Natürliche Konfrontation (Aus dem Archiv 04.09.2015)

Ich töte Tiere. Einfach so. Damit ich meine Ruhe habe. Schlimm? Es wird noch schlimmer. Ich töte sie nicht, um sie zu essen. Ich töte grundlos. Nicht alle Tiere. Bei Schweinen, Rindern und Hühnern kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich nur das esse, was das Schwänzchen oder die Schnauze ausgiebig in die Sonne gestreckt hat. Oder – wenn es weder Schwänzchen, noch Schnauze besitzt – in den Wochen vor seinem Schlachttermin, im Gras scharren konnte. Dank der Landwirtschaft meines Onkels, ist mein Karma-Punktekonto diesbezüglich im grasgrünen Bereich. Dunkel- um nicht zu sagen blutrot wird es bei Tieren, die nicht unter die Gattung der Säugetiere fallen. Obwohl…mit Nacktschnecken und Würmern habe ich auch kein Problem. Eigentlich muss sich nur eine einzige Spezies vor mir fürchten. SPINNEN.

Ich weiß, dass Spinnen mehr Angst vor mir haben, als ich vor ihnen. Ich weiß, dass es äußert unwahrscheinlich ist, sie im Schlaf zu verschlucken. Ich weiß, dass sie nützlich sind und meine Angst total bescheuert ist. Und doch. Sehe ich eine, fange ich an zu kreischen. Ich kreische sonst nie. Hilfreiche Tipps, wie das aufsaugen mit dem Staubsauger oder ein Glas über das Objekt meines Ekels zu stülpen machen mich nur noch hysterischer. Ich soll das Vieh in den Beutel des Staubsaugers befördern? Mein Staubsauger steht nachts im Schlafzimmer. Das ist als würde man mir vorschlagen, mit Chucky der Mörderpuppe eine WG zu gründen. Und ein Glas? Mit einem Glas in der Hand soll ich mich dem Monster nähern? Also bitte. Sie würde mich anspringen. Die Spinne. Genau ins Gesicht. Nein, die Spinne muss weg. Da meine Freunde sich weigern, quer durch die Stadt, zur Spinnenbeseitigung zu fahren, erschlage ich die Biester laut kreischend mit meiner Yogamatte. Zusammen gerollt ist sie eine erprobte Tatwaffe. Als Mordinstrument wandert sie später, angesichts meines schlechten Gewissens und einer ausgeprägten Scham über so idiotisches Verhalten in den Müll. Und auch, weil die kleinen Beinchen dran kleben.

Ich verstehe nicht, warum ich bei diesen winzigen Tieren so ängstlich bin. Es muss an der Größe liegen. Mit Kühen zum Beispiel habe ich überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil. Diese Kolosse mag ich. Obwohl ich ein Stadtkind bin, bin ich auf dem Hof meines Onkels mit ihnen aufgewachsen. Auch außerhalb des Stalles, sind sie kein Problem. Wir haben eine kleine Hütte in den Bergen. Mit dem Auto kommt man nur auf einer abenteuerlich schmalen Straße dort hin. Ab und zu stehen auf der Straße Kühe. Warum sie den beschwerlichen Weg von ihrer Weide durchs Unterholz dort hin auf sich nehmen ist mir ein Rätsel. Aber manchmal stehen sie da. Wer schon mal im Auto sitzend vor einer Kuh stand weiß, dass Hupen sinnlos ist. Da hilft nur der direkte Dialog. Aussteigen, hingehen und…. Ja, dann wird es schwierig. Eine Kuh lässt sich ja nicht zur Seite schieben. Ich bin froh, wenn ich dann alleine bin und nicht noch jemand im Auto sitzt, der mein seltsames Treiben beobachten kann. Kuh und ich unterhalten uns. Ich mache ihr klar, dass ich da vorbei muss. Interessiert sie meistens nicht. Ich drücke mit der Schulter, vorne rechts oder links, ein bisschen gegen den massiven Körper. Sie versucht mir über das Gesicht zu schlecken, bleibt aber stehen. Ich bemerkte, dass die Kuh ein Kalb ist, aber trotzdem zu groß und zu schwer um es zu schieben. Ich klatsche ihr halbherzig und mutig (von Todesfällen durch Kühe verursacht hört man ja selten) gegen die Flanke und warte ab während sie mich gutmütig und freundlich ansieht. Dann hol ich die Tasche aus dem Auto, lass es stehen und geh den Rest des Weges zu Fuß nach oben.

