Weiß du was?

Manchmal im Leben kreuzen sich die Wege von zwei Menschen ganz zufällig und doch bleiben Sie von diesem Moment an verbunden. Weil sie es wollen oder weil der Zufall es so will. Eine meiner heute besten Freundinnen traf ich zufällig, als wir die gleiche Ausbildung begangen. Ein paar Monate sahen wir uns, ohne dass wir es darauf angelegt haben. Noch ein paar Monate später sahen wir uns, weil wir es unbedingt wollten. Und wollen es noch heute.

Andere Menschen treffen wir, teilen einige Zeit das Leben miteinander und verlieren sie dann aus den Augen. Das ist manchmal schade, manchmal aber auch völlig in Ordnung. Manche Menschen scheiden aus unserem Leben, ohne dass man sie vermisst. Man wünscht ihnen nichts schlechtes, interessiert sich aber auch nicht dafür, was aus ihnen geworden ist. Man gibt es nicht zu, weil eine solche Gleichgültigkeit einem anderen menschlichen Leben gegenüber nicht angebracht ist. Mit etwas Ehrlichkeit aber, kann man sich eingestehen, dass es wirklich Menschen gibt, für die man sich nicht interessiert.

Bei einem gehe ich deshalb seit vielen Jahren nicht ans Telefon, wenn er mindestens einmal jährlich anruft. Es würde mir nichts bringen, denn sein Anruf ist nichts mehr als ein Läuten in der Luft. Das ist egoistisch. Aufgrund wiederkehrender Anrufe ist anzunehmen, dass bei ihm mehr dahinter steckt. Und sei es nur Langeweile. Ich bin egoistisch. Nichts, was er sagen könnte, interessiert mich. Warum also miteinander sprechen. Nach vielen Jahren, dieser jährlichen Anrufe, schreibe ich ihm genau das. Es fällt mir nicht leicht, weil ich mir gemein, gleichgültig und lustlos vorkomme. Gemein möchte ich mir nicht auf die Fahne schreiben, die letzten beiden Punkte aber stimmen und ich ärgere mich über diesen blöden Anruf, der mir gleichgültig ist und mir dann doch ein schlechtes Gefühl gibt.

Seit ein paar Jahren werden die Anrufe von WhatsApp Nachrichten begleitet. Geh doch mal ans Telefon, steht dann da. Und manchmal auch, dass er wirklich gerne wissen würde, was aus mir geworden ist. Es stört meine Gleichgültigkeit und macht mir ein schlechtes Gewissen. Letzteres erst seit diesem Jahr. Da schreibt er, dass es für ihn und seinen weiteren Weg wirklich wichtig sei, noch einmal mit mir zu sprechen. Ich gehe nicht ans Telefon, und das ist gemein. Nicht von mir, sondern von ihm. Für ihn ist es wichtig, mit mir zu sprechen, für mich ist es wichtig, das Recht zu haben, einigen, sehr wenigen Menschen, gleichgültig gegenüber zu stehen. Das Recht nimmt er mir, indem er schreibt, dass er auf dem Weg sei ein besserer Mensch zu werden. Nach seiner Auffassung und der spirituellen Lehre, der er nun folgt, ist das nur möglich, wenn aller Groll aus der Vergangenheit getilgt wird und er Gelegenheit bekommt sich falls nötig zu entschuldigen. Nun gut, wenn es hilft, schiebe ich meine gar nicht mal so leicht erreichte Gleichgültigkeit zur Seite und schreibe ihm mehr als eine Satz. Wünsche alles Gute und erkläre, dass ich eine Entschuldigung weder erwarte noch wünsche, sie aber auch nicht ablehne. Alles gut zwischen uns und noch mal alles Gute. Es reicht ihm nicht. Er braucht die Bestätigung, dass keine negativen Gedanken bei mir aufkommen, wenn ich an ihn denke. Ob ich ihn anlügen soll, erkundige ich mich schriftlich und frage mich, ob er selbst ahnt, wie egoistisch diese Nachfrage ist. Damit es ihm gut geht, muss ich mich mit etwas beschäftigen, das ich abgeschlossen habe? Vieleich, womöglich, irgendwann habe ich den Wunsch das zu tun. Jetzt nicht. Es tut mir nicht gut an ihn zu denken. Es tut mir aber genauso wenig gut, von jemanden die Verantwortung für seine eigene Vergangenheit aufgebürdet zu bekommen. Warum bin ich gezwungen alte Wunden aufzureisen, nur weil ein anderer sagt, es würde mir gut tun und dabei meint, es würde ihm gut tun?

