Eine Leiche im Hinterhaus

Mit unserem Haus ist es ein wenig so wie mit Italien. Oder um die Himmelsrichtungen korrekt wieder zu geben, unser Haus ist wie Deutschland kurz nach der Wende. Es gibt den Osten, das Vorderhaus, und den Westen, das Hinterhaus. Man kennt sich, man mag sich, aber für die Probleme des anderen fühlt man sich nicht unbedingt zuständig. So ignoriere ich seit Wochen die immer dringlichen Hilferufe einer mir unbekannten Dame aus dem Hinterhaus. Dank der vielen Zettel im Aufzug bin ich bestens darüber informiert, dass einer aus dem zweiten Stock  in seinem Badezimmer Tauben füttert. Aber ganz ehrlich….es ist mir egal. Das spielt sich im Hinterhaus ab und ich wohne im Vorderhaus. Den Westen unseres Hauses betrete ich nur, wenn ich muss.  Heute musste ich. In meinem Flur liegt seit Tagen ein Paket für meinen Nachbarn Paul und ich ahne, dass sich der DHL Bote die Benachrichtigungskarte wieder einmal gespart hat. Mit dem Paket unter dem Arm betrete ich das Hinterhaus und fühle mich darin bestätigt, dass der vordere Teil doch viel schöner ist. Das sehen die meisten aus dem Vorderhaus so und deshalb wundert es mich, direkt neben Pauls Wohnung eine buntgemischte Ansammlung aus beiden Teilen des Hauses anzutreffen. Herr Meier steht in der Mitte und ich sehe meine direkte Nachbarin Judith fragend an. Die haben eine Leiche, informiert sie mich. Ich verschiebe die Paketabgabe und bleibe neugierig stehen. Weiterlesen

Herr Krüger wohnt bei Hasso

Im Aufzug steht ein Schäferhund. Ganz alleine steht er da, als ich im zweiten Stock zusteigen möchte. Er schaut und weil er saublöd im Weg rum steht, sage ich: „Steh um.“ Das ist die bayerische etwas ruppig Aufforderung, doch bitte zur Seite zu gehen. Sehr gängig ist sie nicht. Mein Vater zum Beispiel, nutzt sie nur, wenn ihm einer, den er gut kennt und bei dem Höfflichkeitsfloskeln nicht mehr nötig sind, im Weg herum steht. Eigentlich sagt er es nur zu meiner Mutter und mir. Der Schäferhund scheint es trotzdem zu verstehen und geht einen Schritt rückwärts nach hinten. Weil es nicht weit genug ist und ich einen Korb Wäsche in den Armen halte, schubse ich ihn sanft mit dem Oberschenkel weiter in den Lift und steige ein. Beim Schließen der Türen fällt mir ein, das ein deutscher Schäferhund auf der Liste als eine potentiell gefährliche Rasse geführt wird und überlege ob man dieses Exemplar womöglich aufgrund seiner Gefahr für die Hausgemeinschaft im Lift ausgesetzt hat. Da ich aber Aufzüge ebenfalls für potentiell gefährlich halte und die Türen bereits geschlossen sind, denke ich nicht weiter darüber nach. Trotzdem wünsche ich dem Hund ein schönes Wochenende als ich im Keller aussteige. Weiterlesen

