Nicht petzen

Kinder mochte ich schon immer. Als ich selbst eines war uns seit ich keines mehr sein darf, noch viel mehr. Wenn Sie selbst welche haben, dann muss ich Ihnen nicht erklären, wie unglaublich schön sich ein Beinchen oder Ärmchen von einem vier Monate alten kleinen Bündel Leben anfühlt. Wenn Sie noch nie eines gestreichelt haben, dann müssen Sie mir glauben, dass sich Haut nie wunderbarer anfühlt als in den ersten Lebensjahren. Nein, auch nicht die von einem Menschen, den Sie sehr lieben. Ein Kind liebt man anders. Vielleicht nicht mehr, aber irgendetwas in unseren Genen sorgt dafür, dass wir im Zusammenhang mit einem kleines Kind, zu dem wir eine Bindung haben, selbstloser und furchtloser handeln als für unsere besten Freunde. Die kommen schon irgendwie klar, wenn der Kampfhund des Nachbarn von der Leine gelassen wird. Da stellen wir uns mal besser nicht in den Weg. Bei einem Kind denken wir nicht mal darüber nach. Den Köter machen wir platt. Mit links. In fremde Streitgespräche mische ich mich nicht ein. Auch nicht in die meiner erwachsenen Geschwister. Nach zwei, drei Jahren, reden die schon wieder miteinander. Ein bisschen Ruhe schadet ihnen und mir nicht. Macht jemand meine Nichte blöd an, dann nehme ich das persönlich. Auch wenn sie schon einen Führerschein hat. Wer ihr blöd kommt, hat ein Problem mit mir. Bei den kleinsten meiner Nichten und Neffen werde ich zur Löwentante und schalte mögliche Angreifer verbal aber notfalls auch mit vollstem Körpereinsatz aus. Ich mag Kinder wirklich und kann super mit ihnen umgehen. Die wissen das auch. Nur die Eltern, die sehen mich manchmal etwas komisch an.

Seit meine Geschwister mit ihrer Brut durch sind ist es besser geworden. Aber jetzt fangen meine Freunde, die allesamt ein wenig spät dran sind, mit der Paarung an und jetzt kommen sie wieder diese Blicke. Mein Kindergartenfreundin zum Beispiel. Ich passte auf ihre Tochter auf und die erkundigte sich ob ich Momo kenne. Eine Zehnjährige weiß von Momo! Ich habe mich sofort mit ihr auf das Sofa gesetzt und unser Spiel unterbrochen. Momo ist ein Thema das man ausdiskutieren muss. Betont ruhig erklärte ich ihr, dass das alles Blödsinn ist. Niemand wird nachts im Bett erwürgt, nur weil er eine WhatsApp Nachricht nicht weiter leitet und keinem wird ein Arm ausgerissen, weil er ein Foto nicht geteilt hat. Die Kleine weint und ich beruhige sie, indem ich ihr das Foto Momos zeige und erkläre, dass es sich dabei um ein Kunstobjekt von einem Künstler handelt und man vor dieser verzerrten Fratze keine Angst haben muss. Ehrlich gesagt, beruhige ich mich selbst. Am nächsten Tag dieser Blick und der Vorwurf ich hätte für Albträume gesorgt. Kann ich doch nicht wissen, dass man von Michael Endes Momo, dem altklugen kleinen Lockenkopf gesprochen hat. Für dieses Buch ist die mit zehn Jahren doch noch viel zu jung! Oder der Sohn meiner Freundin. Entschuldigung, man wird einem Fünfjährigen doch noch eine winzige Notlüge erzählen dürfen. Klar, ist es Blödsinn, dass Spinnen nur Frauen anfallen. Aber hätte ich ihm nicht versichert, dass Spinnen Frauen riechen können, Männer und Jungen aber nicht, dann hätte er das Biest auf meinem Balkon nicht freiwillig gefangen und in den Hof getragen. Und ja, man kann einen Fünfjährigen schon mal alleine in den Hof schicken. Ich hatte ihn vom Laubengang aus im Blick und es war völlig unnötig, dass ich mit ihm und einer Spinne (riesengroßen Spinne) gemeinsam in den Aufzug begeben habe. Dass ich durchaus verantwortungsbewusst bin, erkennt man schon daran, dass ich ihn in den Lift geschoben habe und nicht über die Treppe nach unten schickte. In den Händen hatte er ja die Spinne und konnte sich nicht am Geländer festhalten – an so was denkt nur ein wirklich guter Babysitter, oder?

