Von grau zu bunt

An manchen Tagen ist meine Heimatstadt hässlich. Selten, aber wenn sie sich einen grauen Schleier umhängt, dann sieht sie scheußlich aus. Ein Hochsommerregen macht München noch nicht hässlich. Wenn der ganze Juli aber ins Wasser fällt, dann drückt das auf die Stimmung. Selbst auf meine. Dann nützt die größte Vorfreude nichts mehr und die Laune wird grau. Erste Reihe….so ein Schwachsinn. Jeder mit Verstand hat Sitzplatzkarten. Wenn überhaupt. Weit über 100 Euro für etwas, das man sich mit einem Glas Wein in der Hand und trocken auch ganz bequem als ältere Aufzeichnung auf Youtube ansehen kann. Irgendwie schon bescheuert, jetzt loszurennen. Noch bescheuerter die Bekannten, die das komplette Programm auffahren. Die eine hat im Status den Olympiaturm bei Sonnenaufgang. Wie dämlich kann man sein bei der Wetterprogonse um 06:47 Uhr in den Olympiapark zu gehen. Sehr, wenn Sie mich fragen. Ich lehne gegen 11.00 Uhr in der U-Bahn und habe schlechte Laune. Graue Laune. In eine solche kann ich mich gut reinsteigern. Obwohl das Bild der Bekannten wirklich schön ist. Auch das zweite. Da sitzt sie mit anderen unter einem Unterstand und wartet. Warten…stundenlang. Ja, früher waren das tolle Tage. Aber heute…was zum Henker haben wir in der Zeit früher gemacht? Ich bin grau. Grau und alt. Uralt. An einem Konzerttag ist das mehr als ungut.

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Und dann…dann reicht ein winziges Wort und plötzlich ist alles wieder gut. „Hey“ sagt eine, die ich mag und die im Fenster sitzend auf mich wartet. Ich grinse durch den Regen und frage mich von einer Sekunde auf die andere nicht mehr, was ich hier eigentlich gerade mache. Ich geh auf ein Konzert und vorher trinke ich noch etwas mit alten Freundinnen, die ich sehr, sehr gerne habe. Es wird heller und eine viertel Stunde später ist nichts mehr grau. Das Wetter schon. Das ist an Scheußlichkeit nicht zu überbieten. Positiv dagegen ist in diesem Fall, dass ich mittlerweile eine mittelalte Frau bin. Der ist es nämlich (entschuldigung) scheißegal wie sie beim Versuch halbwegs trocken zu bleiben aussieht. Den meisten anderen, die in der U-Bahn stehen und überwiegend unser Alter haben auch. Wenn interessiert es, solange unser Konzertradar noch funktioniert. Dank diesem sind wir genau richtig gegen drei Uhr angekommen. Eine Zeit, die perfekt war. Perfekt um nicht vor Einlass schon völlig nass zu sein und um….genau….um in die erste Reihe zu kommen. (Für die Experten…erste Reihe vor der C-Stage, was viel besser als die Main Stage war).

Was macht man vier Stunden lang wartend vor einem Konzert? Blöde Frage. Was macht man, wenn man sich mit Freundinnen in einem Café trifft? Man redet, knabbert Süßes, unterhält sich mit den Menschen um einen herum und besucht die Toilette, was alleine schon gut 30 Minuten in Anspruch nimmt. Nicht wegen möglicher Schlangen, sondern weil man die gefühlten 2.500 Stufen von untern ganz hoch muss. Runter geht schneller. Theoretisch. Bei Wolkenbrüchen empfielt sich ein gemäßigteres Tempo. Ich habe ihnen ein Bild der Regenpause mit reingestellt. So alt können wir eigentlich noch gar nicht sein. Oder würden wir uns sonst wie aufs Kommando auf den Boden fallen lassen und nicht einen Moment darüber nachdenken, in was für eine Siffe wir uns gerade fallen lassen. Einer der keine Ahnung hat, meint hierzu, dass es vielleicht doch daran liegt, dass wir schlicht eine Pause brauchen. Quatsch. Alte Bilder beweisen das Gegenteil.

Und jetzt Schluss mit mittelalt, alt oder jung. Es war fantastisch. Ab und zu muss ich ganz tief im Magen die Bässe der Lautsprecher spüren. Muss mich mittenrein werfen und an absolut nichts denken. So wie all die anderen die neben und hinter (nicht vor!) mir stehen. Mit einer letzten Reihe Bilder erlöse ich Sie dann auch.

