Kontrollverlust

Denken Sie noch manchmal an die Pandemie? An Corona und wie es damals gewesen ist? Ich ja. Im Sommer ganz besonders. Nicht täglich, aber immer wieder. Weniger an Jens Spahn und seine Maskenaffaire, aber durchaus an die Auswirkungen, die diese Ausnahmezeit auf mein künftiges Leben hatte. Man möchte meinen, dass ich als allein wohnende Person mit einem Job der nicht von der Pandemie betroffen war und ohne schulpflichtige Kinder, recht gut durch die diese Zeit gekommen bin und das stimmt auch. Aber danach, als die meisten wieder ganz normal arbeiten konnten, die Kinder vormittags wieder aufgeräumt waren und das Leben wieder normal wurde – da hat es mich erwischt. Vor allem meinen Keller. Dort stampeln sich zwar keine, zu teuer erworbenen Masken, dafür aber Gläser. Und das ist ein Problem. Nicht Ihres, aber meines. Und deshalb müssen Sie sich jetzt anhören, welch katastrophale Auswirkungen Corona noch heute auf uns (also mich) hat.

Angefangen hat es mit zu viel Zeit. Zeit, die dank stillgelegter Freizeitbeschäftigungen plötzlich im Überfluss vorhanden war. Man musste sich beschäftigen. Ein Großteil meiner Nachbarn tat das, indem sie anfingen Sauerteigbrot selbst zu backen. Mit, mir völlig unverständlicher Hingabe, begannen sie ihren angesetzten Sauerteig täglich liebevoll zu füttern. Tipps und Tricks dafür wurden am schwarzen Brett neben den Briefkästen angepinnt und erfolgreiche Sauerteigansätze großzügig geteilt. Meine Nachbarn entwickelten eine, mir ebenfalls völlig unverständliche, Zuneigung zu ihrer Mehl-Wasser-Pampe und gingen teils soweit, ihre misslungen Versuche nicht wegzuwerfen, sondern ähnlich wie Hundwelpen in der Urlaubszeit, auf den Briefkästen (dort nicht die Welpen, sondern die Teige) auszusetzen, um sich einzureden, dass diese sicher eine neue, liebevolle Bleibe finden werden. Dass der durchschnittliche Deutsche in Ausnahmesituationen den Verstand verliert ist kein Geheimnis, dass die Hochburg der Verrückten in meiner Straße liegt, hat Corona gezeigt. Ich selbst habe mich an dem Wahsinn nicht beteiligt. An diesem. Ich habe meinen ganz eigenen entwickelt. Unter dem Einfluss der um sich greifenden Endzeitstimmung, besann ich mich auf das, was schon unsere Großeltern durch schlechte Zeiten gebracht hatte. Futtersuche und Vorräte anlegen.

Brot hatten wir. Reichlich. Aber – falls alle Supermärkte für immer schließen würden, weil die Kassiererinnen sich alle gleichzeitig ansteckten (ok, das glaubte ich nicht wirklich…mir wahr ehrlich gesagt eher schrecklich langweilig) – dann hatten wir nichts, um diese Brote zu schmieren. Die Anschaffung einer Kuh (Kuh = Milch = Butter, Käse usw) für die Wiese im Hinterhof war ein netter Gedanke, aber selbst mir war klar, dass das nicht funktionieren würde. Marmelade aber, das war durchaus im Bereich des Möglichen. Schließlich haben wir drei (!) Kirschbäume im Hof. Im Juni 2020 als die ersten Coronamaßnahmen gelockert wurden und mir zwei Nachbarn (mit Maske natürlich) die Leiter offiziell halten durften, begann ich mit der ersten Ernte. Kein Witz – wir haben großartige Kirschbäume im Hof und in all den Jahren zuvor überließen wir die herrlichen Früchte den Vögeln. Und dem Hausmeister, der Kirschen und Kerne auf dem Weg verfluchte. 2020 entkernte ich die Kirschen mit Messer und Fingern und kochte sie im Spaghettitopf in alten Senfgläsern ein.

