Kollateralschäden

Ich erspare es Ihnen und mir die ersten Worte, die ich heute morgen hörte, im Original wieder zu geben. Freundlich waren sie nicht und auch wenn ihre Derbheit in den Augen jener Person, die sie aussprach durchaus gerechtfertigt sein mochte, hätte ich gerne etwas anderes gehört. „Guten Morgen“, zum Beispiel. Das sind zwei feine, kleine Worte mit denen ich mich um kurz nach sechs Uhr morgens durchaus zufrieden gebe. Auch wenn „der Kaffee ist fertig“ schöner gewesen wären und „ich hab dir eine Tasse Kaffee auf den Nachttisch gestellt“ mich sehr glücklich gemacht hätte – ein „Guten Morgen“ wäre völlig in Ordnung gewesen. Ich dagegen hörte heute morgen einen derart lauten und derben Fluch, dass ich reflexartig die Badezimmertür von innen verschloss. Nicht das ich Angst vor dem Fluchenden hatte, das nun wirklich nicht. Die letzten Wochen haben mir aber gezeigt, dass es besser ist, wenn mich der Fluchende in diesen hochemotionalen Momenten, in denen er zu solch verbalen Entgleisungen fähig ist, für ein paar Minuten nicht sieht. Besser für ihn und seinen Blutdruck, denn natürlich – wie sollte es auch anders sein – bin ich die Verursacherin der morgendlichen Unruhe. Das zumindest würde der Mann behaupten, der ab und zu mit einer Falsche Wein vor meiner Tür steht und jetzt gerade an die Badezimmertür hämmert, hinter der er den erste Hilfe Kasten vermutet. Übrigens…falls Sie keinen Arzt im Familien- oder Freundeskreis haben….sagen Sie einem solchen nie, wirklich nie, dass ein Schnitt an der Fingerkuppe nun wirklich keinen solchen Aufstand rechtfertigt.

Dunkles Loch, murmelt der verarztete Arzt wenig später und lehnt sich kopfschüttelnd und schlechtester Laune an die Arbeitsplatte meiner Küche. Wenig durchdacht und idiotisch empfindet er die Lichtverhältnisse meiner kleinen Küche und versucht sich hinter mir vorbei zu schieben um an den Kühlschrank zu gelangen. Der nächste Fluch des noch jungen Tages erschallt und ich gebe mir größte Mühe mich unsichtbar zu machen. Sein Tag beginnt gerade tatsächlich nicht besonders gut – eine halb abgesäbelte Fingerkuppe und ein nackter großer Zeh, der gerade mit Schwung eine gusseiserne Bratreine touchiert hat. Das schmerzt. Mich allerdings macht es glücklich. Nicht seine Verletzungen, aber meine Küche. 

Noch nie verbrachte ich so viel Zeit in meiner Wohnung wie im letzten Jahr. Das ist ok, da ich meine Wohnungen immer, und die aktuelle ganz besonders, gern habe. 2020 als sich draußen alles auf den Kopf stellte, wurde sie zu meinem Nest. Der Begriff stammt von meinem Freund, der sich an manchen Tagen wunderte wie viele winzige Vasen mit Gänseblümchen man in einem einzelnen Raum aufstellen kann. Viele. Und das ist gut so. Man muss es sich gemütlich machen und das ganz besonders in der Küche, dem Raum der das Bauchgefühl einer jeden Wohnung symbolisiert. Und das nicht nur, weil selbiger dort gefüllt wird. Eine Küche ist immer gemütlich. Warum sonst beginnen und enden alle Feiern in ihr? Meine ist ein kleiner Schlauch mit wenig Stauraum, aber allem was ich brauche um darin stundenlang nach der Arbeit die Zutaten für ein scharfes Curry zu schnippseln, beim Anbraten aus dem Fenster in den Hof zu schauen, mit den Nachbarskindern im Laubengang durch das gekippte Fenster ein wenig zu plaudern und mich an den Weihnachtsgeschenken meiner Eltern zu erfreuen. Vor einigen Wochen zogen ein knallgrüner Topf aus Gusseisen und ein tieforangeroter Bräter aus dem gleichen Material bei mir ein. Dinge die man ein Leben lang hat und Gegenstände die einen immer an die Schenkenden erinnern. Leider zu schwer um sie auf den bereits vollen Küchenschränken aufzubewahren. Alles was sich dort befindet hole ich indem auf die Arbeitsfläche klettere. Das Hochklettern wird die nächsten zwanzig Jahre noch klappen, aber ich misstraue meiner Oberarmuskulatur den schwungvollen Sprung nach unten auch mit den gusseisernen Neuankömmlingen im Arm hinzubekommen. Gusseisen macht erfinderisch –  meine Küche wurde kurz nach Weihnachten ein wenig umgestaltet. Das Ofenrohr dient nun als Stauraum. Eine grandiose Idee mit kleinem Nachteil. Wenn ich morgens im Ofen die Semmeln aufbacke, dann steht die Bratenreine auf dem Boden bei der Spüle etwas im Weg. Seit heute morgen weiß das auch mein Freund. Und er weiß, dass es seit kurzem unmöglich ist, zu erkenne, was sich alles im Spülbecken unter dem Schaum des Wassers befindet (heute der extrem scharfe Deckel einer Dose Kichererbsen).  Anstelle meiner ausgemusterten Schreibtischlampe steht auf dem Fensterbrett über meiner Spüle jetzt eine wunderschöne kleine Lampe mit Papierschirm. Ihr Licht ist so heimelig und gemütlich, dass ich mich jeden Morgen über den sanften Schein freue. Grelles Licht war mir schon als Kind zuwider und meine neue Lampe erinnert mich an die Küche meiner Kindheit – die war wunderbar schummrig wenn nur die Lampe über der Arbeitsfläche brannte.  Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Türe steht weigert sich bei diesem Licht unterstützende Tätigkeiten jeglicher Art auszuführen und wird seinen Kaffeelöffel künftig vermutlich von der Türschwelle aus mit Schwung in die Spüle werfen. Das ist ok. Manche Menschen brauchen ein bisschen bevor sie Neuerungen zu schätzen wissen. Deshalb lasse ich ihn momentan auch auf meiner Seite des Bettes schlafen, aber das ist eine andere Geschichte.

