Hildes Honig

Wenn man sich begrüßt, dann hat man sich die Hand zu geben. Hilde, die ich nie zu vor gesehen hatte, bestand auf diese Geste der Höflichkeit und ignorierte, dass ich halbnackt vor der Toilette stand und gerade in frische Unterwäsche schlüpfte. Grüß Gott, ich bin die Hilde, sagte sie, nahm meine Hand um sie kräftig zu schütteln und ging wieder. Eine Viertelstunde zuvor hatten wir uns schon einmal begrüßt. Da stellte sie ihr Mann, der sie brachte, als Frau Korres vor und sie hatte nur genickt. Wenn man neu in ein Krankenzimmer kommt, dann will man vielleicht erst wissen, was die anderen haben, bevor man ihnen die Hand schüttelt. Ob es Frau Korres herausgefunden hat, weiß ich nicht, aber es schien ihr wichtig zu sein, mir noch schnell die Hand zu geben, bevor man mich kurze Zeit später Richtung OP schob. Wahrscheinlich war ich vor Aufregung so blass, dass sie sich nicht ganz sicher war, mich noch einmal zu sehen. 

Ich muss sehr blass gewesen sein, denn Frau Korres schien ernsthaft überrascht zu sein, als ich am frühen Nachmittag zurück ins Zimmer geschoben wurde. Ach schön, sagte sie und streichelte für fünf Minuten meine Wange, bevor sie zurück zu ihrem Bett und ihrem Strickzeug ging. Ach schön, dachte auch ich mir, weil es ja wirklich schön ist, nach einer Narkose wieder aufzuwachen. Frau Korres hatte Honig im Kopf. Ich mag die Bezeichnung auch wenn sie für ihr Parkinson vielleicht nicht passt und es nicht trifft. Honig im Kopf aber klingt so warm, wie Frau Korres Lächeln war und das mochte ich sehr. Ich sah es die ganze Nacht. Frau Korres hat auf mich aufgepasst. Wegen einer Operation, das erklärte ihr Mann, der am Abend noch mal vorbei kam, musste sie ihre Medikament reduzieren und wäre vielleicht etwas anstrengend. Während er das sagte, streckte sie ihm hinter seinem Rücken die Zunge raus. Etwas das sicher weniger dem Honig im Kopf, als der Tatsache geschuldet war, das Hilde Korres auch im hohen Alter  noch Wert auf Höflichkeit legte und es sicher nicht höflich ist, seine Frau als anstrengend zu bezeichnen, wenn sie hinter einem sitzt. Ich war höflich. Höflich genug, Frau Korres nicht zu bitten, mir die Haare nicht zu bürsten. Es hätte auch nicht geholfen. Frau Korres sagte, ich sähe scheiße aus und so wie ich mich fühlte, hielt ich das durchaus für möglich. Scheiße, lachte Frau Korres und erzählte, dass ihr Mann dieses Wort in den fünfundfünfzig Jahren ihrer Ehe nicht einmal benutzt hatte.  Krasser Scheiß dachte ich und sagte es nicht, weil das für Frau Korres sicher zu viel gewesen wäre und eigentlich auch nicht meinem Wortschatz entsprach. Der war noch etwas eingeschränkt. Normal, sagte Frau Korres, schließlich hätte man gerade meinen Hals aufgeschnitten. 

Normal war es sicher auch, dass die Älteste im Zimmer sich um alles sorgte. Wir bräuchten nichts, sagte sie den Pflegern und funkelte sie giftig an, wenn die nach uns schauten. Ich hätte schon was gebraucht. Schlaf zum Beispiel. Ich kann nicht schlafen, wenn man mir die Wange streichelt, weiß aber auch, dass man niemals die streichelnde Hand einer alten Frau zur Seite schieben sollte. Jedenfalls nicht, wenn die einem versichert, dass es ok ist, wenn man jetzt einfach schläft und ja nicht weiß, dass man das nicht kann wenn man gestreichelt wird. Frau Korres hätte ich mir gut auf einer Palliativstation vorstellen können. Schlafen und einfach loslassen, murmelte sie leise auf meiner Bettkante sitzend und hätte man mir nicht glaubhaft versichert, dass ich auch ohne Schilddrüse weiter leben könnte, dann hätte ich dieses Gemurmel durchaus als nicht die schlechteste Begleitung über den Jordan empfunden. So war es etwas anstrengend, weil ich nichts loszulassen hatte und einfach nur gerne geschlafen hätte. Schlafend hätte ich aber auch die Lebensgeschichte von Frau Korres verpasst und die rührt mich noch heute. Besonders weil ich ich irgendwann verstand, warum sie darauf bestand, dass ich sie Hilde nenne. Ein Kopf voll Honig macht es schwer Geschichten zu erzählen und es war gut, dass wir die ganze Nacht hatten. Ab und zu, wenn Hilde vom Thema abkam schlief ich ein und sie ging zu ihrem Bett um ein paar Reihen zu stricken. Nur kurz, dann kam sie wieder, streichelte meine Wange, drapierte vorsichtig die Drainagenschläuche an meinem Hals und erzählte weiter. Es war ihre Geschichte und doch eigentlich die ihres Mannes. Seine Karriere. Seine Kinder. Sein Haus und seine Frau. Das alles mochte sie, hat sie erzählt und dabei meine Hand genommen. Es war schon schön gewesen, Frau Korres zu sein. Nur manchmal, da wäre sie gerne einfach nur die Hilde gewesen. Weißt du, sagte sie als schon spät war, es kennt einen ja keiner, wenn man immer nur die Frau und die Mutter von einem ist. 

Heute vor zwei Jahren habe ich die Nacht mit Hilde verbracht. Eine scheußliche Narbe erinnert mich daran. Ich glaube, Hilde lebt nicht mehr. Sie war zu krank. Da war was in ihrem Bauch, das ihr Angst machte. Ich denke noch oft an sie und hoffe, dass sie irgendwann doch noch die Hilde sein durfte. Einfach nur Hilde. Vielleicht ganz am Ende. Für mich war sie es, Frau Korres kannte ich ja nicht. An meinem Bett saß Hilde und hat gesagt, dass alles gut werden würden. Sie hatte recht. 

Gute Nacht Hilde, ich hoffe in deiner letzten Nacht hat einer deine Wange gestreichelt.

29 Gedanken zu “Hildes Honig

      1. Yep…..nehm nix mehr…..fand die Einstellung auf die richtige Dosierung auch schwierig. Sehe die ganze Schilddrüsenbehandlung inzwischen recht kritisch. Mag darüber hier aber nicht mehr schreiben.😊

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  1. Liebe Mitzi, ich stelle es mir wunderschön vor – ich wäre viel jünger als du und läge bei einer ekelhaften Schilddrüsenop mit dir in einem Zimmer. Und du würdest mich trösten und bei mir sitzen – streichelst nur so lange, bis du meine Senkrechtfalte an der Nase siehst – dann hörst du auf und erzählst mir was Lustiges. Richtig lachen kann ich mit dem Hals nicht – aber mich freuen und dich anstrahlen.
    Da wäre doch jede Op nur noch halb so schlimm!

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