Graue Ferien

Vor heute genau fünf Wochen habe ich mich das letzte mal mit einem Freund getroffen. Wir aßen Blätterteigstrudel mit Spinat und Feta und tranken eine Flasche Weißwein, als – ungewöhnlich für einen Sonntagabend – die Firma mich und meine Kollegen bat, am nächsten Morgen nicht ins Büro zu kommen. Nicht für einen Tag, sondern bis auf Weiteres. Der beste meiner Freunde, saß neben mir und schnalzte leise mit der Zunge. Ach, sagte ich und schnalzte ebenfalls, weil ein Schnalzen der Zunge bei als Zeichen größter Verwunderung gilt. Bis auf Weiteres, das konnte alles heißen. Wir rechneten mit zwei Wochen und bekamen das, was ich heute fünf Wochen später vermutlich als die einzigen großen Ferien, die ich als Erwachsener hatte, in Erinnerung behalten werde. Andere nennen sie Sommerferien. Bei uns waren es immer die großen Ferien, weil sie sechs Wochen dauerten – eine gefühlte Ewigkeit. Und wie damals ist die letzte Woche, die sechste, auch diesmal schon im Zeichen des nahenden Schulbeginns. Irgendwann Ende nächster Woche oder auch erst übernächster, wird der Alltag langsam zurück kehren. Niemand weiß wie er sein wird. Keiner kann sagen, wann wir wieder alle und nicht streng eingeteilt im Büro sein werden und noch ist es ungewiss ob die Infektionszahlen auch wirklich dauerhaft nach unten gehen. Die großen Ferien aber, die gehen nun zu Ende. 

Große Ferien, so nennst du es, höre ich dich leise lachen und zucke mit den Schultern, als du mich darauf aufmerksam machst, dass ich diese Bezeichnung anderen gegenüber besser vermeiden sollte. Wahrscheinlich hast du recht. Nichts an dieser Zeit erinnert  an die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, mit denen wir als Kinder lachend und frei durch diese sechs Wochen taumelten. Trotzdem. Andere sechs Wochen mit eigener Bezeichnung fallen mir aber nicht ein und es wird dabei bleiben, es waren meine großen Ferien. Ferien höre ich dich wieder fragen und verdrehe die Augen. Natürlich keine Ferien, ich habe gearbeitet. Wahrscheinlich sogar mehr als im Büro, aber es waren und sind sechs Wochen und sechs Wochen sind eine lange Zeit, wenn man sie alleine verbringt. Lange genug um einer hässlichen Periode einen schönen Namen zu geben. Widerlich optimistisch nennst du mich und deine Stimme verrät, dass du es allenfalls verwunderlich, kaum aber als widerlich empfindest. Das darfst du auch nicht, denn ohne meinen Optimismus, wäre das mit dir und mir noch viel schiefer gegangen. Auch das widerlich optimistisch, räume ich ein, um dir zuvor zu kommen. Aber immerhin. Von dreien ist einer noch da, wenn das nicht schön ist. Wer einen von dreien als gutes Ergebnis ansieht, der darf die Corona Ausgangssperre auch als große Ferien bezeichnen, höre ich dich leise lachen und nicke. Am Ende bin ich es wahrscheinlich wirklich. Widerlich optimistisch. Wenn eine von dreien übrig bleibt, dann ist sie das besser auch. Wie sie sind, meine großen Ferien, fragst du und ich würde mich gerne ein wenig an deine Schulter lehnen. Das fehlt ihnen, diesen sechs Wochen – das Anlehnen, das Umarmen und das kurz bei der Hand nehmen.  Aber es passt, weil es passen muss. Irgendwann kann ich es wieder. Nicht bei dir, aber du bist auch nicht Teil dieser sechs Wochen. Deine Stille dauerte länger. Passt, sage ich und schiebe dir duzende von eng beschriebenen Zettel über den Tisch. Beschäftigungstherapie. Super optimistisch. Sollte ich dieses Jahr doch noch nach Italien kommen, dann habe ich gefühlt 8.000 Worte gelernt, die ich unbedingt vor Ort in einen Satz verpacken möchte. Torpedoboot-Zerstörer wird schwer werden, höre ich dich lachen und nicke. Die Spanplatte oder Konfetti ist leichter. Also waren sie gut, die großen Ferien, fragst du noch einmal und ich nicke. Ja oder nein, natürlich nicht, aber ja, irgendwie schon. Irgendetwas ist immer gut ich zwinge mich, mich darauf zu konzentrieren. Als du gingst, war es sogar das gleiche. Gut, dass du weg bist, damit es endlich vorbei ist. Und das schlimmste von allem, dass du weg bist. Da wusste ich nicht worauf mich mich konzentrieren soll. In diesen sechs Wochen ist es leichter. Corona ist böse. Der Frühling, die Zeit, und die wachsenden Blumen in den Kästen sind gut. Nicht nach Italien, zu den liebsten Freunden zu können ist scheiße. Dass die liebsten Freunde gesund sind, ist wunderbar. Schwarz und weiß sind sie, diese Sommerferien. Nur wenn du plötzlich neben mir sitzt, wird es grau. Dann weiß ich nicht ob es scheiße oder wunderbar ist. 

