Zu viel

Feierabend. Eigentlich. Ein letztes Telefonat, nur schnell, weil ich das was mir eine Frau weit über die achtzig handschriftlich geschrieben hat, beim besten Willen nicht entziffern kann. Hoffend auf eine belanglose Frage, nur kurz anrufen und dann den Rechner runter fahren. Freitag Nachmittag und die Luft ist raus. Kurz noch, dann haben wir auch das weg. Hoffentlich.

Kurz wird nichts in diesem Telefonat werden. Ich merke es sofort. Nach all den Jahren, voll mit Telefonaten, lernt man, die langen und intensiven schon kurz nach dem Abheben zu erkennen. Nicht die Beschwerden, nicht die komplizierten Fälle – die meine ich nicht. Nein, dieser ganz besondere Tonfall in der Stimme von Menschen, die nicht mehr oft angerufen werden. Meist sind sie schön, diese Stimmen. Ein wenig überrascht am Anfang und dann mit feinem Klang, weil ein Gespräch, und sei es noch so banal, etwas ist auf das man sich zu konzentrieren hat. Die Telefonstimmen meiner Großeltern klangen so. Als sie lebten, telefonierte man konzentriert. Schließlich kosteten die Gespräche etwas und wenn man eines führte, dann setzte man sich ruhig an den Tisch, hörte zu und antwortete ganz so, als würde man sich gegenüber sitzen. Die ältere Dame, die ich anrufe, braucht einen Moment um mich einzuordnen, um sich zu setzen und mir dann ihr Anliegen zu schildern. Wir lösen es schnell und sie entschuldigt sich wegen der Handschrift die in letzter Zeit nicht mehr die beste ist. Wie so vieles, sagt sie und ich wünsche ihr ein schönes Wochenende. Vielleicht nickt sie, wiederholt aber nur, dass es in letzter Zeit wirklich etwas viel für sie geworden ist. Das war es mit dem kurzen Gespräch, denke ich mir und mache das was ich bei solchen Stimmen seit Jahren mache – ich verabschiede mich nicht. Eine kleine Floskel reicht und die mir völlig unbekannte Frau beginnt zu erzählen.

Manchmal sind es schöne Geschichten. Fast immer sentimental, aber ganz oft aber auch schön. Ein alter Mensch ist allein und nutzt das Gespräch um zu erzählen. Sie erzählen von ihren Kindern, ihren verstorbenen Ehepartnern und manchmal, so wie heute, dass ihnen das alles in den letzten beiden Jahren zu viel geworden ist. Zu viel an schlechten Nachrichten. Ich lasse sie erzählen. Ich beschließe, dass mein Arbeitstag vorhin endete, und jedes weitere Wort höre ich, weil ich Zeit habe und weil ich die Stimme dieser Frau gern habe. Warum weiß ich nicht, aber das ist auch nicht wichtig. Vielleicht erinnert sie mich an jemanden, vielleicht ist es aber nur eine schöne alte Stimme. Ich verstehe ihre Sorgen, die im Grunde auch die meinen sind.

Sie erzählt von ausbleibenden Besuchen, während ich Zwiebeln für ein verspätetes Mittagessen schneide. Ich höre wie ein mir unbekannter Mensch erzählt wie es ihm in den zwei Pandemie Jahren ergangen ist. Nicht aus Mitleid, sondern weil es mich heute an diesem Nachmittag interessiert und ihre Geschichte stellvertretend für so viele steht. Sie fragt mich was ich gerade mache, und ich gebe es zu, weil unser Telefonat privat geworden ist. Vor diesem Telefonat interessierte es niemanden, was ich mir heute Mittag zu essen mache. Die alte Frau interessiert sich ehrlich dafür und ich beherzige ihren Tipp, und streue etwas Zucker in die Pfanne. Sie selbst nippt an einem Tee und ich höre wie ein Teelöffel an den Rand das Porzellans schlägt. Unruhige Zeiten sagt sie und meint nicht mehr die Pandemie. Sie erzählt vieles und ich höre es gerne. Mittlerweile weiß ich an welche meiner Großtante sie mich erinnert und während ich mit ihr spreche, denke ich gleichzeitig an diese großartige Frau meiner Familie. Eine aufmerksame Gesprächspartnerin wie sie merkt dass ich ihr für einen Moment nicht mehr ganz so aufmerksam zugehört habe. Einen kurzen Moment sagt sie nichts, dann fragt sie mich, wie es mir geht. Sie fragt es in einer Art, die zeigt, dass es sich nicht um eine Höflichkeitsfloskel handelt.

