Für die Tonne

Einmal im Jahr miste ich meine Entwürfe-Ordner aus um Platz für neue Gedanken zu schaffen. Behaupte ich. Unter uns…einmal im Jahr lösche ich konsequent alle Entwürfe, weil ich ahne, dass aus ihnen nie mehr als ein Entwurf werden wird. Geschuldet ist dies in erster Linie meiner Schludrigkeit und der Unfähigkeit endlich zu akzeptieren, dass feine Gedanken schon immer im Notzibuch und lediglich unausgegorene Ideenfragmente bei den WordPress Entwürfen landen. Meistens – manchmal findet sich dort aber auch ein kleiner Absatz, den ich ganz vergessen hatte. Der kommt dann ins Notizbuch, wo er gut und gerne auch mal ein paar Jahre liegt, irgendwann aber gesucht, gefunden und genutzt wird. Zwischen abschreiben, übertragen und löschen schreibe ich diesen Text. Und damit der nicht auch in den Entwürfen landet und nächstes Jahr gelöscht werden muss, bekommen Sie ihn zu lesen. Ob er etwas taugen wird? Selbstverständlich – dank ihm, starte ich mit einem leeren 2020iger Entwürfeordner in den Winter.

16.12.2020

„……………………………………………………………………………………………………………………….“

Ein leerer Entwurf…Mist, das wäre etwas wirklich gutes geworden. Da bin ich mir sicher. Blöd, dass ich nicht ein paar Worte dazu notiert, ein Foto gespeichert oder einen Titel geschrieben habe. So bleibt eine leere Bildschirmseite und das unnütze Wissen, dass ich am 16.12.2020 wahrscheinlich eine wirklich großartige Idee für einen Blogartikel hatte.

08.12.2020

Mit zehn Eiern, zwei kleinen Bildchen und einem großen Bild mache ich es mir zu Hause gemütlich. Mit diesen Dingen bin ich gewappnet, für den harten Lockdown. Die Eier werden nicht lange halten, aber die drei Bilder, für die ich gerade einen Rahmen suche, die werden ein Teil dessen sein der mich doch die nächsten Wochen bringt. Zwei Haushalte, das geht im Moment gerade noch und auch standen wir zu fünft mit ziemlich großen Abstand beieinander. Weder meine Schwester noch meine vier Nichten und Neffen habe ich umarmt. Auch meinen Onkel der draußen vor dem Haus saß mit 1 m Abstand begrüßt. Etwas das mir eigentlich unnatürlich erscheint, heute aber tatsächlich egal war. Es hat gereicht, sie alle wieder um mich zu haben. Kurz den Akku vor Weihnachten noch einmal aufladen, weil es dieses Jahr so anders sein wird. Selbst bei der großzügigsten Auslegung der Corona Vorschriften, ist meine Kernfamilie einfach viel zu groß, als dass wir uns diesmal an Weihnachten alle treffen könnten.

Sofort in die Tonne damit! An das Corona-Weihnachten 2020 möchte ich nicht denken. Mir reicht der kurze Moment als ich mit dem Gedanken spielte, diesen Anfang aufzuheben, weil durchaus die Chance besteht, dass er noch oder wieder aktuell sein wird. Nur meinen Onkel müsste ich raus schreiben und Menschen die so sehr fehlen wie er seit einigen Monaten, die darf man nicht einfach raus schreiben. Text in die Tonne – Onkelchen ins Herz. Alles an seinen Platz.

20.10.2020

Auch mein Freund geht schön ans Telefon. Hm? Da freue ich mich, weil es immer klingt als hätte nur darauf gewartet, dass ich da weiterspreche wo ich vor kurzem aufhörte

Auch für die Tonne – seit der Freund auch von zu Hause arbeitet, kann er nicht mehr „Hmmmmm?“ zur Begrüßung sagen, sondern muss sich mit seinem Namen melden. Der klingt auch schön, ist aber kein Vergleich mit dem herrlichen Brummen. Leider wurde dieser Text von der Zeit überholt. Schade.

