Ein Schrank in einer Hütte im Wald (aus dem Archiv 11.11.2015)

Mein Großvater sagte einmal, dass die meisten Menschen zu dumm seien um sich vor den richtigen Dingen zu fürchten. Ihre Furcht sei zu oft unbegründet und fremdgesteuert. Trauen könne man nur der Angst die urplötzlich im Magen zu pochen beginnt und an unsere Instinkte appelliert. Er war kein belesener Mann, mein Großvater. Ihm fehlte die Zeit für Bücher. 1914 geboren gab es in seinem Leben keinen Raum dafür. Krieg, Flucht, Flüchtlingslager und wohl auch die zwei Frauen in seinem Leben die – nicht nacheinander sondern sich überschneidend –  für reichlich Konfliktpotential gesorgt haben. Aber er war ein kluger Mann, der gerne und viel nachdachte. Während meine Großmutter Geschichten erzählte, warf er mir nur  ab und an einen Brocken seiner Gedanken zu. Erklärt hat er sie mir nie. Er starb als ich zwölf und zu jung zum nachfragen war. Dass mich ein paar seiner Gedankenbrocken noch heute zum Nachdenken anregen, würde ich ihm nur allzu gerne sagen.

Laut Wikipedia ist Furcht  das Gefühl einer konkret fassbaren Bedrohung, rational begründbar und wirklichkeitsgerecht. Angst dagegen abstrakt und unbestimmt. Wenn ich lese, wovor die Menschen sich heute fürchten und was sie für eine reale Bedrohung halten, neige ich dazu meinem Großvater Recht zu geben.
In Gedanken bin ich auch heute noch auf meiner kleinen Hütte im Wald. Fürchten muss man sich dort eigentlich nur davor, dass man eines Nachts im Sturm tatsächlich von einem Baum erschlagen wird. Oder vor dem Abhang hinter dem Haus. Beides hat mir nie Furcht eingejagt. Wobei es zumindest der Abhang tun sollte, denn es geht tatsächlich etwa zehn Meter senkrecht nach unten. Ich habe es mir angesehen. Bin durch das Gestrüpp geklettert und hab ehrfurchtsvoll mit der Zunge geschnalzt. Da hatten sie recht, meine Eltern. Man kann sich hier gut das Genick brechen. Wenn man denn so dumm ist und es sich aus der Nähe ansieht. Aber man kann es ja vermeiden. Die Dummheit. Nicht vermeiden kann ich es, abends die Treppe nach oben, zu den Betten zu steigen. Denn obwohl die Hütte für mich der Inbegriff der Geborgenheit ist, gibt es einen Ort dort, den ich meide. Es ist keine Furcht, nicht rational und schon gar nicht wirklichkeitsgerecht. Es ist etwas das mir ganz schlicht Angst macht und schon immer gemacht hat. Egal ob ich acht, achtzehn oder achtunddreißig Jahre alt bin… der Schrank am Ende der Treppe macht mir Angst. Ein kleiner, grüner eingebauter Holzschrank, dessen Türen ich noch nie berührt oder geöffnet habe. Ich sehe ihn, wenn ich die Stufen nach oben steige und starre deswegen meistens stur nach unten auf den Boden. Nachts mache ich kein Licht, nur um ihn nicht sehen zu müssen. Was darin ist? Uralte Bettwäsche, die niemand mehr benutzt. Hat man mir gesagt. Ich kann ihn nicht öffnen um nachzusehen. Damit wir uns richtig verstehen – ich kann es nicht. Wenn ich es versuche, beginnt man Herz wild zu schlagen und alles in mir verkrampft sich. In all den Jahren habe ich nie jemanden diesen Schrank öffnen gesehen. Er ist immer zu. Und das ist gut so.

Der Mann, der mir die Geschichte von diesem Schrank erzählte, hieß Fritz. Damals Onkel Fritz, später nur noch Fritz. Der älteste Freund meines Vaters und begnadeter Geschichten-Erzähler. Schauermärchen und Hütten auf Waldlichtungen sind ein gutes Gespann. Als Kinder haben wir die Geschichten von Fritz geliebt. Die, von dem Mann, der durch den Wald streift und seinen Kopf sucht. Auch die von dem armen Tropf, der seine Leber verloren hat und sie noch immer in Vollmondnächten im Schuppen neben dem Haus sucht. Immer hatten sie etwas verloren, die armen Seelen. Angst oder Furcht hatten wir keine. Im Gegenteil. Wir liefen in der Dämmerung durch den Wald beim Haus und erschreckten uns gegenseitig. Oder wir losten aus, wer in der Dunkelheit in den Schuppen gehen musste um nach der verlorenen Leber zu suchen. Wohlige Schauer, aber keine Angst. Nur eine Geschichte war anders. Jene, die vom grünen Schrank am Treppenabsatz handelte. Es war nicht einmal eine Geschichte. Nur ein paar geflüsterte Worte. Noch nie hätte jemand die Türen des Schrankes geöffnet. Als wir eine gruselige Erzählung erwarteten, schüttelte Fritz nur den Kopf. Es sei keine Geschichte und er wisse nicht, was genau im Schrank verborgen sei. Aber es sei so schlimm, dass man keine Worte dafür findet. Keines von uns Kindern hat den Schrank je geöffnet und wir haben nie darüber gesprochen. Ich verabscheue diesen Schrank noch heute. Er macht mir Angst.

