CR-Leseagentur II – eine Frau für alle Fälle

„Willkommen, im Irrenhaus. Was willst du?“ So kann man nur wirklich sehr, sehr wenige Menschen am Telefon begrüßen. Eigentlich ausschließlich die, die dann herzhaft zu lachen beginnen und mit einem knappen: „Frag mal“, antworten und dann zum Grund des Anrufes kommen. Es ist dieses „Frag mal“, das an anstrengenden Tagen sofort meine Laune hebt und der Schwung in ihrer Stimme, der mich mitreißt. Die Frau, zu der Stimme und Schwung gehörten ist Chuck Norris kleine Schwester, ein Colt für alle Fälle und Mitarbeiterin in der Agentur. Marion. Meine Marion, den die geb ich nicht mehr her!

Falls Sie sich hier auf meiner Seite fragen, wann es neues von Herrn Mu, Herrn Meier und Paul gibt….sobald die nach der Ausgangssperre wieder raus dürfen. Ich kann nicht jeden Tag quer durch den Innenhof brüllen und neue Erzählungen aus dem Vorderhaus provozieren. Außerdem würde Ihnen allen Marion auch gefallen. Die Frau ist der Hammer. Gut, Paul müsste ich sofort zurück pfeifen, aber Herrn Mu, dem würde sie gefallen. Der würde sie gar nicht mehr weglassen, der mag nämlich Menschen die gerade heraus sind und trotzdem ein feines Gespür haben. Solche gibt es nicht viele, sagt er und hat Recht.  Weiterlesen

Corona Home Office XI

Zwei Wochen daheim – man neigt dazu empfindlich zu reagieren, wenn Leute nicht ans Telefon gehen.

HALLOHO?!? Ich weiß, dass du zu Hause bist. Wo auch sonst? Bei dem Sauwetter sicher nicht beim „erlaubten Sport an der frischen Luft“.

Dann halt nicht.
Merk ich mir. 
Für nach Corona. 

Ok, so langsam wird´s auch mir zu still. Ich, die es sonst so gern mag, wenn das Telefon nicht klingelt. Wenn die Kneipe unter mir ruhe gibt und wenn kein Radio, kein Fernsehen und überhaupt gar nichts zu hören ist. Ich dreh ihn an den Radio. Spotify ist heute zu gefährlich. Könnte ja was kommen, das mich an meine Freunde erinnert, die ich heute wirklich sehr vermisse.

Blöder Tag. 
An blöden Tagen bin ich knatschig….das tue ich Ihnen nicht an. 

Bis morgen.

 

 

Corona Home Office X

Gestern Mittag habe ich gegen die Wand geklopft, um zu sehen, ob nebenan noch einer ist. Es war ein wenig arg ruhig in meiner Wohnung. Nach zwei Wochen fast ein wenig zu ruhig. Nach 14 Tagen bin ich soweit zuzugeben, dass mir der Krach einer Kollegin fehlt. Einer, die ich sonst im Türrahmen meines Büros stehend frage, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat und ob es wirklich nötig ist, die Schubladen in der Kaffeeküche des Büros mit einer Hüftbewegung zu zuknallen. Sie muss gespürt haben, dass sie mir fehlte, den genau zu dem Zeitpunkt wo sie sich sonst ein Brot in der Küche schmiert hat sie mich angerufen und mir die grundlegenden Funktionen vom Teams Videoanruf erklärt.

  1. Die Küchentür im Hintergrund hat geschlossen zu sein, wirkt professioneller.
  2. Die Kamera am Laptop muss ich nicht mit dem „zum direkten Verzehr geeignet“ Aufkleber der Avokado zupappen – sie hat einen Schieber vor der Linse.
  3. Lässt sich die Küchentüre hinter dem Schreibtisch aufgrund des über zwei Wochen gesammelten Altpapiers nicht mehr schließen, kann man den Hintergrund weichzeichnen lassen.
  4. Punkt 3. gilt nur für den Hintergrund und leider nicht für die Person die vor dem Laptop sitzt.

Danke. Auch für das laute Lachen am anderen Ende der Stadt. Nachdem ich die Schubladen und Schranktüren in meiner Küche alle drei Mal laut scheppernd zugeschmissen haben, vermisste ich sie gleich etwas weniger. Ich mag sie nämlich wirklich, weil ich Menschen ohne Filter grundsätzlich sehr gerne habe. Die Kollegen sind noch da. Das ist schön. Um Teile meines Freundekreises mache ich mir mehr Sorgen.

