Zettelwirtschaft in Büchern

Die kleine Karte ist unscheinbar. Kaum größer als ein Post it. Im Laufe der Jahre ist das rosa Papier dünn und grau geworden. Obwohl ich sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr in der Hand hatte, erkenne ich sie sofort wieder. Sie liegt jetzt auf dem Boden vor meinen Füßen und ist aus Milan Kunderas Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gefallen. Sofort schießen mir die Tränen in die Augen, weil es mir unmöglich ist, nicht an Karenin, den sterbenden Hund im Buch, zu denken. Die Erinnerung an Karenin verschwindet schnell, die Tränen bleiben. Wegen der Karte.

In fast jedem meiner Bücher befindet sich ein Zettel, ein Zeitungsausschnitt oder  Post-, Kino- und Eintrittskarten. Obwohl ich mir in den vergangenen Jahren wunderschöne Buchbänder zugelegt habe, benutze ich sie nicht. Ich kaufe meine Bücher fast immer spontan in einer Buchhandlung, die ich grundsätzlich dann besuche, wenn ich Zeit zu überbrücken habe. Zu lesen beginne ich schon im Bus nach Hause oder auf der nächsten Parkbank. Als Einmerker dient das, was gerade zur Hand ist. Meistens handelt es sich dabei um etwas, dass ich schon länger in den Tiefen meiner Handtasche mit mir herum schleppe. Eine hübsche Postkarte von einem lieben Freund; die Eintrittskarte in eine Ausstellung, die hübscher war als die ausgestellten Bilder oder etwas aufgeschriebenes, das mir im Moment des Schreibens wichtig erschien. Die meisten meiner Erinnerungsstücke haben diesen Weg zurück gelegt. Sie werden ein paar Wochen dicht bei mir in der Tasche mit herum geschleppt und landen dann in einem Buch. Dort bleiben sie, bis ich sie Jahre später wieder entdecke, wenn das Buch ein zweites Mal gelesen wird. Wie viele Erinnerungen ich auf diesem Weg aufbewahre, wurde mir erst vor einigen Monaten bewusst, als ich einen Teil meiner Bücher verschenkte. Ich stellte einen Karton randvoll mit alten Kinderbücher, Krimis und seichten Romanen ins Treppenhaus zu den Briefkästen und schrieb „zu verschenken“ auf den Deckel. Der Karton leerte sich schnell und ich freute mich, das die Bücher eine neue Heimat gefunden hatten. Dann fuhr ich für eine Woche in Urlaub.

Als ich zurück kam, war das Schwarze Brett im Treppenhaus bunt geworden. Unter einem Foto meiner ersten WG Küche hing ein kleiner Zettel. „Gefunden in ‚Interview mit einem Vampier‘. Danke für das Buch!“ Daneben hatte man die Visitenkarte eines Lokals in Los Angeles, inklusive der darauf notierter Telefonnummer eines Renaldos an die Hausordnung geheftet und hinter diese eine alte Kinokarte mit einem gekrizelten „Blöde Kuh, ich hab dich lieb“, gesteckt. Zwei Postkarten und ein weiteres, abgegriffenes Foto lehnten auf den Briefkästen. Ich war  froh, dass mich niemand beobachtete, wie ich all die Erinnerungen schnell in die Tasche steckte und nach oben lief. Renaldos Telefonnummer kam in den Müll – er war keine Erinnerung wert. Den Rest warf ich in einen Karton und begann meine Bücher zu durchblättern.

