II

Das erste Mal seit Freitag ist es still. Weder rumpelt der Zug über die Gleise in Richtung Süden, noch begleitet mich das Stimmengewirr unzähliger Menschen an diversen Bahnhöfe. Das Lachen der Nachbarn ist verstummt und meine Freunde haben sich mit einer letzten Umarmung verabschiedet. Diesmal bin nicht ich es, die ins Auto steigt, heute bin ich die, die bleibt, wenn es ruhig wird. Alleine, aber alles andere als einsam. Ich habe es mir gewünscht. Nach langer Zeit einmal wieder alleine in Italien zu sein und Zeit für das zu haben, was in letzter Zeit zu kurz kam. Lesen, schreiben, sehen, riechen und fühlen.

Das Meer, das jetzt im Abendlicht blassblau und ruhig vor mir liegt, ist wunderschön und ebenso schön ist die Ruhe, die sich über den Abend legt. Trotzdem, natürlich, fehlt er mir schon, bevor er die Autobahn erreicht hat. Er gehört zu jenen, wenigen Menschen, die ich immer um mich haben kann. Einer, mit dem es schön ist, still zu sein und einer der mir nie fremd geworden ist. Vielleicht ist es, wie meine Oma sagte. Wenn zwei Herzen im gleichen Rhythmus schlagen, dann werden sie einander nicht überdrüssig. Der Abend ist perfekt, nur er fehlt. Ganz einfach weil er immer fehlt, wenn er nicht da ist. Seit über zwanzig Jahren und deshalb ist es ok. Auch weil er ja wieder kommt. Ans Meer und zu mir. Diesmal warte eben ich.

Ich warte und werde mich keine Minute langweilen. Wie könnte ich, wenn sich vor mir das Meer ausbreitet, drei Bücher darauf warten gelesen zu werden und ein Notizbuch gefüllt werden will. Zwischen meinen Zehen ist noch etwas Sand und in meinen Wimpern etwas Salz von getrocknetem Meerwasser. Leises Stimmengewirr aus den Wohnungen über und unter mir und das Blau des Meeres wird dunkler. Ich tippe auf dem Handy, was ich gar nicht mag, weil ich so viel schneller denke, als tippe. Weil er aber meinte, ich würde in letzter Zeit zu wenig schreiben, mache ich es doch. Auch um ihn zu fragen, ob es nicht verrückt ist, dass ich ihn tatsächlich schon nach fünf Minuten vermisse? Ich verrate es niemanden. Sonst fragen sie ob er wirklich nur ein Freund ist und ich bin schon lange müde, das zu erklären. Nur ein Freund, ja. Aber einer, der fehlt, sobald er nicht da ist.

Ich beobachte ein Containerschiff am Rand des Horizonts und bin glücklich. Echtes Glück ist selten und wenn man es ganz tief im Bauch spürt, dann sollte man es genießen. Das mache ich jetzt. Ich schaue auf das Meer und bin glücklich jemanden zu kennen, den ich bereits nach wenigen Minuten vermissen kann. So viel schönes, gäbe es noch zu beschreiben, aber ich muss egoistisch sein und das Handy zur Seite legen. Das Meer färbt sich rosa und das muss ich mir ansehen. Danke, du mutigster meiner Freunde. Für…du weißt schon.

11 Gedanken zu “II

  1. „nur“ ein Freund? Einen solchen Freund zu haben, ist ja das größte überhaupt.
    Ich war heute (wie jeden Tag) im Meer schwimmen, und brauchte es zu singen. Nicht dass ich gut singe, überhaupt nicht, ich krächze eher, aber der Gesang dringt einfach zur Kehle hoch und will raus. Denn es ist so wunderbar, diese kleinen Wellen im Licht zu sehen und drin zu schwimmen und zu singen.

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    1. Liebe Gerda, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Es ist dabei egal ob man singen kann, denke ich. Momentan kann ich es wie du machen….jeden Tag im Meer schwimmen. Und in Gedanken singe ich dabei auch. Oder summe vor mich hin.

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  2. Das Glück einen Seelenverwandten zu finden, verstehen vermutlich nur wenige Menschen. Und genau diese Menschen werden dich nie fragen, ob es nicht doch eine Liebschaft ist. Ein Seelenverwandten zu finden ist eben ein Gefühl von “heimkommen”, ankommen, irgendwie frei von Ort und Zeit zu sein.
    Und sich temporär zu trennen, gleicht einem kleinen Tod. Ja, genau so ist’s, liebe Mitzi!

    Gefällt 6 Personen

  3. „Nur“ ein Freund.. Freunde sind mitunter das wertvollste im Leben, nicht immer so im Vordergrund wie die, die mehr sind, aber oft viel länger da und man verdankt ihnen Vieles.. stiller vielleicht, als denen, die mehr sind, aber niemals weniger wichtig. und niemals „nur“.

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  4. Beneidenswert, liebe Mitzi, einen Freund zu haben, dessen Abwesenheit ihn vermissen lässt und trotzdem autonom zu bleiben, das Übervoll an schönen Gefühlen und die Weise, in der du deine Leser*innen daran teilhaben lässt. Bei deiner Kunst, Gefühle in Worte zu packen, ist es vielleicht störend, langsamer als Denken zu schreiben. Ich kenne es nicht anders, habe nichts dagegen, nach dem polizeibekannten Terroristensystem zu tippen „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“ 😉 Ich wünsche dir noch mehr glückliche Momente im Urlaub und dass es dir weiterhin gelingt, zu vermissen und trotzdem ganz bei dir zu sein.
    LG Jules

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