Basta!

Das Hinterhaus ändert sich. Es wird lauter und gleichzeitig wird es anonymer. Eine Kombination, an die ich mich erst gewöhnen muss. Dass es lauter wird, stört mich nicht. Im Vorderhaus wohne ich über der Kneipe und bin an Krach gewöhnt. Ungewohnt ist, dass ich die Geräusche im Hinterhaus seit einiger Zeit keinem einzelnen Bewohner mehr zuordnen kann. Vor ein paar Jahren, wusste ich bei Torjubel genau, dass Herr Bender sein kleines Radio mit auf den Balkon genommen hat, um Bundesligaspiele bei Dosenbier und Zigarillos zu genießen. Der scheppernde Radio (der Radio….wir befinden uns in Bayern) klang nicht besonders schön. Schön war es aber zu wissen, dass Herr Bender auf dem Balkon und nicht im Krankenhaus war, wo er in seinen letzten Jahren viel zu oft lag. Ähnlich ging es mir mit den sanften Klassiktönen, die aus Frau Wolfs Wohnung erklangen. Für meinen Geschmack hätte sie ihre Platten ruhig bei offenem Fenster hören können – Bach und Beethoven vertragen sich wunderbar mit Frühlingsabenden. Außerdem schienen sie Franziska M. zu beruhigen, die in ihren letzten Jahren Demenzkrank häuftig polternd und schimpfend auf dem Balkon stand und über neuzig Jährig mit ihrer längst verschiedenen Mutter stritt. Alle drei sind mittlerweile gestorben. Mit ihnen ist die für sie typische Geräuschkulisse verschwunden. Es sind nicht nur die Alten, die aus dem Hinterhaus verschwinden, sondern auch die Jungen. Mein Nachbar Paul aus dem Hinterhaus meint, das sei völlig normal.

Unser Haus ist 1981 gebaut worden. Damals in einem Teil des Viertels, der sich nicht gerade durch Exclusivität auszeichnete. Ein Großteil der kleinen Wohnungen im Hinterhaus wurde von alleinstehenden, bereits nicht mehr allzu jungen Menschen bezogen. Die Miete konnte man sich leisten und es war unwahrscheinlich, dass die Familie sich noch vergrößern würde. Man zog ein und blieb. Den Vermietern war es recht. Die Mieter – oft alleinstehende Frauen oder verwittwete Männer – zahlten pünktlich und achteten auf ihre Wohnungen, an denen sie hingen. Im Gegenzug blieben die Mieten moderat. Seit 1981 sind 44 Jahre vergangen. Die Erstbezüge sterben und auch die erste Generation Vermieter haben ihr Eigentum vererbt und die Nachkommen die Mieten kräftig erhöht. Normal, sagt mein Nachbar Paul, schade finde ich.

Gerade die alten Frauen im Hinterhaus waren es, die unser Haus für mich zu etwas besonderem gemacht haben. Drei von ihnen kannte ich gut und alle drei mussten mehr oder weniger unfreiwillig sehen, wie sie es ohne Mann und ohne präsente Kinder durch das Leben schaffen. Ende der siebziger Jahre war das nicht leicht. Franziska zum Beispiel lebte ein Leben, meinem ganz ähnlich. Als junge Frau verliebte sie sich und zog ins Ausland, dem Mann hinterher. Ich gebe das nicht gerne zu, aber letztendlich habe ich genau das auch gemacht. Ich nach Italien, sie nach Griechenland. Wir kämpften uns durch – ohne den Mann, dem wir folgten und haben es nie bereut. Geheirate hat Franziska nie und Kinder hätte sie gerne gehabt, aber leider nicht bekommen. Kommt mir bekannt vor. Franziska war ein Beispiel für die starken, alten Frauen in unserem Hinterhaus.

Ganz sicher gibt es unter den Nachmietern auch tolle Frauen. Tolle und interessante Menschen. Man lernt sie nur nicht mehr kennen. Die kleinen Wohnungen wurden renoviert und werden jetzt möbliert für Wochen oder Monate vermietet. Man begegent sich im Treppenhaus, grüßt und lächelt sich an, wenn man gemeinsam vor dem Lift wartet. Wünscht ein schönes Wochenende, wenn man ein Paket abholt, würde sich aber scheuen, zu läuten, wenn einem der Zucker ausgeht. Lieber schnell zur Tankstelle, als jemand völlig fremden am Sonntagmorgen zu nerven. Ich habe keine Ahnung, wer in diesen aufgehübschten Wohnungen lebt. Ist dieser Mensch, der immer so fröhlich grüßt glücklich, ober erlischt das Lächeln sofort, wenn die Tür sich schließt? Ist er zufrieden oder traurig? Ich weiß es nicht und es geht mich nichts an. Man hält sich die Tür auf und wenn einer hinfällt, dann läuft man zu ihm. Aber wie es ihm geht, das weiß man nicht. Dafür braucht es ein paar Jahre. 44 Müssen es nicht sein, aber vier Monate sind eindeutig zu wenig. Das ist die durchschnittliche Mietdauer in den möblierten Appartements.