2021 besaß ich bereits einen Kirschkernentkerner und einen Einkochtopf. Beides erwähnte ich naive in nachbarschaftlichen Plauderein und erweckte so den Eindruck, des mühelosen Entstehens von Sirup, Gelee und Marmelade. Meine Nachbarn begannen mir Gläser vor die Kellertür zu stellen und freuten sich auf die Erntezeit der Kirschen. Da die nur im Juni/Juli war begann man mir ab 2022 Eimer, Schüsseln und Körbe mit Obst vor die Tür zu stellen, deren Herkunft sich meist nicht mehr rekonstruieren lies. Außer bei Frau Angermeier. Deren Tochter hat einen Schrebergarten und darin Johannisbeersträuche. Nach fünf Jahren kann sie die Beeren nicht mehr sehen und drückt sie ihrer Mutter aufs Auge. Und die dann mir. Seit Corona schätzen wir die kleinen Dingen und werfen kein Obst weg. Also ich. Also koch ich es ein. Auch die verdammten Jostabeeren, die scheiße schmecken und die mir ein Idiot heimlich vor die Tür stellt. Weiß der Henker wie er an die kommt. Aber auch er kann oder will sie auf keinen Fall einfach in die Biotonne werfen.

Sie denken, das alles ist kein Problem, sondern eigentlich ganz nett? Dann haben Sie, mit Verlaub, keine Ahnung wie viel Arbeit das Einkochen macht. Angefangen von wütenden Nachbarn, die mich darum bitten (anmotzen) die Gläser, die mir nette Nachbarn vor mein Kellerabteil gestellt haben, zu entsorgen. Mittlerweile stehen da nicht nur Gläser mit Schraubverschluss, sondern auch leere Flaschen. Man denkt, Abteil Nr. 77 ist die Altglassammelstelle. Dann muss ich guten Gläser waschen und sterilisieren. In meiner kleinen Küche dauert das. Lange. Für ein Kilo Obst können Sie mal locker 12 kleine Gläser rechnen. Und ganz am Rande – bei 33 Grad will man keine vor sich hin kochenden Töpfe am Herd stehen haben. Die Luftfeuchtigkeit in meiner Küche (Fenster kann nur gekippt werden) beträgt ca. 80%. Ich bin gespannt, wann die Tapete sich ablöst. Deshalb habe ich beschlossen dieses Jahr auf meine eigene Kirschenernte zu verzichten. Vier Jahre lang war es nett, aber irgendwann reicht es dann auch.

Das sah der neue Hausmeister anders. Man hatte ihm davon erzählt, dass eine etwas verschrobene, aber schwindelfreie Hausbewohnerin sich jedes Jahr auf die Leiter schwingt und Kirschen erntet. Er ist nett, der neue Hausmeister. So nett, dass er mir die Kirschen vor die Tür gestellt hat. Das Gewicht kann ich nicht schätzen. Drei Putzeimer mit dem Hinweis, dass sicher noch mehr kommt. Nein. Nett, aber einfach nur nein. Ich werde die nicht alle entsteinen. Das sind locker 20 Kilo. Nein! Auf keinen Fall.

Ich habe sie nicht entstein. Dachte ich bin clever und mache Sirup. Einfach alles aufkochen, etwas zerstampfen und durch eine Mulltücher filtern. Wussten Sie, dass man mit Kirschsaft getränkte Mulltücher zur späteren Säuberung besser nicht in die Badewanne wirft? Ich nicht. Deshalb habe ich jetzt rosa Flecken auf dem Emaille der Wanne (Stand heute lässt sich das auch nicht mehr entfernen). Aber danke für die feinen Früchte. Der Sirup steht jetzt ordentlich abgefüllt und beschriftet auf den Briefkästen als Geschenk für die Nachbarn. Die Bäume gehören schließlich allen.

Mein Nachbar Paul hat mir im vorbeigehen, als er sich eine Flasche nahm, den Vogel gezeigt. Wenn Sie also glauben Jens Spahn hätte derzeit Probleme mit den Nachwirkungen von Corona, dann lesen Sie diesen Text bitte noch einmal von vorne.

26 Gedanken zu “Kontrollverlust

  1. Gerade erlebe ich einen Kontrollverlust: ich habe bei dir kommentiert, aber der Kommentar erschien bei Cynthia (Querdenkerin), wo er völlig unpassend war. Neuerdings springt das System, wenn ich „Like“, auf andere Blogs, aber beim Kommentieren ist es mir zum ersten Mal passiert. Sehr ärgerlich. 😕

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  2. Der Fluch der guten Tat! 🫣

    Vielleicht könntest du die Wanne mit Kirschsaft füllen, dann ist sie ganz rosa – und Paul soll die Früchte vorher schön entsteinen, der Vogel, der.