Die Kuh gewinnt. Immer. Ihre Hörner sind hübsch, aber die gutmütigen, muhenden Damen vergessen manchmal, dass sie auch verdammt spitz sind. Angst machen sie mir trotzdem nicht. Angst macht mir nur das, was mir überhaupt nicht schaden kann. Spinnen. Jahrelang habe ich vor meinem irrationalen Verhalten die Augen verschlossen. Seit einem Monat kann ich das nicht mehr. Mein vierjähriges Patenkind kam fröhlich auf mich zugelaufen. In der hohlen Hand eine Spinne. Noch bevor es ein Wort sagen konnte, kreischte ich los, packte das Kind und schüttelte Kind und Spinne, in des Kindes Hand, auf dem Balkon hin und her. Das Kind lachte. Trotz Hysterie handelte es sich natürlich um ein sanftes Schütteln. Als x-fache Tante, kann ich hysterisches Schütteln als „wir spielen fliegen“ tarnen. Mein lautes Schreien und das Niedertrampeln der Spinne führte dennoch zu Irritationen des Kleinen. Ein paar Minuten später hat er mir ernst erklärt, dass Spinnen doch nur kleine Tiere sind, die man nehmen und sanft nach draußen befördern sollte. So hätte es ihm seine Mama erklärt. Um die Erziehung der Mutter nicht zu torpedieren, erklärte ich dem Kind folgendes: „Mama hat recht. Aber das eben, das war eine böse Spinne. Eine mit roten Augen. Eine die noch nicht ausgewachsen war und die wir gerade noch rechtzeitig platt gemacht haben.“ Er sah mich zweifelnd an und ich fuhr fort. „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Du bist wirklich  sehr, sehr tapfer und mutig.“ Zweifel verflogen, Kind stolz, Tante beschämt. Leise ergänzte ich, dass wir seine Mama besser nicht beunruhigen und ihr am besten nichts vom Monster erzählen sollten. Pädagogisch mehr als fragwürdig.

Meine Freundin rief gestern an. Das Kind hätte seit neustem Angst vor Spinnen. Ob ich etwas damit zu tun habe. Mist. Sie kennt mich.

Falls Ihnen obige Zeilen bekannt vorkommen…..erwischt. Obwohl…der Titel verrät es ja. Es ist ein Text aus meiner Anfangszeit. Einer, den viele der heutigen Leser noch nicht kennen und einer, der mich noch immer treffend beschreibt. Und nicht zuletzt einer, der ein wenig das Sommerloch füllen muss. 
Bei mir ist nämlich nix mit Loch. Bei mir ist volles Haus. Clara is in the house. Die kennen Sie bestimmt und falls nicht, dann sollten Sie mal „Clara Himmelhoch“ googeln. Die besucht mich dieser Tage und die Zeit mir ihr will genutzt sein. Zum Schreiben komme ich nicht und damit die Seite nicht verweist bekommen Sie, längst vergessenes aus der Geschichtenschublade. 