In fast jedem fand ich etwas, das mich zu der Zeit, als ich das Buch las, begleitet hat. Oft wusste ich nicht mehr, wann ich mir ein Buch zugelegt habe. Mit den kleinen Erinnerungen darin, ist es leicht zu dem jeweiligen Moment zurück zu kehren. Die Buddenbrocks hatte ich mir zum Beispiel am Bahnhof auf dem Weg nach Mailand gekauft und es dort gelesen. Als Einmerker diente mir die Zugkarte. Während des zweimonatigen Sprachkurses las ich dann etwas von Fontane. Damit ich abends wusste, wo ich morgens aufgehört hatte, klemmen seit Jahren Signora Loredanas Bilder zwischen den Seiten. Bei dem in die Jahre gekommenen Fotomodel hatte ich damals ein Zimmer zur Untermiete. Aus der Blechtrommel fiel ein Bilderrätsel inklusive männlich, rustikal verpackter Kopfschmerztablette und „Extrem laut und unheimlich nah“ hatte ich wohl während des Kunstherbstes in München gelesen. Zumindest wenn ich der Karte darin glauben schenke. Romeo und Julia im letzten Jahr meiner Ausbildung. Eine kleine Glückwunschkarte zur bestandenen Prüfung steckt dort, wo Julia ihren Schlaftrunk zu sich nimmt. Den Schlaftrunk wünschte ich mir an manchen unsäglich langweiligen Berufsschultagen wohl auch herbei. Die Geschichte zur Kinokarte in Madame Bovary ist ebenso dramatisch, wie das Buch. Der aufgedruckte Film ist kaum noch zu entziffern, aber ich weiß auch so, dass es der Abend war an dem ich meinem damaligen Freund eine filmreife Szene aufs Parkett legte. Lautstarke Auseinandersetzungen auf offener Straße, empfinde ich als Zumutung für die unbeteiligte Passanten. Rücksichtsvoll vermeide ich solch peinliche Zurschaustellungen. Überhaupt bin ich nicht der Typ für Szenen. Außer man sagt etwas so unglaublich dummes zu mir, wie mein Freund an jenem Abend. Der Film lief bereits mehrere Minuten, als ich aufsprang, ihm die Popkorntüte in den Schoß warf und wutentbrannt aus dem Kino stapfte. Weder leise, noch rücksichtsvoll. Es war mein einziger Streit auf offener Straße und der einzige, bei dem ich keinen Millimeter klein bei gab. Die Kinokarte erinnert mich daran. Und an die folgenden sechs Jahre, in denen wir uns keine Szenen mehr lieferten, weil die eine erbärmlich genug war.

Die Karte aus Milan Kunderas Buch schiebe ich ganz vorsichtig wieder zwischen die Seiten. Das Buch gehörte Lisa und die Karte beinhaltet Glückwünsche der Großmutter zum 18. Geburtstag. Vieles steht in der Karte, auch „du junger Mensch, wirst noch vieles erleben…“Ich kannte Lisa nur vom sehen. Bekam das Buch über einige Ecken und wollte es im Sommer 1994 auf einer Feier an der Isar zurück geben. Lisa kam nicht. Man erzählte mir, dass sie schon im Frühjahr an Leukämie gestorben war.

 

 

 

32 Gedanken zu “Zettelwirtschaft in Büchern

    1. Mir tut es leid, dass ich schon wieder nur „Danke!“ antworten kann. Wie ein kleiner Papagei, der nur das eine Wort gelernt hat ;).
      An dieser Stelle einmal ausgeholt. Es berührt mich sehr, wenn mir jemand schreibt, dass ich ein Echo ausgelöst habe oder jemanden berühre. Dann sitz ich hier, seufze glücklich und hoffe, dass niemand lange traurige Gedanken hat. Wenn ich etwas schreibe, dann geht es mir selbst in dem Moment ja auch nahe. Merke ich, dass ich das Gefühl transportieren konnte, freut es mich ungemein.
      Danke, du liebes Blumenmädchen.

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  1. Was so eine feine Zettelwirtschaft auslösen kann, auch nach Jahren noch frisch und knackig erinnert! 🙂
    Bewundernswert diese Friedfertigkeit.. neben dem kleinen Popcornausrutscher..
    …..rutsche ich gedanklich einen Beitrag tiefer:
    Da würde ich den 50-60 Seiten, ab denen es ruckelt doch etwas Geduld wünschen.
    Sicher sind sie es Wert wie die „Einmerker“ (kannte ich nicht als Wort), irgendwann hervorgeholt zu werden.

    Gern gelesen und ich habe zu danken für geschenkte Silben gestern… zu finden in der Silbenkemenate. 🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Ich lasse es dich wissen, wenn ich zum Ziel komme ;).
      Einmerker….die Autokorrektur kennt es auch nicht. Ich befürchte, es gibt das Wort nicht. 😉
      Danke für den schönen Eisgesang in der Silbenkemenate (ein ausgesprochen hübsches Wort, übrigens)!

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  2. Was für ein hübsches und in deinem Fall ergiebiges Thema, liebe Mitzi. Man erfährt hier fast mehr über dich als in deinen Antworten zum Kettenbrief unten. Im Philobiblon, dem berühmten Buch von der Bücherliebe, klagt der Autor Richard de Bury über die unachtsamen Mönche, die Strohhalme als Lesezeichen benutzen. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Nachrichten aus Zeiten, als selbst simple Zettel höchst selten waren. Auch deine Lesezeichenzettel sind ja etwas Kostbares, nämlich unmittelbar mit deiner Biographie verknüpft.

