder registriert noch honoriert wird. Er wird weggeatmet. Männer können das. Die artikulieren ihre schlechte Laune anhand tiefer Atemzüge und halten diese für vollwertige Sätze. Auch eine Kunst.   Weiterlesen

Randnotiz – Verpflichtung

Uno heißt in München nicht eins Sie erinnern sich? Und kein Kind zu haben, heißt bei uns im Vorderhaus noch lange nicht, dass man abends nicht noch in Hof muss um Erdbeeren zu pflücken oder eine Runde Fußball zu spielen.

Ich mag das. So kann ich das unsägliche Meeting, das bis eben dauerte, mit den Worten: „Ich muss jetzt los, das Kind wartet.“, beenden. Bei Ihnen melde ich mich auch nur, weil ich in der S-Bahn sitze und Zeit habe.

Gleich nicht mehr. Ludwig ist bereits ungeduldig und genervt. Bei Fünfjährigen eine explosive Mischung.

Sie entschuldigen mich, ich muss jetzt los. Fußball im Hof spielen und Erdbeeren suchen.

Alltag IX – Dinge

Ob er in seiner Branche so schlecht verdienen würde, fragte eine Bekannte, als sie mich und ihn zufällig traf. Amüsiert schlug sie die Türe ihres…was weiß ich für eines….Autos zu und schüttelte den Kopf über den kleinen in die Jahre gekommenen VW aus dem ich gerade ausgestiegen war. Ich hätte ihr erklären können, dass ich keine Ahnung habe, was er verdient, es vermutlich mein eigenes Gehalt aber um einiges übersteigt. Da es sie aber nichts angeht und mich nicht sonderlich interessiert, zuckte ich nur mit den Schultern. Für die Rechnung im Supermarkt reichte das Gehalt – meines und das seine – und der VW um damit zurück nach Hause zu kommen. Weder er noch ich ersetzen Dinge, solange sie noch funktionieren. Ich bin mir sicher, dass der kleine VW ersetzt wird, sobald er den Geist aufgibt und noch sicherer, dass es keinen Tag vorher geschehen wird. Warum auch? Er, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht ist in diesen Dingen konsequenter als ich. In Dingen, die mit Dingen zu tun haben. Ohne sich je darüber Gedanken gemacht zu haben, gehört er zu der seltenen Spezies Mensch, die tatsächlich nicht ein Teil besitzen, das sie nicht a) brauchen b) ihnen nicht gefällt oder c) sinnlos ist, ihnen aber Freude bereitet. Dinge wie d) von denen die Allgemeinheit behauptet man hätte sie zu besitzen, deren Sinnhaftigkeit ihm aber nicht erschließt, hat er nicht. Eine Butterdose zum Beispiel. Oder Handtuchhalter (hier bin ich übrigens entschieden anderer Meinung – er braucht unbedingt einen, weiß es nur nicht).  Weiterlesen

Kirschen gespuckt

Kirschen gegessen
Wasser getrunken
Bauchweh bekommen
Ins Krankenhaus gekommen
Gestorben

An den Kinderreim aus meiner Kindheit dachte ich heute vor vier Jahren. Man stand im Kreis, warf sich einen Ball zu und wenn man ihn fallen lies, musste man eine Zeile des Reimes aufsagen. Bei der fünften Zeile war man raus. Heute vor vier Jahren war ich auch raus. Ein Kilo Kirschen auf nüchternen Magen, 34 Grad und ein paar Schlucke zuviel des brackigen Seewassers hatten mich schachmatt gesetzt. Mir war schlecht und ich übergab mich in die Büsche am Seeufer. Eine Stunde ging es mir noch gut und ich hatte die letzte der Kirschen fotografiert. Das Bild ist noch heute das Titelbild meines Blogs. Vor vier Jahren wusste ich noch nicht, dass es das werden würde. Da wusste ich noch gar nichts. Weder, dass ich wieder mit dem Schreiben beginnen würde, noch das ich mir wenige Stunden später eine Domain sichern und eine Homepage erstellen würde. Ich wusste nur, dass ein Kilo Kirschen mit Seewasser eine wirklich üble Kombination sind und „kotzend in den Büschen hängend“ eigentlich eine ganz passende Beschreibung für meinen Gemütszustand und mein Leben im allgemeinen waren. Weiterlesen