Herr Meier geht fremd

Wenn der alteingesessene Münchner sein eigenes Viertel verlässt, dann nennt er sein Ziel selten beim Namen. Der Giesinger zum Beispiel, verkündet nicht, dass er in die Altstadt radelt – er fährt „rein“. Rein in die Stadt. Dass es sich um die Innenstadt handelt, ist anderen Giesingern dabei völlig klar. Der Giesinger fühlt sich in seinem eigenen Viertel nämlich so wohl, dass er die anderen Stadtteile weitestgehend ignoriert. Das Zentrum, die Altstadt ist ein Sonderfall – die mag der Giesinger. Weitere Ausnahmen sind die angrenzenden Viertel. Nach Harlaching geht man „hoch“ weil man sich die Isar betrachtend flussaufwärts bewegt. In die Au „runter“ – weil der Obergiesinger ein Bergerl runter muss und für den Untergiesinger die Au flussabwärts liegt. Und in das Glockbachviertel gehen wir „rüber“, weil hier die Isar überquert wird. Weitere Ausflüge innerhalb der Stadt unternimmt der Giesinger eher selten und ist ausnahmslos immer froh, wenn er wieder daheim ist. Abgesehen von dieser kleinen Absonderlichkeit zeichnet sich der Giesinger unter den Münchner als besonders aufgeschlossen und neugierig aus. Neues gefällt ihm. Vorausgesetzt man setzt es ihm vor die Nase und er muss nicht raus, runter, rüber oder es handelt sich um etwas, das nach Schwabing oder Maxvorstadt riecht. Da hat der Giesinger eine empfindliche Nase.

Und eben die, die empfindliche Nase, rümpfte mein Nachbar, Herr Meier, als ich heute Vormittag mit dem Radl an ihm vorbeifuhr, um runter zur Dult zu fahren. Nicht wegen der Dult, von der er gerade kam. Dieser, drei Mal jährliche Jahrmarkt, gehört zur Au und damit fast zu Giesing. An einem solchen Ort fühlt der Meier sich wohl. Er kauft, was er braucht (Socken, Hosenträger, Messer, Gewürze, Spülschwämme, Likör, drei neue Christbaumkugeln, die alles andere als neu sind und eine Schnupftabakdose aus dem Jahr 1905), ratscht mit den Händlern, trifft seine Nachbarn und sitzt mit anderen Münchenern im Garten der Fischervroni bei Bier und Steckerlfisch. Auf der Dult also, hätt der Meier sicher nicht die Nase gerümpft. An der Brücke vom Nockerberg, wo es runter in die Au geht, da allerdings schon. Am Nachmittag habe ich erfahren, warum er da gar so grantig (missmutig) geschaut hat. Mein Nachbar Paul hat es mir im Treppenhaus erzählt.

Paul ist Ihnen sicher ein Begriff. Der Mann mit dem Rhett Butler Lächeln. Der Charmeur, mit wechselnden Damenbekanntschaften aus dem Hinterhaus. Sie wissen schon. Was Sie vielleicht nicht wissen ist, dass Paul zwar fast immer Hochdeutsch spricht, manchmal aber ins bayrische verfällt. Eine Eigenart die viele von uns haben. Wenn Paul also über Herrn Meier spricht, dann tut er das ausnahmslos im tiefsten Dialekt. Vermutlich, weil der Meier selbst Hochdeutsch für eine Fremdsprache hält. Das ist wichtig, damit Sie erahnen wie seltsam unser Gespräch begann. Paul erzählte also in tiefstem Bayrisch: „I bin hinter ganga…zua der neia Bäckerei und hob ma an Pumpkin Spice Orange Cream Cheese Cake ´kafft. Do hob i an Meier troffa.“ * Ein Bayrischer Satz der „Pumpkin Spice Orange Cream Cheese Cake“ enthält ist in etwa so verstörend wie die Vorstellung Herrn Meier an einem Ort zu begegnen, der einen solchen verkauft. Wie genau es meinen alten Nachbarn in den Laden verschlagen hat, lies sich nicht mehr rekonstruieren. Grinsend erzählte Paul, von Herrn Meiers Versuch, auf den einzigen 50 Metern, die in Obergiesing als „vollständig gentrifiziert“ gelten (wollen) zwei stinknormale Semmeln zu erwerben. Paul schilderte das herrliche Bild von Meier, mit Hut und Stock, zwischen hippen Szeneleuten, die in Giesing sonst eher vereinzelt und nicht geballt anzutreffen sind. Herrlich aber auch, die Sympathie, die man Meier wohl entgegenbrachte und die Geduld mit der man ihm erkärte was „low carb“, „gluten free“ und „circular economy“ bedeutet und was das mit dem Apfelkuchen in der Auslage zu tun hat. Eine Viertelstunde lang, ging in dem winzigen Café gar nichts mehr. Dank Sprachschwierigkeiten (Hochdeutsch und Herr Meier), Missverständnissen und der Verweigerung anstatt der Semmeln doch eine Bowl oder ein Bananenbrot zu erwerben blockierte Meier den Tresen.