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    1. Lesezeichen! Herrgott noch eins! Natürlich…Lesezeichen! Danke, lieber Jules. Du befreist mich von einem Nachmittag blödsinnigen Sinnierens über ein Wort das ich den ganzen Tag gesucht und nicht gefunden habe. Bei jedem Tippen des „Einmerkers“ dachte ich mir, dass es irgendwie komisch und umgangssprachlich klingt. Wie kann einem „Lesezeichen“ nicht einfallen? Ich bin entsetzt und jetzt schon wieder amüsiert.

      Das (?)Philobiblon ist mir neu. Bücher aus jener Zeit müssen so kostbar gewesen sein, dass ein Strohhalm grob angemutet hat. Mir ist es heute noch ein Graus, wenn ich sehe, wie jemand Bücher auf den Bauch legt. Dann möchte ich sie am liebsten gleich vorsichtig schließen. Colomans Fliege muss ein braves Tier gewesen sein.

      Liebe Grüße von deiner erleichterten (jetzt kann ich den „Einmerker“ tilgen) Mitzi.

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      1. Nein, als Verb kenne ich es nicht. Nur das „Einmerkerl“ als Synonym für das Lesezeichen.
        Danke für den Link zum schönen und interessanten Bericht. Die Abschriften gefallen mir und besonders auch, dass drei Finger schreiben und der ganze Körper arbeitet. Das Abschreiben kenne ich nur noch aus Schulzeiten und da meist in Form einer Strafe. Heute schreibe ich nur noch einzelne Sätze aus Büchern ab, um mir später darüber Gedanken zu machen oder sie abgewandelt zu nutzen.
        Dir einen schönen Abend.

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  3. „Die Leichtigkeit des Seins“?! Entschuldige, aber woher bekomme ich das Zeug, was Milan Kandera nahm…

    …und ach, genau eine ähnliche Angewohnheit hatte ich früher. Dich wurden bei mir die Lesezeichen irgendwie weniger selbst wichtige Zettel gehen verloren. Heute merke ich mir lediglich die Seitenzahlen

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  4. Wie schön du schreibst…

    …da bekomme ich doch glatt Tränen in die Augen…

    …so wie auch insgesamt gesehen, wenn ich an Kunderas Meisterwerk denke, an den Hund, der zu Ehren von Tolstois Weltroman Anna Karenina benannt wurde, aber auch an Tomas‘ und Teresas Unfalltod…

    Have a pleasant Day, Lu

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  5. Das Kleider-machen-Leute-Projekt hat sich also tatsächlich rentiert: Ich habe eine neue Lektürequelle entdeckt. Ich komme jetzt öfter vorbei, also eigentlich ab sofort immer, wenn es etwas Neues gibt, wenn auch als unauffälliger Besucher, da ich kein besonders häufiger Kommentator bin.

    Heut aber muss ich etwas zu diesem Text schreiben, weil er mir offenbart hat, dass ich offensichtlich nicht alleine bin mit meiner Zettelwirtschaft. Bei mir finden sich auch in ganz vielen meiner Bücher Lesezeichen aus dem Alltag: Mengenweise Lotterielose der ONCE, die ich früher täglich gekauft habe; viele Fotografien auch aus Zeiten, in denen man noch nicht digital geknipst hat; gerne auch Einkaufszettel, die mich jetzt, Jahre danach, lachen machen …

    Vielen Dank für die schöne Zettelwirtschaft.

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    1. Das freut mich, lieber Wortmischer. Über Besucher freue ich mich immer. Still oder laut, beide sind willkommen.
      Lotterielose sind auch hübsche Lesezeichen. Auch wenn sie den großen Gewinn noch nicht gebracht haben. Schön, dass so viele ihr Bücher, ganz wie ich, als Aufbewahrung nutzen.

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  6. Wenige Male ist es mir bisher passiert, daß ich in der Öffentlichkeit laut geworden bin – nicht schön, ein bißchen peinlich für alle Anwesenden, aber auch reinigend wie ein kurzes Gewitter. Eigentlich bin ich nicht jähzornig … also eigentlich doch, aber in der Regel zeige ich es nicht, es macht mir selbst keinen Spaß, viel lieber gebe ich das Bild von mir als die Ruhe in Person. Ich kann es einfach nicht ertragen, angezickt zu werden, nur weil der/die andere schlechte Laune hat, da geht es bei mir auf 180 in 3 Sekunden. Die andere stehen- oder sitzenzulassen und einfach weggehen, das habe ich bis jetzt noch nicht gemacht, aber ich war schon ein paarmal kurz davor.

    Falls hier jemand eine Petition herumreicht „Beste Kurzgeschichten im Blogland und darüber hinaus: Mitzi Irsaj“ – ich würde glatt unterschreiben.:-)

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