Sechs Wochen soziale Isolation. Du und ich, wir haben schon schlimmeres überstanden, sage ich und lege mich auf den Balkon in die Sonne. Das ist gut, wunderbar und weiß. Dass deine Hand, die ich auf meinem Arm zu spüren glaube nicht real ist, ist nicht gut, scheiße und schwarz. Sie sind wohl doch grau, diese Ferien, die keine sind. Ich spüre, dass das blase Bild von dir verschwindet und versuche dich noch etwas festzuhalten. Nur noch ein bisschen, bitte ich dich. Ohne dich ist nämlich alles scheiße. Immer, im Moment aber besonders. Worte eines Optimisten höre ich dich leise lachen und mache die Augen nicht auf, damit ich mir dein Schmunzeln besser vorstellen kann. Große Corona Ferien und ein Leben ohne dich, da braucht es Optimismus. Selbst dann, wenn man ihn gar nicht mehr hat. 

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu “Graue Ferien

  1. Ufff, das ist schwer. Ich glaube, dass dein Optimismus kaum klein zu kriegen ist, aber wohl nur deshalb, weil du dich entschieden hast, optimistisch zu sein. Gut, wenn du wieder etwas Luft bekommst, etwas Nähe und Futter für die Zuversicht.

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    1. Ha! Das werde ich sicher machen. Sieht toll aus. Hab am Handy noch gar nicht geantwortet weil gestern ständig das Telefon ging. Aber auch da lief mir schon das Wasser im Mund zusammen 🙂

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  2. Liebe Mitzi,
    Sie dürfen sich von meinem Optimismus so viel nehmen, wie Sie möchten!
    Für mich bleibt auf jeden Fall genug übrig, weil ich gar nicht mehr so viel brauche.
    Was Gefühle und Erleben dieser Welt angeht, bin ich in einer völlig anderen Situation als Sie.
    Trotzdem versuche ich immer, mich in die Lage derer zu versetzen, die mir begegnen und von denen ich etwas erfahre, wie es ihnen ergeht.
    Ich würde wirklich gerne wissen, wie ich die heutige Situation betrachten würde, wenn ich sie vor 30 oder 40 Jahren erlebt hätte. Mitten im Berufs- und „Karriere“leben so ein Zwangsurlaub? Käme sicher auch darauf an, ob ich zu dem Zeitpunkt die gleiche „Familiensituation“ gehabt hätte. Das macht viel aus! Wochenlang auf die Nähe von Freunden verzichten? Auch das ist nicht vergleichbar.

    Aber wenn ich mir das so vorstelle, wie ich das meistern würde, und das mit Ihnen vergleiche, dann kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass Sie das grandios meistern und vermutlich viel weniger Fremdoptimismus benötigen als Sie denken. Ich hätte es nicht so gut „überstanden“.

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, vielen Dank für das „Hineinfühlen“. Heute scheint die Sonne schon wieder und mein Optimismus ist zurück. Wahrscheinlich ist es ok, ihn mal (kurz) zu verlieren oder besser zu verlegen, solange er wieder kommt.
      Noch einmal danke. Ihr Kommentar hat mir gut getan. Sehr!
      Herzliche Grüße
      Mitzi (die sich auf den Balkon hockt und stur optimistisch die Sonne heute ausgesprochen schön und warm findet).

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  3. ach… der knödel im magen wurde beim lesen immer größer und zum schluss sind die augen gleich wieder am übergehen. dennoch, diese texte von dir, sie sind so wunderschön. ich umarme dich aus der ferne, meine liebe optimistische mitzi, und auch grau hat viele facetten ❤

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