Bisher war ich vor diesen Elternblicken sicher, bis die Kinder vier oder fünf Jahre alt waren. Mit den ganz Kleinen bin ich wirklich routiniert. Windeln, Fläschchen…das klappt alles hervorragend. Außerdem petzen die nicht. Hat das Kind gegessen? Ne, hat es nicht, es ist vorher eingeschlafen. Aber das ist ok. Kein Kind mit Hunger schläft so friedlich. Das weiß ich und schwindle deshalb ein bisschen. Hat es geweint? Nein, natürlich nicht. Auch geschwindelt. Klar hat es beim ins Bett bringen kurz gemaunzt. Ich bin nicht die Mama und nicht die Supernanny. Aber eben nur kurz und ist dann meinen Finger haltend eingeschlafen. Das passt schon so, das kann man der X-fachen Tante ruhig glauben. Auch, dass ich den Schlafanzug nicht gefunden habe und der Zwerg deshalb in der XS Jeans im Bett liegt. Gesehen habe ich den Schlafanzug natürlich schon, aber erst als das Kind schlief und dass Umziehen ohne Aufwecken nicht klappt, weiß ich seit der erst Schwung Babys in meiner Familie durch ist. Schwindeln dagegen klappt super. Die petzen ja nicht.

Gestern warn die Eltern leider dabei als ich aufpasste. Hab den wunderbaren Zwerg meine Bücher aus dem Regal räumen lassen. Es ist mir völlig egal ob da Seiten knicken. Ich liebe dieses Kind und er hat Narrenfreiheit auf Lebenszeit. Aber dieser Blick, nur weil ich aus den Wollmäusen, die sich hinter meinen Büchern befanden, flauschige Mäuse geformt habe und ihn damit spielen ließ. Die sind doch nicht giftig und diesmal habe ich sie nicht mal mit Klebstoff in Form gebracht. Alles Bio.

Also, wenn Sie mal nen Babysitter in München brauchen…ich kann schon einspringen. Am liebsten bei Kindern, die noch nicht sprechen oder die man schon bestechen kann.

11 Gedanken zu “Nicht petzen

  1. Du bist ein genialer Babysitter. Zum Petzen kann ich Dir noch einen Tipp geben….😉 das Kind vorher fragen, was es denn den Eltern erzählen will. Dann die Geschichte so hinbiegen, dass die unangenehmen Dinge nicht mehr auffallen. Ich bin Experte darin. Und bekam das stolze Kompliment……das ist ja gar nicht gelogen😎

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  2. Mitzi, jetzt bin ich aber überrascht – dir hätte ich nie und nimmer eine Spinnenphobie zugetraut. Ich dachte, die fängst du mit links.
    Ich habe ja über den Großelterndienst im Laufe der 14 Jahre fast 30 Kinder betreut. Außer eine Ausnahme, ein wirkliches 10jähriges Rotzgör, hatte ich mit keinem einzigen Kind Probleme und habe ihnen auch immer viel zugetraut – und deswegen öfter mit den Helikoptereltern Probleme bekommen. – Kinder sind oft viel lustiger als Erwachsene – außer uns beiden, die wir nie richtig erwachsen gewordne sind hihi!

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    1. Mit etwas Glück wirst du das. Also Patentante. Die dürfen versaue, sagen meine Freunde und Schwestern. Und ich glaube wenn es die eigenen Kinder sind, dann überlebt man sie auf wundersame Weise tatsächlich ohne Durchzudrehen.

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