La famiglia

Meine Nachbarin Frau Obst ist ein Scheusal. Eines, das uns allen auf die Nerven geht und eines, das wir mehrmals monatlich zum Teufel wünschen. Neugierig, besserwisserisch und mit einer Impertinenz gesegnet, die ihresgleichen sucht. Wäre unser Haus eine Familie, dann wäre sie die Großtante, die keiner mag und von der man sich wünscht, dass sie mit dem Gehwagen am Türstock hängen bleibt und es gar nicht erst ins Wohnzimmer schafft. Und wie bei einer Familie würden wir dennoch alle geschlossen hinter ihr stehen, wenn ein Fremder es wagen sollte, schlecht über sie zu sprechen. Frau Obst ist die Pest, aber sie unsere Pest und ohne sie würden wir alle gar nicht wissen, wie glücklich wir uns schätzen können, nur eine von ihrer Sorte im Haus zu haben. Hatten – jetzt haben wir nämlich zwei und damit eine zu viel. Das sensible Gleichgewicht unseres Hauses beginnt zu kippen. 

Wikipedia definiert einen Misantroph als eine Person, welche die Menschen hasst oder zumindest deren Nähe ablehnt. Eindeutig Frau Obst. Die hasst uns alle und lässt uns das auch wissen. Jedes einzelne Mal wenn wir ihr begegnen. Wenn man mit Frau Obst im Lift fest steckt, dann schaut sie einen mit einem so vernichtenden Blick an, dass man sich schuldig fühlt. Selbst wann man Sekunden zuvor noch die Hand für seine Unschuld am fest steckenden Lift ins Feuer gelegt hätte – ein Blick von ihr und man schaut betreten auf den Boden. Es ist unmöglich den Müll korrekt in die Tonne zu kippen, wenn Frau Obst neben einem steht und aussichtslos ihre Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung zu erfüllen, wenn sie vor dem Fenster stehend eine Küche kritisch inspiziert. Letzteres macht sie mangels Zugriff meist nur bei mir. Und doch…irgendwie mag ich sie. Wir alle mögen sie. Wir sind wie geprügelte Hunde, die sich im Zweifel doch vor das böse Frauchen werfen, um es vor Schlimmeren zu bewahren. Oder wie eine süditalienische Familie. La Famiglia. So eine, mit der man sich besser nicht anlegt. Frau Kubsch, die neu im Haus ist weiß das noch nicht. Auch nicht, dass es eine Weile dauert, bis neue Bewohner zum Teil der Familie werden und anscheinend auch nicht, dass Bioabfälle nicht in einer Plastiktüte entsorgt werden. Frau Obst hat es ihr am Samstag erklärt und Sie ahnen, dass „erklärt“ bedeutet, dass sie die neue Bewohnerin mit keifender Stimme zurecht gewiesen hat. Eine alltägliche Situation, der ich nicht weiter Beachtung schenkte. Ich wollte schon gehen, als mich eine zweite, noch viel keifendere Stimme zurück hielt. Frau Kubsch konterte. Sie konterte mit einem Wortschwall, den weder Frau Obst noch ich erwartet hätten. 

Mit allem was sie durch den Müllraum brüllte, hatte sie recht. Ja, meine Nachbarin Frau Obst mischt sich in Dinge ein, die sie nichts angehen. Ja, es ist eine Unverschämtheit, dass man nicht mal in Ruhe seinen Müll wegbringen kann und ja, auch ich fragte mich bereits mehr als einmal, für wen Frau Obst sich eigentlich hält. Aber nein, in so einem Tonfall und mit solch einer Wortwahl, darf man eine über achtzig Jährige nicht nieder brüllen. Alter, frustrierter Hausdrache ist eine Bezeichnung, die einem bei meiner alten Nachbarin durchaus durch den Kopf schießt. Ins Gesicht plärren darf man ihr das aber nicht. Das erste Mal in all den Jahren, hätte ich mir gewünscht, dass die alte, zierliche und doch vor Kraft und Energie strotzende Frau zurück gebrüllt hätte. Sie tat es nicht. Mit Tränen in den Augen und ohne ein Wort zu sagen verschwand Frau Obst. Ich blieb stehen. Die wüste Beschimpfung hatte mir den Atem verschlagen und ich brauchte ein paar Sekunden bevor ich nach Luft schnappen konnte. Dann bekam ich wieder Luft. Genug um Frau Kubsch zu fragen ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte und wer sie glaubte zu sein, eine alte Frau so anzuschreien. Ob sie wirklich so blöd sei, Biomüll in der Plastiktüte zu entsorgen oder ob es ihr einfach scheiß egal war. Ich teilte ihr mit, dass wir hier eine Hausordnung hätten, die ich ihr gerne ausdrucken und kopieren könne und das hier in diesem Haus Respekt und Höflichkeit an den Tag gelegt werden. Wir sind hier eine Familie.

