Borsa marrone

Im Schlafzimmer, gleich wenn man reinkommt rechts, steht unter dem Fernseher eine weiße Komode mit drei Schubladen. Die Komode in meinem eigenen Schlafzimmer hat auch drei Schubladen und ist ebenfalls weiß. Vielleicht haben wir die gleiche Komode. Das wäre durchaus möglich, da meine Komode von IKEA ist und sich das Angebot der italienischen IKEAs kaum von denen in Deutschland unterscheidet. Einen Fernseher über der Komode habe ich allerdings nicht. Überhaupt habe ich im Schlafzimmer kein technischen Geräte und finde es daher erstaunlich, mich gedanklich seit über zwanzig Minuten in einem Schlafzimmer zu befinden, das nicht meines ist. Zumal ich eigentlich am Strand liege und mir fremde Betten, Zimmer und Komoden gerade ziemlich egal sind. Obwohl….wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich jetzt doch wissen, um was es in diesem zähen, mit viel zu lauter Stimme geführten Telefonat nun eigentlich geht. Ich rolle mich auf den Rücken und höre weiter zu. In der obersten Schublade besagter Komode befindet sich – so erklärt die hinter mir stehende, telefonierende Frau – eine braune Tasche. Der Satz wird wiederholt. Einmal, nocheinmal und dann mit monotoner, sehr geduliger Stimme ergänzt, dass es sich um eine braune Tasche, ja eine braune, etwa 30 mal 40 Zentimeter große brauene, ja genau, braune, Tasche handelt. Sie und ich wissen jetzt, dass sich in der weißen Komode rechts unter dem Fernseher in der oberen Schublade eine braune Tasche befindet. Der Gesprächspartner anscheinend nicht. Es wird ihm noch einmal erklärt, dass sich die Komode im Schlafzimmer befindet. Weiß mit drei Schubladen.

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Verpasste Stimme – U-Bahn Gedanken

Nein, sagt die Stimme hinter der Maske, er würde sie nicht verstehen. Der Besitzer der Stimme lacht, ergänzt, dass er es künftig auch nicht mehr versuchen würde. Sie sei seine Schwester, ja…aber – so leid es ihm tut – er sei der Letzte, der ihre Handlungen nachvollziehen könne. Das Lachen klingt warm, ein wenig rau und schön. Ein Lachen, bei dem man sich die Mimik gut vorstellen kann. Ein aufmunterndes Lächeln, mit verzogenen Mundwinkeln, weil das worüber man lacht, im Grunde gar nicht zum Lachen ist. Das Telefon am Ohr, tief in den Sitz der S-Bahn gerutscht, lümmelt mir gegenüber ein Mann unbestimmten Alters. Seit FFP2 Masken einen Großteil des Gesichtes verstecken, ist das Alter an sommerlichen Sonnenbrillen-Tagen schwer zu schätzen. Eine Nasenspitze alleine reicht nicht und mehr als ein flüchtiger Blick wäre dem Telefonierendem gegenüber aufdringlich. Ne, sagt er und setzt sich etwas gerader hin. Ne, echt nicht, er beugt sich nach vorne und man hört seiner Stimme an, dass er – wahrscheinlich generell – aber besonders in der vollen S-Bahn nur ungern über eine Beziehung spricht, die nicht die seine ist. Lass sie, murmelt er und schüttelt den Kopf. Das bringt jetzt nichts, beschwichtigt seine Stimme und sagt, dass es schon wieder werden wird. Sie passt zu seinem Lachen. Ähnlich warm, auch etwas rau und mit jener Spur Humor, die man an den Tag legt, wenn reines Mitgefühl dem Gegenüber zu deutlich zeigen würde, dass wenig Hoffnung besteht. Die Sonnenbrille fällt ihm von der Nase, weil Kopfhörer, Maskenbänder und Brille zu viel für ein normales Paar Ohren sind und er tastet zwischen den Beinen der Fahrgäste danach. Murmelt ein: nein, wirklich nicht, und lehnt sich mit geschlossenen Augen wieder zurück. Weiterlesen

Nix mit Privatsphäre

Recherche, das ist alles nur Recherche, behauptete ich als mein Nachbar Paul ein Paket bei mir abholen möchte und mich versteckt am Boden des Laubengangs sitzen vorfindet. Dass man an fremden Türen nicht zu lauschen hat, ist hinlänglich bekannt. Ebenso aber auch, dass Telefonate die auf Balkonen geführt werden, das Allgemeingut der gesamten Nachbarschaft sind. Seit ich weniger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und mehr zu Hause bleibe, bin ich an manchen Tagen um diese Telefonate recht froh. Auf meinem Balkon höre ich viele. Die meisten sind aber langweilig. Herr Krüger telefoniert mit seiner Mutter, Herr Meier mit seiner Schwester, das Russisch von Frau Iwanow verstehe ich nicht und die Bürogespräche auf den beiden Balkonen über mir interessieren mich nicht. Interessanter ist das Hinterhaus, dem ich auf dem Laubengang sitzend zuhören kann. Besonder kurzweilig ist es, seit Anfang April neue Bewohner eingezogen sind. Einer von ihnen ist Jan. Vielleicht erinnern sie sich an ihn – er hat uns während Corona mit Musik versorgt und ist seit dem der DJ unserer Abendstunden. Tagsüber nimmt er keine Musikwünsche an. Zwischen neun und fünf nutzt er seinen Balkon um dort ausführliche Telefonate zu führen. Jan ahnt es nicht, aber ich kenne ihn mittlerweile recht gut. Weiterlesen

U-Bahn Gedanken – Tragödie oder Komödie

Im Bus sitze ich immer ganz hinten. Damit ich hinten einen Platz finde, steige ich immer schon eine Station früher ein. Besonders in der Linie 54 muss man hinten sitzen. Während man vorne ordentlich in Zweiersitzen Platz nimmt und brav nach geradeaus blickt, sitzt man im hinteren Viertel etwas erhöht und sich zu viert gegenüber. Die letzte Reihe, die wichtigste, ist einem dabei ganz nah. Dort in der letzten Reihe spielen sich die zwischenmenschlichen Dramen ab. Eigentlich nur eines. Aber dieses spitzt sich seit Mitte August zu und sorgt dafür, dass vorne kaum noch einer sitzen möchte. Niemand möchte verpassen, mit wem Lilly am Vorabend geschlafen hat. Weiterlesen