Gefundene Sätze #45

Noch einmal in Mundart, bevor es ab morgen wieder ins Hochdeutsche geht.

„Mei Ruah will i haben! I brauch koan Burschn zum Fensterln. Wer si net zur Tür neitraut, soll ganz weg bleiben.“
„Meine Ruhe möchte ich haben! Ich brauch keinen Kerl, zum Fensterln. Wer sich nicht zur Tür rein traut, soll ganz weg bleiben.“

Lena Christ (1881-1920) Bayerische Schriftstellerin. Eine meiner Liebsten. Ich lege sie Ihnen ans Herz.

Auch weil man diese wenigen Sätze sehr gut auch heute noch sagen kann. Auch wenn keiner mehr auf der Leiter vor dem Fenster steht. Das ist heute zu gefährlich. Nicht nur, weil die Häuser höher sind, sondern auch, weil aufmerksame Nachbarn viel zu schnell die Polizei rufen. Fensterln wird kaum noch einer. Dafür werben wir heute auf andere, ähnlich umständliche und teilweise auch blöde Art und Weise, wo der direkte Weg doch um einiges unkomplizierter und zielführender währe. Und weil wir nichts dazu lernen, ruft man auch heute noch manchmal gerne: „Ach, lass ma doch mei Ruah!“

Sie müssen mir nicht meine Ruhe lassen. Im Gegenteil. Klopfen Sie ruhig an mein Fenster. Nur aufmachen kann ich heute nicht. Ich nehm mir ein Buch von Lena Christ und werden den restlichen Abend erst in der Wanne und dann im Bett liegen.

 

18 Gedanken zu “Gefundene Sätze #45

  1. Klopf klopf, liebe Mitzi!

    Wie wahr, dass man heutzutage wohl kaum mehr ungestört eine Leiter an eine Hauswand lehnen kann ohne dass es die Nachbarn oder eine Videoüberwachungsanlage mitbekommen. Bei meinem Fenster würde keine Gefahr eines Sturzes bestehen, da ich im Erdgeschoss wohne. Und so fensterln bei mir in schöner Regelmäßigkeit die Katzen der Nachbarschaft und sehen mir beim kommentieren zu.
    Schöne Grüße soll ich ausrichten… miau 🙂
    Mallybeau

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  2. Liebe Mitzi,
    da bin ich sehr froh. Ich bin als Bub mal vom Kirschbaum herunter gefallen. Dass in einem Alter, wo ein Bub noch nicht ans Fensterln denkt. Sie ahnen es vermutlich. Als ich später das fensterln-fähige Alter erreichte, war der Kirschbaum geistig so präsent, dass ich Türen und vor allem Treppen, die meist den Türen vorgelagert waren, bevorzugte, statt das männlich-rustikale Ritual des Aufstiegs. Deshalb gräme ich mich auch nicht, hier keinen Erfahrungsbericht abliefern zu können … 😉

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Mitzi,
    wie klein doch das Universum ist. Gerade hatten wir „schreckliche“ Erlebnisse mit Leitern am Haus, falschen Dachdeckern und anderen Betrügern.
    Die wollten nicht „fensterln“…….und da greifen Sie das Thema auf! 😉
    Ihren Buchtipp greife ich gerne auf – habe eben (kostenlos) das E-book „Erinnerungen einer Überflüssigen“ von Lena Christ erwischt! Wobei ich sicher bin, dass das Buch einer Autorin, die Sie empfehlen, auch mehrere Taler wert ist!
    Ich kann ja nichts dazu, dass der Verlag es verschenkt
    Wir werden sehen, wie sich die Sache weiter entwickelt! 😉
    Für Lesetipps bin ich jederzeit dankbar. Gerade lese ich noch mit Begeisterung die Geschichten von Lydia Davis, die auch in unserer kleinen Blogwelt empfohlen wurde.

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich hoffe sehr, dass sich alle falschen Dachdecker und Betrüger an den Fenstern von Ihnen und Ihren Nachbarn die Zähne ausbeißen. Einen alten Brauch so zu missbrauchen….unverschämt.

      Die Erinnerungen einer Überflüssigen sind schwere Kost. Einerseits (gerade am Anfang) ein sehr schöner Einblick in das Leben des alten Bayern, dann aber die Erinnerungen von Lena Christ an einer von schwerem Missbrauch durch die Mutter geprägte Kindheit. Dennoch erklärt dieses Buch, warum sich eine so talentierte Erzählerin mit grad einmal 40 Jahren das Leben nahm.
      Madam Bäuerin ist leichter….falls es das auch frei gibt – ich könnte es mir gut vorstellen.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

      Gefällt 1 Person

  4. Na, aus Wanne und Bett schon wieder draußen?
    Dieses Mal hatte ich mehr Verständnisprobleme mit deiner sehr individuellen Handschrift als mit der Mundart. Aber du hast es uns ja dann in allen Spielarten nahe gebracht und ich konnte immer und immer nur abnicken. – Gut, dass ich jetzt in der 8. Etage wohne, da wird wohl keiner klettern wollen. Als ich noch in diesem begehrten und begehrlichen Alter war, wohnte ich entweder in der 6. oder später gar in der 16. Etage – deswegen hat bei mir nie jemand gefensterlt. Ich weine Krodokilstränen.
    Mit Gruß zu dir!

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    1. Du musst sicher nicht weinen, Clara. Glaube ich meiner Großmutter, bei der dieser Brauch noch aktiv war, dann standen immer die Falschen vor dem Fenster ;).
      Leider bin ich tatsächlich längst auch Wanne und Bett gekrochen und sitze (grad ist Mittagspause) brav im Büro.

      Lieben Gruß

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