Rekonvaleszenz (Aus dem Archiv 07.08.2015)

Rekonvaleszenz ist ein hübsches Wort. Google und Wikipedia definieren es als eine Periode der Genesung nach Krankheiten, die besondere Schonung, gute Ernährung und Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen erfordert. Krankheit wiederum wird als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens beschrieben. Körperlich bin ich robust. Emotional eher anfällig, denn seelisches Gleichgewicht besitze ich leider nicht. Mir geht es entweder sehr gut oder richtig schlecht. Anstelle eines Gleichgewichts habe ich nur ein Gewicht, ähnlich einem Pendel, das mit schöner Regelmäßigkeit in die Randbereiche schwingt. In der Mitte verharrt es selten. Meistens hängt es im grünen Bereich fest, in dem ich schon fast penetrant glücklich und zufrieden bin, bis mich etwas – gerne Banales – aus der Bahn wirft. Dann knallt es mit voller Wucht in die rote Zone und ich in emotionales Grenzgebiet. Meine Mutter und ich zum Beispiel, landen gerne in diesem Bereich. Nie vorsätzlich, immer bedauernd und doch regelmäßig.
Mama bleibt da gerne etwas länger. Ich bemühe mich darum, schnellstens wieder rauszukommen. Mit besonderer Schonung (NICHT bügeln, NICHT putzen, KEINE körperliche Anstrengung in Form von z.B. Anti-Cellulite Training), guter Ernährung (Milka mit ganzen Nüssen) und extremer Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen (zum Glück hat meine Mama das mit der Rufnummerunter-drückung noch nicht raus). Man könnte sagen, wenn es mir schlecht geht, dann handle ich vernünftig um eine schnelle Besserung herbeizuführen. Meistens.

Als es mir im Januar 2011 (und in den folgenden Monaten) schlecht ging, handelte ich erst einmal gar nicht. Ich litt und ich wollte leiden. An Rekonvaleszenz dachte ich erst, als ich mir die Mails und SMS von X zum etwa vierhundertsten Mal durchlas und an genau diesem Begriff hängen blieb. Das Wort gefiel mir. X benutzte es, nachdem er sich am Nudelsalat aus dem Krankenhauskühlschrank überfressen hatte. Obwohl ich eher ausgehungert als überfressen war, erkannte ich ziemlich deutlich, dass es an der Zeit war aus dem Loch zu kriechen. Ich lief Gefahr mir den Frühling mit Selbstmitleid zu versauen und hatte mir einige schräge Dinge angewöhnt. Zum Beispiel das Anlocken von Tauben mit Studentenfutter, nur um sie dann mit Kellogg´s Toppas zu bewerfen. Tierfreunde kann ich an dieser Stelle beruhigen. Tauben mögen Toppas und nach kurzer Zeit mochten sie auch mich und meinen Balkon so gerne, dass es ein gutes halbes Jahr gedauert hat, sie wieder los zu werden.

Den Ausschlag von grenzwertigem zu normalen Denken und Handeln zurück zu kehren hat dann ein Abend mit meiner Freundin Anna gebracht. Noch eine unglücklich Verliebte und noch eine, die gerade nicht ganz rund lief. Mit ihr saß ich an einem Februarabend zwei Stunden in ihrem Auto und habe den Hauseingang ihres Exfreundes beobachtet. Im ersten Moment klingt das vielleicht nach einem lustigen Ausflug. Man stellt sich zwei Freundinnen vor, die Prosecco schlürfend und Schokolade naschend im Auto sitzen und sich köstlich amüsieren, weil ihnen bewusst wird, dass sie keinen Mann brauchen um glücklich zu sein. In der Realität sieht es anders aus. Zunächst sollte man Februarnächte aus keinem Grund in einem geparkten Auto ohne Standheizung verbringen. Allein schon durch die Kälte wird der Ausflug schnell zu einem Albtraum. Das mit dem Prosecco kann man auch getrost vergessen. Anna musste irgendwann zurück fahren und ich hatte Angst aufs Klo zu müssen. Sie hätte mir bestimmt nicht erlaubt bei ihrem Ex zu klingeln. Und lustig ist gar nichts, wenn eine Freundin permanent zwischen Heulkrämpfen und Wutanfällen schwankt. Je nachdem ob sich hinter dem Vorhang des beobachteten Küchenfensters die Silhouette von einer oder zwei Personen abzeichnete.