Und, will ich wissen. Wie ist es ausgegangen. Hat er seiner Semmeln noch bekommen? Paul schüttelt irritiert den Kopf. Natürlich nicht. „Na, der hod a Habibi Bowl und an Pumpkin Spiced Latte g´nomma.“ Mitgenommen, frage ich nach und Paul schüttelt wieder den Kopf. Natürlich nicht. Er hatte ja keine eigene Schüssel zum Transport dabei und kein Handy um sich die App für nachhaltige Mehrwegbehältnisse runterzuladen. Paul grinst und es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass er das ernst meint. Herr Meier, der Bier und Brezen Meier, hat sich im neuen Hippsterladen eine Habibi Bowl schmecken lassen….das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Pauls Grinsen wird zu einem nachsichtigen Schmunzeln, als er mir erklärt, dass es nicht schaden würde, etwas offener zu sein. Auch mir nicht, sagt er noch und verschwindet.

Gute fünf Minuten komme ich mir steinalt vor. Steckerlfisch alt. Dann seh ich durch das Küchenfenster Pauls aktuelle Flamme. Klar muss der offen sein. Die ist maximal dreißig. Bestes Pumpkin Spice Latte Alter.**

* Ich kann Bayrisch sprechen, aber nicht schreiben. Sehen Sie es mir bitte nach.

** Den Pumpkin Spice Orange Cream Cheese Cake habe ich mir vorhin übrigens geholt. Nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Und Paul kann sich sein Grinsen schenken. Die Mehrweg App hab ich schon längst auf dem Handy. Ich bin also offen. So offen eine Giesingerin halt sein kann.

27 Gedanken zu “Herr Meier geht fremd

  1. Danke für die enorm erheiternde Lektüre, liebe Mitzi! Ich sehe sie alle vor mir, den grantelnden Meier, den grinsenden Paul, die weltoffenen Giesinger:innen und die sich steckerlfischalt* fühlende Mitzi. 😂😂😂

    Auch kann ich euch alle hören! Verschriftlicher Dialekt ist ja immer so eine Sache, aber „richtig“ schreiben kann und tut das eh niemand, daher: passt scho.

    *was für eine hübsche Kreation!

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    1. Danke, liebe Eva. Ich freu mich, dass du etwas zum Lachen hattest.
      Der Kontrast eines alten Jahrmarkt und diese super modernen Läden ist vielleicht genau das was ein Viertel irgendwie auch schön macht.

      Ganz liebe Grüße

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      1. Auf jeden Fall ist es richtig cool vom Dult-Meier, dass er in dem Szenelokal was Neualtes gefunden und gefuttert hat. So eine Bowl ist schliesslich auch bloss ein aufgemotzter gemischter Salat. Und der Pumpkin Spice Orange Cream Cheese Cake ein überzüchteter Quarkkuchen. So stimmt die Perspektive wieder.

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      2. 😂😂 Tolle und zutreffend Beschreibungen. Man muss ihnen vermutlich den modernen Namen geben, um den überteuerten Preis zu rechtfertigen. 🙈

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      3. So ist es, liebe Mitzi. Man kann ja auch keine schlichte Feuchtigkeitscreme zum selben Wucherpreis an die Frau bringen wie die Beautifying and Rejuvenating Youth Intensifying Extra Auto-Replenishing Hydrator Skincare QX7395 für 82 Euro pro 10ml. 🤷🏻‍♀️

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      4. Wäre mir der bloss früher eingefallen und hätte ich wenigstens 10 Stück davon verkaufen können, dann würde ich mich jetzt ausgiebig auf der Auer Dult vergnügen. Da war ich mal als Mittzwanzigerin und wollte gar nicht mehr weg. Sag, gibt’s dort immer noch keinen Orange Spice Cream Cheese Latte Pumpkin zu kaufen?

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      5. Ich kann dich beruhigen. Die Auer Dult hat sich in all den Jahren mehr oder weniger nicht verändert. Kleinigkeiten, die nicht schaden, insgesamt aber immer noch unverändert. Außer natürlich bei den Preisen, die können fast mit obigen Kuchen mithalten.

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  2. Gibts denn den Giesinger wirklich noch? Hier in Frankfurt sind wir scheinbar alle nur noch Zugezogene (mich eingeschlossen). Frankforterisch wird schon lange nicht mehr gebabbelt, das Hessisch stirbt langsam aus. Aber luschtig war deine Story schon… 😀 Ich kenne dieses Art Läden und ihre Produkte, das ist schon teilweise affig… 😛

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      1. Es ist für mich erstaunlich, dass diese Originale sich bei euch noch in größerer Zahl erhalten haben. Allerdings kenne ich München auch nicht gut genug, um da mitzureden… 😉

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      1. Stimmt. Oder a ned. Schmecken tut der moderne Kürbis Kuchen nämlich richtig gut. Der Giesinger gibt’s nicht zu und kauft ihn heimlich. Natürlich nur selten, weil er nicht bereit ist, allzu oft dafür Geld auszugeben.

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  3. Hab deine ethnologischen Darlegungen sehr genossen, liebe Mitzi. Und es war besonders schön, das vertraute Personal deiner Geschichten wieder in Aktion zu erleben, Herrn Meier und Paul, von dem sogar noch etwas Neues zu erfahren war, dass er nämlich auch Bayrisch reden kann.

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