Ach wissen Sie, sage ich, gerade ist es etwas viel. Mir persönlich geht es gut, aber… Ich ziehe die Pfanne vom Herd und setze mich an den Küchentisch. Gut 20 Minuten erzähle ich einer wildfremden Frau wie sehr mich die Nachrichten der letzten Tage und besonders die der letzten zwei beschäftigen. Sie sagt nicht viel und das was sie sagt, strahlt die Ruhe aus, die mir in den letzten Tagen fehlt. Mit wenigen, sehr feinen Sätzen ordnet die fremde Frau meine Gedanken und hört sich still und aufmerksam meine Sorgen an. Am Ende dieses Gespräches, das ich begonnen habe weil ich eine Handschrift nicht lesen konnte, verabschiedet mich eine warme Stimme mit einem Lächeln im Tonfall. Auch ich verabschiede mich und bedanke mich für das schöne Gespräch. Sie wünscht mir einen guten Appetit und meint, dass ich mich ruhig gerne bei ihr melden kann, wenn mal alles zu viel wird. Sie weiß wie sich das anfühlt, da tut ein Gespräch gut. Sie sagt Gespräch, aber ich löse mich nur ungern aus ihrer verbalen Umarmung. Die mit Zucker angebratenen Zwiebeln schmecken fantastisch.

21 Gedanken zu “Zu viel

  1. Das ist eine rührende Telefongeschichte, liebe Mitzi. Du erzählst wie es war, als Telefonieren noch etwas bedeutete. Sehr geschickt finde ich, wie du deine Tätigkeiten zwischendurch einstreust und das geschilderte Telefongespräch mit Impressionen deiner Lebenswelt würzt.

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  2. Was für eine süße Geschichte mit hoffnungsfroher Wendung. Kann ich irgendwie gerade unterschreiben, nachdem ich mich einmal mehr mit einer „wildfremden“ derart intensiv ausgetauscht habe. Aus dem Stand sozusagen.
    Immer wieder schön, dass Menschen in der „Not“ da sind und / oder zusammenrücken…

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    1. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es mit fremden Menschen (wenn man zufällig das Glück hatte auf den richtigen zu treffen) fast leichter ist sich offen auszutauschen. Das Gefühl nach so einem Gespräch ist herrlich. Liebe Grüße

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  3. Wie schön, auf so eine Zufalls-Telefon-Bekanntschaft zu treffen. Und du bist ja mit deiner offenen und unkomplizierten Art auch bestens geeignet, beim (unsichtbaren) Gegenüber auf Widerhall zu stoßen. Falls das der falsche Begriff ist: Ich meine auf Sympathie oder Gegen“liebe“
    Gruß an dich

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  4. Na ja, da opfert man seine Zeit für Fremde. Wozu, wo bleibt der Gewinn? – und da kommt er schon! War da nicht mal was, obwohl das nicht genau dasselbe ist, mit: wer Freude schenkt, bekommt mehr davon zurück? Wer zuhört, dem wird zugehört, wer mitteilt, wirklich mitteilt, dem wird auch mit Gleichem vergolten. Klar. Kann man nicht immer brauchen. (dann reicht das „paßt scho“) Aber manchmal eben doch.

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