Herr Meier, der mit mir im Vorderhaus wohnt, beruhigt mich. Vorne raus, das sind die größeren Wohnungen. Die haben sich damals nur ältere, wohlhabendere Menschen kaufen oder mieten können. Der Generationenwechsel ist schon vorbei. Herr Meier weiß nicht, dass meine Vermieterin weit über neuzig ist und mir das immer mal wieder Sorgen macht. Unnötig meint Herr Meier. Er hätte dem seinen (Vermieter) schon vor Jahren gesagt, dass er bis zu seinem Tod nicht ausziehen wird. Basta! Genau das sollte ich auch machen. Vielleicht mache ich das wirklich. Sollte es einmal soweit sein, dann werde ich meinem neuen Vermieter schreiben, dass ich die nächsten vierzig Jahre hier weiter wohnen werde. Basta! Keine Nachfragen bitte.

Warum eigentlich nicht? Herr Meier ist mit seinem „basta“ schließlich auch gut durchs Leben gekommen. Und die Hintereder und die Wolf hätte sich vermutlich auch an die Heizungsrohre gekettet, wenn man versucht hätte sie zu verpflanzen.

Vergessen Sie meine obigen Sorgen. Ich bleib und die anderen, die neuen, die lern ich schon noch kennen. Ob sie wollen oder nicht. Basta!

24 Gedanken zu “Basta!

  1. Es kam mir sowieso wie Luxus vor, dass du so viele deiner Hausnachbarn kennst, liebe Mitzi. Als dein Leser sind mir einige vertraut, vertrauter jedenfalls als die realen Nachbarn in unserem Haus mit 12 Parteien. Von den kenne ich grad mal drei.

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  2. in meinem haus, in dem ich schon (persönliche bestzeit) seit 25 jahren wohne, ist es ähnlich. letzten herbst teilte ich der verwalterin (die vermieterin lebt halbjährig auf einer von diesen inseln) mit, dass wir silberne hochzeit haben. die sich inzwischen häufenden wohnungsmängel nimmt sie gelassen hin, nicht ohne mich auf die selbstbeteiligung bei reparaturen hinzuweisen, ohne diese jedoch einzufordern. die alten damen im haus sind, nach zwischenstopps in altersheimen, inzwischen verstorben. die neueste mieterin mit gleichem wohnungsschnitt wie ich (ohne den zweiten balkon) bezahlt drei hunderter miete mehr als ich. was sie nicht zu stören scheint, weil das immernoch günstiger ist als andere ortsmieten. die unmittelbaren nachbarn kämpfen: ihn(85) hat es inzwischen dahin gerafft, dass er in einem pflegeheim für seine bedürfnisse in der großen stadt lebt, sie (80) fährt jeden tag die insgesamt 3 stunden, um bei ihm zu sein und ihm beim schlafen zuzusehen. lange wird das nicht mehr gehen. die anderen, neuen, huschen so durchs haus, grüßen oder auch nicht.

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    1. Die meisten Mängel in meiner Wohnung beseitige ich tatsächlich selbst, weil meine Vermieterin schon so alt ist und ich hoffe, dass ich dadurch bei ihrem Kindern Punkte sammle. Ob es hilft, weiß ich nicht. Und sollte was größeres kaputt sein, meld ich mich natürlich auch.
      Bei dir im Haus scheint es ja tatsächlich ganz ähnlich wie bei mir zu sein. Vielleicht brauchen die Leute, die neu dazu gezogenen nur etwas länger Zeit und man kennt sich dann auch besser. Mich würd’s freuen. Ich muss mit meinen Nachbarn nicht zwingend befreundet sein, aber wenn man so nah beieinander wohnt, dann finde ich es angenehmer, wenigstens ganz grob zu wissen werde auf der anderen Wand lebt.

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      1. auf wohlgesonnenheit sollte man nicht hoffen. aber auf mieter, die nicht allzu große anforderungen stellen. ich bin eine davon. in 25 jahren meldete ich gerade einmal vier mängel an. in einem haus, das 60 jahre auf dem buckel hat. und schließlich: die dame oben, die einige hundert euro mehr für die gleiche wohnung (ohne zweiten balkon) zahlt, kam in eine wohnung, deren böden, wände und bad vollständig hergerichtet wurden. das, denke ich, ist um einiges teurer gewesen als meine genügsamkeit. womöglich ist das der grund für unser aller gutes übereinkommen.