Später lies ich mir sagen, dass ich an diesem Samstagvormittag Frau Obst würdig vertreten hatte. Herr Iwanow der gerade nach Hause kam, hörte mich durch den Luftschacht und berichtete Herrn Meier. Der klopfte mir einen Tag später auf die Schulter und beglückwünschte mich – an Frau Kubsch würde ich ab jetzt Freude haben. Die sei mitten in den Wechseljahren und ohne Mann. Was letzteres damit zu tun hat weiß ich nicht. Leider aber, dass Herr Meier recht hat. Ich habe schon jetzt Freude an ihr. Greta Kubsch ist in die Wohnung über mir eingezogen und seit dem Eklat am Samstag schnippt sie ihre Zigarettenkippen einfach nach unten auf meinen Balkon. Ich sammle sie kommentarlos auf und ignoriere die hohen Absätze ihrer Schuhe, die sie nun nicht mehr auszieht, sondern mit ihnen über ihren Laminat stapft, damit ich auch etwas davon habe. Nach acht Jahren mit Frau Obst, bringt mich das nicht um den Schlaf. 

Der Form halber und weil ich ahne, dass Sie noch öfter von Greta Kubsch hören werden:
Um die Vierzig.
Hat eine Katze.
Keinen Freund (sagt Paul, der so was immer weiß).
3. Stock Vorderhaus. 

 

 

 

 

 

 

 

 

34 Gedanken zu “La famiglia

    1. Fräulein Mitzi als Frau Obst???Nein. Also nein. Das! Das geht auf keine Kuhhaut..!Wenn überhaupt, würde sie das auf eine so charmante Art und Weise tun, dass wirklich niemand auf die Idee käme, sie mit irgendwelchen Obsts auch nur in einem Atemzug zu nennen…

      Gefällt 2 Personen

      1. Eine großartige Idee. Mein Vorsatz ist aber mit Ruhe und Gelassenheit zu glänzen. Das kann ich sonst nicht und ich hab mir sagen lassen, dass man immer was neues lernen sollte 😉

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  1. Das freut mich jetzt, dass Du der Frau Kubsch – zumindest ansatzweise – die Meinung gesagt hast! Egal, wie penetrant Frau Obst auch manchmal meistens ist, solch eine Behandlung hat sie wirklich nicht verdient; vor allem, wenn sie ja recht hatte!
    Manchmal wünsche ich, in meinem Haus würde auch so jemand wohnen! Was hier in dem Müllcontainer landet… Ach was, das will niemand wissen. 😉

    Liebe Grüße und einen schönen Faschingsdienstag, Werner 😀

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  2. Hallo Mitzi, bei euch ist ja richtig was los – muss man aber nicht unbedingt haben. Unter mir wohnen ja auch Leute, die deiner Frau Obst Konkurrenz machen könnten – jünger als ich, dennoch habe ich mich bisher noch nicht getraut, einmal so ähnlich wie deine Frau Kubsch aufzutreten. Doch manchmal denke ich, das bräuchten sie – dann würden sie sich endlich wie normale Menschen und nicht wie ein Kaiserpaar benehmen.
    Dennoch werde ich jegliche Anwandlungen in mir bekämpfen, deiner Frau Kubsch Konkurrenz zu machen – das Leben ist schon anderweitig kompliziert genug.
    Ganz liebe Grüße zu dir von mir

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    1. Hallo Clara, ich bin mir sicher, dass du Frau Kubsch keine Konkurrenz machen würdest. Es ist ein gar nicht mal so schmaler Grad zwischen niederbrüllen und deutlich die Meinung sagen. Letzteres würde deinen Nachbarn vielleicht gut tun. Andererseits…wenn es sich einigermaßen aushalten lässt, dann lass es. Die Gefahr das alles schlimmer wird schwingt ja leider auch immer mit.
      Liebe Grüße an Dich :-*

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  3. Liebe Mitzi!

    Ich vermute, dass Frau Greta Kubsch eine schwedische Verhaltensforscherin ist, die die Reaktionen deutscher Mieter bei unverschämtem Verhalten neuer Mitbewohner analysieren will … ich bin gespannt, wie ihre Statistik ausfällt 🙂

    Herzliche Grüße und halten Sie durch!
    Mallybeau

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    1. Endlich mal ein erwähnenswerter Zuzug. Ich fürchtete schon, dass nur noch (im Bezug auf Erzählungen) langweile neue Mieter kommen, lieber Jules. Über mir wohnte eine kleine Familie. Lieb, sympathisch und nett. Aber wir hatten wenig miteinander zu tun.

      Gefällt 1 Person

  4. Ich hatte mir ein paar Gedanken gemacht, der Frau Obst wegen, naja, sie ist nicht mehr die jüngste und wenn … Gott bewahre … ich werd es nicht aussprechen.
    Jetzt aber bin ich beruhigt, wenn ich sehe, wie würdig Sie, liebe Mitzi, in die Fußstapfen der Frau Obst treten können, wenn es nötig wird … 😉

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  5. Die ersten Sätze der Beschreibung von Frau Obst haben mich sehr an Tante Petunia aus Harry Potter erinnert. Die darauf folgten, dann jedoch nicht mehr. Wobei ich immer wieder erstaunt bin, wie viel bei euch los ist. Bei uns ist es schon ein Überraschung, wenn man mal im Treppenhaus gegrüßt wird oder man jemanden in der Waschküche trifft.

    Manchmal frage ich mich jedoch, was bei Menschen vorgefallen sein muss damit sie so unaustelich werden…

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