Der beste meiner Freunde ist gerade auf Facebook online und teilt seine neusten Erkenntnisse. Er schreibt, dass er ein Sonnenstrahl an einem bewölkten Tag ist. Er ist wie das Meer, schreibt er, aufregend anzusehen, aber gefährlich, wenn man ihn wütend macht. Es ist kurz vor neun und ich teile unter seinem Post meine neuste Erkenntnis: „Die Ausgangsbeschränkung verleitet uns dazu seltsame Dinge zu tun.“ Anders ist es mir nicht zu erklären, dass auf Facebook gerade Stadt-Land-Fluss mit dem Anfangsbuchstaben des Namens gespielt wird. Ohne zu googeln steht da. Man muss schon ein bisschen nachdenken, damit einem ein Name mit dem Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamens einfällt. Geschenkt, wir haben einfach zu viel Zeit. Zeit genug um „Klicke auf deine Geburtsperle und offenbare deinen dominantesten Chrarakterzug“ auf Facebook zu spielen. Ok, der seine ist Stärke. Und er ist ein Sonnenstrahl an einem bewölkten Tag. Das stimmt sogar. Für mich ist er das. Auf meine Geburtsperle (am Rande….was für ein herrliches, bescheuertes Wort….Geburtsperle. Ob man damit bei Scrabble durchkommen würde?) klicke ich nicht, sage ich dem der ab und zu mit einem Glas Wein vor meiner Türe steht am Telefon. Er gähnt und zuckt mit den Schultern (Facetime…) Ich kann ruhig klicken, sagt er. Seit ich Oliver Pocher bei Instragram folge, sei eh schon alles zu spät. Er schläft noch eine Runde und ich denke über seinen letzten Satz nach. Oliver Pocher….das ist nur noch einen Klick von Mario Barth entfernt. Zwei Wochen….langsam wird es eng. Meine Geburtsperle würde mich nun doch interessieren. Kann man da anklicken, ohne das die anderen das sehen?

CR-Leseagentur, ich musste gerade an dich denken.

Es ist 19:30 Uhr und seit ich vor etwa etwa vier Stunden in den Feierabend ging, sitze ich vor meinem Rechner und möchte etwas schreiben, was mir schon seit Tagen unter den Nägeln brennt. Über jemanden, der mir in den letzen Monaten so sehr ans Herz gewachsen ist, dass es wirklich an der Zeit ist, ihn hier zu erwähnen. Gerade jetzt, wo die Welt still zu stehen scheint und einer der wenigen positiven Begleiterscheinungen, das mehr an Zeit ist, möchte ich endlich, endlich über die wunderbare Agentur, deren Herz und Verstand du bist, schreiben. Die sozialen Kontakte liegen brach, wir treffen uns nicht mehr mit Freunden und wir verbringen die Tage in unseren eigenen vier Wänden. Es ist der perfekte Moment. Dennoch ist es heute nicht still und ruhig. Im Gegenteil. Um ehrlich zu sein, sitze ich nicht vor dem Rechner, sondern renne mit dem Telefon am Ohr durch die Wohnung und lese E-Mails im Stehen, zwischen zwei Gesprächen. Jetzt ist es gleich 20:00 Uhr und ich habe noch immer nicht das geschrieben, was ich eigentlich wollte. Vielleicht aber, lieber Christine, ist es genau das, was mich gerade heute besonders an dich und die Agentur denken lässt. Die unglaubliche Dynamik dieses Tages, das beständige Klingeln des Telefons und die Flut an E-Mails die gelesen und beantworte werde wollen. Weiterlesen

Corona Home Office IX

Warum mich dieses, in meinem Flur hängende Foto derzeit am Verstand der Deutschen zweifeln lässt, (und zugleich unglaublich amüsiert)  verstehen Sie wahrscheinlich nur, wenn Sie gerade in Deutschland festhängen und sich am Klopapier hamstern nicht beteiligt haben.

Warum ich es heute an Tag IX poste, verstehen sie wahrscheinlich in jedem Land. Dank Home Office und Abenden und Wochenenden zu Hause, laufe ich an diesem Foto einfach viel öfter vorbei und freue mich, dass es mich Tag für Tag zum Lächeln bringt. Das Lachen ist uns noch nicht vergangen. Erst, wenn auch noch die Küchenrolle alle ist. 

 

 

Corona Home Office VIII

Der Moment wenn im Briefkasten ein Schreiben des Arbeitgebers mit „Persönlich/ Vertraulich“ im Adressfenster liegt und einem für einen kurzen Moment das Herz in Hose rutscht.

Unbezahlbar das Gefühl der Erleichterung wenn es sich dann „nur“ um die Bescheinigung für den Arbeitsweg handelt. 

Leider verfliegt es schnell, das schöne Gefühl der Erleichterung. Wer hätte noch vor nur vier Wochen gedacht, dass wir diese Bescheinigungen vielleicht bald aufgrund möglicher weiterer Ausgangsbeschränkungen brauchen. 

 

Andrá tutto bene

Eigentlich suchte ich etwas anderes. Gelandet bin ich bei alten Kalendern, deren Einträge mich heute sentimental machen, berühren und mit ziemlicher Wucht durch die Jahrzehnte schleudern.