Mein Telefon klingelt. Ob er sich vorstellen kann, dass diese Läuten aggressiv klingt und für sehr viel mehr negative Gefühle sorgt, als jene die irgendwo in meiner Vergangenheit womöglich noch eingebettet sind? Vermutlich nicht, denn er versucht es weiter. Ich werde seine Nummer blockieren nehme ich mir vor und schreibe ein hoffentlich letztes Mal. Erkläre, dass da natürlich noch etwas negatives ist, wenn ich mich zurück erinnere. Das aber seit langem nicht mehr tue. Nur wenn er sich meldet. Kein Groll, kein Wunsch nach Klärung. In meiner Welt haben auch unschöne Erlebnisse ihre Berechtigung. Ich tilge nichts, ich lerne lieber damit zu leben und das möge er doch bitte akzeptieren.

Er hat gewonnen. Eine gute Stunde lang wird mir telefonisch eine Lebensgeschichte erzählt, die eigentlich erst dann begann, nach dem man sich von einem toxischen Elternhaus (mag sein, kann ich nicht beurteilen) und einer Beziehung – unsere – ohne echte Liebe (ach, wie nett – das höre ich doch gerne) gelöst hatte. Eine Lebensgeschichte, von der ich kein Teil mehr bin und die mich nicht interessiert. Muss sie auch nicht, hier geht es schließlich nicht um mich, sondern um ihn. Gefolgt von einer Aufzählung beruflicher Erfolge und Misserfolge und einer genauen Beschreibung der Wohnsituation inkl. Parkplatzproblematik. Mir wir keine Frage gestellt. Warum auch. Richtig…es geht ja um ihn. Nur ganz am Ende, da geht es kurz um mich. Als er die Verabschiedung schon einleitet und mir erklärt, wie sehr er sich freut, dass nun alles gesagt ist, da melde ich mich zu Wort und sage das, was ich ihm seit Jahren sagen wollte, wenn er anrief.

„Weißt du was? Du kannst mich mal!“

25 Gedanken zu “Weiß du was?

  1. Dieser jährliche Anrufer wird sich in die Zeit zurücksehnen, als wir noch Telefone an der Strippe und ohne Display hatten, da wusste man nicht, wer am anderen Ende den Hörer in der Hand hat.

    Aber ich mag das mit Namen und wissen, er es ist, auch lieber.

    Dicken Gruß zu dir

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    1. Ich glaub das war es jetzt auch. Und dank der schönen neuen Zeit, kann man bekannte Nummern auch blockieren (was ich jetzt auch endlich geschehen ist).

      Ich selbst seh auch ganz gern wer anruft. Oder wen ich zurück rufen muss.

      Liebe Grüße

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  2. Was für ein Egozentriker! Jetzt ist hoffentlich alles gesagt. Aber ich würde die Nummer trotzdem blockieren. Nicht dass er dir nun noch helfen will, dich auch deinerseits von den negativen Gefühlen zu befreien.

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  3. Sei vorsichtig, Mitzi. Blockier seine Nummer einfach. Anders wirst Du ihn wahrscheinlich nicht stoppen können.
    Ich habe das auch mal mitgemacht. Er hat mir dann die Polizei nach Hause geschickt, um herauszufinden, wo ich wohne.
    Ein anderes Mal wurden meine Kommentare hier nach Hinweisen durchsucht, wo ich genau bin, weil ich mich weigerte, meinen Namen oder ein Foto zu veröffentlichen.
    Liebe Grüße, B.

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    1. Das hab ich jetzt auch gemacht – das Blockieren. Bringt ja nichts und es gibt wirklich nichts mehr zu sagen.

      Das bei dir klingt gar nicht gut. Da wird die Grenze von nervig zu beängstigend überschritten. Ich hoffe das ist alles vorbei und du hast deine Ruhe.