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      2. Ganz ähnlich ist es bei mir auch. Ich bin halbwegs optimistisch. Die Tochter meiner Vermieterin habe ich schon kennen gelernt und ich könnte mir vorstellen, dass wir beide wissen, was wir aneinander haben.

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  3. Das mit den unbekannten neuen und rasch wechselnden Nachbar:innen spielt sich hier in meinem Domizil auch so ähnlich ab. Seit etlichen Jahren schon werden leer gewordene Wohnungen „luxussaniert“ und dann für ca. das Doppelte der Miete, die wir „Alten“ bezahlen müssen, als Studenten-WGs vermietet. Das ist ein so ständiges Kommen und Gehen, dass ich mittlerweile völlig den Überblick verloren habe, wer denn jetzt zu Besuch im Hause ist und wer hier wohnt…
    Vor gut zehn Jahren hat unser Hausverwalter mal zu einer damaligen jungen Mieterin gesagt, dass er viel dafür geben würde, wenn er uns Altmieter:innen so schnell als möglich loswerden könnte. Mittlerweile streitet er das ganz vehement ab, wenn einer von uns „Alten“ ihm das mal wieder unter die Nase reibt. Einmal hat er mir 10.000 Euro bar auf die Hand als „Prämie“ geboten, wenn ich ausziehen würde. Ich habe dankend abgelehnt und gemeint, dass er da schon warten müsse, bis man mich mit den Füßen voraus in der großen Blechkiste von dannen trägt. Mir zu kündigen hätte derzeit wenig Sinn, denn als Schwerbehinderte könnte ich jederzeit Widerspruch einlegen und ohne Weiteres beweisen, dass es so gut wie unmöglich ist, eine gleichwertige, behindertengerechte und bezahlbare Bude in der Stadt zu finden.

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    1. Luxussanierung ist ein schreckliches Wort. Anhang der Menge der luxussanierten Wohnungen wird es für Einkommensschwache, ältere oder alleinstehende oft immer schwerer in der Stadt noch etwas bezahlbares zu finden. Ich hörte schon öfter „dann müssen sie halt in Vororte ziehen“. Erstens unverschämt. Zweitens ja auch keine Lösung.
      10.000 Euro in bar…ebenfalls unverschämt. Für deinen Vermieter wahrscheinlich sogar noch ein gutes Geschäft. Aber wir bleiben. Mit etwas Glück, klappt das hoffentlich. Liebe Grüße

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  4. Das ist bekannt. Eigentum verpflichtet. Nach der Lesart der Erbengeneration zum Erwerb von noch mehr Eigentum. Siehe auch das sozialkritische Birnbaumgedicht Fontanes. Wie immer dazu auch Goethes „was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ interpretiert wird. Kurz: Mit Mieterhöhungen ist zu rechnen. Auch mit höheren Grundsteuern, Abfallentsorgungsgebühren und Energiepreisen – oder rechnet jemand ernsthaft mit einer Senkung? Es gibt manchmal solche absonderlichen Ideen, aber die Preise kennen halt mal nur eine Grundrichtung, kleine Schwankungen kann man getrost außer acht lassen.

    Eine gewisse Annonymität hat selbstverständlich auch Vorteile. Wenn ein Paul nicht weiß, dass er als Paul bekannt wurde, dann hat das mitunter Vorzüge. Wie viele waren schon aufgrund offenkundiger oder scheinbarer Verfälschungen ihrer Person und ihrer Handlungen tief beleidigt? Stinksauer? Grichtsmassi? Schreib also einfach, was du über die Neue am Aufzug so denkst – sie wird sich nicht wiederfinden, -erkennen und Dich erst recht nicht!

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    1. Leider rechnet wohl niemand mit einer Senkung. Ein moderater Anstieg würde mir schon genügen. Wobei meine Vermieterin wirklich sehr, sehr fair ist und ich mich diesbezüglich nicht beklagen kann.

      Für Paul ist die Anonymität großartig. Ständig neue junge Damen. Seine Zielgruppe ist mittlerweile (zum Glück) etwas älter geworden, aber da kommen jetzt junge Businessfrauen ins Spiel die vorübergehend in der Stadt sind. Besser für alle Beteiligten.
      Und ja, man könnt sich ja was denken zu den unbekannen Leuten im Haus. Aber ich mags wenn ich etwas mehr aufschnappe und dann darüber schreiben kann. Naja, so ein Haus ist halt kein Wunschkonzert.

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  5. Ich bin felsenfest überzeugt, dass du eine Methode finden wirst, alle kennenzulernen, die länger als – sagen wir zwei Monate – dort wohnen. Natürlich nur die, bei denen es sich lohnt 🙂

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