20 Gedanken zu “Kollateralschäden

  1. Liebe Mitzi,
    ich möchte mir nicht anmaßen zu beurteilen, ob die Berufgenossenschaft Ihre Küche sicherheitstechnisch als Arbeitsplatz beanstanden würde, oder der Weinmann ein Tolpatsch ist. 😉

    Aber ich habe dadurch gelernt, was eine Bratreine ist. Das Wort ist für mich Nordlicht neu.

    Wir nennen das Ding Kasserolle und die wird gleich morgen genutzt, um einen Kassler, Blumenkohl, Nudel, Käse Auflauf für 2 Tage zu machen. 😉

    Gruß Heinrich

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    1. Beides, lieber Heinrich. Der Weinmann braucht morgens bis er auf Betriebstemperatur ist und die Arbeitssicherheit ist auf ein Minimum beschränkt ;).
      Stimmt eine Kasserolle ist das. Beim Schreiben habe ich überlegt und bin nicht draufgekommen. Wahrscheinlich weil mir das Wort so fremd ist. Sehr vertraut dagegen klingt der Auflauf – ein feines Winteressen.
      Herzliche Grüße

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      1. Meine Frau hat mich informiert, dass eine Kasserolle „eigentlich“ nur ein Topf mit einem „Stiel“ sei. Sie würde das Ding für den Auflauf „Bräter“ nennen.
        Naja, Hauptsache es kommen leckere Dinge dabei zustande. 😉

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  2. Die Fingerkuppe wird sich künftig bei jeder Kichererbse an die Kasserolle im Schummerlicht erinnern. Dieser Morgen bleibt unvergessen, das wird auch die Flüche dereinst klingen lassen wie Liebeslieder.
    Solche Bräter lassen sich, ich habe Erfahrung mit kleinen Küchen, auch prima zum Brotaufbewahren nutzen. Braucht man das Ding dann als Bräter, ist das Brot halt mal eben heimatlos. Das hält es meist aus, wenn nicht, soll´s Brösel sein.

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    1. 🙂 Ich fürchte auch, dass die Fingerkuppe ein wenig nachtragend sein wird. Der Bräter steht mittlerweile auf dem Fensterbrett und beheimatet zwei Kilo Orangen die sich dort sehr wohl fühlen und farblich wunderbar passen. Für das Brot habe ich bereits etwas, ansonsten eine gute Idee.

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  3. bei dem was du geschrieben hast dachte ich an die frühere wohnung einer freundin von mir. sie wurde von uns allen liebevoll „das baumhaus“ genannt. ach schön, wenn man für seine wohnung so eine konnotation findet. auch wenn menschen „von außen“ dann manchmal ein wenig zeit brauchen, sich darin zurechtzufinden 🙂

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    1. An der Geduld arbeiten wir noch ;). Ehrlicherweise…ich hätte als Frau auch gejault, wenn ich gegen den Bräter gestoßen wäre. Aber ab und zu kann ich nicht widerstehen ein paar Klischees zu bedienen.

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