Das nächste Mal wenn ich mich grau und alt fühle, denk ich an meine Oma. Die hat mit über 90 mit dem Krankenpfleger geflirtet. Oder an meinen Vater. Den mit über 70 mit seinem besten Freund zu beobachten war wunderbar. Oder an den Stammtisch meiner Tante der mich mit meiner Mutter zu einer Lesung begleitet hat und an der Bushaltestelle getanzt und am Vorabend die Hotelbar geentert hat. Es passt schon älter zu werden. Solange man es ausreichend oft vergisst, das Alter. Oder sich – noch besser – nicht darum kümmert. Das kann man am nächsten Tag machen. Gerade sagte ich zu einem, er braucht weder anzurufen noch vorbei zu kommen – ich bin für heute raus. Mir tut alles weh und ich bin dann doch müder als vor 20 oder 30 Jahren.

Heute – gestern nicht.

13 Gedanken zu “Von grau zu bunt

  1. Hauptsache, es war schee! Das scheint der Fall zu sein, und zum Ausschlafen braucht’s keinen ärztlichen Beistand. Du hast also wohl in deiner Altersweisheit alles richtig gemacht. 🙂

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  2. Apropos Lesung… das Wetter würde ja passen. Aber d’Leut sind in den Ferien? – Hier geht eh alles drunter und drüber, wir haben bei dem Wetter allerlei Umbaumaßnahmen, aber der Zimmermann hat das meiste überstanden. Der Elektriker noch nicht, der hat einen Blitzeinschlag simuliert (400V reichen, um die meisten Geräte und das Internet lahmzulegen). Nach und nach bringen wir die Dinge zum Laufen, angefangen bei der Waschmaschine, gefolgt von Klingel und Internet…

    Aber er kommt wieder!

    Und ich… wie alt ich mich erst fühle. Ich will nicht mehr bauen oder umbauen, nein, das ist rum! Und es regnet weiter.

    Hauptsache, das Konzert hat dem Trio gefallen und keine wurde dann gleich noch krank. Na ja, Aperol statt Sonne, das geht ja auch und hilft vielleicht (vorübergehend)…

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    1. Krank wurden wir nicht – aber ich war danach urlaubsreif für zwei Tage. Man wird nicht jünger, obwohl ich es dann doch ein bisschen dem Regen und den nassen Klamotten in die Schuhe geschoben habe.
      Das klingt nach reichlich „Aufregung“ bei dir. Ich hoffe mittlerweile passt das meiste wieder. Entschuldige bitte, dass ich so lange nicht geantwortet habe.
      Hier war gerade zuviel los. Bei beiden Jobs und nur die Seite hier aufzurufen hat mich unter Stress gesetzt. Sollte es nicht, wenn man einen Blog hat, aber ich war ein bisschen über das Limit. Auch wegen eines anderen Projektes, das ich schon ewig vor mir herschiebe. Und wenn ich das Skript jetzt nicht raushaue, dann mache ich es nie.

      Liebe Grüße

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      1. Eins nach dem anderen… was auch nicht immer hinhaut! Ok, Streß allerorten.
        Ja, etwas ruhiger ist es. Jetzt beginnt allmählich der allherbstliche Geburtstagsmarathon. Und die Bauerbeiter lassen uns eine Atempause, kommen aber wieder (und all das, was der Überstrom des Elektrikers rausgehauen hat ist auch noch nicht wieder ganz). Ruhig wird es also nicht, wir sind grad mal wieder zurück vom hochsommerlichen Startfest des besagten Marathons. Eine Hochzeit kommt auch noch dazwischen und nächstes Jahr geht das weiter….
        Skript, das klingt nach neuem Buch (beim selben Verlag? Du hast da schon mal was dazu geschrieben)? Wenn, dann schon mal viel Erfolg!

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      2. Angesichts der ganzen Themen ist „etwas ruhiger“ fast schon gut. Trotzdem, ich drück die Daumen dass du mit „eins nach dem anderen“ den Kopf über Wasser hältst.
        Geburtstagsmarathon klingt auch nicht ruhig, aber bedeutend schöner! Hochzeiten natürlich auch. Die haben bei mir in den letzten Jahren nachgelassen. Bis die nächste Generation dann irgendwann beginnt.

        Ich hab keinen Verlag. Hab das über das Selfpublishing gemacht und das klappt ganz gut. Wahrscheinlich hab ich das schon vor zwei Jahren mal angekündigt. Keine Ahnung warum es mir diesmal so schwer fällt. Egal…es wird 😉

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