Eine Giesinger Schande

Das Stehen fällt Herrn Mu schwer. Die Knie wollen seinen massigen Körper nicht mehr so recht halten und schmerzen bei längerem Stehen. Trotzdem steht er jetzt an diesem Samstagnachmittag schon eine ganze Weile bewegungslos vor einem Zaun und schaut auf einen Haufen Schutt. Einen Tag zuvor stand an dieser Stelle noch ein denkmalgeschütztes Haus. Dass man es abgerissen hat, wusste ich dank meines Nachbarn, Herrn Meier, schon seit Freitagabend. Nur glauben konnte ich es nicht. Ein denkmalgeschütztes Haus kann man ja nicht so einfach abreißen. Noch dazu nicht ein solches, dessen Geschichte ein Teil unseres Viertels ist. War, korrigiert mich Herr Meier und zuckte mit den Schultern. Weg sei es, sagte er und weiter, dass man so viel Dreistigkeit bewundern müsste, wenn es nicht gar so traurig wäre. Wie traurig es wirklich ist, wird mir erst bewusst, als ich am Samstagnachmittag neben Herrn Mu und einigen andern Nachbarn vor dem Schutthaufen stehe. Es ist nur schwer zu begreifen, dass eines der denkmalgeschützten Handwerkerhäuschen aus dem 19. Jahrhundert abgerissen wurde. Dabei sollte es doch eigentlich nur saniert werden.
Frau Obst, die neben mir wohnt, ist an diesem Nachmittag außergewöhnlich still. Nachdenklich blickt sie auf die Trümmer und murmelt unverständliches vor sich hin. Unverständlich ist die Dreistigkeit dieses Abrisses in der Tat. Schon am Donnerstagnachmittag rückten Arbeiter einer Baufirma mit einem Bagger an, rissen ein Loch in die Fassade und begannen das Dach abzudecken. Nur weil sich Anwohner aus den benachbarten Häusern in den Weg stellten und einer die Polizei rief, konnte der Abriss gestoppt werden. Die Giesinger atmeten auf. Liegt ihnen ihre Grasstraße, ein Teil der Feldmüllersiedlung, einer frühen Arbeitersiedlung für Tagelöhner und Handwerker, doch sehr am Herzen. Die kleinen Häuschen stehen dort dicht an dicht und die Straßen mit ihrem Kopfsteinpflaster sind schmal. Biegt man hinter der Kirche ab, ist man in einem Teil von Giesing, der sich über all die Jahrzehnte den dörflichen Charakter bewahrt hat. Und jetzt ist eines der Häuser weg. Weil mich das Gemurmel der alten Obst nervt, bitte ich sie, doch etwas deutlicher zu sprechen. Ungewöhnlich zahm, tut sie das dann auch und berichtet, dass am Freitagnachmittag eine Handvoll Arbeiter zur Baustelle zurück kehrten und das kleine Haus mit dem Bagger in nur 20 Minuten völlig zerstörten. Andere Anwohner schalten sich ein. Ein Witz sei es gewesen – wenn’s halt nicht so traurig wäre – als der Baggerführer nach getaner Arbeiter zu Fuß flüchtete und man zwei weitere Arbeiter an der Ecke „Schmiere“ stehen sah. Ob es zu Ermittlungen kommt weiß man nicht. Aber das Häuschen in der Grasstraße 1 ist weg. Anstelle der eingereichten Anträge zur Sanierung des Gebäudes wurde es einfach abgerissen. Frei nach dem Motto: Es ist zwar verboten, aber weg ist weg. Dann zahlt man halt eine Strafe. Weiterlesen

