Herr Mu und der Frühling

Schön, sagt eine Freundin und lächelt, als sie die Tulpen auf meinem Tisch sieht. Ich nicke und wir schauen sie bestimmt eine Minute lang an ohne mehr als „schön“ zu sagen. Sie sind so schön, dass einem die Worte fehlen. Es liegt in der Natur des Frühlings, dass wir uns nach all der Dunkelheit und dem Grau nach Farben sehnen und jeden bunkten Klecks willkommen heißen. Diese Tulpen aber, sind trotz unserer ausgehungerten Sinne, die schönsten, die je in meiner Vase standen. So kräftig lila und gelb, mit fast Pfingstrosen großen Blüten und so herrlich welkend…..schön. Ich hätte sie dir gerne gezeigt.

Genau wie die Wiese gestern. Auch für deren Schönheit fehlten mir die Worte. Eine ganz banale Wiese auf dem Land mit Löwenzahn. Eigentlich. Aber diese erste Frühlings-Löwenzahn-Wiese ist schöner als alle, die ich bisher gesehen habe. Mit einem Grün, das über Nacht ganz plötzlich kräftig und satt ist und unzähligen gelben Tupfen. Löwenzahn ohne Pusteblumen – das gibt es nur ganz kurz. Du hättest sie sehen müssen! Überhaupt hättest du gestern den Tag erleben müssen. Das helle, klare Blau des Himmels, der Schnee auf den Bergen und der Überfluss der Natur, die nach dem Winter aufbricht. Jedes Jahr ist es das gleiche Spektakel und doch gibt es einen Tag im Frühling, der so wunderschön ist, dass einem ganz schwindlig wird. Ich weiß, dass du diese Tage genauso gern hattest wie ich. Dass du darauf verzichtest, verstehe ich nicht. Die Alpen die immer schon hier sind, sind dieses Jahr im Föhn noch viel mehr zum Greifen nah. Wie früher, aber noch näher. Es hätte dir gefallen.

Die Anzahl der perfekten Tage ist begrenzt. Das Leben begrenzt sie. Wir alle erleben nur eine bestimmte Anzahl an Frühlingen. Daran sollte man freilich nicht zu oft denken, denn die Frage wieviele Frühlinge noch kommen werden, macht einen mindestens so schwindlig wie ihre Schönheit. Ganz frei machen, kann man sich von diesem Gedanken trotzdem nicht. Das ist normal. Vielleicht ist es sogar gut, dass einem ab und an dieser Gedanke kommt, denn mit jedem Jahr, das verstreicht, weiß man den wunderschönen Frühling mehr zu schätzen und empfindet ihn ein ums andere Mal noch herrlicher. Blühende Obstbäume mochte ich schon immer. Aber ich fand sie noch nie so schön wie in diesem Jahr. Und noch nie bin ich auf dem Weg zur Arbeit so oft stehen geblieben, um mir eine prachtvolle Magnolie anzusehen. In keinem Jahr zuvor ist mir die Schönheit so brüllend lauten ins Auge gesprungen. Ich dachte es schon letztes Jahr, aber dieses Jahr empfinde ich es noch stärker. Kein Wunder dass mir schwindlig ist. Und du? Du bekommst die immer schöner werdenden Frühlinge nicht mehr mit und hast keine Ahnung, was dir entgeht.

Mein Nachbar Herr Mu behauptet, sich nicht zu fragen, wieviele Frühlinge er wohl noch sehen wird. Da würde ihm schwindlig werden, frage ich und er nickt. In seinem Alter sollte man Schwindel vermeiden. Mit über Achtzig fällt es sich nicht mehr so leicht und deshalb sitzt er sicher auf einer Bank unter einem blühenden Baum und genießt den Tag bewegungslos. Wie schön ein Frühling in seinem Alter wohl sein muss, frage ich mich und bleib noch ein bisschen neben ihm sitzen. Sauschön, sagt Herr Mu, als hätte er meine Frage gehört und der Rauch seiner vom Arzt verbotenen Zigarre stinkt heute weniger. Selbst das – sein Eigensinn – hätte dir gefallen. Ich frage Herrn Mu, wie einer so dumm sein kann, auf so viel schönes zu verzichten.