19.06.2020

aber essen und kauen kann er noch selbst?

Das muss ich löschen. Das wäre fast ein sehr garstiger Artikel über den Lebensgefährten einer Bekannten geworden. Ich versuche mich an eine der wenigen Regeln für meinen Blog zu halten – wenn ich nichts halbwegs nettes über einen Menschen schreiben kann, dann lasse ich es. Ausnahmen sind erlaubt, aber nie bei Personen die ich persönlich kenne.

10.06.2020

Das erste Sommer Gewitter. Mindestens genauso schön, wie die ersten warmen Sonnenstrahlen.

Stimmt – aber das wissen Sie ja selbst, das muss ich Ihnen nicht erzählen. Ab in die Tonne!

15.05.2020

Wikipedia beschreibt Sehnsucht als ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen. Sie ist, sagt Wikipedia, mit dem Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Ergänzend könnte dort stehen, dass sowohl die Deutsche Bahn als auch die Lufthansa zur Verbreitung dieser Emotion beitragen.

Typischer Corona Gedanke. Ab in die Tonne. Sie alle haben das selbst erlebt und wenn Sie die Nachrichten verfolgen, dann brauchen Sie nicht noch mich, die Sie daran erinnert was Sehnsucht ist – Sie wissen es und kenne es. Die Bahn war und ist außerdem dann doch wieder eine Option geworden und ich habe Sommer und Herbst intensiv genutzt. Ökologisch betrachtet mittlerweile auch wieder mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Grenzüberschreitend versteht sich und bevor ich sorgenvoll nach Österreich schaue und mich frage ob Weihnachten…Stopp….ab in die Tonne mit diesem Text.

03.03.2020

Manchmal, wenn mir die alten Bilder in die Hand fallen, frage ich mich wie es sich anfühlen würde, wenn man uns heute alle wieder in das kleine Kloster stecken würde, auf dem wir die erste Nacht der Klassenfahrt verbracht haben. Wäre ich noch immer die, die sich nach Mitternacht nicht auf die Toilette traut, weil ihr die langen, stockdunkeln Gänge Angst machen. Und wäre die, die damals schon die Mutigste war es noch immer und würde auch heute noch, nachts heimlich am Fenster rauchen?

Ab ins Notizbuch und dann in die Tonne. In ein paar Jahren kann ich vielleicht an die Mutigste denken ohne sie so sehr zu vermissen wie dieses Jahr. Was für ein Mist, wenn die ersten Klassenkameraden nicht mehr älter werden.

15.01.2020

Dass ich träume ist für mich nichts neues. Ich tue es schon immer und meist so intensiv, dass ich mich beim Aufwachen gut erinnern kann, bevor die Erinnerung im Laufe des Tages langsam verblasst. Dass meine Träume über Wochen aber ein Thema haben daran kann ich mich nicht erinnern. Roter Faden trifft es wohl besser. Jede Nacht träume ich von meinen Freunden.

Völlig natürlich, dass er mich in einer kleinen Ortschaft absetzte und auf einen Fluss deutete. Einfach heim schwimmen. Auch mir erschien das leicht. Nur, dass ich nicht wusste in welche Richtung ich einsteigen muss um auch wirklich in München zu landen. Eine Flussrichtung gab es nicht und ich hoffte, dass mein Handy unter Wasser (ohne jeglichen Schutz) dicht blieb. Es wundert mich in meinen Träumen nicht, wenn ich mit anderen Freunden auf unserer Hütte sitze und wir uns dann trennen müssen um Skizufahren. Auch nicht, dass ich dafür mit Michelle Hunziger mit der S-Bahn nach Tutzing fahren muss. Sie hat es auch nicht gewundert wenn ich mich recht erinnere, weil sie direkt einschlief…die Ski in den Armen. Mit anderen Freunden aus Leipzig fuhr ich in den Urlaub und stellte bei einer Pause am Parkplatz fest, dass ich keine Badesachen dabei hatte. Die kaufte ich in einem seltsamen Laden mit beweglichem Mobiliar. Ein anderes Mal suchte ich mir zusammen mit dem klügsten meiner Freunde eine Wohnung in Verona und fuhr mit einer Freundin durch halb Europa im Auto nur um dann auf unserer Hütte zu landen.

