Trust the process

Nur ein guter, ein sehr guter Freund, darf ehrlich genug sein, mir ohne Umschweife ins Gesicht zu sagen, dass ich eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Und nur einem wirklich guten Freund gegenüber, würde ich zugeben, dass mir das völlig bewusst und gleichzeitig komplett egal ist. Meinen anderen Freunden und Bekannten gegenüber, behaupte ich, alles im Griff zu haben. Das ist natürlich Blödsinn. Ich habe überhaupt nichts im Griff. Das hatte ich nicht mit 16, nicht mit 20 und an keinem der folgenden runden Geburtstage. Am Ende waren sie aber alle gut. Mehr als das. Meine Geburtstage oder besser gesagt, die Feste, waren fantastisch. Für mich und für neun Zehntel der Gäste. Das kleine Zehntel, das anderer Meinung war, hatte in der Regel zehn Jahre Zeit zu vergessen, dass es sich geschworen hatte, nie wieder mit mir auf der kleinen Lichtung im Wald zu feiern.

Der klügste meiner Freunde, der mir eben versichert hat, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hätte, konkretisiert seine Aussage mit der Frage, ob ich im Juni ernsthaft 50 Personen eingeladen hätte. Ich bestätige nickend – pro Lebensjahr ein Gast – und weiß worauf er hinaus will, als er einwirft, dass diese „Regel“ seines Wissens nach, nur für Kindergeburtstage gilt. 50 Gäste und 31 Schlafplätze murmelt er und beweist wie klug er ist. Es sind eigentlich deutlich weniger Plätze, aber er ahnt, dass ich die Speisekammer und den freien Platz neben dem Waschbecken einkalkuliert habe. Der Klügste reserviert sich gedanklich das Bett hinten links unter der Dachschräge, das sehe ich an den Falten, die seine Stirn wirft und nicke, als er aufschaut. Na, dann – er grinst und nickt meine Planung ab. Das muss er, denn sein Geburtstag liegt so nah an meinem, dass er aus Bequemlichkeitsgründen seit etwa 30 Jahren meine Feiern auch als die seinen betrachtet. Trust the process, sagt er und schreibt es in die WhatsApp Gruppe mit 52 Mitgliedern, die er für die nächsten fünf Monate moderieren wird.

Das war und ist schon immer seine Aufgabe. Früher am Telefon, später via SMS und heute eben auf WhatsApp. Es braucht hier einen Menschen, der den Überblick behält.

„Seid ihr bescheuert? Wo sollen wir den alle schlafen?“
Auf diese Frage antwortet man erst mal gar nicht, sondern wartet ab, wer alles gleich am Anfang absagt. Hochzeiten, Konkurenzgeburtstage oder Urlaube zum Zeitpunkt der Feier lassen die Anzahl der Anwärter auf ein Bett ganz automatisch sinken. (Theoretisch. Praktisch ist die Zeitspanne, in welcher der Klügste seine eigenen Freunde der Gruppe hinzufügt).

„Ist Tina auch eingeladen? *Augenverdrehender Smily?“ – „Ja, bin ich und ich lese hier mit.“
Bei kleinen Fehden zwischen den Gästen empfielt es sich ebenfalls, nicht einzugreifen und darauf zu vertrauen, dass Expaare und Menschen, die sich noch nie sympathisch fanden, alleine klären, ob sie sich aus dem Wegen gehen und absagen werden, oder sich am Riemen reißen, weil es nicht um sie geht. Weil wir keine digital nativs sind, klären die Parteien das in der Regel innerhalb der WhatsApp Gruppe und jeder der Mitlesenden wird auf den aktuellen Stand gebracht. Praktisch, sagt der Klügste und rechnet mit fünf Absagen. Schade, aber die Betten betreffend gut.