Nur mit einem würde es ich es wagen, die Türen zu öffnen. Ich möchte meinen Großvater bitten, dass er mich an die Hand nimmt und mit mir nach oben geht. Nur er dürfte neben mir stehen, wenn ich die Türen öffne und erkenne, dass es sich bei meiner Angst letztendlich doch nur um eine unbegründete Furcht handelt. Dann würde ich mich mit ihm auf die Stufen setzen. Und endlich würde ich ihn fragen können, warum er oft so böse wurde, wenn meine Großmutter mir Geschichten von ihrer Flucht und dem Krieg erzählte. Und spät abends vor dem Ofen sitzend würde ich wissen warum er damals, hinter der Zeitung verborgen, geweint hat. Ich würde verstehen, was ich als kleines Mädchen nicht verstand. Damals als ich ihn  umarmte und in sein Ohr flüsterte, dass ich ganz sicher sei, dass er sich im Krieg vor nichts und niemanden gefürchtet und sich schützend vor jeden gestellt hat. Vielleicht hätten wir die Schranktüren gemeinsam öffnen können.

13 Gedanken zu “Ein Schrank in einer Hütte im Wald (aus dem Archiv 11.11.2015)

  1. der letzte absatz hat mir einen dieser seltsamen schauer über den körper gejagt wegen dem ich deine texte so mag. dieses innerliche nicken, verstehen, kennen, obwohl man doch gar nicht dabei war und dann dieser moment, wo die emotion einen von ganz tief drinnen plötzlich überrascht.

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    1. Das klingt vielleicht komisch wenn das ich selbst schreibe, aber mir ging es ganz ähnlich als ich den Text jetzt nach vier Jahren noch einmal gelesen habe. Wahrscheinlich weil mich die Erinnerung an meinen Großvater beim Schreiben sentimental gestimmt hat und ich es bedaure ihn vieles nicht gefragt zu haben weil ich einfach zu jung war. Jetzt beim Lesen ging es mir wieder ähnlich.

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      1. ich finde das gar nicht komisch, ich versteh das sehr gut. ich habe das auch manchmal mit alten texten. ich denke es bedeutet einfach, dass man offen aus der seele geschrieben hat.

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  2. Solltest Du doch irgendwann einmal den grünen Schrank öffnen wollen – vorausgesetzt, es ist ein echter Schrank und kein metaphorischer – dann helfe ich gerne. Sollte ein Untier aus dem Schrank springen, dann ziehe ich ihm eins mit der Bratpfanne über!

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  3. Ich glaube, dass jeder so eine Kinderangst in sich trägt. Die meisten haben sie erfolgreich in irgend eine Ecke verdrängt wie oft ihre ganze Kindheit und haben sie dort vergessen. Viele leben sie und manche konnten sich ihr irgendwann (erfolgreich) stellen. So ein Großvater kann da ganz hilfreich sein. Auch ein guter Freund mit Bratpfanne (gußeisern, sonst nützt sie nichts – bekanntlich hilft Eisen gegen die dunklen Mächte), allerdings nur jemand, auf den man sich auch verlassen kann und möchte. Eben jemand, der diese Empfindung in einem auslöst: man nimmt die Hand und ist wieder das Kind, das den Schutz dieser Hand empfängt. Wir alle hätten gern diesen Schutz, wollen nicht immer und überall selber groß sein (was gewissen politischen Schulen furchtbaren Auftrieb gibt, da sie fälschlicherweise diesen versprechen). Ja, es ist nur zu empfehlen diesen Schrank einfach aufzumachen, aber es ist leicht gesagt. Dem einen Schrank kann man ja aus dem Weg gehen, wenn es aber eine Angst ist, die mitkommt (am simpelsten wäre: alle Schränke, alle Türen. Aber so einfach funktioniert das ja meistens und zum Glück nicht) wird es nötig sein, irgendwann allen Mut zusammenzuraffen. Wie mutig war eigentlich genannter Großvater, denn davor hätte er sowohl Angst als auch Furcht haben müssen – 2 Frauen?!

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    1. Vielen lieben Dank, für deinen schönen und ausführlichen Kommentar. Du hast recht, wahrscheinlich trägt fast ein jeder von uns noch die Ängste seiner Kindheit mit sich herum. Und wenn es nicht die sind, die wir in einen Schrank sperren, dann sind es andere. Aktuelle. Und bei allen ist es wahrscheinlich sehr schwer die Türen zu öffnen und sich ihnen zu stellen. Versuchen sollte man es dennoch. Ob mein Großvater sich jemals seinen beiden Frauen gestellt hat weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen dass sie alle drei irgendwann ihren Frieden miteinander gemacht haben. Sollte er sich gefürchtet haben, dann zu recht 😉

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  4. Ja Furcht, Angst und gerade Krieg oder große Verluste verändern Menschen… Leider trifft es oftmals die Flaschen. Vielleicht hilft dir folgender Gedanke? Schon mal drüber nachgedacht, dass dort vielleicht die Weihnachtsgeschenke versteckt worden sind? 😉

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