Willkommen!

Ich bin eine hundsmiserable Tante. Eine unzuverlässige Patin und ebenso zerstreute Freundinnen-Tante. Kaum einem der 14 Kinder in meinem Herzen habe ich in den letzten 19 Jahren pünktlich zum Geburtstag gratuliert und bei mindestens die Hälfte von ihnen mache ich ein Jahr jünger oder älter, wenn die Karte mit großer Verspätung eintrifft. Weihnachtsgeschenke habe ich mit der Geburt des fünften Kindes eingestellt und erkundige mich bei den evangelischen, wann den nun die Kommunion ansteht. An ihrem Alltag scheitere ich kläglich. Bekomme so vieles nicht mit und erfahre manches erst, wenn es schon wieder vorbei ist. Dir, arme Nummer 15 wird es nicht anders gehen. Dein Geburtstag wird vergessen werden, ich werde dich mit acht Jahren fragen, wie es auf dem Gymnasium läuft und du wirst mich in fünf Jahren beleidigt darüber aufklären, dass du längst nicht mehr im Kindergarten sondern doch schon in der Vorschule bist. Ich werde die zerstreute, chaotische und vergessliche sein. Dieses Los wirst du dir mit 14 anderen teilen. Kein Aber. Ich weiß schon jetzt, dass es so sein wird. Die kleinen Wunder vor dir haben es bewiesen. Vielleicht habe ich das unendlich große Glück, dass auch du mit einem so großen und feinen Herzen geboren bist, dass du es mir nachsiehst. Nachsicht ist nötig, bei einer Tante wie mir.

Dein Name beginnt mit einem F. Das ist besonders fein, weil auch der meines ältesten Neffen mit einem F beginnt. Im Moment ist F der Anfang und das Ende der Kinderreihe. Ob es so bleibt, weiß ich nicht. Ich kann dir aber versichern, du wunderhübsches F, dass ich dich schon heute am 16 Tag deiner Ankunft genauso wahnsinnig lieb habe, wie das erste F. Es ist ein kleines Wunder, dass man 15 Menschen gleich stark lieben kann und in jedem einzelnen Moment der letzten 19 Jahre für jeden von ihnen ohne zu zögern alles getan hätte. Den Eltern unterstellt man so etwas, aber ich kann dir verraten, dass es auch auf Tanten zutrifft. Solche mit denen man verwandt ist und solche die mit den Eltern sehr eng verbunden sind. Deine Eltern zum Beispiel, die habe ich so wahnsinnig lieb, dass ich dich beim ersten Ultraschall Bild schon ins Herz geschlossen habe. Das mag dir vielleicht egal sein, aber Tanten Herzen sind etwas feines. Egal welchen Mist du baust, der Platz darin ist – erst einmal erobert – auf Lebenszeit der deine. Du wärst übrigens der erste, der nennenswerten Mist baut. Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Ihr seid alle 15 so fantastisch, dass es mich zu Tränen rührt, wenn ich an euch denke. Zugegeben, bei den Großen in den letzten Jahren weniger. Da schwillt eher die Brust, weil ich so stolz auf sie bin. Den Ältesten beiden solltest du sehen, liebes kleines F. Männer sind es. Große und kräftige Kerle und dabei so klug. Die diskutieren mich in Grund und Boden und mich stört es nicht einmal. Ganz im Gegenteil, ich bin stolz, dass sie Meinungen haben uns sie besser als ich in Worte fassen können. Auch ihre Schwestern. Ganz abgesehen davon, dass sie bildhübsch sind – so wie auch ihre Cousinen – wissen sie ganz genau, was sie wollen. Oder wichtiger, was sie nicht wollen. Manche von ihnen sehe ich zu selten und schlag die Hände vor den Mund, wenn sie ein aktuelles Profilbild bei WhatsApp einstellen. So erwachsen, so groß und so herrlich geraten. Aber auch die in der Mitte. Eine undankbare Position, sollte man meinen. Von wegen. Selbst die jüngste von Vieren findet eine Nische in der sie einzigartig ist und eigene Wege geht.

Du, kleines F, bist nicht mit mir verwandt. Aber das sind eine Handvoll der 15 auch nicht. Der Zuneigung und dem Stolz der Freundinnen Tante tut es keinen Abbruch. Auch ihre Geburtstage vergesse ich und schieße sie beim Fußballspielen versehentlich über den Haufen. Aber auch bei ihnen habe ich Finger und Zehen gezählt und sie kaum geboren ganz fest in mein Herz geschlossen. Wie viele Namen ich habe, seit es diese Horde gibt! Kaum einer sagt Mitzi. Nein, falsch, gar keiner. Verhunzt haben sie meinen Namen und mir neue gegeben. Wenn du magst übernimmst du den, den mir dein Vater gegeben hat. Ähnlich wie die Kinder suchte er sich kurz nach unserem Kennenlernen einen anderen für mich. Oder du suchst dir selbst einen aus. Es ist ja nicht wichtig. Viel wichtiger ist, dass du nun erst einmal ankommst. Werd groß und wachse. Aber bitte langsam, kleines F. Morgen schaue ich mir deine Fingerchen an. Keine Angst, ich lasse dich schlafen. Ich hab sie ja schon bei 14 vor dir gezählt.