    Ein wundervoller Text, liebe Mitzi! Ich wünsche dir süsse Sommer(ferien)wochen. 🍒

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    1. Hallo Eva, unter uns…ich teile in erster Linie, weil es einfach viel zu viel ist.
      Noch hoffe ich den Flecken mit alter (die ich gar nicht mehr habe) Scheuermilch wegzubekommen. Sonst überlege ich ob deine Idee was wäre 😉

      Schöne Sommerwochen auch für dich. Mit vielen (nicht zu vielen) Kirschen 🙂

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      1. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. 😁

        Bin gespannt, welche Farbe deine Badewanne am Ende haben wird, aber ich denke, es müsste kirschrot sein – schliesslich steht dein Blog ja im Zeichen der Kirsche. 👋🏼

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    1. Bei dem einen oder andern müssen die Klopapiervorräte wirklich ewig gereicht haben. Das íst rückwirkend wirklich verrückt, dass ein ganzes Land sich am meisten um Klopapier sorgt.
      Und gerne – ohne Humor ist das alles doch viel zu gruselig.

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  3. Gibt es denn keinen im Haus, der auch einwecken würde? Die Arbeit sollte man sich teilen. Gegen das Vergammelnlassen wäre ich auch. Nächstes Jahr kocht einer Marmelade, einer Sirup, einer Gelè. Und ein anderer backt Kuchen. Und dann treffen sich alle zum Sommerfest unter den abgeernteten Kirschbäumen und da wird verkostet und geteilt. Friede, Freude, Kirschkuchen. 😆

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    1. Eine Nachbarin kocht ebenfalls ein. Die andern haben alle mit den Jahren wieder aufgehört. Aber – das muss ich zugeben – in meinem Haus teilt man gerne. Abgesehen von Brot, das eine Nachbarin immer noch ab und an vorbei bringt, tauschen wir gerne nützliches und leckeres.
      Nur beim Einkochen….da hat tatsächlich kaum einer Lust. Ich hoffe in diesem Fall auf neue Nachbarn. Ein bisschen Fluktuation ist in Mietshäusern ja immer.

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  4. Ha! Das ist doch die Idee für eine neue Doku für den BR: “In Giesing wird noch eingekocht.”
    Die Hipster aus Schwabing werden neidisch zu dir rüberschielen und sich von Entsafter bis Einkochautomaten (in trendigen Pastelltönen) alles zulegen. 😉 Vielleicht geiern sie dann auch auf deine Kirschen, Johannesbeeren und Jostabeeren. 😉

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  5. Liebe Mitzi, für den Fall, dass noch sommerliche Früchte übrig wären, hier das musische Rezept von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood aus dem Jahr 1968: „Strawberries, cherries and an angel’s kiss in spring, My summer wine is made from all these things“. Gute Sommerzeit wünscht Bernd

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  6. Frische Früchte kann man nicht aufheben und nicht alle verzehren. Also muß man sie verdrücken. Zerdrücken. Zerquetschen. Zerkochen. Nun gut, als Vorrat. Und wenn man Marmelade mag. Was aber, wenn die Regale die Gläser nicht mehr fassen und man gewiß niemals mit dem Vorrat zu Ende kommt?
    Da hilft nur eins: Einen Stand auf der Auer Dult! Oder auf’m Vikutalienmarkt! MitzisMarmeladenmanufaktur…
    Aber paß auf, dass am Stand neben Dir nicht der Jens auftaucht und Masken verscherbeln will. Das ist geschäftsschädigend.

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  7. Hallo Mitzi, ich habe ja schon seit eh und je ein Faible für lustige Tippfehler – in der Coronazeit hat sich das nicht gesteigert. Aber hier habe ich wieder einen:

    „Dort stampeln sich zwar keine, zu teuer erworbenen Masken, dafür aber Gläser.“

    Wären mir die Gläser zu viel, hätte ich sie „strampeln“ lassen, vielleicht machen sie sich kaputt. – Aber als sehr ordnungsliebende Frau würde ich sie gut stapeln, damit ich jederzeit auf sie zugreifen kann.

    Genug von Nonsens, ich muss gleich zum Doppelkopf – vielleicht finde ich dort Partnerinnen zum stampeln, auch wenn die nicht wissen, was es ist.

    Lieben Gruß zu dir

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