Giesinger Tauschgeschäfte

„Woin´S a Zwetschgnrohrnudel?“, ob ich eine Zwetschgen Rohrnudeln wollen würde, fragte mich Herr Mu heute morgen an der Bushaltestelle. Weil ich bei dreißig Grad schon am frühen Morgen bei solchen Angeboten etwas misstrauisch bin, erkundigte ich mich, wie lange er die Zwetschgenrohrnudeln schon in den Tiefen seiner Tasche mit sich herumschleppte. Herrn Mu kann man so etwas fragen. Herr Mu ist nie beleidigt und grinste auch heute morgen. Ohne zu antworten, beugte er sich über die große Plastiktasche und teilte mir mit, dass ich gleich schlecken und juchzen würde. Die Zwetschgenrohrnudeln sein nämlich von der alten Huber. Ich kenne die alte Huber nicht, aber Zwetschgenrohrnudeln von alten Frauen sind eigentlich immer besser, als die vom Bäcker. Als Herr Mu sich wieder aufrichtete, war ich mir sogar sicher, dass die Rohrnudeln etwas besonders feines waren. Sie waren nämlich in Pergamentpapier eingeschlagen und nicht in eine lieblose Plastikdose geworfen worden. Ich nickte. Ja, so eine Zwetschgenrohrnudel nahm ich gerne. Herr Mu reichte mir eines der Prachtstücke und ich bot ihm einen Tausch an. Da er für mein Mittagessen gesorgt hatte, konnte ich ihm leicht das meine abtreten. Rohrnudel gegen Kichererbsensalat. Herr Mu verzog den Mund und schüttelte den Kopf. So etwas gesundes würde er nicht essen. Einen Mann wie Herrn Mu muss man aber nur lange genug ansehen und er knickt ein. Nach zwei Atemzügen nahm er meine lieblose Plastikdose und versprach, den Salat wenigstens einmal zu probieren. Die Dose verschwand in seiner Plastiktüte und mir fiel ein, dass ich vergessen hatte beim vietnamesischen Backshops eine Pfandflasche zurück zu geben. Eine Entscheidung die ich schnell bereute. Weiterlesen

Die fette Taube

Letzte Woche fing mich Herr Meier vor dem Haus ab und drückte mir einen  Meisenknödel in die Hand. Normalerweise bekomme ich von Herrn Meier nur Nüsse geschenkt. Ich war irritiert. Herr Meier auch. Weil ich nichts sagte und das selten bei mir vorkommt. Für die Taube, erklärte er mir und ich sagte noch immer nichts. Für die Tauben, murmelte ich irgendwann und er schüttelte ungeduldig den Kopf. Nicht für die Tauben, sondern für die Taube. DIE Taube, verstehst?, fragte er mich und ich verstand ihn nicht. Er nahm meine Hand. Wir würden jetzt hoch gehen und er würde den Meisenknödel an meinem Balkon anbringen. Ein Brett hätte er schon im Treppenhaus stehen. Langsam erkannte ich die Zusammenhänge. Der alte Meier wurde senil.  Mitte der Woche hatte ich ihn schon dabei beobachtet, wie er ein Brett an der Brüstung seines Balkons angebracht hatte und mich gewundert, was er mit dem scheußlichen Ding bezweckte. Am nächsten Tag befestigte er einen Ast und garnierte ihn mit Meisenknödeln. Im Hochsommer. Der arme alte Mann. Ich sah ihn mitleidig an und tätschlte seine Hand, in der er immer noch die meine hielt. Unwirsch schob er meine Hand weg und schubste mich stattdessen Richtung Haustür. Hopp hopp, er hätte nicht den ganzen Tag Zeit. Auch bei den Iwanows müsse er die Landebahn noch anbringen, deren Balkon grenze schließlich an die Zweige des Ahorns. Ich nickte verständig obwohl ich nichts verstand, weil ihm das bestimmt gut tat. Ein solches verständiges Lächeln. Weiterlesen

Erbsen im Frühling

Es heißt, dass die Menschen in Vollmondnächten durchdrehen. Angeblich geschehen dann mehr Unfälle, mehr Gewaltverbrechen und auch mehr Morde. Von Tötungs-delikten in meiner Nachbarschaft ist mir nichts bekannt. Weder bei Vollmond noch sonst. Mit Gewaltverbrechen können wir aber dienen. Oder wie würden Sie es nennen, wenn Sie von einer alten Frau mit Tiefkühlerbsen fast erschlagen werden? Bei uns hat das allerdings wenig mit dem Vollmond zu tun. In meinem Viertel drehen die Bewohner überwiegend an Tagen mit besonders schönem und eigentlich friedlich stimmenden Wetter durch. An Tagen wie heute zum Beispiel. Weiterlesen

Parken unter Beobachtung 

 