Ach, was! Ich werde auch die deinen zählen. Jeden einzelnen. Werde dein Näschen bewundern, deine kleinen Ohren ansehen und ganz vorsichtig über deine Wange streichen. Letztes Jahr habe ich das beim kleinen C gemacht. Zum heulen schön, war dieses kleine Wunder und ist es noch jetzt. Wie ihr Bruder, der Fußballer und wie die Mäuse, die mich manchmal am Sonntag morgen wecken. Ihre Füße sind noch weich und zart, aber doch schon fast so groß wie meine. Deshalb müssen C und F noch ein bisschen klein bleiben. Damit die unzuverlässige, zerstreute und Geburtstage vergessende Tante ihnen noch ganz oft ins Ohr flüstern kann, wie lieb sie sie hat. Sie müssen das wissen, damit sie mir die Zerstreutheit nicht übel nehmen. Bei den Großen klappte es. Sie saßen am Samstag ganz nah bei mir und retteten mich vor der Nervosität. Das musst du nicht, kleines F. Du musst gar nichts. Du sollst erst einmal nur ankommen.

Herzlich Willkommen in dieser Welt, kleines Wunder.

P.S. Wenn mich deine Eltern Babysitten lassen, dann machen wir uns einen schönen Abend. Wenn du dann schon Zähne hast, gehen wir Pizza essen und nehmen das kleine C mit. Ich mag eine miese Tante sein, aber für die italienische Prägung fühle ich mich verantwortlich. Eine Diavola, liebes F! Den brennenden Mund löschen wir mit Zitroneneis. Aber verrate es nicht der Mama.

47 Gedanken zu “Willkommen!

      1. Das Faszinierende an Kindern ist meiner Meinung nach, dass sie ein ganz natürliches Gespür für aufrichtige Gefühle haben…..selbst wenn die Imagepflege später mal wichtiger sein sollte, er wird den Brief cool finden.
        PS: Brief Minimum 😉

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      2. Ja, das denke ich auch. Ich hab ihn ja nicht mit Namen oder Foto hier verewigt. Das wäre ein wenig übergriffig. Ich denke so ist das schon ok. Und das wirklich persönliche habe ich ihm natürlich in einen echten Brief geschrieben.

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  1. Egal, wie sentimental sie das auch finden mögen … später dann im stillen Kämmerlein werden sie derlei schriftliche Liebeserklärungen ans Herz drücken und den Frosch im Hals kaum wegräuspern können. Und ich wette, wenn du mit ihnen so wild Fußball spielen wie du wunderbar mit Worten umgehen kannst, dann verzeihen sie dir jeden vergessenen Geburtstag. Denn Hauptsache ist, dass du da bist. Die Häufigkeit zählt da nicht unbedingt.

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    1. Das hoffe ich, liebe Vro. Beim Fußball lerne ich beständig dazu. Jetzt ist es wieder warm und ich bin sicher, dass dieses Jahr ich abgeschossen werde. Es soll mir recht sein – so richtig aus der Puste zu kommen ist toll. Und wann rennt man als Erwachsener noch über Wiesen? Viel zu selten.

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  2. ich bin bisher erst 1fache freundinnentante und am samstag darf ich das zwergenmädchen wieder sehen. ich freu mich schon sehr darauf, ein kleines bisschen teil ihres lebens sein zu dürfen und ihr etwas zu geben, das ich mir als kind auch immer gewünscht hätte.

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  3. Nicht viele Kinder bekommen so ein herziges Willkommen wie die kleine F (oder V?). Ich musste Schmunzeln, weil du das Sentimentale hübsch gebrochen hast durch die Hinweise auf deine Versäumnisse. So habe ich meine Patentante Liesl in Erinnerung. Sie strickte einen Pullover für mich, der mir drei Jahre zuvor gepasst hätte, und in dem ich wie eine Wurst in der Pelle aussah. Ich hoffe für die Kleinen, dass du nicht stricken kannst, liebe MItzi.

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  4. Hoppla … Dabei mag ich ja gar keine Kinder … Aber wenn ich das so lese, denke ich darüber nach, ob Onkel nicht doch ein schöner Beruf wäre. Obwohl ich fast schon lieber Neffe wäre, wenn ich es genau bedenke. Dann würde ich schließlich auch so schöne Sachen über mich lesen können. Und Pizza bekommen. Vielleicht mit Artischocken, Paprika und frischen Tomaten? 🙂

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