22.03.2000 
11:00 Uhr – Katrin Strand Enfola
15:00 Uhr – Catharina Portoferraio
23.03.2000
10:30 Uhr – Micha, Carmen, Katrin Rom 

Verdammt. 20 Jahre?!? 20 Jahre ist es her, dass ich mit Katrin am Strand von Enfola auf Elba saß. Wahrscheinlich ist es richtig, denn es steht in meinem Kalender. Irgendwo habe ich ihre Nummer und werde sie anrufen. Nach acht Jahren seltsam. Momentan völlig normal. Wir erkundigen uns nach dem Verbleib von Menschen, die es aus unserem Alltag gespült hat. Jetzt wo der nicht mehr existent ist, bleibt die Zeit nachzufragen. Sie müsste in Norddeutschland sein. Noch immer mit segelnd. Wie damals, als wir uns in diesem verrückten, verrückten Sommer kennen lernten. Dem Sommer in dem mein Freund nach Italien zog und ich zu pendeln begann. Vielleicht der schönste Sommer meines Lebens. Und Catharina…das Kindermädchen bei der lustigen Familie. Facebook hält mich auf dem Laufenden. Sie ist in Kanada. Wie es dort wohl mit Corona ist? Ich schreibe ihr zwischen Home Office und Wäsche aufhängen. Ob sie noch weiß wie sehr wir gelacht haben, heute vor 20 Jahren. Wir lachten – mein Freund nicht. Der hatte Angst, dass wir uns bei unseren Fahrkünsten auf der kurvigen Küstenstraße den Hals brechen würden. Es war schon warm, das weiß ich noch. Aber noch mehr erinnere ich mich an das Lachen. Heute fehlt es – das Lachen. Weiterlesen

Corona Home Office VII

Es gab Zeiten, da wusste ich, dass das Klingeln meines Telefons einen Anruf von Familie oder Freunde bedeutet. Manchmal auch eine dämliche Umfrage. Zu 99% aber hörte ich nach dem Abheben eine Stimme die mir bekannt war. Gute alte Zeit. Im Moment versetzt mich das Klingeln des Telefons in Panik – ich weiß nämlich nicht mehr, wen der Anrufer zu hören erwartet, weil ich es die letzten Wochen, Monate und Jahre versäumt habe, all die Nummern von Zetteln und in E-Mails auch in meinem Telefon abzuspeichern. Bis her war es einfach. Familie und Freunde, riefen abends an. Kollegen am Firmenapparat und wer die Autorin sprechen wollte, tagsüber am Handy. Heute wo fast jeder zu Hause ist, weiß ich überhaupt nicht mehr, wen der Anrufer gerade sprechen will. 

a) Mitzi, mit der man verwandt, befreundet oder privat bekannt ist und mit der man ratschen möchte
b) Frau Irsaj, die Kollegin oder Mitarbeiterin aus der Firma, der man eine Frage zu geschlossenen Fonds stellt
c) Mitzi Irsaj, der man eine Lesung absagt oder die man für 2023 (vorbehaltlich) buchen möchte
d) oder die blöde Kuh, die laut Meinung des Anrufers, seinen Tiefgaragen Stellplatz blockiert. Weiterlesen

Corona Home Office VI

Drei Tage war es schön und gemütlich den ganzen Tag im Schlafanzug, mit ungekämmten Haaren und dem knielangen Pullover des Freundes zwischen Bett, Sofa und Küche zu pendeln. Es hatte etwas von dem Gefühl einer Achtjährigen, die mit Papa alleine zu Hause ist und gemeinsam mit ihm Mamas Regeln bricht. An Tag vier fehlt die Mama, die einen strafend ansieht und erst ins Bad und dann zum Aufräumen schickt. Da mich niemand schickt und ich alleine wohne, musste ich es selbst machen. 

  • Alle Wintersachen sind gewaschen
  • Alle Frühlingssachen aus dem Schrank sind gebügelt
  • Die Legokisten der Nachbarskinder sind nach Themen sortiert. 
  • Die Zwischenräume aller Tastaturen in meinem Haushalt wurden mit Wattestäbchen gereinigt

Meine Mutter wäre mit meinem Achtjährigen Ich sehr zufrieden und würde mir jetzt erlauben zu spielen. Ich habe es uminterpretiert und mir ein Glas Wein gegönnt. Eines, dass ich fernmündlich mit dem liebsten meiner Freunde aus Italien getrunken habe. Gin, Gin! Andrá tutto bene. 

Heute werde ich jedes einzelne Buch abstauben. Wenn Sie meine Wohnung kennen, dann wissen Sie, dass der Tag damit ausgefüllt ist. 

Wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt, dann spiel ich für Sie kurz die Mama. Also, ja das nervt, aber so viel Zeit wirst du in den nächsten Jahren vermutlich nicht mehr haben. Wenn also keine Kinder rumrennen, die Aufmerksamkeit braucht, dann hopp. Wir haben Zeit geschenkt bekommen. Zeit…das was uns letztes Jahr immer fehlte. *Klugscheißermodus aus.