Ich bin eine gute Autofahrerin. Da können Sie jeden fragen. Wer bei mir auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, wird sicher von A nach B kutschiert. Als Münchnerin mit Verwandtschaft auf dem Land, fühle ich mich sowohl im Feierabendverkehr, als auch auf der Landstraße heimisch und bezeichne mich selbst als versierte und flotte Fahrerin. Flott, ja, stimmt mein Nachbar Paul mir zu. Versiert allerdings, würde er angesichts des eben beobachteten Einparkversuches jedoch bezweifeln. Mit einem überheblichen Grinsen wischt er sich die Finger an der Hose ab und legt seine halb gegessene Leberkäsesemmel zur Seite, bevor er an die Scheibe der Beifahrerseite klopft. Weiterlesen

Unverschämter Frühling

Wenn mir noch einer mit dem ach so schönen Frühling an kommt, dann schlepp ich ihn mit zu mir. Nicht für ein Schäferstündchen sondern damit er den Wahnsinn, den diese Jahreszeit in meinem Haus anrichtet, am eigenen Leib erleben kann. Wenn er dann noch etwas von einem blauen Band und Neuanfang murmeln kann – Chapeau. In meiner Straße macht der Frühling gar nichts neu. Ganz im Gegenteil. Die blöde Jahreszeit weckt meine Nachbarn aus ihrem Winterschlaf und sorgt dafür, dass der Wahnsinn des alten Jahres mit neuem Elan beginnt und das Haus mit unveränderter Wucht umbrandet. Dabei war es im Winter so schön ruhig. Die Bierliebhaber verkrochen sich im warmen Bauch der Kneipe und kamen nur für eine kurze Zigarette nach draußen. Meine direkte Nachbarin Frau Obst war über Wochen mit einer hübschen Bronchitis beschäftigt und hatte keine Kraft spionierend vor meinem Küchenfenster zu stehen und aus dem Hinterhaus hörte man durch die wummernden Bässe der Studenten WG nur gedämpft durch die geschlossenen Fenster . Es war so schön, als alle schliefen und jeder sich um seinen eigenen Schmarrn gekümmert hat. Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe. Der Frühling ist da und mein Haus erwacht. Im Waschkeller riecht es schon ganz ekelhaft nach Weichspüler mit Fliederaroma. Weiterlesen

Herr Meier und die Afd

Es muss viel passieren, damit Herr Meier im Nieselregen auf offener Straße stehen bleibt. Bei schlechtem Wetter verlässt er das Haus für gewöhnlich gar nicht und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann eilt er grußlos und mit hochgeschlagenem Mantelkragen an seinen Mitmenschen vorbei. Dass er bei Wind und Regen zwischen Post und Telekomladen stehen bleibt und drei Männern beim Aufbau ihres Informationsstandes zusieht, ist mehr als ungewöhnlich. Sein Schal flattert in einer Böe, als ich vom einkaufen zurück komme und ihn noch immer an der gleichen Stelle stehen sehe. Mittlerweile erkennt man auch wer die Giesinger heute informieren möchte. Unter den durchnässten Sonnenschirmen steht ein drei Mann starkes Kompetenzteam der Afd. Weiterlesen

Lächeln? Das sagen Sie so einfach.

Heute ist der internationale Tag des Lächelns. Das interessiert hier aber keinen. Meine Nachbarn und ich haben heute beschlossen, dass der regionale Tag der schlechten Laune ist. Ein Tag dessen Ursprung in meinem Haus zu finden ist. Wir sind jetzt nämlich Gerüstfrei. Sämtliche Bauarbeiten sind abgeschlossen und wir können unsere Balkone wieder nutzen. Sogar die Fenster haben wir nach Abschluss der Fasadenrenovierung noch geputzt bekommen. Bei so einem Service nimmt man es auch gerne in Kauf, dass das Gerüst an einem Samstag um 06:50 Uhr mit lautem Geschepper abgebaut wird. Die Handwerke wollen ja auch noch etwas vom Wochenende haben. Dachten wir. Weiterlesen