Nix mit Privatsphäre

Recherche, das ist alles nur Recherche, behauptete ich als mein Nachbar Paul ein Paket bei mir abholen möchte und mich versteckt am Boden des Laubengangs sitzen vorfindet. Dass man an fremden Türen nicht zu lauschen hat, ist hinlänglich bekannt. Ebenso aber auch, dass Telefonate die auf Balkonen geführt werden, das Allgemeingut der gesamten Nachbarschaft sind. Seit ich weniger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und mehr zu Hause bleibe, bin ich an manchen Tagen um diese Telefonate recht froh. Auf meinem Balkon höre ich viele. Die meisten sind aber langweilig. Herr Krüger telefoniert mit seiner Mutter, Herr Meier mit seiner Schwester, das Russisch von Frau Iwanow verstehe ich nicht und die Bürogespräche auf den beiden Balkonen über mir interessieren mich nicht. Interessanter ist das Hinterhaus, dem ich auf dem Laubengang sitzend zuhören kann. Besonder kurzweilig ist es, seit Anfang April neue Bewohner eingezogen sind. Einer von ihnen ist Jan. Vielleicht erinnern sie sich an ihn – er hat uns während Corona mit Musik versorgt und ist seit dem der DJ unserer Abendstunden. Tagsüber nimmt er keine Musikwünsche an. Zwischen neun und fünf nutzt er seinen Balkon um dort ausführliche Telefonate zu führen. Jan ahnt es nicht, aber ich kenne ihn mittlerweile recht gut. Weiterlesen

U-Bahn Gedanken – Tragödie oder Komödie

Im Bus sitze ich immer ganz hinten. Damit ich hinten einen Platz finde, steige ich immer schon eine Station früher ein. Besonders in der Linie 54 muss man hinten sitzen. Während man vorne ordentlich in Zweiersitzen Platz nimmt und brav nach geradeaus blickt, sitzt man im hinteren Viertel etwas erhöht und sich zu viert gegenüber. Die letzte Reihe, die wichtigste, ist einem dabei ganz nah. Dort in der letzten Reihe spielen sich die zwischenmenschlichen Dramen ab. Eigentlich nur eines. Aber dieses spitzt sich seit Mitte August zu und sorgt dafür, dass vorne kaum noch einer sitzen möchte. Niemand möchte verpassen, mit wem Lilly am Vorabend geschlafen hat. Weiterlesen