„Ihr denkt beim Essen an meine Unverträglichkeit?“ Der Klügste schüttelt den Kopf – ganz sicher nicht – schreibt aber das genaue Gegenteil mit einer solchen Unbekümmertheit, dass wir uns sicher sein können, dass Lisa die glutenfreie Pasta selbst mitbringt, Ben an die Hafermilch denkt und alle Allergiker ihre EPI-Pens dabei haben. Nele und Jule sagen nach einer zweitägigen Diskussion in der Gruppe ab. Wenn Fleisch auf dem Grill landet (trotz einem veganen extra Grill) sind sie raus. Schade finde ich, bis mich der Kluge an die Bettensituation erinnert.

„Was ist, wenn ich die Bettwäsche vergesse? Habt ihr notfalls etwas oben?“ Haben wir, aber das verraten wir nicht. Der Klügste verneint also und verweist erstmals darauf, dass wir auch nicht genügend Betten haben, sie erst nach der Ankunft verteilen werden, aber nicht vor 15:00 Uhr vor Ort sind. Damit ist gesichert, dass fast alle pünktlich erscheinen werden.

Zu diesem Zeitpunkt wundern wir uns das erste Mal selbst darüber, dass sich anscheinend niemand mehr fragt, wie das ganze funktionieren soll. Mit 20 war Chaos völlig normal und man schlief entweder gar nicht und warf sich zu viert oder fünft in ein Ehebett. Jetzt sind wir alle um die 50 und wir hätten mit deutlich mehr Fragen gerechnet. Berechtigten Fragen. Stattdessen kommen Antworten. Drei Paare mit Kindern schicken einen Link mit Gasthöfen im Dorf, wo sie sich eingemietet haben und eine Nachtwanderung machen werden. Minus 6 – das ist gut. Mehr als gut, denn uns fällt ein, dass wir die Kinder komplett vergessen hatten.

Wir sind jetzt bei 38 Zusagen gelandet. Irgendwer wird noch krank werden, ein oder zwei werden es zeitlich nicht schaffen und wenn die italienische oder deutsche Bahn streikt, dann sollte es mit den Betten fast passen. Perfekt rufe ich und strahle. Der Klügste noch nicht – die Kinder haben wir immer noch nicht eingerechnet. Wieviele es sind verrät er mir nicht. Seit ich über vierzig bin, bin ich dann doch nicht mehr ganz so locke bei der Organisation der Hüttenfeiern und spiele kurz mit dem Gedanken das ganze abzusagen. Trust the process, murmelt der tiefenentspannte, klügste Mann, den ich kenne und zieht den letzten Joker der Einladungsphase.

Er postet den Spielplan der Fußball WM 2026 in die Gruppe. In unser Hütte gibt es keinen Fernseher und das Netz ist erbärmlich. Am nächsten Tag hat sich die Bettensituation wie von selbst geklärt.

Bis auf die Kinder, erinnert der Klügste. Oder wenn die Bahnen nicht streiken. Aber darum kümmern wir uns ein paar Tage vorher. We trust….hm…wir vertrauen darauf, dass es schon irgendwie klappt.

P.S. Falls Sie sich fragen wie ich 31 Personen plus voraussichtlich 9 Kinder und Teenager in unsere winzige Hütte bekomme….gar nicht. Ich habe das Nebenhaus mit gemietet.

P.P.S. An alle die bereits eingeladen wurden und hier mitlesen….ich hab´s im Griff. Wirklich!



2 Gedanken zu “Trust the process

  1. 😆Ich denke gerade an meinen 50. vor 23 Jahren. Es war mein erster und letzter Geburtstag mit über 50 Gästen. Damals gab es noch keine Smartphones und WhatsApp Gruppen, das war ja schon mal gut. Alle Eingeladenen sagten zu, kümmerten sich um ihre Hotels selbst und feierten meinen Geburtstag in einem großen Saal. Mein Sohn sorgt für die Musik und ich bestellte viel zu viel Essen. Es war ein wunderschöner Tag und Abend. Die nächsten runden Geburtstage fielen aber deutlich kleiner aus.
    Genieße Deine Feier und vor allen Dingen die Vorfreude darauf! 💐Regine

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