Morgen machen wir uns einen ruhigen Tag, sage ich zu meiner Freundin und schnappe mir die letzte Nudel aus der Pfanne. Morgen, plane ich weiter, verabschieden wir uns in aller Ruhe vom Sommer – nur du und ich und ganz in ohne Stress. Die Temperatur an diesem Montag wird noch einmal fast hochsommerlich warm sein und keiner meiner Freunde ist hier. Sie haben den Sommer bereits beendet und der, der mir am wichtigten ist, ist gerade dort, wo ich sonst bin – in München. Auf der Wiesn. Klar, es ist Italienerwochenende. Das Wochenende an dem ich ans Meer flüchte und er, der seit vielen Jahren mehr Italiener als Münchner ist, in die alte Heimat zurück gekehrt ist. Blöde Planung, meint meine Freundin und ich zucke mit den Schultern. Vielleicht, andererseites haben wir einen ganz besonders schönen Tag vor uns. Den letzten richtigen Sommertag, bevor uns in München der Herbst erwartet und den wir ganz für uns haben. Morgen machen wir es uns gemütlich, sage ich zu meiner Freundin und verdrehe die Augen, als sie mit einem „abwarten“ antwortet und sich mit einem Glas Wein auf den Balkon setzt. Sie kennt mich. Und den mutigsten meiner Freunde auch. Vielleicht mittlerweile ein bisschen zu gut.
Um kurz vor Mitternacht klopfe ich an ihre Türe und erkundige mich, ob sie noch wach ist. Sie ist es und weil ich im Schlafanzug am Türrahmen lehnend mein Telefon in der Hand halte, erkundigt sie sich direkt und ohne Umschweife, was wir anstelle des ruhigen Tags am Meer denn nun geplant haben. Ich kann mich nicht mehr an die Worte erinnern, mit denen ich versuchte ihr den neuen Plan schmackhaft zu machen. In der ersten Version beinhalteten meine Sätze aber vermutlich nicht die Information mehrfacher Grenzübertritte, den Kauf einer Jahresvignete der Schweiz für nur einen Nachmittag und eine Fahrt von ca. 450 Kilometer (wohlgemerkt, bevor wir am darauffolgenden Tage 700 nach München fahren würden). Dass sie einfach mit „OK“ antwortete, das Licht ausmachte und mich ins Bett schickte, lässt mich erahnen, dass ihr schon beim mehrfachen Piepsen meines Telefons eine halbe Stunde vorher klar war, dass der mutigste meiner Freunde, die Wiesn bereits wieder verlassen und ich, ihren entspannten Sommertag bereits komplett umgestaltet hatte. Einen Tag, den sie nach dem Wahsinn und Chaos eines Urlaubs mit mir sicher nötig gehabt hätte.
Ich hoffe der Ausflug hat sich für sie, die beste Urlaubsbegleitung, dennoch gelohnt. Wir wurden bekocht, umarmt, am Luganer See herumgeführt und hatten einen wunderschönen Tag in einer ebenso wunderschönen Stadt. Ich hoffe das wir das hatten – ich in jedem Fall. Aber ich hatte auch gefrühstückt. Sie nicht, weil ich richtig früh los wollte und das erst kundtat, als sie Richtung Dusche ging. Ich hab mir innerhalb weniger Stunden jede schöne Ecke der kleinen Stadt zeigen lassen und hatte möglicherweise etwas mehr Energie, weil mir schon klar war, dass es kein ruhiger Tag werden würde. Und ich war die Beifahrerin, die vergass auf der Rückfahrt die richtige Ausfahrt rechtzeitig anzusagen. Und ich war die, die meinte, dass die alte Autobahn runter nach Genua auch gehen würde. Tut sie auch. Aber mit schon 400 Kilometern im Nacken und recht müde, war sie dann doch….herausfordernd. Autobahn ist Autobahn habe ich noch aufmunternd gesagt, bevor ich die nächsten 40 Minuten den Mund gehalten habe. Dieser Teil der A7 ist stellenweise mit nur 60 kmh befahrbar, wird von LKW- und Motoradfahrern geliebt und hat mehr Kurven als eine durchschnittliche Passstraße in den bayerischen Alpen. Nachts richtig toll, wenn man die Strecke nicht kennt. Oder der blanke Horror, wie ich in einer SMS dem mutigsten meiner Freunde gestand. Wir haben sie geschafft, die blöde Autobahn. Sie hat sie geschafft und völlig geschafft vor dem Bettgehen dann doch noch ein paar ruhige Minuten am Meer bekommen.
Am nächsten Morgen mussten wir zurück. Aber auch Rückreisetage gehören zum Urlaub, oder? Ich glaube die Beste sieht das auch so. Ich frage sie. Wegen der Heimfahrt ….meine Freundin fällt mir ungewohnt konsequent ins Wort. „Nein!“ Sie nimmt ihren Kaffee für einen letzten Blick über das Meer mit auf den Balkon und erklärt mir, dass wir jetzt auf direktem Weg nach München fahren würden. Kein Mittagessen in Mailand, kein Kaffee am Comer See und kein Aperitiv in Noli. Zieh dir Socken an, der Sommer ist vorbei, wird mit strenger Stimme festgestellt. Aber schön war er, frage ich noch und sie nickt. Schön ja, aber dank mir auch etwas anstrengend.
P.S. Die nächsten vier Wochen muss ich mich vom Sommer erholen. Schön war er, aber tatsächlich auch etwas anstrengend. Vielleicht nächstes Jahr etwas ruhiger….obwohl…nein, eher nicht.

Einen Fahrer zu haben ist praktisch. Auch ich weiß das inzwischen zu schätzen. Man schaut umher und kommt vergleichsweise erholt an und weiß gar nicht recht, warum der andere jetzt so erschöpft wirkt. –
Urlaub ist schön, aber wie hat sich Dein Projekt entwickelt? Oder geht das Selbstverlegen so nebenher?
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Es ist wirklich schön, bei meiner Freundin Beifahrerin zu sein. Ich fahr auch gerne selbst, aber natürlich ist das schon ein bisschen anstrengender.
Mein Projekt ist immer noch offen. In meinem Hauptjob ist momentan so viel los, dass mir komplett die Ruhe fehlt, irgendwas zu machen. Ich hoffe, dass sich das jetzt im Winter ändert, da gibt es draußen wenigstens weniger Ablenkung.
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Ist’s der Brotberuf oder sind es die Isarauen?
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Der Brotberuf. Aber es wird. 🙂
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Nun haben wir also auch die langmütigste deiner Freundinnen kennengelernt. 😁
Mit jemandem wie dir bin ich auch jahrelang gereist, doch der fuhr zum Glück selber, darum habe ich wohl die diversen Planänderungen und spontanen Umwege entweder geniessen oder wenigstens aushalten können.
Ich wünsche dir einen fröhlichen und bunten Herbst, liebe Mitzi! 🍂🍄🍁🍄🟫🍐🍻
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Langmütig ist ein wunderschönes und passendes Wort für meine Freundin. 🙂
Ich bin froh, dass sie über den Text lachen konnte und wir schon den nächsten Urlaub planen.
Auch dir schöne Herbsttage und liebe Grüße 🤗
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