Herr Mu ist klug genug, mir nicht zu sagen, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Stattdessen erklärt er mir, dass jeder Mensch früher oder später seinen letzten Frühling, seinen letzten Sommer, Herbst und Winter erlebt. Und obwohl er das meist nicht weiß, ist genau dieser Frühling oder Herbst, der schönste. Das würde die Natur so einrichten, sagt Herr Mu und ich grusel mich ein wenig. Wenn er Recht hat, bin ich nächstes Jahr zur Magnolienblüte nicht mehr da. Die kann unmöglich noch…. Mein alter Nachbar stupst mich an und grinst. Sein einiger Zeit scheint er Gedanken lesen zu können. Ich soll bloß nicht glauben, dass das schon alles war. Es wird noch schöner, sagt er und weil Herr Mu ein sehr kluger Mann ist, glaube ich ihm. Herr Mu liest weiter Gedanken und räkelt sich in der Sonne. Für mich, sagt er, für ihn und für alle die mir wichtig sind. Er lächelt und versicht mir, dass alles gut ist und gut bleibt. Ich glaub ihm, weil man einem wie ihm nur glauben kann und freu mich, dass du einen so schönen letzten Frühling hattest.

So einen wie Herrn Mu hätte ich gebraucht, als du gegangen bist.

17 Gedanken zu “Herr Mu und der Frühling

  1. Es ist der letzte Frühling, der so schön ist? Nun, dann ist es auch der erste seiner Art, den wir erleben, sehen, erstmals mit wachen Augen! – und warum sollten die dazwischen nachlassen? Nein, das einzige, was nachläßt, sind eben diese unsere Augen, unsere Aufmerksamkeit, unser Bewußtsein, mit anderem beschäftigt als mit der wahren, klaren, einfachen Wahrheit und Schönheit des Lebens, der Natur, am Besten vielleicht symbolisiert in der doch eigentlich recht schlichten Form der Tulpe.

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    1. Nicht der letze, sondern der aktuelle Frühling. Und mit etwas Glück ist der dann auch nicht der letzte. Daran sollte man eh nicht allzu oft denken.
      Das Beispiel mit der Tulpe passt. Schlicht aber einzigartig schön.

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  2. Ach, liebe Mitzi, das ist so bittersüss. Wie der Frühling, wie die Sehnsucht, wie das Leben. Ich hoffe, du (und alle, die dir lieb sind, inklusive des gedankenlesenden Nachbarn) habt noch so manchen schönen Frühling vor euch.

    Mir gefällt die Idee, dass es die Anderswelt tatsächlich gibt und sie das Land des immerwährenden Frühlings ist. Mit ein paar wunderbaren Sommer-, Herbst- und Wintertagen natürlich. Ein Elysion mit Abwechslung sozusagen.

    Und ich stelle mir vor, wie der, der schon längst gegangen ist, dich lächelnd am Gartentor empfängt und gesteht, dass er trotz all der Schönheit ringsherum ohne dich immer etwas traurig war…

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    1. Danke, Eva. Ich hoffe das für mich und für alle anderen gleich mit. Viele Frühlinge für uns alle 😉
      Deine Vorstellung des Elysion gefällt mir. Frühling mit Abwechslung – das klingt perfekt.
      Liebe Grüße

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  3. Wenn wir jung sind, genießen wir den Frühling auf eine andere, unbewusste Art. Wir sehen ihn fast nicht, er ist Kulisse für unser aufregendes Leben, das vor uns liegt. Erst Jahre später nehmen wir die erwachende Natur jedes Jahr intensiver und wie ein Wunder wahr. So ist es eben, und jeder Frühling ist der schönste, ob wir nun das erste Mal verliebt sind oder einen neuen Job beginnen, umziehen, ein Kind geboren wird oder die ersten Schritte macht. Wir sind so abgelenkt, da hat es der Frühling doch verdient, wenn wir ihn später so richtig sehen und wertschätzen. Und solange wir das tun, ist es bestimmt nicht der letzte!

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  4. Du feierst so schön den frühling, dass mit die gedanken an deine endlichkeit gar nicht gefallen können, liebe Mitzi. Natürlich folgst du einem kulturellen erbe, denn wir zählen lebensjahre in lenzen. Ganz egoistisch wünsche ich dir und mir, dass du noch mehr Lenze feiern kannst als ich, was ja zum glück wahrscheinlicher ist.
    Herzlichst,
    dein Jules

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