Januar 2020…mitten im strengen Lockdown. Kein Wunder dass ich damals von meinen Freunden träumte. Für einen Text hat es nicht gereicht, aber für mich war es heute interessant festzustellen, dass ich mich an diese Träume tatsächlich noch heute erinnere. Ich verspreche Ihnen, dass es bei der nächsten Aufräumaktion sicher nicht um Corona gehen wird. 2021 habe ich nämlich kaum noch darüber geschrieben. Es gab schöneres.

Haben Sie sich tatsächlich bis zum Ende durch die Fragmente gelesen? Dann wissen Sie jetzt auch warum es bei Entwürfen blieb. Bleiben Sie gesund und passen Sie auf sich auf – ich mag die Floskel nicht, aber sie passt leider noch immer. Wenn sie Ihnen nicht gefällt…schönes Wochenende. November und Mistwetter – auch mal schön, Sie müssen es nur umformulieren. November, warmer Tee, letzte Herbstblätter und ein gutes Buch – herrlich.

21 Gedanken zu “Für die Tonne

  1. Apropos Corona, man muss es auch gar nicht mehr erwähnen, weil es zum Alltag gehört.
    Menschen gewöhnen sich an alles. Irgendwann wird es aus den Nachrichten verschwinden und Politiker werden andere, neue Probleme nicht beherrschen (und wir auch nicht).
    Der Vorteil von Corona ist, dass es gerechter Weise die ganze Welt betrifft und nicht nur einzelne Länder, wo Menschen verhungern oder sterben weil sie zu arm sind.
    (HALT Heinrich, stimmt nicht, wir sind mit dem besseren Gesundheitssystem auf jeden Fall besser dran!)

    Spätestens die nächste Katastrophe wird Corona in den Schatten stellen.
    So ist es nun mal. 😉

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  2. Ja, ich hab mich ganz durchgelesen, und ich fand es sehr erhellend. Du hast eine gute Methode entdeckt, das noch mal zur Kenntnis zu nehmen bzw zu geben, was letztendlich auch wegkann. So gehts ja meist beim Aufräumen. Man liest den Zettel noch mal, deckt kurz nach, und …. weg damit.
    Manches, was ich dann doch im letzten Jahr gepostet habe, wäre wohl auch besser in der Tonne gelandet. Andererseits…

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  3. Prima Idee, liebe Mitzi, die entstandenen Fragmente vorzustellen und deren Versenkung zu begründen. Das Fragment „Das erste Sommer Gewitter. Mindestens genauso schön, wie die ersten warmen Sonnenstrahlen.“ hast du als Banalität abgetan. Immerhin gibt mir das Anlass, eine Banalität wiederzugeben, die ich im Heute-Journal hörte. Ein deutscher Astronaut ist derzeit auf der ISS und lässt mitteilen, die Aussicht von da oben sei wunderbar. Was denn sonst?

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    1. Lieber Jules, manche Banalitäten können und müssen dann doch gesagt werden. Wie ernüchternd, wenn Maurer am ersten Tag die Funktion der Toilette dort oben erklärt hatte ;). Das hat sein Vorgänger Thomas Pesquet gemacht. Aber auch er sagte nach der Ankunft zu erst, wie faszinierend und herrlich es auf der ISS ist. Genug von der ISS….ich habe die letzten Starts und Landungen live gesehen und finde sie – man hört es – noch immer faszinierend obwohl ich seit Jahren so oft wie möglich live vor dem Rechner sitze. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.