Liebe Grüße 
Mitzi

20 Gedanken zu “Natürliche Konfrontation (Aus dem Archiv 04.09.2015)

  1. Diese Geschichte ist echt cool! Hoffentlich lesen das auch möglichst viel Spinnen, die nehmen dann Reißaus; und retten so ihr Leben! 😉
    (Übrigens: In meinem Staubsauger befinden sich auch ein paar dieser… 🙂 )

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. Mitzi und Clara unter einem Dach – das Haus wird das niemals vergessen! 😉

    Liebe Mitzi,
    herzliche Grüße an Sie und Clara.
    Ich bin gespannt, ob Clara wenigstens eine Wand im Gästezimmer lila gestrichen hat, bevor sie abreist. 😉
    Gruß Heinrich

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  3. Bestimmt habe ich den Eintrag schon gelesen, normalerweise verpasse ich keinen Deiner Texte. Aber: Ich kann mich nicht daran erinnern, also doppeltes Vergnügen.;-)
    Von den Spinnen mal abgesehen, finde ich Dich todesmutig, denn es sterben mehr Menschen durch Kühe als durch Haie, wirklich wahr. Gut, daß es nur ein Kalb war (vielleicht habe ich genau diesen Kommentar schon einmal geschrieben – falls ja, hast Du den wahrscheinlich vergessen, also macht es nichts).
    Vier Jahre – wie steht das Kind inzwischen zu Spinnen? Mir geht es wie Dir, ich kann sie einfach nicht ab, egal, wie alt ich nun schon bin. Es gibt Neurosen, die ändern sich nie.

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    1. Das Kind ist zum Glück mutiger als wir beide. Soweit ich es mitbekomme, trägt es die Spinnen wieder ganz brav und vorbildlich nach draußen. Ich habe es also nicht komplett versaut 😉
      Ich glaube nicht, dass du den Kommentar schon einmal geschrieben hast. Der Text ist von 2015 als ich gerade erst mit dem bloggen begonnen hatte. Falls doch, habe ich ihn gerne noch einmal gelesen 🙂

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  4. Den Spinnentext hab ich bestimmt gelesen und mich dir damals mit Sicherheit wieder ein Stückchen verbundener gefühlt. Obwohl meine Phobie durch mein erste Spinnenwohnung sich etwas verbessert hat. Seit ich seit letzter Woche mit einem infizierten (wahrscheinlich) Spinnenbiss herumlaufe sehr ich die Sache allerdings wieder ein bisschen anders.

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    1. Bei mir ist es mittlerweile auch nicht mehr ganz so schlimm. Spinnenbiss?!? Gibts bei uns Spinnen die wirklich beißen? Du machst Sachen. Ich hoffe das heilt ganz schnell ab.

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  5. Der Franz ist nicht zwar der Schönste, dennoch habe ich mit ihm so was wie eine Zweckgemeinschaft. Kunststück: wir übernachten im selben Schlafzimmer … wir müssen uns arrangieren.
    Während ich schlafe, verrichtet er seine Arbeit und killt Insekten. Der Franz, ein Weberknecht, ist mir ans Herz gewachsen.
    Eine Kuh wäre – rein von der Ästhetik – schöner anzusehen, aber im Vergleich zu Franz doch ziemlich unpraktisch im Schlafzimmer … 😉

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    1. Ein Weberknecht ist ja eigentlich keine Spinne, oder? Ich hoffe nicht, denn mit denen habe ich auch meinen Frieden geschlossen. Herzliche Grüße an Franz und ich sehe es ganz so wie Sie. Eine Kuh, so schön frische Milch auch ist, ist in der Wohnung einfach zu unhandlich.

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  6. Um ehrlich zu sein… Würde ich in Südamerika, Asien oder in Australien/ Neuseeland leben hätte ich auch Angst vor Spinnen… Verdammt große Angst. So hege ich lediglich eine Abneigung gegen sie, anders siehts aus bei Zecken oder Mücken. Die Viecher dürfen gerne in der Hölle schmoren und Nacktschnecken gehören in Salzwasser ertränkt…. Ps: Forscher tippen darauf, dass die Angst vor Spinnen tatsächlich von der Gesellschaft antrainiert wird