Später trockneten die Tränen und sie schrie nicht mehr. Es stellte sich heraus, dass es das falsche Küchenfenster gewesen war. Besser wurde es allerdings auch nicht. Entschlossen die Aussage des Ex, er sei die Woche beruflich verreist, zu überprüfen, griff Anna zu drastischen Mitteln. Ich gebe zu, dass ich einen Moment lang beunruhigt war, als sie eine Spaghettizange aus dem Handschuhfach holte. Für einen kurzen Moment überschlug ich nervös den Schaden den sie damit anrichten konnte und die Konsequenzen für mich und meine eventuelle Mittäterschaft. Dann bin ich hinter ihr her. Man darf Freundinnen in diesem Zustand auf keinen Fall alleine lassen. Auch wenn man ihnen in diesem Moment gerne den Hals umgedreht hätte.
Erleichtert stellte ich fest, das sie sich nur am Briefkasten zu schaffen machte. In diesen Momenten ist man schon mit Kleinigkeiten zufrieden. Die Zange passte nicht in den schmalen Schlitz. Mein Hand dagegen schon und mit jedem Kuvert, das ich rauszog, wurde Anna ruhiger. Wer die Post nicht reinholt, war wahrscheinlich wirklich nicht in der Stadt. Geöffnet haben wir nichts. Und fast hätten wir den Abend ohne Schaden überstanden. Leider nur fast. Am Ende gab es doch noch tiefe Kratzer. Nicht am Briefkasten, sondern an Annas Selbstachtung. Dann als sie glaubte, ein Geräusch aus seiner Wohnung gehört zu haben und durch die Büsche kroch um hinter dem Haus zu kontrollieren ob in seinem Wohnzimmer Licht brannte. Ich bin vorne stehen geblieben und habe gewartet. Später habe ich für sie gekocht. Spaghetti mit Tomatensauce und anstelle von Parmesan mit Annas Tränen garniert. Beim zweiten Teller Nudeln hörte sie auf zu weinen und beim dritten Glas Wein lachten wir und hörten bis zum nächsten morgen nicht mehr auf.

Anna, die im echten Leben ganz anders heißt, ist nur selten so irrational wie an diesem Abend. Wenn sie es aber ist, dann schick ich ihr ein Foto von meiner Spaghettizange und weiß, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Im Gegenzug plärrt sie mir über das Telefon oder quer über die Straße das Wort Rekonvaleszent zu. Über die haben wir zwischen den Nudelportionen nämlich auch gesprochen. Darüber wie wichtig sie ist. Denn emotionale Ausnahmezustände müssen vor allem eines bleiben: Ausnahmen und zeitlich begrenzt.

13 Gedanken zu “Rekonvaleszenz (Aus dem Archiv 07.08.2015)

  1. Liebe Mitzi, danke dass du diesen Beitrag aus dem Archiv geholt hast, ein Beitrag, der Erinnerungen weckt, nämlich das Betrachten und Beobachten von Fenstern … sowas aber auch 🙂
    herzliche Grüsse
    Ulli, die ebenfalls eine Ziehharmonikafigur hat …

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  2. Liebe Mitzi, ich bin nicht sicher ob ich den Beitrag schon Mal gelesen hab aber jedenfalls habe ich ihn heute sehr gerne (nochmal?) Gelesen. Behalte dir das mit den extremen. Es sind die, die das Leben lebenswert machen. Das Pendeln in der Mitte wirkt nur von außen erstrebenswert!

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      1. Ich weiß so gut was du meinst. Ich bin gerade am anderen Ende der Geschichte. Ich Versuche so sehr, meine spitzen wiederzubekommen und mich aus der lethargischen Mitte zu befreien.

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