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  4. Laut dem Erfinder des Telefons sollte man am Hörer tatsächlich zunächst „Ahoi“ sagen. Warum auch immer. Schon die allerersten Versuchs – Telefonate waren ja reine Nonsens – Gespräche. Und wie prophetisch war das denn! –
    Aber nicht auf diesen Schnipsel wollte ich zu sprechen kommen, sondern auf meine hiermit ausdrückliche Bewunderung für die Fähigkeit, die mißratenen oder den Tag nicht überdauernden Ideen konsequent zu vernichten. Ordnung zu halten unter dem wuchernden Ideenbaldachin des Gedankendschungels. Oder sollte das „behaupte ich“ vom Anfang etwas bedeuten…? Denn auch ich versuche immer einmal medial und proportional, analog und digital, händisch und geistig Ordnung zu schaffen, worauf hin ich mich, obwohl mit Radiergummi und Machete und Papierkorb bewaffnet, heillos verheddere, verwirre, verirre.
    Also nochmal, haltlose Bewunderung. Wie macht man das denn bloß?

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    1. Oh, das funktioniert nur im Entwürfe Ordner…da ist nicht allzu viel drin ;). Ein heilloses Durcheinander herrscht in den diversen Notzibüchern und unzähligen Zetteln…da habe ich überhaupt keine Chance….sinnlos es nur zu versuchen. Wahrscheinlich stürze ich mich deshalb auf WordPress. Da kann ich noch ein bisschen aufräumen.

      Ahoi….lustig.

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      1. Ich habe gestern einmal mehr mein „Büro“ aufzuräumen versucht. Gut, gut, Boden, Fensterbretter, Schreibtisch und Sofa sind etwas begehbarer, benutzbarer geworden, immerhin – aber dafür habe ich zahllose (noch nicht alle) lose Blätter ungeordnet in Schuber gezwängt. Mal sehen. Vielleicht, wenn ich 1000 Jahre alt werde?

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      2. Was sollen sie denn erben, wenn nicht die große, auf immer ungeklärte Frage, was man da getrieben hat (und ob da eventuell doch irgend etwas drin sein könnte, das einen womöglich gar materiellen Gegenwert repräsentiert. Ein Geheimnis muß doch bleiben… man sollte sich noch eine Geheimschrift überlegen und ganze Bücher vollkritzeln, auf dass Generationen von Historikern beschäftigt sind.
        Jedenfalls war ich immer der von vorneherein aussichtslosen Ansicht, die offenliegenden Stapel seien für baldige Be- und Verarbeitung bestimmt. Pustekuchen, kleiner Irrtum, der sich zu immer höheren Gebirgen auswächst…

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  5. Hallo Mitzi, ich kleiner Technikfreak verstehe das von dir nicht: „Auch für die Tonne – seit der Freund auch von zu Hause arbeitet, kann er nicht mehr „Hmmmmm?“ zur Begrüßung sagen, sondern muss sich mit seinem Namen melden.“ Fast jedes Telefon zeigt doch auf dem Display die Nummer oder sogar den Namen der anrufenden Person – also kann er doch, wenn du anrufst, weiterhin mit Hmmmmmmm reagieren! Oder wo ist mein Denkfehler?
    Gruß zu dir

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    1. Liebe Clara, das könnte er schon machen, aber ich glaube das „Hmmmm“ entsprang einem völlig entspannten Annehmen von Telefonaten. Seit wir daheim arbeiten, stresst das klingelnde Telefon. Mich zumindest. Es läutet einfach viel zu oft 😉

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  6. Liebe Mitzi!
    Aber natürlich habe ich bis zu Ende gelesen. Mit viel Freude. Das ist ein wunderbarer Text. Und jeder Schnippsel hat was für sich, das ihn lohnte aufzubewahren und ebenso hier einzufügen.
    Ich mochte den Traum.
    Und der Verweis auf Österreich und Weihnachten löst auch in mir leichte Beklemmungsgefühle aus. Ich fürchte einen nächsten – ich sag´´´ s nicht – weg damit – ich mag nicht mehr 🙂

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    1. Du musst es nicht sagen….grad heut nach der Pressekonferenz mit Söder zeichnet es sich ja ab. Weg damit – zumindest aus den Gedanken für den Moment 🙂
      Danke dir…ich konnte mich von den Schnippseln nicht einfach so trennen. Liebe Grüße

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