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  7. Dornfinger. Und, aber so gut wie nichts über Bisse bekannt, Wasserspinne. Sonst kann hier eigentlich keine recht zubeißen.
    Eine meiner großen Fragen: wieso haben (fast, aber die Ausnahmen muß man echt mit der Lupe suchen) fast alle Frauen ANgst entweder vor Spinnen oder was Mäuse- oder aber was Schlangeartigem? Wäre echt noch interessant herauszufinden.
    Jedenfalls vernichtete ich vorhin erst wieder mechanisch jede Menge Nacktschnecken, die meine halbgaren gärtnerischen Bemühungen vollends zur Farce werden lassen. Auch Fliegen, Schaben, Stechmücken – ich bin ihnen nicht hold.
    Die Spinnen aber, die ja ebenfalls nicht dran denken gerade Fliegen und Mücken leben zu lassen erfahren Schonung. Wenn, dann trage ich sie sorgsam ins Freie (aber ich gebe zu, wir haben auch schon Mäuse ausgewildert, d.h. lebend gefangen und dann weggefahren und irgendwo im Wald laufen lassen – keine Wühlmäuse, ganz nebenbei (s. o.: Gärtnerische Bestrebungen..). Aber schön, ich hatte auch schon eine Vogelspinne auf der Hand oder eine Schlange um den Arm, ohne jetzt ein völlig verrücktes Faible für diese unbehaarten Gesellen zu haben, faszinierend sind sie ja doch, wie alles, was die Natur hervorbringt. Ich und mit mir meine Kinder gelten in der Hinsicht aber auch nicht als ganz normal unter allen, die uns kennen und speziell im Zusammenhang mit der Tierwelt kennengelernt haben.

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    1. Warum es gerade Frauen sind…ich kann es dir nicht sagen. Ich selbst habe mit fast allen Tieren kein Problem. Nacktschnecken sammle ich mit der bloßen Hand ein. Maden mag ich nícht, aber ich könnte sie in die Hand nehmen. Mäuse, Frösche und Schlangen sind hübsche Tiere und für mich kein Problem….nur die Spinnen…es ist erbärmlich, aber ich komm nicht aus meiner Haut.

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  8. Ich gehöre ja zu den boshaften Menschen, die bei solcher Gelegenheit gerne eine ganz sachte Desensibilisierung vorschlagen würden… kann helfen, ist aber ziemlich, nun ja, brrr. Man könnte ja mit ganz kleinen Spinnentieren anfangen (oben wurden schon die Zecken erwähnt), etwa Bücherskorpionen.

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    1. Also alles was mich umbringen kann, kommt mir nicht auf die Hand ;).
      Wobei auch das ja albern ist. Bei großen Tieren hab ich auch keine Angst, dass sie mich umrennen und versehentlich mit einem Horn aufspießen. Aber Skorpione…ne, bitte nicht vorbei bringen 😉

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  9. Falls alte Bücher im Regal sein sollte: die wohnen da eh. Und fressen die dito Läuse. Stärke ist nicht nur für vergleichsweise harmlose Riesen wie Silberfischchen oder unangenehmere wie Kakerlaken interessant, sondern auch für die richtig kleinen Kerlchen… Auch gehört der Bücherskorpion zwar in dei entfernte Verwandtschaft, aber nicht zu den echten, giftbestachelten (mit dem er bei der Größe eh keine Chance hätte) Burschen, die zugegebenermaßen eher unangenehme Haus-, Hausschuh-, Zimmer- und Bettgenossen wären. Aber keine Sorge, ich weiß Phobiker vielleicht zu ärgern, aber keinesfalls ungewollt zu konfrontieren. Schockheilung funktioniert selten, außerdem riskiert der selbsternannnte Therapeut seine Gesundheit.

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    1. Sollte ich jemals an einer Konfrontation ich interessiert sein…wenn aus Ekel eine Phobie wird…dann meld ich mich. Du scheinst dich gut auszukennen. Silberfischchen und Kakerlaken sind zum Glück kein Problem.

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