      Liebe Grüße

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  4. Liebe Mitzi, nun hält das schlechte Gewissen hoffentlich endgültig seine Klappe, denn das Verhalten dieses Menschen war ja schon nicht mehr nur grenzwertig zu nennen! Und hoffentlich hat es dir trotzdem gut getan, nochmals zu merken, dass und allenfalls warum du den Kontakt nicht mehr möchtest. Damit du jetzt auch wirklich und endgültig Ruhe vor ihm hast.

    Meistens trifft man ja nicht nur ein einzelnes Exemplar dieser Sorte, doch mit jedem Mal, da man ein solches definitiv in die Wüste schickt und sich klarmachen kann, dass es ja auch gesunden Egoismus gibt und man sich den schon viel früher gönnen könnte (ja sogar müsste), lernt man einen besseren und vor allem effizienteren Umgang mit ihnen. Für irgendwas muss der erlebte Schmerz ja gut sein – mein Blockfinger sitzt inzwischen jedenfalls viel lockerer…

    Gratulation zum Abschluss und in Zukunft mehr und früher Mut zum Nein und zur Selbstfürsorge!

    Herzliche Grüsse

    Eva

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    1. Liebe Eva,
      das schlechte Gewissen hat sich schon während des Telefonats verflüchtigt. Ich möchte niemanden im Weg stehen, wenn es denn ach so wichtig ist, etwa gerade zu rücken. Wenn dann aber nur egozentrischer Mist kommt, dann kann ich frei von Schuldgefühlen die Verantworten zum anderen schieben. Da wo sie hingehört. Wir alle möchten das eine oder andere von früher tilgen oder wieder gut machen. Wenn das ohne Egoismus geht und zwei Menschen gut tut – wunderbar. Wenn nur einer sich dann besser fühlt, dann hätte man es mit sich selbst ausmachen müssen.

      Danke dir und ganz liebe Grüße
      Mitzi

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      1. Liebe Mitzi, das freut mich für dich! Selbst schaffe ich es zwar in der Theorie ganz gut, kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sich jemand auf meine Kosten sanieren möchte, in der Situation selbst braucht es dann meist doch etwas länger, bis die Entschlossenheit gross genug ist, dem ein Ende zu setzen. Doch man lernt ja kontinuierlich dazu, wenn man es zulässt, und ich glaube (hoffe, bete sogar!), dass diese Art von Ereignissen mit zunehmender Lebenserfahrung auch abnehmen. Altersmilde ist ja schön und gut, aber so ein wehrhafter Alterszorn, jeweils sinnvoll platziert, hat ja auch was… 😈😇

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  5. Ist es der Schuldner oder der Gläubiger, der sich – in persönlichen Verhältnissen, Banken und gewiefte Geschäftsleute können wir gern außen vor lassen – schlechter fühlt?

    Ich selbst tue mir mit Leuten, die mir eher lästig sind als nutzbringend im Sinne eines beiderseitigen Austausches, schwer. Kann sie oft nicht gut abwimmelnd, einfach nein sagen, ihnen einen herzlichen süddeutschen Abschied, „ach, leck mich doch..:,“ geben.

    Und auch an Menschen, die ich mochte und an eine engstirnige, fanatische Gemeinschaft, sei sie im engeren Sinne religiös motiviert oder eher politisch ausgerichtet, verlor, kann ich mich erinnern.

    Es ist mir also nicht ganz fremd. Und doch – siehe zweiter Absatz – tut er mir leid, der ewige Bimmler. Was ihn als Person aber ausmacht zeigt das Gespräch. In dem er von sich sprach – wem sonst? Und so ist Dein Abschluß zu begrüßen.

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    1. Du ahnst, dass er auch gute Seiten hatte und sicher auch hat. Sonst hätte ich nicht mit ihm gesprochen, nicht den Wunsch (wenn auch erzwungen) verspürt ihm dann eben ein paar Worte zu geben, wenn sie ihm so wichtig sind und helfen.

      Mir hats nicht weh getan. Ihm nichts gebracht. Sinnlos also. Aber was machen wir nicht alles sinnloses…also sei´s drum. Ein Abschluss ist es.

      „Ist es der Schuldner oder der Gläubiger, der sich – in persönlichen Verhältnissen, Banken und gewiefte Geschäftsleute können wir gern außen vor lassen – schlechter fühlt?“ Darauf kau ich noch ein wenig herum. Ein Gedanke, den ich noch ein bisschen denken möchte. Gefällt mir.

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